Tennis

„Es soll keine Revolution geben, sondern eine Evolution“

© Deutscher Tennis Bund

Der neue DTB-Präsident Ulrich Klaus spricht im Interview mit tennisnet.com über die Präsidentenwahl, Michael Stich und die Zukunft im Verband.

Ulrich Klaus (64 Jahre alt) wurde am 16. November 2014 zum neuen Präsidenten im Deutschen Tennis Bund gewählt. Der pensionierte Lehrer aus Koblenz war zuvor zwölf Jahre lang Präsident im Tennisverband Rheinland-Pfalz. Im Interview mit tennisnet.com spricht Klaus über seine Wahl zum DTB-Präsidenten, eine mögliche Zusammenarbeit mit Michael Stich und die dringenden Aufgaben im deutschen Tennis.

Herr Klaus, Sie wurden vor einem Monat zum neuen DTB-Präsidenten gewählt. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Kurz gesagt: Ich bin vom Pensionär zum Fulltime-Beschäftigten geworden. Am Anfang gibt es natürlich viel Arbeit, aber auf diese Situation hatte ich mich vorher schon eingestellt.

Sie haben mit einer unerwarteten Personalrochade kurz vor der Wahl dafür gesorgt, dass Sie mit Ihrem Präsidium nun für drei Jahre arbeiten können anstatt mit einem Übergangspräsidium für nur sechs Monate. Wie und wann ist es zum Wechsel in Ihrem Schattenkabinett gekommen?

Zunächst einmal würde ich hier gar nicht unbedingt von einer Personalrochade sprechen. Wir haben am Tag vor der Wahl in der Bundesausschusssitzung alle Möglichkeiten ausgelotet. Letztlich ist die Besetzung meines Präsidiums nicht so weit entfernt von dem Team, das ich ursprünglich vorgesehen hatte. Herr Schmidbauer ist nicht als Schatzmeister dabei, sondern nimmt als Vorsitzender des Bundesauschusses an den Präsidiumssitzungen teil. Es erschien vielleicht sehr kompliziert, war aber ein einfacher und unkomplizierter Vorgang.

Mit Tommy Haas, Barbara Rittner und Claudia Kohde-Kilsch haben sich einige prominente Namen im deutschen Tennis öffentlich für Michael Stich als DTB-Präsident ausgesprochen. Warum sind Sie für das Amt des DTB-Präsidenten geeigneter als Michael Stich?

Wir waren uns im Bundesausschuss seit längerer Zeit einig, dass wir eine interne Lösung wollen. Jemand, der die Strukturen, die Bedürfnisse der Landesverbände und die Möglichkeiten der Kooperationen kennt. Das war ein wesentlicher Grund, warum meine Kollegen so entschieden haben. Auch mir hat in der Vergangenheit die Kommunikation zwischen den verschiedenen Gremien im DTB nicht gefallen. Das will ich verbessern. In drei Jahren kann man dann beurteilen, ob ich meine Aufgabe gut gelöst habe oder nicht.

In einem Interview haben Sie bereits erklärt, dass zwischen Ihnen und Stich noch kein Tischtuch zerschnitten sei. Wie könnte eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen dem DTB und Stich aussehen?

Ich habe vor der Wahl zwei längere Telefonate mit ihm geführt, in denen es um die Möglichkeit seiner Mitarbeit ging. Ich habe vor, mich nach den Feiertagen mit ihm in Verbindung zu setzen und die Option einer Zusammenarbeit, beispielsweise im Bereich Marketing, auszuloten. Das muss aber zuerst noch im Präsidium besprochen werden.

Welche dringenden Themen und Veränderungen wollen Sie mit Ihrem Präsidium in den folgenden drei Jahren angehen?

Wichtig ist, dass ich die Themen nicht alleine angehe, sondern dass wir im Präsidium ein kompetentes Team sind. Hohe Priorität haben die sicheren Finanzen in den nächsten drei Jahren. Wir haben noch keinen Haushalt für das Jahr 2015. Das ist die dringendste Aufgabe, die wir erledigen müssen. Außerdem haben wir zu Jahresbeginn eine Klausurtagung, bei der wir die programmatische Ausrichtung in den einzelnen Ressorts diskutieren und aufstellen wollen. Wir werden zudem Gespräche mit unseren Wirtschaftspartnern über die zukünftige Zusammenarbeit führen. Dazu haben wir ein paar Langzeitprobleme, die geregelt werden müssen, beispielsweise der Prozess mit der ATP und mögliche Strukturveränderungen. Es soll keine Revolution geben, sondern eine Evolution. Eine Revolution beinhaltet immer Opfer. Wir wollen einen Prozess anschieben, der kontinuierlich und im Konsens mit den Betroffenen abläuft.

Wie ist der Stand der Dinge beim Gerichtsprozess mit der ATP?

Es gibt noch keine neue Wasserstandsmeldung. Wir haben die Amtsgeschäfte von unseren Vorgängern übernommen. Die erste Kontaktaufnahme mit der ATP erfolgt im Januar. Hier wird sich insbesondere Dirk Hordorff einbringen, der gute Verbindungen zur ATP hat.

Der Deutsche Tennis Bund steht seit Jahren eher wegen Streitereien in den Schlagzeilen als mit Erfolgsmeldungen. Wie wollen Sie das Bild des DTB in der Öffentlichkeit verbessern?

Wir hatten neben negativen Schlagzeilen auch hervorragende sportliche Erfolgsmeldungen im abgelaufenen Jahr. Intern ist das Bild verbesserungswürdig, besonders in den Monaten September und Oktober war es schlecht. Ich denke, dass vieles an der mangelnden Kommunikation lag. Das werde ich sicherlich anders machen und in engen Kontakt mit den Landesverbänden treten. Ich werde versuchen, sie bei den Dingen mitzunehmen. Das ist ein Weg zu größerer Einigkeit und Durchschlagskraft.

Karl-Georg Altenburg wollte wegen seiner beruflichen Verpflichtungen nicht erneut kandidieren. Auch Sie haben bereits geschildert, dass das Amt des DTB-Präsidenten ein Fulltime-Job sei. Gehört das Ehrenamt in der Verbandsführung abgeschafft, wie Boris Becker es fordert?

Dann benötigt man aber auch das Geld, um die Leute zu bezahlen, und gute Leute sind entsprechend teuer. Ich bin generell für ein Hauptamt in der Verbandsführung. Man muss jedoch die Voraussetzungen dafür schaffen, finanziell und satzungsmäßig. Dann ist es sicherlich ein zukunftsträchtiges Modell. Auch eine Tatsache ist allerdings, dass selbst der finanziell gut ausgestattete Deutsche Fußball-Bund noch mit einer ehrenamtlichen Führung arbeitet.

Es gibt auch zunehmend Kritik, dass 18 Landesverbände zu viel seien. Gibt es Überlegungen, die Verbandsstrukturen zu verschlanken?

Es gibt 18 eingetragene Landesverbände, die als unabhängige Vereine arbeiten und sich nur selbst auflösen können. Man kann niemanden dazu zwingen, zusammenzugehen. Berlin und Brandenburg haben den Schritt freiwillig gemacht. Von oben herab kann man die Strukturen nicht verschlanken.

Die Mitgliederzahlen im Deutschen Tennis Bund sinken von Jahr zu Jahr. Wie wollen Sie den Abwärtstrend stoppen?

Wenn ich ein Patentrezept hätte, hätte ich das schon vor zwölf Jahren im Landesverband umgesetzt. Letztendlich müssen wir den Vereinen helfen, attraktive Angebote zu machen. Nur so kommen die Menschen wieder in die Vereine. Die Vereinsmüdigkeit gibt es nicht nur im Tennis, sondern auch in anderen Sportarten. Daher haben wir auch das Ressort Sportentwicklung geschaffen, in dem man über Vereinsförderung, Ehrenamtsförderung, Gesundheitssport und ähnliches spricht. Tennis muss wieder in die Köpfe der Kinder. Das geht natürlich leichter, wenn man einheimische Stars hat. Tennis muss auch populärer in den Medien werden. Wenn das passiert, wird es den Vereinen wieder besser gehen und die Mitgliederzahlen steigen.

Sie haben die Medien angesprochen. Trotz der Erfolge der deutschen Damen spielt Tennis in den deutschen Medien immer noch eine untergeordnete Rolle. Auch die TV-Quoten des Fed-Cup-Finales waren schwach. Was kann der DTB tun, dass Tennis in den Medien präsenter wird, auch wenn es keine deutschen Erfolge zu vermelden gibt?

Tennis muss wieder stärker zum Breitensport werden. Je mehr Leute Tennis spielen, desto stärker werden die Medien darauf eingehen. Ich bin natürlich nicht ganz zufrieden mit der Präsenz im Fernsehen und auch die Einschaltquote beim Fed-Cup-Finale ist sicher ausbaufähig. Für uns war es jedoch ein Erfolg, dass wir auf einem Hauptsender zu sehen waren. Es ist einfach ein längerer Prozess, die Menschen müssen erst wieder an Tennis herangeführt werden. Aber mit ProSiebenSat.1 haben wir einen starken Partner an unserer Seite, mit dem wir das in Angriff nehmen wollen.

Es fällt auf, dass im deutschen Tennis seit der Wiedervereinigung kaum bis keine Profispieler aus den neuen Bundesländern kommen. Haben Sie eine Erklärung für die Misere?

Tennis hat in den neuen Bundesländern nicht die Tradition, die es in Westdeutschland hat. Es gibt wenige große Vereine, nur in Dresden und in Leipzig, und die Sportförderung ist meist an den Verein gebunden. Das ist sicherlich der Hauptgrund.

Der Deutsche Olympische Sportbund bewirbt sich entweder mit Berlin oder Hamburg für die Olympischen Spielen 2024 und eventuell auch für das Jahr 2028. Was würde eine erfolgreiche Bewerbung für das deutsche Tennis bedeuten? Und in welcher deutschen Stadt sollten die Olympischen Spiele stattfinden?

Ich denke, dass es für den Sport in Deutschland ein Riesenschub wäre, wenn wir Olympische Spiele in der Bundesrepublik hätten. Ob Berlin oder Hamburg - davon würden alle Sportarten profitieren, auch Tennis. Wir wurden vom DOSB um eine Position zum Standort Hamburg gebeten. Da haben wir eine klare Meinung: Der DTB unterstützt die Bewerbung Hamburgs, weil unser Sitz hier ist. Sollte es klappen, wäre das sicherlich ein Highlight, weil Tennis in Hamburg eine große Tradition hat.

Zum Schluss: Welche Schlagzeile über das deutsche Tennis würden Sie 2015 am liebsten lesen?

Da fallen mir zwei Schlagzeilen ein: "Deutsche Damen gewinnen den Fed Cup" und "Der ATP-Prozess endet mit gutem Ausgang für den DTB".

Das Gespräch führte Christian Albrecht Barschel.

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