"Eins nach dem anderen": Eine Tennislektion fürs Leben

Sonntag, 03.01.2016 | 00:16 Uhr
© GEPA pictures

Während ich diesen Text schreibe, läuft das zweite Halbfinale der Darts-WM. Gary Anderson hat gerade einen 9-Darter geworfen, den ersten dieser WM, und dann fast noch einen zweiten, es wäre eine Sensation gewesen. Zwei 9-Darter in einem Spiel!

Ich habe davon nichts mitbekommen. Ich saß vorm Laptop und habe einen Text für tennisnet.com vorbereitet, der Fernseher stand auf lautlos, ein Freund hat mir danach auf WhatsApp davon berichtet.

"Unglaublich", schrieb er, "Anderson wirft fast zwei 9-Darter!!!"

Das erste Match des Abends, das zwischen Raymond van Barneveld und Adrian Lewis, auf das ich mich den ganzen Samstag schon gefreut hatte, habe ich größtenteils nur aus dem linken Augenwinkel heraus verfolgt. Mit dem rechten Auge habe ich versucht, die Tennis-News der letzten Tage aufzuarbeiten. Ich war zwischen den Jahren in Urlaub, habe hierbei so gut wie ohne Twitter, Facebook und Co. gelebt und mich nur mit den nötigsten News auf dem Laufenden gehalten. Das war schön, aber in vier Tagen wird viel über Tennis geschrieben in der Welt, auch wenn die Saison noch in den Startlöchern steht. Und ich sollte so viel wie möglich davon mitbekommen, als tennisnet.com-Redakteur. Da muss man den ein oder anderen verpassten 9-Darter in Kauf nehmen. Oder?

Bewerber mit einer ausgeprägten Fähigkeit zum Parallelmanagement" werden von Personalern dieser Welt gesucht. Bei mir suchen sie da vergeblich. Ich krieg das nicht hin mit dem Parallelmanagement, so sehr ich mich auch bemühe. Mache ich das eine, verpasse ich das andere. Will ich mehrere Sachen auf einmal machen, endet das im Chaos. Ich kann nur alte Schule, eins nach dem anderen. Und ich glaube, dass auch "Parallelmanagement" in Wirklichkeit bedeutet, eins nach dem anderen zu machen, eben ohne durchzudrehen ob der manchmal schieren Masse, die sich stapelt. Nur darf man das heutzutage so nicht mehr bezeichnen.

Heute sollte man zumindest von sich behaupten, die gestapelte Masse möglichst gleichzeitig abarbeiten zu können, was natürlich nicht geht, man kann ja nicht fünf Texte gleichzeitig schreiben oder drei Telefonate auf einmal führen. Genauso wenig wie man im Tennis zeitgleich zwei Punkte ausspielen kann und möglichst nicht an die folgenden vier denken sollte. "Spiele einen Punkt nach dem anderen" ist eine der wichtigsten Traineraussagen überhaupt, selbst im Profibereich, und wenn man Tennisweisheiten aufs Leben ummünzen kann (was in vielerlei Hinsicht möglich ist), ist das Motto "Eins nach dem anderen" bestimmt nicht das verkehrteste.

Wenn die Australian Open in zwei Wochen starten, freue ich mich wie jedes Jahr darauf. Zig Plätze auf einmal, die komplette Auswahl zwischen Rod Laver Arena und Platz 23, jedenfalls überall dort, wo Kameras aufgebaut sind. Roger Federer auf dem Center Court, Angelique Kerber auf Platz 5, "Petko" auf Platz 10? Mit mehreren Endgeräten könnte man sogar alles auf einmal schauen. Ich kenne das mittlerweile: Am Ende sieht man von allem ein bisschen und letztlich gar nichts. Wohl dem, der sich davor entscheidet, was er schauen will.

Vorsätze im Sinne eines "Nicht-Parallelmanagements" fürs restliche Leben in 2016 habe ich bislang keine gefasst. Irgendwie hatte ich keine Ruhe, war ständig mit etwas beschäftigt, und genau dann über weniger Parallelmanagement nachzudenken, wäre ja pure Ironie gewesen. Andererseits ist es auch nie zu spät: "Eins nach dem anderen" - vielleicht ist das ein Motto für 2016? Beim Darts-Finale am Sonntagabend werde ich zumindest mal den Anfang wagen. Der Laptop bleibt dann jedenfalls aus.

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