Tennis

Boris Becker, Andre Agassi und das Finale 1996, das nie stattfand

SID
Boris Becker, Andre Agassi - Australian Open
© (c) Getty Images

Eigentlich war vor 20 Jahren alles angerichtet für das Finale der Giganten. Doch dann kam alles anders.

Am 28. Januar 1996 holte Boris Becker seinen sechsten und letzten Grand-Slam-Titel: Im Finale der Australian Open bezwang er Michael Chang mit 6:2, 6:4, 2:6 und 6:2. Allerdings hatten sich viele ein völlig anderes Endspiel erhofft: Boris Becker gegen Andre Agassi nämlich. Aber Agassi kniff und schenkte sein Halbfinale gegen Chang ab - zumindest behauptete er das in seiner Autobiografie "Open", die 2009 erschien.

Hier fing alles an

Rückblick, Wimbledon-Halbfinale 1995. Becker, der mittlerweile von Nick Bollettieri trainiert wird, besiegt Agassi in vier Sätzen - dabei lag der US-Amerikaner bereits mit 6:2 und 4:1 in Führung. Ein paar Tage später fallen Agassi-Coach Brad Gilbert ein paar Zeitungen in die Hand, mit Auszügen der Becker-Pressekonferenz nach dem Match. Becker habe darin behauptet, Wimbledon würde Agassi mehr fördern als andere Spieler, ihn häufiger auf dem Centre Court spielen lassen, schreibt Agassi in "Open". "Und dann wird er auch noch persönlich: Er sagt, ich sei elitär. Ich würde den Kontakt zu anderen Spielern meiden. Er sagt, ich sei schlecht gelitten auf der Tour." Für Agassi und Gilbert, der Becker nur B.B. Sokrates nennt, weil er meint, Becker versuche stets, den Intellektuellen zu spielen, obwohl er nur ein zu groß geratener Bauernlümmel sei, beginnt der Sommer der Rache. Das Ziel: ein Aufeinandertreffen bei den US Open.

Agassi, Becker und der Krieg in Flushing Meadows

In New York dreht sich für Agassi und Gilbert alles um Becker. Vor allem Gilbert sei mit seinen Gedanken fast ausschließlich bei Becker, schreibt Agassi "Als ich nach einem weiteren Sieg vom Platz gehe, bemerkt Brad trocken: ‚Schon wieder ein guter Tag.' - ‚Danke. Ja, ein gutes Gefühl' - 'Nein, ich meinte B.B. Sokrates. Er hat gewonnen.'" Im Halbfinale ist es so weit: Becker und Agassi treffen aufeinander, es ist die große Revanche, die Agassi wie folgt beschreibt: "Vom ersten Moment an läuft es wie erwartet. Wir ziehen höhnische Grimassen und fluchen in zwei Sprachen." Agassi gewinnt den ersten Satz im Tiebreak, und Becker, so Agassi, sucht seinen mentalen Schwachpunkt, "... also tut er etwas, womit er glaubt, mich wieder aus der Fassung zu bringen, das Entwürdigendste, was ein Tennisspieler einem anderen antun kann: Er wirft Luftküsse zu meiner Tribünen-Box hinauf. Zu Brooke (Shields, Agassis damalige Freundin; Anmerkung) ." Aber Agassi zieht durch - und siegt in vier engen und hochdramatischen Sätzen. Beim Handshake würdigt er Becker keines Blickes. Rache geglückt.

Agassi stürzt in eine Krise und will nicht gegen Becker spielen

Das US-Open-Endspiel verliert Agassi verletzt gegen Pete Sampras. Mal wieder. Es ist ein Match, das ihn tiefer mitnimmt als viele zuvor und das ihn wie so oft in eine monumentale Krise stürzt. Seine Beziehung zu Brooke Shields steht auf der Kippe, und Agassi fragt sich mal wieder: Ist das mein Leben? Die Australian Open 1996 will er absagen, ist drauf und dran, das Flugzeug zu verlassen, doch Coach Gilbert hält ihn zurück. "Entspann' dich. Man weiß nie. Vielleicht geschehen ja gute Dinge." Im Viertelfinale in Melbourne trifft Agassi auf Jim Courier und spielt sich durch seinen Sieg wieder auf Platz eins der Weltrangliste. Im Halbfinale kommt es dann zum Aufeinandertreffen mit Michael Chang. "Ich weiß, dass ich gewinnen kann, aber ich weiß auch, dass ich verlieren werde. (...) Das Letzte, was ich im Moment gebrauchen kann, ist ein weiterer heiliger Krieg gegen Becker. (...) Vor die Wahl gestellt zwischen Becker und Chang, verliere ich lieber gegen Chang", schreibt er in seinem Buch.

Absichtlich verlieren ist nicht leicht, schreibt Agassi

Und das tat Agassi dann auch. In "Open" enthüllte er die Einzelheiten seiner angeblich absichtlichen Niederlage: Man müsse so verlieren, dass das Publikum nichts merke. Und so, dass man es selbst nicht wirklich mitbekomme. Man sei sich schließlich nicht vollkommen dessen bewusst, dass man absichtlich verliere. "Der Kopf schaltet ab, der Körper kämpft weiter." Konkret beschreibt Agassi es so: "Man läuft nicht die zusätzlichen paar Schritte, man springt nicht. Man ist zu langsam, um einen Stopp zu erlaufen. Man zögert, sich nach jedem Ball zu strecken. Man konzentriert sich zu sehr auf die Hänge und benutzt die Beine und Hüften nicht mehr. Man macht einen Nachlässigkeitsfehler und kompensiert ihn mit einem spektakulären Schlag, dann macht man zwei weitere Fehler, und langsam, aber sicher liegt man zurück. Man denkt nie wirklich, diesen Ball schlage ich ins Netz. Es ist komplizierter, heimtückischer." Das Ergebnis des Theaterstückchens: 6:1, 6:4, 7:6 (1) für Chang.

Kein Grand-Slam-Endspiel zwischen Becker und Agassi

Ob sich alles so abgespielt hat wie von Agassi vorgetragen? Und ob dieser tatsächlich froh war, verloren zu haben und sich lieber ins Flugzeug nach Los Angeles setzen zu können, als sich eine Neuauflage eines Matches anzutun "gegen unseren alten Freund B.B. Sokrates"? Man weiß es natürlich nicht. Außer heftiger Zweifel am sportlichen Verhaltens auf Seiten Agassis, sollte er wirklich abgeschenkt haben, ist vor allem eines schade: dass es vielleicht nur deswegen nie zu einem Endspiel zwischen Boris Becker und Andre Agassi auf Grand-Slam-Ebene gekommen ist.

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