Australian Open und die Angst, etwas zu verpassen

Samstag, 25.01.2014 | 15:02 Uhr
© (c) GEPA pictures/ Matthias Hauer

Ein besonderes Syndrom ist in Melbourne und generell bei jedem Grand-Slam-Turnier zu beobachten.

Von Christian Albrecht Barschel aus Melbourne

Das Burnout-Syndrom ist mittlerweile ein fester Begriff, mit dem jeder etwas anfangen kann. Etwas anders sieht es da schon mit dem Boreout-Syndrom aus. Was ist Boreout überhaupt? An einem Boreout-Syndrom leiden diejenigen, die in ihrem Job ständig gelangweilt und unterfordert sind. Ja, auch Langeweile kann Stressmomente hervorrufen und krank machen. Die Gefahr, als Journalist bei den Australian Open an Boreout zu erkranken, ist gleich null. Wenn das nicht so wäre, hätte man auch seinen Beruf als Tennisjournalist weit verfehlt. Ein anderes Syndrom hingegen ist in Melbourne bei mir und meinen Journalistenkollegen immer wieder zu beobachten, und zwar das "FOMO"-Syndrom. "FOMO" steht für "Fear of missing out", übersetzt: "die Angst, etwas zu verpassen".

Das Leben in einer Grand-Slam-Blase

Besonders in der ersten Turnierwoche muss man Augen wie ein Luchs haben und "multitaskingfähig" sein, um den Überblick zu behalten und nichts Wichtiges, Skurriles oder gar Sensationelles zu verpassen. So finden an den ersten beiden Turniertagen des Hauptfelds insgesamt 128 Einzel-Matches statt. Zum Vergleich: An den zwölf folgenden Tagen werden insgesamt 126 Einzel-Matches ausgetragen. Um allen deutschen (18 Deutsche im Einzel), österreichischen (drei Österreicher im Einzel) und den wichtigen internationalen Spielern bei der Berichterstattung gerecht zu werden, muss man Prioritäten setzen und gelegentlich spekulieren, wo sich ein interessantes Match oder Ergebnis anbahnen könnte. Hat der Turniertag erst mal begonnen, rast die Zeit nur so vorbei. Man eilt von Platz zu Platz, von einer Pressekonferenz zur nächsten und hat ständig einen Blick auf die Fernsehbilder und die Spielstände der Matches. Und plötzlich hat die Night Session in der Rod Laver Arena begonnen und man denkt sich: "Ich bin doch gerade erst zwei Stunden auf der Anlage. Wohin ist die Zeit nur verschwunden?"

Die Geschehnisse in den großen Arenen in Melbourne, der Rod Laver Arena und Hisense Arena, kann man in den ersten Turniertagen schon fast vernachlässigen, denn die großen Dramen und skurrilen Geschichten spielen sich meist auf den Außenplätzen ab. So zum Beispiel die sieben vergebenen Matchbälle von Daniel Brands in der ersten Runde gegen Gilles Simon, die Lucky Loser Stephane Robert und Martin Klizan, die in der dritten Runde gegeneinander gespielt haben, oder der Südafrikaner Raven Klaasen, der bei seinem sechsten Grand-Slam-Turnier sensationell das Doppelfinale erreichte. Die Tage bei einem Grand-Slam-Turnier verbringt man wie in einer Blase, in der man gefangen ist - im positiven Sinne. Es gibt zweieinhalb Wochen, wenn man die Qualifikation mit einrechnet, nur ein Thema: der gelbe Filzball und seine Protagonisten.

Von "FOMO" zu "JOMO"?

Wenn du zudem am restlichen Sportgeschehen und generell darin interessiert bist, was in der Welt passiert, musst du vorher einen Kurs im Power-Reading gemacht haben, um das in deinen Tagesablauf einzubinden. Bei einem Grand-Slam-Turnier bist du Gefangener des Presseraums, in dem du manchmal das Gefühl für Uhrzeit und Wochentag vergisst. Und wenn du dich dann tatsächlich in den Melbourne Park rauswagst, um bei einem bestimmten Match vorbeizuschauen, musst du geduldig sein und gut zu Fuß sein. Denn von der einen Seite der Anlage, Platz 15, zur anderen Seite, Hisense Arena, ist man zu Stoßzeiten gerne mal über zehn Minuten unterwegs. Es kommt erschwerend hinzu, wenn die zu beobachtenden Matches, die keine Fernsehbilder haben, auf den unterschiedlichen Hälften der Anlage angesetzt sind - in einer Stadt mit extremen Temperaturschwankungen.

Das Wetter in Melbourne, in der Stadt der vier Jahreszeiten an einem Tag, wie die Millionen-Metropole am Yarra River angepriesen wird, spielt immer wieder verrückt. Gerade noch die größte Hitzewelle seit Jahren mit Temperaturen über 43 Grad, kühlt es einen Tag später um über 20 Grad ab, auf einmal ist es kalt und windig. Umso mehr das Turnier voranschreitet, umso mehr setzt die Heilung vom "FOMO"-Syndrom ein. Doch die Angst, etwas zu verpassen, war so groß, dass dieser Bericht, der bereits vor einer Woche eingeplant war, erst jetzt kommt. Ich bin zum Verlierer des Spiels geworden und musste mich dem "FOMO" geschlagen geben. Für diejenigen, die das Spiel gegen das "FOMO" gewinnen, gibt es bereits einen passenden Gegenbegriff: "JOMO", das steht für "Joy of missing out", übersetzt: "der Genuss oder die Freude, auch mal Dinge zu verpassen". Ich hoffe, dass ich beim nächsten Grand-Slam-Turnier auch zu den Gewinnern dieses Spiels gehören werde.

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