„Kein Pech, sondern Missmanagement“

Mittwoch, 05.02.2014 | 19:39 Uhr
© (c) Getty Images (Matthew Stockman)

Der Trainer und Manager von Rainer Schüttler stellte sich den Fragen von tennisnet.com.

Dirk Hordorff (57 Jahre alt) ist Präsident des Hessischen Tennis-Verbands und seit Jahrzehnten eine feste Institution im deutschen und im weltweiten Tennis. Der gebürtige Hamburger war Trainer und Manager von Rainer Schüttler und betreut derzeit unter anderen den Serben Janko Tipsarevic und den Taiwaner Yen-Hsun Lu. Hordorff war zudem zwischen 2004 und 2010 Davis-Cup- und Olympia-Coach von Taiwan und für kurze Zeit Vizepräsident des Deutschen Tennis Bundes. Im Interview mit tennisnet.com spricht Hordorff über die Situation im deutschen Tennis und gibt seine Einschätzung zu aktuellen Themen im Welttennis ab.

Herr Hordorff, die Australian Open waren Ihr x-tes Grand-Slam-Turnier. Zählen Sie noch mit?

Nein, ich führe da keine Strichliste.

Die Hitze war ein großes Thema während der Australian Open. Viele Spieler haben erklärt, dass es unverantwortlich sei, bei 44 Grad Tennis zu spielen. Wie ist Ihre Meinung darüber?

Ich finde es unangemessen, bei solch hohen Temperaturen überhaupt zu spielen. Es ist für die Gesundheit der Spieler, Schiedsrichter, Balljungen und aller Beteiligten nicht gerade förderlich gewesen. Wenn Ballkinder auf dem Platz kollabieren, kann das nicht klug sein. Man hätte mit den Matches auf den Außenplätzen auch am frühen Abend beginnen können, dann wären die Bedingungen nicht so extrem gewesen. Ich finde, dass es eine schlechte Organisation war. Es war auch nicht gut fürs Tennis, dass man unter diesen Bedingungen die Matches spielen musste. Wie sieht es denn aus, wenn jemand einen Herzinfarkt auf dem Platz bekommen würde?

Ein anderes Thema in Melbourne, das heiß diskutiert wurde, war die Beschaffenheit der Plätze. Sollen die Plätze so bleiben, wie sie sind, oder soll es bei einigen Turnieren wieder zügiger zugehen?

Die Plätze in Melbourne sind völlig in Ordnung und fair für alle. Vielleicht hat man es übertrieben, dass man die Plätze immer langsamer gemacht hat. Man kann den Platz nicht so machen, dass es für jeden ein Wunschplatz ist. Die Plätze in Melbourne haben aber durchaus gute Matches zugelassen.

Im Tennis gibt es keine Wunderkinder mehr. Es stehen, vor allem bei den Herren, kaum noch Teenager in den Top 100. Ist es schlecht für den Tennissport, dass es keine jungen Stars gibt, oder ist es besser, dass die Spieler mittlerweile längere Karrieren haben und nicht zu früh ausgebrannt sind?

Im Herrentennis waren die letzten Wunderkinder Rafael Nadal und Novak Djokovic. Solche Spieler gibt es nur sehr selten. Roger Federer war auch keiner, der mit 18 Jahren alles in Grund und Boden gespielt hat. Der Weg ins Profitennis ist mittlerweile schwerer geworden, weil alles viel professioneller geworden und der Tennissport globaler geworden ist. Die Spieler haben längere Karrieren, weil sie besser betreut werden und viel mehr an sich, ihrer Gesundheit und Fitness arbeiten. Früher gab es beim Grand-Slam-Turnier vielleicht 60 Trainer. Heute hat Djokovic bereits zehn Leute im Team. Dadurch, dass die Spieler länger fit sind, ist es für junge Spieler schwerer, sich im Profitennis zu etablieren. Früher haben einige Spieler ihre Karriere mit 27 oder 28 beendet. Heute sind sie dann im besten Tennis-Alter. Wir bewegen uns im Tennis auf einer Ebene, wo andere Sportarten wie zum Beispiel Fußball verhältnismäßig sind bei diesem Thema. Es wird bestimmt wieder ein Wunderkind geben. Das kommt aber nicht jedes Jahr vor, deshalb sind es ja Wunderkinder.

Ihr Schützling Janko Tipsarevic ist seit Oktober verletzt. Wann werden wir ihn wieder auf der Tour sehen?

Das ist eine ärgerliche Verletzung, die sich leider langwierig gestaltet hat. Janko hatte gehofft, nach den Australian Open spätestens im Davis Cup wieder spielen zu können. Die Verletzung hatte er sich wohl bei den Australian Open 2013 zugezogen, aber nicht als solche realisiert, und auch die Diagnosen waren wohl nicht optimal damals. Heute muss er einfach warten, bis die Verletzung ausgeheilt ist und danach sich ordentlich vorbereiten, um wieder topfit in die Tour zu starten.

Viktor Troicki, Freund und Landsmann von Tipsarevic, wurde wegen einer nicht abgegebenen Blutprobe für zwölf Monate gesperrt. Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Ist die Sperre verhältnismäßig oder wurde Troicki Unrecht getan?

Da sind viele Fehler gemacht worden, sei es von der Ärztin, sei es vom Umfeld des Spielers, sei es vom Spieler. Ohne Zweifel muss ein Profi-Spieler die Regeln kennen und sich den geforderten Dopingtests stellen. Das CAS hat Viktor Troicki aufgrund der Fehler der WADA die Mindeststrafe von einem Jahr gegeben. Da kann man nicht von Unrecht sprechen. Aber für Viktor ist diese Strafe natürlich sehr hart und schwer zu akzeptieren. Dabei muss man auch berücksichtigen, dass im Tennis eine Strafe von einem Jahr für einen Profisportler eher wie eine Zweijahressperre zu bewerten ist, weil er ja alle Ranglistenpunkte verliert und von vorne erst mal auf der Tour starten muss. Das ist mit Sicherheit ungerecht im Verhältnis zu anderen Sportarten und findet im Regelwerk der WADA keine Berücksichtigung.

Sie waren einer der schärfsten Kritiker des alten DTB-Präsidenten Georg von Waldenfels. Was hat sich in den zwei Jahren Amtszeit von Karl-Georg Altenburg verbessert?

Ich habe bei dem alten Präsidium Bilanz ziehen müssen. Diese Bilanz war katastrophal. Es hat ein Ausverkauf des deutschen Tennis stattgefunden, es gab keine Sponsoren mehr, es wurden Gelder verschwendet. Jetzt haben wir ein neues Präsidium, das mit einer nicht einfachen Ausgangsposition angefangen hat. Das neue Präsidium hat eine Menge von positiven Sachen bewegt trotz großer Opposition, mit der es am Anfang kämpfen musste. Wir stehen jetzt da, dass der DTB alle paar Monate einen neuen Sponsor präsentiert. Mit der größten deutschen privaten Fernsehgruppe, der ProSiebenSat.1-Gruppe, wurde eine Kooperation über zehn Jahre geschlossen. Es wurde eine Aufbruchstimmung entfacht. Es gibt in vielen Punkten Erfolge vorzuweisen, in anderen Punkten muss es noch besser werden. Es ist deutlich zu spüren, dass das deutsche Tennis auf dem Weg nach oben ist.

Auch Herr Altenburg wird seit Beginn seiner Amtszeit immer wieder scharf kritisiert. Zu Recht?

Wenn jemand in der Lage, in der der DTB damals war, ein Amt übernimmt, dann ist solch eine Übernahme sehr schwer. Wenn jemand, der beruflich einen sehr respektablen Posten hat und Vater von fünf Kindern ist, sich bereit erklärt, sich dieser Aufgabe zu stellen und von Anfang an kritisiert wird, dann hat man die Frage schon beantwortet, ob das so in Ordnung ist. Selbst einem Bundeskanzler gibt man in der Regel 100 Tage, Herrn Altenburg und seinen Präsidiumsmitgliedern hat man nicht mal 100 Stunden gegeben. Das zeigt, dass diese Kritik nicht in der Sache liegt, sondern in der Tatsache, dass man gegen eine Änderung und einen Neuaufbruch im deutschen Tennis war.

Wie sehen Sie generell den Stellenwert des deutschen Tennis? Wie wird das deutsche Tennis international wahrgenommen?

Ich habe früher darunter gelitten, Deutscher und Tennisspieler zu sein. Wenn man im jungen Alter ins Ausland gefahren ist, hat man entweder gesagt, dass man Deutscher oder Tennisspieler ist. Beides zusammen war nicht gut, bis Boris Becker gekommen ist. Dann ist man als Deutscher stolz durch die Welt gefahren. Das war natürlich eine glorreiche Zeit, die es nicht immer gibt. Das deutsche Tennis wird international respektiert, allerdings haben die letzten zwölf Jahre dem Ansehen des deutschen Tennis geschadet. Überall hat das Ansehen gelitten, zum Beispiel durch die Querelen im Davis Cup. Das deutsche Damentennis war gar nicht mehr existent, bis Barbara Rittner ihr Amt übernommen hat. Die Situation hat sich durch das neue Präsidium nicht viel geändert. Der Deutsche Tennis Bund ist der größte Tennisverband der Welt, Deutschland ist die wichtigste Nation in Europa. Allerdings haben wir in der Turnierlandschaft alles verloren, was man verlieren kann. Gott sei Dank gab es Privatinitiatoren wie die Familie Weber, die Turniere aufrechterhalten haben in einem schwierigen Umfeld. Wir waren eine stolze Tennis-Nation mit einem 1000er-Turnier in Hamburg, einem WTA-Premier-Turnier in Berlin. Das gibt es leider nicht mehr, das ist traurig. Aber es ist nicht ungerechterweise verlorengegangen, das waren logische Konsequenzen. Wenn alle 1000er-Turniere Gewinn machen außer Hamburg, dann ist das kein Pech, sondern Dummheit und Missmanagement.

Sie sind ein richtiger Tausendsassa, der schon viele Ämter innehatte und sich viel im Tennis engagiert. Wird Ihnen das manchmal nicht zu viel?

Mittlerweile ist das nicht mehr so viel. Ich bin neben meiner Tätigkeit als Trainer und Manager noch Präsident des Hessischen Tennis-Verbandes. Das ist eine wunderschöne Sache. Wir haben eine tolle Basis, die sehr gut mitarbeitet und sich engagiert.

Was war Ihr schönster Moment als Trainer und Manager?

Der erste schöne Moment, den ich im großen Tennissport hatte, war, als Alexander Radulescu 1996 das Viertelfinale in Wimbledon erreichte und mit zwei Matchbällen verlor. Er hat einen entscheidenden Ball zu seinen Ungunsten korrigiert und später den Fairness-Preis vom Deutschen Sportbund bekommen. Schön war auch der Durchbruch von Rainer Schüttler beim Turnier in Doha, wo er als Qualifikant das Turnier gewinnen konnte. Dann natürlich das Finale von Rainer bei den Australian Open, das Wimbledon-Halbfinale und die Olympischen Spiele 2004 in Athen mit der gewonnenen Silbermedaille von Schüttler und Kiefer. Aber auch Erlebnisse im Davis Cup mit dem taiwanesischen Team, als Taiwan das erste Mal Japan geschlagen hat. Es gibt so viele wunderschöne Sachen, die einem der Sport gibt. Ich bin dankbar, dass ich das erleben durfte und die Chance hatte, das in meinem Leben zu machen, was mir Spaß macht.

Waren die Olympischen Spiele auch gleichzeitig der traurigste Moment, weil die beiden vier Matchbälle vergeben und die Goldmedaille verpasst haben?

Nein, um eine Goldmedaille zu spielen, ist schon großartig, wenn dann auch noch mehrere Millionen in der Nacht vor dem Fernseher sitzen. Natürlich war es schade, dass beide die große Chance verpasst haben. Aber es war doch toll, dass sie im Finale standen. In meiner Trainer-Karriere gab es eigentlich keine traurigen Momente. Für mich bestimmen der Sieg und die Niederlage nicht mein Leben. Die Niederlage gehört genauso dazu wie der Sieg.

Haben Sie immer noch den Traum, Oberbürgermeister von Bad Homburg zu werden?

Nein, Gott sei dank nicht mehr. Ich habe Glück gehabt, dass der Sohn meines Bruders vor zwei Jahren im Stadtparlament kandidiert hat. Obwohl ihn seine Partei auf die Position 40 gesetzt hat, ist er als jüngster Abgeordneter in ein Stadtparlament eingezogen, indem er über 20 Plätze durch seinen Wahlkampf nach oben kam. Er war am Tag der Wahl 18 Jahre und zwei Tage alt. Ich habe für ihn einen Wahlkampf gemacht, der mir sehr viel Spaß gemacht hat. Da ich der Meinung bin, dass ein Hordorff in der Politik genug ist, habe ich meine Konzentration darauf gelegt, ihm in seiner politischen Laufbahn zu helfen. Als ich das damals gesagt habe, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich in meinem jetzigen Alter die Motivation habe, mit kurzen Hosen auf dem Tennisplatz zu stehen. In gewisser Weise haben die Spieler mich jung gehalten. Mein Traum, Oberbürgermeister von Bad Homburg zu werden, ist daher sehr begrenzt.

Zum Schluss: Sie sind bekennender Raucher. Haben Sie irgendwann mal vor, mit dem Rauchen aufzuhören oder wollen Sie dieses Laster bis zum Lebensende beibehalten?

Ich halte es da mit unserem Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

Das Gespräch führte Christian Albrecht Barschel.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung