Tennis

„Einen Roger Federer zu haben, ist wie ein Lotto-Gewinn“

LEIPZIG, GERMANY - FEBRUARY 03: Head coach Heinz Guenthardt of team Switzerland attends a press conference prior to the Fed Cup match against Germany at Messe Leipzig on February 3, 2016 in Leipzig, Germany. (Photo by Thomas Eisenhuth/Bongarts/Gett...
© (c) Getty Images

Der Ex-Coach von Steffi Graf im tennisnet.com-Interview über Dominic Thiem und Alexander Zverev - und das Problem von Roger Federer in Spielen gegen Novak Djokovic.

Heinz Günthardt ist einer der erfolgreichsten Schweizer Tennisspieler: Der 57-Jährige schaffte es bis auf Platz 22 der Welt im Einzel. Noch erfolgreicher war Günthardt als Doppelspieler: Hier kam er auf 22 Turniersiege und bis auf Rang 3. Nach seiner Karriere coachte Günthardt unter anderem Steffi Graf, die unter ihm 12 ihrer 22 Grand-Slam-Titel holte. Günthardt ist aktuell Betreuer des Schweizer Fed-Cup-Teams und seit vielen Jahren als Kommentator fürs Schweizer Fernsehen aktiv. tennisnet.com hat sich mit Günthardt beim Porsche Tennis Grand Prix ist Stuttgart unterhalten, wo er die Spielerinnen vor den Matches präsentierte und nach Matchende die On-Court-Interviews führte.

Herr Günthardt, wie macht das die Schweiz eigentlich? Man denkt immer: Nach Martina Hingis wird's eng. Nach Federer und Wawrinka wird's eng. Aber die Schweiz hat immer ein oder zwei neue Asse im Ärmel, wie jetzt Belinda Bencic und Timea Bacsinszky . Was ist das Geheimnis der Schweizer?

Ganz sicher hat das viel mit Glück zu tun. Viel mehr, als man denkt. Es gibt keine geheime Soße in unserem Essen, um besser Tennis zu spielen. Solche Spieler zu haben, ist wie ein Lottogewinn. Nur: Um in der Lotterie gewinnen zu können, muss ich zunächst Lose kaufen. Mit anderen Worten: Ich brauche Tennisplätze und eine gute Verteilung davon. Und wenn ich Glück habe noch einen guten Coach, der das Kind motiviert, weiterzuspielen. Es müssen ein paar Dinge zusammenkommen. Man kann einen Roger Federer wohl nicht produzieren, aber man könnte ihn sehr einfach verhindern.

Wo kann der Weg für Bencic und Bacsinszky noch hingehen? Bencic wird ja von einigen als kommende Nummer eins gehandelt.

Die beiden stehen schon oben, waren bereits in den Top Ten. Die Frage ist, ob sie auch einen Grand-Slam-Titel gewinnen können. Das kann man natürlich nicht beantworten. Das hängt von sehr vielen Dingen ab, nicht zuletzt von den Gegnern, also davon, wie stark die Konkurrenz ist. Man kann nicht alles selbst beeinflussen. Aber ich glaube, dass beide das Potenzial dazu haben, einen großen Titel zu gewinnen.

Stan Wawrinka hat die beiden letzten Jahre sehr überrascht. Vor allem sein French-Open-Sieg gegen Novak Djokovic war eine Sternstunde im Tennis. Was ist für ihn noch alles drin?

Wenn er seinen Tag hat, kann er dermaßen Druck machen, dass er jeden wegfegen kann. Das hat man beim French-Open-Finale gesehen. Er ist einer der wenigen, der nicht darauf angewiesen ist, dass ein Novak Djokovic einen schwachen Tag erwischt. Denn das war nicht der Fall im Finale. Es ist durchaus möglich, dass er seinen Titel bei den French Open verteidigt.

Kann Wawrinka auch mental noch zulegen? Man hat manchmal das Gefühl, dass er sich nicht ganz im Griff hat.

Ich glaube, dass die Art und Weise, wie er spielt, ein gewisses Risiko verlangt. Seine Stärke ist auch diese Sturheit. Wenn es läuft und er drei oder vier Schläge verzogen hat, versucht er's beim fünften immer noch volle Kanne. Das ist großartig, wie er das wegsteckt. An Tagen, an denen es nicht läuft, sieht das oft etwas ungeschickt aus. Das ist einfach seine Art zu spielen. Er gewinnt mit ihr und er verliert mit ihr. Notgedrungen gibt es da ein paar Schwankungen mehr als bei anderen.

In Deutschland ruhen viele Hoffnungen auf Alexander Zverev . Wie beurteilen Sie ihn? Kann er tatsächlich in die Top Ten kommen, womöglich die Nummer eins werden, wie viele Experten denken?

Er hat sehr viel Talent, überhaupt keine Frage. Aber die Leistungsdichte ist so hoch... Auch da müssen gewisse Dinge zusammenkommen. Er muss verletzungsfrei bleiben, das kann man nur bedingt beeinflussen, da kann man auch Pech haben. Dann kommen Dinge zusammen, die einem den zusätzlichen Schub geben. Bei Wawrinkas Australian-Open-Sieg zum Beispiel gab's ein paar Aufgaben, es war sehr heiß, im Halbfinale spielt er gegen Tomas Berdych, gegen den er fast immer gewinnt. Ab dann ist er nicht mehr der gleiche Spieler und zeigt, was tatsächlich in ihm steckt. Bis zu einem gewissen Punkt braucht man Glück. Aber dann muss man auch gut genug sein, dass das Glück einem auch über die Ziellinie hilft. Denn nur mit Glück gewinnt man sicher keinen Grand-Slam-Titel. Bei Angelique Kerber war das ja auch so. Sie hat die Australian Open gewonnen, hat fantastisch gespielt im Finale, das war eine Wimpernschlagentscheidung. Wenn Serena Williams im entscheidenden Augenblick drei, vier Asse mehr geschlagen hätte - wer weiß? Aber dieser Schub ist auch bei Angelique gut zu sehen. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

Und Dominic Thiem , der in diesem Jahr so richtig durchstartet - wohin kann es für ihn gehen?

Er ist ein sehr kraftvoller Spieler. Ab einem gewissen Punkt ist es natürlich nicht mehr nur eine Frage der Schläge, sondern auch der Ausdauer, um ganz nach oben zu kommen. Auch die Motivation spielt eine Rolle, und wie gewisse Dinge sich entwickeln. Dominic Thiem kann von der Grundlinie enorm viel Tempo machen, vor allem auf langsamen Belägen. Er erinnert ein bisschen an Thomas Muster, weil er solch extremen Druck machen kann.

Aktuell zieht Novak Djokovic recht einsam seine Kreise. Er siegt, hat Selbstvertrauen, das immer weiter steigt. Was würden Sie einem Spieler raten, der gegen Djokovic ran muss?

Das hängt natürlich auch vom Spieler ab. Man kann keine Taktik spielen, die man nicht beherrscht. Wie man ihn schlagen kann, hat Stan Wawrinka gezeigt. Er hat ihn bei den French Open mehr oder weniger weggedrückt. Er war schon zuvor zwei oder drei Mal dran, bei seinem Australian-Open-Sieg hat er Djokovic auch geschlagen. Wenn einer richtig Druck machen kann von der Grundlinie, und das mit einer gewissen Konstanz, dann gibt es auch den Punkt, an dem Novak ein paar Fehler mehr macht und ein paar Dinge überlegt. Aber an diesen Punkt zu kommen - dazu haben nur sehr wenige die Möglichkeiten. Das kann jemand sein, der super aufschlägt und ihn nicht erst spielen lässt. Oder wenn der Belag schnell genug ist, einen Ball zu spielen, wie Roger ihn schlägt - das ist auch eine Möglichkeit. Dann bekommt Novak nicht diesen Rhythmus, den er so mag.

Kann Roger Federer ihn über drei Gewinnsätze noch mal besiegen?

Das ist nicht auszuschließen. Bei den US Open im vergangenen Jahr war Roger über die ersten drei Sätze besser. Aber irgendwie... Man braucht manchmal auch etwas Glück. Bei 23 Breakbällen kann ich auch mal einen Netzroller haben. Oder der Gegner hilft einem mal, was eben nicht der Fall war. Er war extrem nah dran und ich fand, er hätte ihn eigentlich packen müssen. Er kann es schaffen. Fit genug dafür ist er, überhaupt keine Frage.

Kann es sein, dass die Grand-Slam-Spiele gegen Djokovic auch zur Kopfsache für Federer werden? Er hat die letzten vier allesamt verloren, während er auf zwei Gewinnsätze oft gewinnt.

Einfach ist das sicher nicht wegzustecken. Es ist die Frage, wie sich das entwickelt. Das Problem bei den Australian Open war, dass Novak in den ersten zwei Sätzen unglaublich stark gespielt hat. Da war die Luft schnell raus. Normalerweise ist er im Vergleich zu Roger kein Schnellstarter. Roger wird Novak wahrscheinlich nicht schlagen, wenn er mit 0:2-Sätzen zurückliegt. Er braucht einen der ersten beiden Sätze. Bei den US Open hätte er eigentlich mit 2:1 nach Sätzen führen müssen. Und dann ist es keine Frage, ob er das gewinnen kann.

Dennoch hat man das Gefühl, dass Federer von Anfang an anders gegen Djokovic spielt. Das erste Aufschlagspiel ist oft eng, erste Aufschläge kommen nicht, er hat mehr Rahmentreffer... Gegen andere ist das alles nicht der Fall.

Beim Aufschlag ist das völlig klar. Wenn man eine Marge von 20 Zentimetern hat, ist es wesentlich einfacher aufzuschlagen, als wenn es nur 10 Zentimeter sind. Wenn er gegen andere mit 20 Zentimeter Marge aufschlägt, ist die Prozentzahl der ersten Aufschläge höher. Und es gibt einem ein gutes Gefühl zu wissen: Im Notfall greife ich zum ersten Aufschlag. Wenn Roger gegen Novak denselben Aufschlag serviert, kommt der Return eben nicht nur zurück, sondern mit guter Länge. Und das hinterlässt Eindruck. Da versucht man, mehr Druck zu machen, präziser zu spielen. Dann geht die Prozentzahl der ersten Aufschläge runter. Wie das alte Zitat lautet: Man schlägt so gut auf, wie es der Returnspieler zulässt. Und Novak returniert einfach unglaublich gut.

Sie sind neben Ihren Tätigkeiten als Fed-Cup-Chef, Trainer und Berater auch in anderen Funkionen aktiv, haben zuletzt beim Porsche Tennis Grand Prix auch die Spielerinnen präsentiert und die On-Court-Interviews geführt. Wie spontan muss man hierbei sein - und kommt es auch mal zu Überraschungen?

Ich versuche grundsätzlich, spontan zu sein und die Spielerinnen dort abzuholen, wo sie sind. Ich habe keinen Fragenkatalog, den ich abarbeite. Die Idee ist, dass man zunächst etwas allgemeiner fragt. Dann merkt man, wo das Gespräch hinführt. Da ich schon geschätzt fünftausend Interviews hinter mir habe, sind die Überraschungen meist nicht zu groß.

Im Schweizer Fernsehen sind Sie zudem seit Jahren als Kommentator aktiv. Wie gehen Sie an ein Match heran?

Bei uns ist es so, dass wir sehr viele Spiele der Schweizer übertragen. Da ich das seit 1988 mache, habe ich statistisch auch die meisten Partien kommentiert. Da kann ich aus dem Fundus schöpfen. Ich weiß gar nicht, wie viele Matches zwischen Rafael Nadal und Roger Federer ich kommentiert habe - aber vermutlich fast alle.

Glauben Sie, dass Sie mehr sehen als andere, weil Sie selbst Profi waren und auch als Coach aktiv sind?

Das ist schwierig zu sagen. Es ist bestimmt ein gewisses Talent nötig. Manche können vielleicht besser antizipieren als andere. Ob das jetzt hauptsächlich damit zusammenhängt, dass man das selbst gemacht hat... Ich glaube, es ist einfacher. Nicht wegen der großen Analysen. Eher, wenn es darum geht, ob einer am richtigen Ort stand, um das Netz abzudecken. Die Winkel hat man eher intus, wenn man das selbst schon tausende Stunden gemacht hat, als jemand, der noch nie da vorne stand und abschätzen muss, ob jemand um 20 Zentimeter falsch stand. Wenn man selbst gespielt hat, muss man sich nichts überlegen, da sieht man das automatisch. Das ist ganz sicher ein Vorteil.

Wie schnell erkennen Sie, welche Taktik eine Spielerin oder ein Spieler geplant hat und wohin das Spiel läuft?

Im Tennis ist es so, dass beide Spieler etwas planen. Es kommt selten vor, dass man eine Taktik in Reinkultur sieht, weil alles auch eine Reaktion auf den Gegner ist. Es ist ein Gemisch. Meist kennt man die Spieler so gut, dass man weiß, wo die Schwächen und Stärken liegen. Es geht immer darum, möglichst oft die Stärken ausspielen zu können und selten die Schwächen. Erst wenn das nicht funktioniert, kommt der Plan B.

In Deutschland sind Sie vor allem als Trainer von Steffi Graf berühmt, die Sie von 1992 bis 1999 betreuten. Glaubt man Andre Agassi, sind Sie auch verantwortlich dafür, dass er Steffi rumgekriegt hat. Sie haben zusammen mit Brad Gilbert zumindest das erste Date der beiden auf dem Platz eingefädelt. Haben Sie die Szene noch vor Augen?

Das war nicht allzu kompliziert damals. Brad fragte mich, ob es möglich sei, das Training so anzusetzen, dass sie gleich die Stunde danach haben. Das war sehr einfach zu lösen.

War Ihnen der Hintergedanke klar?

(überlegt kurz) Man versteht schon ungefähr, worum es dann geht. Man trifft sich zwar auch auf Turnieren, aber so war es einfacher. Das waren dennoch ein paar Monate, bevor die beiden miteinander ausgegangen sind.

Hätten Sie zu dieser Zeit gedacht, dass die beiden zusammenkommen, zwei Kinder kriegen und glücklich in Las Vegas leben werden?

(lacht) Also ganz ehrlich: Darüber habe ich mir damals keine zu großen Gedanken gemacht.

Das Gespräch führte Florian Goosmann.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung