Tennis

2 Cinderella-Storys – Das unwahrscheinlichste Grand-Slam-Viertelfinale

SID
Shuai Zhang - Australian Open 2016
© (c) Getty Images

Johanna Konta und die Qualifikantin Shuai Zhang stehen sich in Melbourne sensationell im Viertelfinale gegenüber.

Von Christian Albrecht Barschel aus Melbourne

Wenn man sich auf eines verlassen kann, dann darauf, dass der Sport die schönsten Geschichten schreibt. Bei den Australian Open kommt es in der Damenkonkurrenz zum unwahrscheinlichsten Grand-Slam-Viertelfinale seit... ja seit wann eigentlich? Darüber sind sich die Tennis-Experten nicht einig. Jedenfalls treffen am Mittwoch in der Rod Laver Arena die Britin Johanna Konta und die Chinesin Shuai Zhang aufeinander. Wenn man selbst als Tennis-Fachmann vor einem Jahr auf dieses Viertelfinale getippt hätte, wäre man wohl für verrückt erklärt worden. Konta und Zhang schreiben in Melbourne kräftig an ihrer jeweiligen Cinderella-Story.

Rückblende: Konta war vor einem Jahr die Nummer 144 im WTA-Ranking und verlor bei den Australian Open in der ersten Quali-Runde in zwei Sätzen. Die 24-jährige Britin, die bis zu den US Open 2015 nur einmal die zweite Runde bei einem Grand-Slam-Turnier erreicht hatte, spielte bis zum Sommer letzten Jahres noch hauptsächlich auf der ITF-Tour und holte sich dort das nötige Selbstvertrauen. Bei den US Open gelang ihr dann der Durchbruch, als sie als Qualifikantin ins Achtelfinale einzog. Ihr Aufstieg geht in Melbourne nun weiter. Konta hat mit dem Viertelfinaleinzug nebenbei eine lange Dürreperiode beendet. Denn sie ist die erste Britin in der Runde der besten Acht bei einem Grand Slam seit Jo Durie im Jahr 1984 in Wimbledon.

Die australische Britin

"Diese Reise startete, als ich acht Jahre alt war. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht an diese Art Lichtschaltermoment glaube. Alles passiert aus einem Grund. Meine Reise war aus einem Grund so, wie sie war", erklärte Konta. Die 24-Jährige ist der neue Publikumsliebling in Melbourne. Denn bei der Britin ist zusätzlich eine ganze Menge "Aussie" dabei. Konta, deren Eltern Ungarn sind, wurde in Sydney geboren und spielte bis 2012 für Australien. Mit 14 Jahren zog sie nach England und spielt nun für Großbritannien. Glück für die Briten, Pech für die Australier also.

Die andere Cinderella-Story, die wohl noch weitaus beeindruckender ist, ist die von Shuai Zhang. Die Chinesin musste in Melbourne zunächst in die Qualifikation, wo sie sich im Finale nur ganz knapp durchsetzten konnte. Zhang ging mit der Gewissheit in diese Australian Open, dass sie zuvor 14-mal im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers stand und 14-mal in der ersten Runde verlor - auch oft deswegen, weil es die Auslosung nicht gut meinte mit der Chinesin. Und auch in Melbourne hatte Zhang extremes Lospech, da ihr die Weltranglisten-Zweite Simona Halep als Auftaktgegnerin zugelost wurde. Die 15. Auftaktniederlage hätte man schon vorschreiben können, doch Zhang spielte in der Margaret Court Arena womöglich das beste Match ihres bisherigen Lebens und schlug Halep mit 6:4, 6:3. Was ihr dieser Sieg bedeutete, sah man an den Reaktionen im Anschluss. Tränen der Erleichterung und Freude bei Zhang und ihrem Trainer.

Der schöne Geburtstag von Zhang

Die Chinesin erklärte später, dass sie vergangenen Herbst bereits über einen Rücktritt nachgedacht hatte. Doch statt der Tennisrente schreibt sie nun die vielleicht schönste Geschichte der Australian Open. Oft ist ja so, dass eine Spieler oder eine Spielerin nach einem großen Sieg in der nächsten Runde chancenlos ausscheidet. Nicht so bei Zhang, deren Märchen ihre Fortsetzung fand. An ihrem 27. Geburtstag trat sie zu ihrem Zweitrunden-Match gegen Alizé Cornet an. Die Französin, die in der Vorwoche das WTA-Turnier in Hobart gewonnen hatte, war bei den Australian Open ein Jahr zuvor gegen Zhang klar siegreich gewesen. Der Erfolg gegen Halep brachte dem Geburtstagskind aber so viel Selbstvertrauen, dass sie das Match gegen Cornet souverän mit 6:3, 6:3 für sich entschied. Und es ging so weiter: Es folgte in der dritten Runde ein 6:1, 6:3 gegen die US-Amerikanerin Varvara Lepchenko.

So richtig dramatisch wurde es dann im Achtelfinale in der Night Session gegen Madison Keys. Die US-Amerikanerin gewann den ersten Satz, zog sich dann aber eine Verletzung am Oberschenkel zu und war nicht mehr in Vollbesitz ihrer Kräfte. Zhang versuchte mit dem Sieg und dem Einzug ins Viertelfinale vor Augen, cool zu bleiben - was ihr auch gelang. Die Chinesin hat nun in Melbourne sieben Matches gewonnen. Das reicht normalerweise aus, um ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen - wenn die Sache mit der Qualifikation da nicht wäre. "Sehr aufgeregt, sehr glücklich. Ich möchte nicht aufhören. Ich möchte den nächsten Schritt", sagte Zhang kurz und knapp auf die Frage nach ihrer Gefühlswelt. Im Viertelfinale der Australian Open kommt es also zum Duell der Nummer 47 gegen die Nummer 133. Schöne, herrliche und verrückte Tenniswelt!

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