„Für einen Boom braucht es etwas mehr“

Freitag, 12.07.2013 | 13:53 Uhr
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Der Wimbledonsieger von 1991 spricht im Interview über das Turnier in Hamburg, über den neuen Hype im deutschen Tennis und Serve-and-Volley.

Von Christian Albrecht Barschel

Michael Stich (44 Jahre alt) ist seit 2009 der Turnierdirektor am Hamburger Rothenbaum und war 1993 der letzte Deutsche, der das größte und traditionsreichste deutsche Tennisturnier gewinnen konnte. In seiner Karriere errang Stich 18 Einzeltitel und schaffte es bis auf Platz zwei in der Weltrangliste. Besonders in Erinnerung geblieben sind seine zwei Wimbledonsiege (1991 im Einzel, 1992 im Doppel), das Olympia-Gold 1992 mit Boris Becker, der Gewinn des Davis Cups und der ATP-WM im Jahre 1993.

Herr Stich, Sie haben vor 20 Jahren als letzter Deutscher am Rothenbaum gewonnen. Wann sehen wir den nächsten deutschen Turniersieger in Hamburg?

Letztes Jahr waren wir ja schon knapp dran mit dem Finale von Tommy Haas. Leider hat es aber nicht ganz gereicht. Tommy kann es dieses Jahr sicherlich schaffen. Das Feld und die Konkurrenz sind aber natürlich sehr stark.

Tommy Haas wird an zwei gesetzt sein. Insgesamt stehen acht Deutsche direkt im Hauptfeld. Wie hoch schätzen Sie die Chancen auf einen deutschen Turniersieg ein?

Tommy Haas hat mit seiner aktuellen Form natürlich die größten Chancen, den Titel zu holen. Ich würde mich natürlich aber auch freuen, wenn ein anderer Deutscher das Turnier gewinnt. Das wäre dann aber fast schon eine Sensation.

Wie lebhaft sind Ihre Erinnerungen an Ihren Sieg 1993 in Hamburg?

Ab und zu denke ich natürlich daran zurück. Ich hatte gar nicht auf der Uhr, dass es schon 20 Jahre her ist. Wenn ich auf der Anlage bin, werden immer Erinnerungen wach. Die Ereignisse der letzten vier Jahre als Turnierdirektor sind natürlich etwas präsenter, als das, was vor 20 Jahren passiert ist. Aber natürlich sind es schöne Erinnerungen. Und ich bin sehr froh, das geschafft zu haben.

Sie haben gesagt, dass der Sieg am Rothenbaum der emotional wichtigste Sieg in Ihrer Karriere war. Warum ist das so?

Sportlich stehen der Wimbledonsieg, die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen, der Davis-Cup-Sieg und der Triumph bei der ATP-WM über dem Erfolg in Hamburg. Meine persönliche Beziehung zum Rothenbaum hat diesen Sieg aber so emotional gemacht. Ich bin als Kind hier immer Zuschauer gewesen. Dann wollte ich in Hamburg unbedingt mitspielen, bin zunächst in der Quali gestartet, dann im Hauptfeld. Das ist eine Geschichte, die mich mit dem Turnier verbindet, und das nun schon 35 Jahre lang.

Es ist nun Ihr fünftes Jahr als Turnierdirektor in Hamburg. Gibt es einen Moment, der besonders hervorsticht?

Das war der Moment, als meine beiden Partner Detlef Hammer und Jens Pelikan mich damals gefragt haben, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihnen gemeinsam das Turnier auszurichten. Das war der Startschuss für eine tolle Partnerschaft, Freundschaft und Zusammenarbeit. Alles was daraus entstanden ist, geht auf diesen Moment zurück. Ich habe das nicht eine Sekunde bereut. Das letzte Jahr mit der Geschichte von Tommy Haas war sicherlich noch mal ein Highlight für uns, weil die Resonanz der Zuschauer so positiv war.

In diesem Jahr kommt Roger Federer wieder an den Rothenbaum. Waren Sie sehr überrascht über seine kurzfristige Zusage?

Überrascht hat es mich nicht, denn ich weiß, wie die Spieler ticken. Es war eher eine Überraschung, dass Federer und Nadal so früh in Wimbledon ausgeschieden sind. Dass Roger nun nach Hamburg kommt, ist natürlich perfekt.

Wie kam es zur Zusage von Federer?

Wir hatten Kontakt in Wimbledon. Ich habe ihm in meiner Funktion als Vizepräsident der Vereinigung internationaler Tennisclubs einen Sportsmanship-Award übergeben und ihm gesagt, dass wir ihn gerne irgendwann mal wieder in Hamburg sehen würden. Er war bei diesem Thema sehr offen. Es hat uns natürlich etwas in die Karten gespielt, dass er in Wimbledon so früh ausgeschieden ist. Kurz darauf hat mich sein Management angerufen und gefragt, ob wir eine Wildcard für ihn hätten. Die wollten wir ihm natürlich gerne geben, mussten aber erst einmal die finanziellen Rahmenbedingungen klären. Dank der Hilfe des Hamburger Unternehmers Alexander Otto mit seiner ECE, des Grand Elysée Hotel Hamburg, von Alireza Roodsari und Titelsponsor bet-at-home.com konnten wir das finanziell stemmen.

Gab es auch Bemühungen, Rafael Nadal nach dem frühen Wimbledon-Aus nach Hamburg zu locken?

Beide zusammen wären für unser Turnier, so wie es jetzt ist, überproportioniert. Das hätten wir nicht stemmen können. Ich habe vor der Anfrage von Federer auch mit dem Management von Nadal gesprochen. Er braucht vor den US Open Zeit und Ruhe, um sich zu regenerieren. Ich werde aber versuchen, ihn in den nächsten Jahren ebenfalls nach Hamburg zu locken.

Sie haben bereits Interesse bekundet, in Hamburg wieder ein Damenturnier zu installieren. Gibt es schon nähere Pläne?

Diese Idee gab es von Anfang an. Es gibt im Damentennis großes Potential. Und nach den Erfolgen der deutschen Damen haben wir die Vision von einem Damenturnier auch weiter in unseren Köpfen.

Sollte es wieder zu einem Damenturnier in Hamburg kommen. Würden sie ein "Combined Event" bevorzugen oder ein separates Damenturnier, wie es früher der Fall war?

Ein kombiniertes Damen- und Herrenturnier ist in Hamburg schwer denkbar. Sowohl die WTA als auch die ATP bevorzugen diese Variante derzeit nicht gerade. Es wäre schwierig, einen Termin zu finden, außerdem würden wir bei der Anlage an Kapazitätsgrenzen stoßen. Vor allem muss es aber auch wirtschaftlich machbar sein, denn ein "Combined Event" bedeutet mehr Preisgeld und dafür müssen Sponsoren gefunden werden.

2011 Ivan Lendl, letztes Jahr John McEnroe, dieses Jahr Mats Wilander. Sie duellieren sich vor Hauptfeld-Start bereits zum dritten Mal mit einem ehemaligen Weltranglisten-Ersten. Haben Sie schon einen Wunschspieler fürs nächste Jahr?

Pete Sampras, aber den können wir uns derzeit nicht leisten. Es gibt auch andere, gegen die ich gerne spielen würde. Andre Agassi oder Björn Borg, auch eine Ikone des Tennissports. Oder Stefan Edberg, gegen den ich hier in Hamburg 1992 im Finale verloren habe.

Ihre Firma HSE hält bis 2018 die Rechte am Turnier. Welche Visionen für das Turnier haben Sie für die nächsten Jahre?

Wir sind nicht nur im Plan, sondern sogar etwas darüber. Wir hatten uns drei Jahre Zeit zur Konsolidierung gegeben, tatsächlich haben wir in dieser Zeit schon Geld verdient. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Unser Ziel war immer, neben Weltklasse-Tennis auch einen der Top Vier zu präsentieren. Das schaffen wir in diesem Jahr mit Federer. Das muss auch für die nächsten fünf Jahre das Ziel sein, auch wenn es vielleicht nicht jedes Mal klappen wird. Grundsätzlich wollen wir das Turnier über 2018 hinaus in Hamburg halten. Es gibt hierzu gute Gespräche mit der Stadt, die ebenfalls sehr daran interessiert ist. Es liegt aber nicht nur in unserer Hand. Auch andere Parteien wie der Lizenzinhaber DTB sitzen mit am Tisch. Wir haben gezeigt, dass das Turnier in Hamburg eine Zukunft hat und sind gerne bereit, uns über 2018 hinaus zu engagieren.

Durch den Einzug ins Wimbledon-Finale von Sabine Lisicki spricht die deutsche Öffentlichkeit wieder vermehrt über Tennis. Anscheinend ist ein neuer, kleiner Tennis-Boom ausgebrochen. Haben Sie die Befürchtung, dass es ganz schnell wieder abebbt, wenn bei den US Open die guten Ergebnisse ausbleiben?

Ich sehe es nicht als einen Boom, sondern vielmehr als einen Hype. Für einen Boom braucht es etwas mehr, unter anderem ein gutes Abschneiden deutscher Profis bei den US Open. Ich glaube, dass sich alle bewusst sind, dass hier etwas entstehen kann. Sabine Lisicki, Angelique Kerber und Andrea Petkovic haben in den letzten Jahren gezeigt, dass sie das Potential haben. Aber auch wir Turnierveranstalter können zur allgemeinen Tennisstimmung im Land beitragen, indem wir uns um die Topspieler bemühen und hochwertige Turniere auf die Beine stellen. Das kreiert mediale Aufmerksamkeit und öffentliches Interesse.

Muss man der Öffentlichkeit nicht auch vermitteln, dass der Einzug ins Viertelfinale bei einem Grand Slam, das Finale bei einem kleineren ATP- oder WTA-Turnier und eine durchgängige Platzierung in den Top 20 bereits ein großer Erfolg ist?

Die Leistungen, insbesondere die unserer Damen, wurden von vielen Medien und ganz besonders von den Öffentlich-Rechtlichen nicht so gewürdigt, wie man sich das gewünscht hätte. Aber vielleicht dreht sich das nun und die öffentlich-rechtlichen Sender erkennen, dass sie hier mehr tun müssen. Das wäre wichtig, um den Bekanntheitsgrad der Spielerinnen und Spieler zu erhöhen und damit auch wieder mehr öffentliches Interesse zu wecken und mehr Menschen zum Tennis zu bringen. Das ist ein Kreislauf. Tennis ist lange Zeit vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragen worden. Auch vor meiner Zeit wurde zumindest ein Halbfinale oder Finale in Wimbledon gezeigt. Irgendwann hat man dann aber entschieden, dass Tennis einfach nicht mehr interessant ist. In Wimbledon hat man dafür jetzt viel Kritik einstecken müssen. Und das vollkommen zu Recht.

Eine Tennis-Berichterstattung fand in den letzten Jahren bei den öffentlich-rechtlichen Sendern fast gar nicht statt. Bei den privaten Sendern wie Eurosport oder Sport1 wurde und wird immer noch viel Tennis angeboten. Muss man dem Zuschauer nicht auch vermitteln, dass Free-TV nicht nur die öffentlichen-rechtlichen Sender umfasst, sondern auch die frei empfangbaren Spartenkanäle wie Eurosport und Sport1.

Eurosport hat in den letzten Jahren sehr viel übertragen und auch Sport1 hat einige Turniere gezeigt. Bei den Öffentlich-Rechtlichen sind teilweise die Dritten Programme für Übertragungen genutzt worden. Leider wird anschließend immer sofort auf die Einschaltquoten geschaut. Bei den privaten Sendern kann ich das nachvollziehen. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern hingegen nicht, schließlich haben sie einen öffentlichen Auftrag. Man darf nicht vergessen: Der Deutsche Tennis Bund ist der drittgrößte Sportverband in Deutschland und der größte nationale Tennisverband der Welt.

Im Davis Cup und Fed Cup haben sich die deutschen Mannschaften nicht mit Ruhm bekleckert. Trotz Spitzenspieler wie Tommy Haas, Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler gab es im Davis Cup in den letzten 18 Jahren nur eine Halbfinalteilnahme. Im Fed Cup stand Deutschland zuletzt 1995 im Halbfinale. Brauchen wir nicht auch Erfolge in den Mannschaftswettbewerben, um einen nachhaltigen Boom zu entfachen.

Der Davis Cup und der Fed Cup sind enorm wichtig, wenn es darum geht, Tennis-Begeisterung auszulösen. Steffi, Boris und ich sind durch Wimbledon bekannt geworden. Aber Patrik Kühnen, Charly Steeb oder Eric Jelen haben sich vor allem dadurch einen Namen gemacht, weil sie im Davis Cup erfolgreich waren und im Team erfolgreich waren. Im Fed Cup war es ähnlich. Die Generation danach hat es leider versäumt, diesem Wettbewerb den nötigen Stellenwert einzuräumen.

Mit Angelique Kerber, Mona Barthel und Julia Görges kommen drei der derzeit vier besten Deutschen aus Schleswig-Holstein. Bei den Herren sind der Lübecker Tobias Kamke und der Reinbeker Julian Reister ebenfalls aus dem nördlichsten Bundesland. Sie selbst haben auch in Schleswig-Holstein Tennis gelernt. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es derzeit so viele gute Spieler aus Schleswig-Holstein gibt?

Ich weiß, dass der Verbandstrainer Herby Horst und der neue Verbandspräsident Frank Intert großes Know-how besitzen. Herby Horst war schon mein Jugendtrainer und hat sich seitdem immer weiterentwickelt. Bei anderen Verbänden hat man hingegen manchmal das Gefühl, dass zu regional gedacht wird. Dabei geht es doch letztlich darum, dass der Spieler sein Potential ausschöpft. Ob er dafür in Kiel, Stuttgart oder München trainiert, sollte keine Rolle spielen. Der individuelle Erfolg kommt schließlich allen zugute. Das hat der schleswig-holsteinische Verband verstanden. Hier können die Spieler trainieren, wann immer sie wollen. Aber sie sind nicht gebunden, sie können es auch woanders tun. Ich glaube, das ist sehr wichtig.

Auch wenn Sergiy Stakhovsky in Wimbledon Roger Federer mit Serve-and-Volley aus dem Turnier genommen hat, ist diese Spielweise ist nahezu ausgestorben. Sie selbst haben auch auf Sand Serve-and-Volley gespielt. Wimbledon kann man mittlerweile gewinnen, ohne ein passables Volleyspiel zu haben oder ans Netz zu müssen. Wie finden Sie diese Entwicklung?

Es ist bekannt, dass ich kein großer Freund dieser Entwicklung bin. Das Wimbledon-Finale zwischen Murray und Djokovic war sehr athletisches Tennis, aber nicht sehr kreativ und abwechslungsreich. Das Feld an der T-Linie war immer noch grün. Das gab es zu meiner Zeit schon nach zwei Tagen nicht mehr. Natürlich ist die eine Spielweise nicht besser als die andere. Aber ich fand es schön zu sehen, dass Stakhovsky einen Topspieler wie Federer mit Serve-and-Volley schlagen kann. Federer war das gar nicht mehr gewohnt. Es wäre schön, wenn wieder mehr Profis so spielen würden.

Welche Maßnahmen können ergriffen werden, um mehr Vielfalt im modernen Tennis zu erzeugen?

Der Rasen müsste wieder schneller und die Beläge auf der Tour wieder unterschiedlicher werden. Heute kann jeder überall immer das gleiche Tennis spielen. Früher sind die Sandplatzspezialisten wie Thomas Muster, Sergi Bruguera oder Alberto Berasategui gar nicht nach Wimbledon gefahren, weil sie wussten, dass sie da eh keine Chance haben. Auch Roger Federer ist ja der Meinung, dass die Beläge wieder unterschiedlicher sein sollten. Es muss wieder etwas Besonderes sein, in einem Jahr auf vier unterschiedlichen Belägen Turniere gewonnen zu haben. Das ist heute völlig irrelevant, weil überall das gleiche Tennis gespielt wird. (Foto: GEPA pictures)

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