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Was uns Laura Siegemund über mentale Stärke verrät

SID
Mittwoch, 16.03.2016 | 22:59 Uhr
Laura Siegemund - Australian Open 2016
© (c) Getty Images
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Die Deutsche schaffte es von den kleinen Turnieren auf die große Grand-Slam-Bühne.

Der elfjährige Paul steht auf wackeligen Beinen vor seiner Schulklasse. Sein Herz pumpt wesentlich schneller als noch morgens beim Zähneputzen. Paul fühlt die zwei bis drei kleinen Schweißtropfen auf seiner flachen Stirn. Sein ins Gesicht gekämmter Pony verdeckt diese bravourös. Paul ist Klassenbester, ein „Streber“. Die Klassenarbeiten bekommt er oft mit einem „Sehr gut“ zurück – nur selten mit einem „Gut“. Die Erwartungen der Mitschüler an Pauls Referat im Fach Physik sind größer als Goliath. Es waren die Erwartungen an sich selbst, gemixt mit denen der erwartungsvollen Blicke der Mitschüler, an denen Paul mit diesem Referat scheitern sollte. Die große Bühne, wo ein jeder hinschaut, erzwingt nicht nur Können – sondern auch mentale Stärke.

Laura Siegemund ist ein lockerer Typ. Ihre Interviews sind anders. Immer von einer sympathischen Unbeschwertheit umgeben. Sie fällt aus dem gewöhnlichen Rahmen problemlos heraus. Bei den Australian Open in diesem Jahr, bei denen sie das erste Mal für viele lebhaft auf der Tennisbühne erschien, merkte man ihr das Glück in jeder Gestik und Mimik an. Wie ein riesengroßer Abenteuer-Spielplatz erschien ihr das plötzliche Medieninteresse an ihrer Person. Passend zu ihrem draufgängerischen Spiel auf dem Platz. Sie genoss jeden Auftritt, jedes Aufschlagspiel, jeden Punkt. Im Alter von 27 Jahren, in dem viele andere Spielerinnen beinahe als Seniorinnen wahrgenommen werden, ist Laura das neue Gesicht unter den deutschen Spielerinnen.

Training für die Chance auf Erfolg – ohne Garantie

Im Jugendalter galt Laura als Riesentalent. Jedes Riesentalent wird, so gibt es die deutsche Erwartungshaltung vor, direkt mit Boris Becker oder eben, wie in ihrem Fall, mit Steffi Graf assoziiert. Zu viel Druck, aufgrund utopischer Erwartungen, kann für einen Sportler einen mentalen Knockout bedeuten. Während andere Spielerinnen in einem gewissen Alter größere Sprünge machen, bleibt man selbst in seiner Entwicklung stecken. Kommt nicht voran. Und kann nur zusehen, wie andere Spielerinnen das erreichen, was eigentlich von einem selbst erwartet wurde. Aufgeben wäre eine Option. Nicht aber für Laura Siegemund.

Ihre auffallend lockere Art während der Australian Open zeigte deutlich, dass sie sehr genau den Preis kannte, den sie gezahlt hatte, um diesen tollen Erfolg genießen zu dürfen. Erfolg ist niemals ein Zufall. Und jeder definiert Erfolg für sich anders. Die Arbeit in ein Ziel zu stecken, dieses Ziel mit Beständigkeit zu verfolgen, auch wenn einem teilweise Sturmböen in Form von Rückschlägen ins Gesicht wehen – das ist mentale Stärke. Viele Spieler haben ein großes Ziel, einen Plan. Doch bleiben sie nach dem ersten oder zweiten Niederschlag oft liegen.

Von kleinen ITF-Turnieren auf die große Bühne

Hätte man Laura im Jahre 2014, als sie noch auf kleinen Turnieren unterwegs war, erzählt, sie würde Anfang 2016 in der dritten Runde der Australian Open stehen – die Motivation wäre leicht gewesen. Das Ziel wäre ein Versprechen. Doch geht es so leicht nicht im Tennisleben. Ganz gleich, wie viel ein Spieler trainiert, wie viel Opfer er bringt. Eine Garantie für einen Erfolg gibt es nie.

Laura Siegemund spielte sich im wahrsten Sinne des Wortes von unten nach oben. In einem Alter, in welchem viele andere Spielerinnen vermutlich schon längst den Schläger im Keller hätten verstauben lassen. Sie ging den Weg von zehn Zuschauern bei einem ITF-Turnier pro Spiel, bis zu mehreren Tausend bei einem Grand-Slam-Turnier.

Diese Geschichte ist ein kleines Wunder, ganz für sich. Momentan rangiert Laura auf Rang 79 der Weltrangliste. Sie spielte vor wenigen Tagen im Hauptfeld von Indian Wells, welches sie durch die Qualifikation erreichte, in der zweiten Runde gegen Serena Williams . Eine der größten Tennisspielerinnen aller Zeiten. Ein wunderbares Stück in einem Puzzle, welches ein wunderbares Beispiel dafür ist, was man mit mentaler Stärke und einem großen Willen erreichen kann. In jeder Lebenslage.

Eine Analyse von Marco Kühn ( tennis-insider.de )

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