Tennis

Eine deutsche Erfolgsgeschichte

© GEPA pictures

Beim Rasenklassiker an der Londoner Church Road spielen die Deutschen immer wieder groß auf.

Von Christian Albrecht Barschel

Wimbledon ist das prestigeträchtigste Tennisturnier der Welt. An der Church Road in London werden Helden geboren und Heldengeschichten geschrieben. So wie in diesem Jahr mit Andy Murray, der die 77 Jahre andauernde Titeldürre der britischen Herren beendete und eine ganze Nation in kollektiven Jubel versetzte. Den Triumph in Wimbledon kann man mit einem Olympiasieg vergleichen. Er bleibt für die Ewigkeit. Du bist dein ganzes Leben lang Wimbledonsieger, während andere Titel vergänglich sind. "Es ist mir egal, wenn ich kein einziges Match mehr gewinne. Was immer ich auch tue in meinem Leben, wohin ich gehe, ich werde immer ein Wimbledonsieger sein", sagte Goran Ivanisevic treffend. Der Kroate gewann 2001 sensationell mit einer Wildcard in Wimbledon und stieg zum Volkshelden in Kroatien auf.

"Gras ist nur was für Kühe", sagte Ivan Lendl zu aktiven Zeiten über den grünen Untergrund. Da war wohl auch ein wenig Verbitterung in den Worten, denn Lendls großer Traum vom Wimbledonsieg ging nämlich nie in Erfüllung. "Du kannst nicht als ein großer Spieler in Betracht gezogen werden, wenn du nicht in Wimbledon gewonnen hast. So ist es nun mal", sagte Mats Wilander, der bei den All England Championships ebenfalls nicht triumphieren konnte.

Deutsche Sieger im Einzel: Graf, Aussem, Becker, Stich

Der Magie von Wimbledon können sich nur die wenigsten Spieler entziehen. "Wimbledon. Das ist so, als wenn du hundert Mal Liebe machst mit den schönsten Frauen, die du je gesehen hast", schwärmte der dreifache Wimbledonsieger John Newcombe über den Rasenklassiker im Südwesten Londons. "Auf dem Centre Court zu sein, ist das großartigste Gefühl in der Welt", beschrieb Andre Agassi, Wimbledonsieger von 1992, seine Beziehung zum Turnier. Wimbledon hat es häufig sehr gut gemeint mit den deutschen Tenniscracks. Auf dem heiligen Rasen feierten die deutschen Spieler und Spielerinnen die größten Erfolge bei einem Grand-Slam-Turnier.

Jeweils zwei deutsche Spieler und Spielerinnen kamen im Einzel in den Genuss, das bedeutendste Tennisturnier der Welt gewonnen zu haben. Boris Becker triumphierte in den Jahren 1985, 1986 und 1989, Michael Stich siegte 1991. Bei den deutschen Damen trug Steffi Graf mit sieben Titeln (1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995 und 1996) dem Wimbledon-Turnier ganz fett ihren Stempel auf. Cilly Aussem wurde 1931 die erste deutsche Wimbledonsiegerin. Stich und Graf räumten sogar doppelt in Wimbledon ab. Stich gewann 1992 mit John McEnroe im Doppel . Graf triumphierte 1988 mit Gabriela Sabatini. Zu den weiteren deutschen Wimbledonsiegern gehören Claudia Kohde-Kilsch (1987 im Doppel mit Helena Sukova), Barbara Rittner (1991 bei den Juniorinnen), Anna-Lena Grönefeld (2009 im Mixed mit Mark Knowles) und Philipp Petzschner (2010 im Doppel mit Jürgen Melzer).

Bloß der Junioren-Titel fehlt noch

Den Wimbledontitel im Einzel verpassten neben der diesjährigen Finalistin Sabine Lisicki auch Hilde Krahwinkel Sperling (1931 und 1936), Gottfried von Cramm (1935, 1936 und 1937) und Wilhelm Bungert (1967) nur knapp. Insgesamt gab es in Wimbledon aus deutscher Sicht in der Einzel-, Doppel- und Mixed-Konkurrenz bislang 17 Titel und 20 weitere Finalteilnahmen zu verzeichnen. Bloß in der Junioren-Konkurrenz wartet man noch auf einen deutschen Titelträger. Von den anderen Grand-Slam-Turnieren können nur die French Open mit 14 deutschen Siegen und 21 weiteren Finalteilnahmen mit Wimbledon mithalten. Bei den Australian Open (6 Titel und 8 Finals) und die US Open (9 Titel und 6 Finals) hingegen lief es aus deutscher Sicht weniger gut. Sobald die Deutschen auf Rasen spielen, scheinen sie komplett andere und weitaus bessere Spieler zu sein.

Bestes Beispiel: Sabine Lisicki, die bei den Grand Slams nur in Wimbledon über das Achtelfinale hinauskam und auf dem heiligen Rasen immer ihr bestes Tennis abruft. In diesem Jahr erreichte Lisicki das Finale. In den Jahren zuvor kam sie einmal bis ins Halbfinale (2011) und zweimal bis ins Viertelfinale (2009 und 2012). In Wimbledon spielten sich zudem einige Deutsche wie Phönix aus der Asche ins Rampenlicht. Alexander Radulescu (1996), Nicolas Kiefer (1997), Alexander Popp (2000, 2003) und Florian Mayer (2004) erreichten als noch recht unbekannte Spieler jeweils das Viertelfinale. Seit 2008 schaffte es jedes Jahr ein Spieler oder Spielerin aus Deutschland im Einzel oder Doppel mindestens bis ins Halbfinale. Das letzte Mal, dass die zweite Turnierwoche im Einzel in Wimbledon ohne deutsche Beteiligung über die Bühne ging, war 2006. Dass die deutschen Spieler exzellente Rasenspieler sind, beweist auch ein Blick in die Turnierstatistik von Halle/Westfalen. Dort stehen seit Turnierbeginn 1993 sechs deutsche Siege und fünf weitere Finalteilnahmen in der Statistik.

Für Becker war Wimbledon "sein Wohnzimmer"

Gerade für Boris Becker war die Beziehung zu Rasen, insbesondere zu dem in Wimbledon, eine ganz spezielle. Für den Deutschen war der Centre Court in Wimbledon "sein Wohnzimmer", wie er immer wieder betonte. "Es ist schwer, es mit etwas zu vergleichen, wenn du den Centre Court betrittst, vor allem in einem Finale. Und es ist eine Erfahrung, dem alle Spieler zustimmen - es ist einzigartig", erklärte Becker. Mit gerade einmal 17 Jahren und 227 Tagen gewann der Rotschopf aus Leimen 1985 in Wimbledon und schrieb nicht nur deutsche, sondern auch internationale Sportgeschichte. Noch nie zuvor hatte ein ungesetzter Spieler an der Church Road den Titel geholt. Becker wurde zudem zu diesem Zeitpunkt der jüngste Grand-Slam-Sieger, den es je gab. "Wimbledon ist wie mein zweiter Geburtsort. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Matchball beim Finale 1985. Ich erinnere mich, dass ich gedacht habe, dass sich etwas verändert hat. Ich wusste nicht, was es war, aber ich hatte das klare Gefühl, dass sich irgendwas sich dramatisch verändert hat. Ich wurde der öffentliche Boris Becker", resümierte der Deutsche nach seinem Karriereende.

"Ich habe hier in Wimbledon jedes Jahr mein bestes Tennis gespielt, es ist der Geist, der Geruch, die Atmosphäre. Ich denke an die Vergangenheit - und schon spiele ich besser", erklärte Becker einst seine guten Leistungen in Wimbledon. Genauso wie bei Becker ist es auch bei Lisicki, die eine verwandelte Spielerin ist, sobald sie die gelbe Filzkugel über den heiligen Rasen jagen darf. "Dieses Turnier macht einen anderen Menschen aus mir. Wimbledon gibt mir irgendwie eine besondere Kraft. Hier geschehen einfach großartige Dinge für mich", sagte Lisicki über ihre Liebesbeziehung zu Wimbledon. Die deutsche Wimbledon-Königin bleibt aber Steffi Graf. "Ich habe eine Leidenschaft für Wimbledon. Selbst als junges Mädchen konnte ich sehen, wie schön es war", erklärte die "Gräfin", die mit sieben Titeln und zwei weiteren Finalteilnahmen über ein Jahrzehnt lang in Wimbledon dominierte. Bei den ganzen Erfolgen in der Vergangenheit und bei dieser guten Statistik darf man sich freuen auf viele weitere erfolgreiche deutsche Wimbledon-Jahre. Denn Deutschland war, ist und bleibt hoffentlich eine Rasennation!

Die deutschen Erfolge in Wimbledon im Überblick:

Herren (bis Viertelfinale oder weiter):

Boris Becker

Titel 1985, 1986, 1989

Finale 1988, 1990, 1991, 1995

Halbfinale 1993, 1994

Viertelfinale 1992, 1997

Michael Stich

Titel 1991

Halbfinale 1997

Viertelfinale 1992, 1993

Gottfried von Cramm

Finale 1935, 1936, 1937

Wilhelm Bungert

Finale 1967

Tommy Haas

Halbfinale 2009

Rainer Schüttler

Halbfinale 2008

Florian Mayer

Viertelfinale 2004, 2012

Alexander Popp

Viertelfinale 2000, 2003

Philipp Kohlschreiber

Viertelfinale 2012

Nicolas Kiefer

Viertelfinale 1997

Alexander Radulescu

Viertelfinale 1996

Patrik Kühnen

Viertelfinale 1988

Jürgen Fassbender

Viertelfinale 1973

Damen (bis Viertelfinale oder weiter):

Steffi Graf

Titel 1988, 1989, 1991, 1992, 1993, 1995, 1996

Finale 1987, 1999

Halbfinale 1990

Cilly Aussem

Titel 1931

Halbfinale 1930

Viertelfinale 1928, 1934

Hilde Krahwinkel Sperling

Finale 1931, 1936

Halbfinale 1933, 1935, 1938, 1939

Viertelfinale 1932, 1937

Sabine Lisicki

Finale 2013

Halbfinale 2011

Viertelfinale 2009, 2012

Bettina Bunge

Halbfinale 1982

Viertelfinale 1986

Angelique Kerber

Halbfinale 2012

Claudia Kohde-Kilsch

Viertelfinale 1987

Herren-Doppel (Titelträger und Finalisten):

1913: Heinrich Kleinschroth und Friedrich-Wilhelm Rahe (Finale)

1936: Henner Henkel und Georg von Metaxa (Finale)

1992: Michael Stich (Titel mit John McEnroe)

2010: Philipp Petzschner (Titel mit Jürgen Melzer)

Damen-Doppel (Titelträgerinnen und Finalistinnen):

1935: Hilde Krahwinkel Sperling (Finale mit Simone Mathieu)

1987: Claudia Kohde-Kilsch (Titel mit Helena Sukova)

1988: Steffi Graf (Titel mit Gabriela Sabatini)

2011: Sabine Lisicki (Finale mit Samantha Stosur)

Mixed (Titelträger und Finalisten):

1930: Daniel Prenn und Hilde Krahwinkel Sperling (Finale)

1938: Henner Henkel (Finale mit Sarah Palfrey Cooke)

1961: Edda Buding (Finale mit Bob Howe)

2009: Anna-Lena Grönefeld (Titel mit Mark Knowles)

Junioren/Juniorinnen (Titelträger und Finalisten):

1970: Frank Gebert (Finale)

1976: Peter Elter (Finale)

1980: Hans-Dieter Beutel (Finale)

1991: Barbara Rittner (Titel)

1995: Nicolas Kiefer (Finale)

1997: Daniel Elsner (Finale)

(Fotos: GEPA pictures)

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung