Tennis

Das letzte Hurra für den alten Straßenkämpfer

during a practice session ahead of the 2016 Australian Open at Melbourne Park on January 16, 2016 in Melbourne, Australia.
© (c) Getty Images

Lleyton Hewitts emotionaler Abschied von der Tennisszene.

Lleyton Hewitt kann sich noch gut an die "verrückten Zeiten" in Melbourne erinnern. Rund ein Jahrzehnt ist das her, Hewitt war einer der besten Spieler der Welt. Und er war jedes Jahr einer der großen Favoriten auf den Heim-Titel im National Tennis Center, einen Steinwurf entfernt vom beschaulichen Yarra River. "Du hattest das Gefühl, als ob du die Erwartungen des ganzen Landes auf deinen Schultern trägst", sagt Hewitt, "es war ein mörderischer Druck damals." Hewitt, in jüngeren Jahren eine streitbare, kontroverse, umstrittene Figur, schaffte es einmal bei all den vielbeachteten Anläufen ins Endspiel, 2005 war das, gegen den russischen Hünen Marat Safin. Aber sein großer Traum, der Traum einer ganzen Tennisnation, ging nicht in Erfüllung. Safin schnappte ihm die Trophäe weg, und wenigstens zu Hause blieb er, Hewitt, der Unvollendete. "Das ist die große offene Wunde, die ich mit mir trage als Tennisspieler", sagt Hewitt.

Wenn das Grand-Slam-Spektakel auf dem Roten Kontinent am Montag beginnt, wird auch Hewitt noch einmal dabei sein. Zum 20. Mal in Folge. Und zum letzten Mal. Melbourne 2016, es wird das Schlusskapitel in einer wandlungsreichen Karriere sein, in der Hewitt als Teenager-Star, als polarisierender Publikumsschreck, als jüngste Nummer eins aller Zeiten, als gereifter Professional und Familienvater und schließlich als altersmilder, wenn auch weiter unermüdlicher Fighter in Erscheinung trat. Mit Hewitt geht einer der großen Charakterdarsteller der Branche, einer, der alle Extreme in seinem Tour-Leben ausleuchtete. Der daheim in dunkelsten Momenten als "Schande der Nation" gegeißelt wurde, nach wilden, flegelhaften Ausbrüchen gegen Schieds-und Linienrichter oder auch Ballkinder. Und der sich als Mensch und Spieler zur allseits anerkannten Respektsperson, zum untadeligen Zeitgenossen auf und neben dem Centre Court entwickelte. "Er hat einen großartigen Weg hinter sich", sagt der legendäre Rod Laver, der Größte unter allen australischen Tennis-Größen.

Der jüngste Mann ganz an der Spitze

So verspricht das Turnier zu einem rauschenden, emotionalen und, vor allem, würdigen Abschiedsfest für den 34-jährigen Kämpfertypen zu werden - ganz unabhängig von dem, was sportlich kommen mag für ihn, den inzwischen auf Platz 306 der Tennischarts gefallenen Berufsspieler. "Es ist ein trauriger Moment für mich", sagt Roger Federer , den eine lebenslange dezente Freundschaft mit dem Mann aus Adelaide verbindet, "da geht einer, mit dem man schon auf dem Junioren-Circuit unterwegs war." Hewitt, erinnert sich der Schweizer "Maestro", sei einst sein gefährlichster Gegner gewesen, ein Angstgegner sogar: "Er war im Kopf viel eher ein Profi als wir alle aus dieser Generation." Und tatsächlich war Hewitt ganz früh einer, der ganz entschlossen zu Hohem und Höchsten strebte, mit 16 Jahren holte er schon seinen ersten ATP-Titel im heimischen Adelaide, mit 18 Jahren stand er im australischen Davis-Cup-Siegerteam. Und mit 20 Jahren, acht Monaten und 23 Tagen wurde er zur jüngsten Nummer eins aller Zeiten, kurz nach dem Sieg bei den US Open gegen einen gewissen Pete Sampras.

Es war die Zeit, in der Hewitt seinem Sport vorübergehend seinen Stempel aufdrückte - als "Höllenhund des Tennis" ("New York Times"), als gefürchteter Streetfighter mit großem Herz, als Muster für Unbeugsamkeit, Zähigkeit und Leidenschaft im Duell. "Er ist der Mann mit den schnellsten Beinen, die ich gesehen habe", sagte Sampras damals. Doch bald gab es auch einen anderen Hewitt: Den zerschlissenen Dauerläufer Hewitt, den Streithansel, der sich auch wegen falscher Freunde und falscher Beratung mit seinen Trainern, dem australischen Verband und sogar der Spielergewerkschaft ATP überwarf. Erst nach seiner Heirat mit Schauspielerin Becky Cartwright wurde der aufbrausende Hitzkopf, der Gegnern gern die geballte Faust zeigte und ein langgezogenes "Come oooon" entgegenschleuderte, deutlich ruhiger. "Ich habe zwischenzeitlich gegen die ganze Welt gekämpft, weil ich mit mir im Unreinen war", sagt Hewitt, "irgendwann wurde es echt albern."

Kompromisslos bis zum Schluss

Hewitt hatte nie mehr die großen Erfolge wie in sehr jungen Jahren, aber er wurde zum Vorbild für nachrückende Generationen in seiner Attitüde des ewigen Kämpfers, der ikonischen Figur, die in absolut jedem Spiel das Bestmögliche gibt. "Never say die" - es war und blieb seine Qualität und Markenzeichen, diese Attitüde des niemals Aufgebens. Keiner hat so oft und so schön Aufholjagden nach unmöglichsten Rückstanden inszeniert wie Hewitt, keiner machte schier Unmögliches doch noch möglich. "Eins habe ich nie gemacht", sagt Hewitt, "und das waren Kompromisse."

Hewitt wird dem Tennis erhalten bleiben, auch nach dem Abschied früher oder später bei diesen Australian Open, bei denen er zum Auftakt gegen Landsmann James Duckworth antritt. Er wird seinen unberechenbaren Landsmann Nick Kyrgios beraten, ein noch größerer Skandaldarsteller als Hewitt in schlimmeren Zeiten. Und er wird als Davis-Cup-Chef versuchen, sein Land wieder auf alte Erfolgswege zurückzuführen. Doch das kommt nach dem letzten Hurra für den kantigen Kerl, den sie in Australien mit liebevollem Spott "Rusty" nennen.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung