Boris Becker, Thomas Muster und das Drama von Monte Carlo

Dienstag, 16.04.2013 | 11:07 Uhr
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tennisnet.com blickt auf das denkwürdige Endspiel 1995 in Monaco zurück. Es sollte die "schlimmste Niederlage" des Deutschen werden.

Von Christian Albrecht Barschel

Was Boris Becker für das deutsche Herrentennis ist, das ist Thomas Muster für das österreichische Herrentennis - nämlich die ganz große Lichtgestalt, die zukünftige Generationen überstrahlt und die Erfolge von anderen Spielern in den Schatten stellt. Becker, "der rote Baron", und der "Alpen-Boris", wie Muster in Deutschland häufig genannt wurde, ähnelten sich in ihrem extremen Ehrgeiz, unbedingten Siegeswillen und teilweise egozentrischen Verhalten. Becker und Muster sind zudem Jahrgang 1967. Die Geburtstage der beiden Ausnahmespieler liegen nur sieben Wochen voneinander entfernt.

Unterschiedliche Spielertypen

Von der Spielanlage waren die beiden jedoch grundverschieden. Auf der einen Seite der hochgewachsene Becker, Rechtshänder und 190 Zentimeter groß, der das Spiel auf schnellen Plätzen liebte und aufgrund seines starken Aufschlages auch "Bum-Bum-Boris" getauft wurde. Auf der anderen Seite Muster, Linkshänder und 180 Zentimeter groß, der sich auf dem Sandplatz seine Wohlfühloase schaffte und so gnadenlos hart gegenüber sich selbst auf dem Platz war.

Im Finale des ATP-Masters-Sandplatzturniers in Monte Carlo trafen Becker und Muster am 30. April 1995 aufeinander. Es sollte ein historisches Endspiel werden, in dem Muster Becker "die schlimmste Niederlage" zufügte, wie der Deutsche Jahre später zugab. Wie es so oft der Fall ist, hatte auch dieses Finale eine Vorgeschichte. Becker, damals 27 Jahre alt und die Nummer drei der Welt, spielte sich recht problemlos ins Endspiel vor. Nur im Halbfinale gegen Goran Ivanisevic musste er einen Satz abgeben.

Becker und sein Sandplatzfluch

Becker wurde von seinem großen Ziel angetrieben, nach über zehn Jahren auf der ATP-Tour endlich ein Sandplatzturnier zu gewinnen. Viermal hatte der Deutsche zuvor in einem Finale bei einem Sandplatzturnier gestanden und dabei viermal verloren - zweimal knapp in vier Sätzen in Monte Carlo 1989 und 1991. In Monte Carlo, seinem damaligen Wohnort, wollte Becker seinen Sandplatzfluch beenden und beweisen, dass im Fürstentum in Monaco aller guten Dinge drei sind. Auf anderen Belägen hatte Becker bis dato schon 43 Turniersiege verbuchen können.

Für Muster hingegen waren Turniersiege bei Sandplatzturnieren so normal wie das morgendliche Brötchen holen. 25 Titel auf der roten Asche hatte der Österreicher bis dato errungen. Zudem befand sich Muster 1995 in der Form seines Lebens und hatte vor Turnierstart in Monte Carlo seine bisherigen drei Sandplatzturniere allesamt gewonnen. Ohne Satzverlust zog die damalige Nummer 13 der Welt ins Finale bei seinem "Heimturnier" ein. Genauso wie Becker hatte der Österreicher seinen Wohnsitz im Fürstentum Monaco.

Musters Zusammenbruch im Halbfinale

Den Finaleinzug hatte Muster aber teuer bezahlen müssen. Im Halbfinale gegen den Italiener Andrea Gaudenzi wäre der Steirer auf dem Platz beinahe kollabiert. Mit einem Kraftakt brachte Muster den Sieg ins Ziel. "Ich habe meinen Körper nicht mehr gefühlt. Ich habe nur darauf gewartet, auf den Boden zu fallen. Ich konnte meine Beine nicht mehr spüren. Alles, was ich tat, war Instinkt. Ich erinnere mich nicht an die letzten Punkte. Ich kann mich nicht erinnern, wie das Ergebnis am Ende war", erklärte Muster nach seinem Sieg gegen Gaudenzi.

Nach dem Match brach der Österreicher dann tatsächlich mit einem Zuckerschock zusammen und musste im Krankenhaus behandelt werden. "Ich habe die letzten zwei Tage nichts gegessen und habe vielleicht insgesamt nur sechs Stunden in den letzten zwei Tagen geschlafen. Ich war komplett dehydriert. Ich habe keine Erinnerung, was passiert ist, bis ich in der Umkleide war. Mir wurde gesagt, dass ich 40 Grad Fieber hätte und nun ins Krankenhaus fahre, um Tests zu machen", erklärte Muster und fügte an, dass er seinem Trainer und den Ärzten die Entscheidung überlasse, ob er am nächsten Tag das Finale bestreite.

Kurioser Punktgewinn für Muster

Keine 24 Stunden später stand Muster auf den Platz, um das Endspiel in Monte Carlo gegen Becker zu spielen. Eigentlich wäre der Österreicher der klare Favorit gewesen, da das Endspiel über drei Gewinnsätze ausgelegt war und dies Muster auf Sand entgegen kam. Außerdem hatte der Steirer seine letzten 19 (!) Endspiele bei Sandplatzturnieren gewonnen. Aber unter den gegebenen Umständen wäre ein Finalerfolg von Becker, der seinen ersten Sandplatztitel bedeutet hätte, keine große Sensation gewesen. Kurioserweise war das Finale in Monte Carlo erst das dritte Duell zwischen den beiden Alphatieren. Becker konnte beide Vergleiche für sich entscheiden, darunter überraschend auch das Duell 1988 bei den French Open auf Sand.

Es gab also so einiges, was für den Deutschen sprach. Für Becker hätte das Finale dann aber kaum schlechter starten können. Der Deutsche verlor das Eröffnungsspiel und gab seinen Aufschlag zu null ab. Im anschließenden Aufschlagspiel von Muster folgte bei 30:0 zugunsten des Österreichers der kurioseste Punkt des Spiels. Muster stürmte ans Netz und setzte einen Volley vermeintlich ins Aus. Der Österreicher drehte sich um und dachte, dass er den Punkt verloren hätte. Doch der Ball klatschte auf die Linie. Becker war davon so irritiert, dass er seinen Rückhandschlag an Muster vorbei ins Seitenaus beförderte. Becker konnte seinen Fauxpas nicht fassen, Muster nahm seinen Punktgewinn mit einem breiten Grinsen zur Kenntnis.

Becker brilliert mit Serve-and-Volley

Doch für Becker war dieser Punktverlust so etwas wie der Weckruf im Finale. Der Deutsche nutzte seinen siebten Breakball im Match zum Ausgleich zum 3:3. Becker wurde immer besser und punktete mit seinem Offensivspiel. Dem sonst so fehlerlosen Muster unterlief schließlich bei 4:5-Rückstand und Satzball Becker ausgerechnet ein Doppelfehler zum Satzverlust. Der Deutsche war auf dem Sandplatz in Monte Carlo voll in seinem Element und brillierte mit feinstem Serve-and-Volley-Spiel wie auf einem schnellen Hartplatz. Im zweiten Satz spielte Becker in den brenzligen Phasen groß auf und war am Netz kaum zu überwinden. Bei 5:5 wehrte er in einem engen Spiel Breakbälle ab. Anschließend nahm er Muster den Aufschlag zur 2:0-Satzführung ab.

Becker war somit von seinem großen Ziel, endlich ein Sandplatzturnier zu gewinnen, nur noch einen Satzgewinn entfernt. Der deutsche Kommentator sprach schon davon, dass es die halbe Miete wäre auf dem Weg zum ersten Sandplatztitel und zweifelte die Substanz von Muster an, ob dieser noch einmal zulegen könne. Doch so schnell gab sich das Stehaufmännchen Muster nicht geschlagen. Der Österreicher war bekannt für seine Nehmerqualitäten. Nach seinem Finaleinzug 1989 in Key Biscayne wurde Muster von einem betrunkenen Autofahrer angefahren und erlitt schwerste Knieverletzungen. Sitzend auf einer Holzbank trainierte er bereits wie ein Besessener und schlug schon Tennisbälle, während sein Knie sich von der Operation erholte.

Stehaufmännchen Muster kommt zurück

Mit genau dieser Leidenschaft ging Muster auch nach dem 0:2-Satzrückstand zu Werke. Er breakte Becker im ersten Spiel des dritten Satzes und brachte sich damit wieder in die Spur. Trotz einiger Breakchancen des Deutschen sicherte sich der Österreicher den dritten Satz klar mit 6:1. Muster wurde nun vor allem bei seinen Aufschlagspielen immer besser und brachte diese recht problemlos durch. Doch Becker blieb dran und ließ ebenfalls keine Breakchancen zu. Bei 5:5 hatte der Deutsche dann insgesamt drei Breakchancen für eine mögliche Vorentscheidung. Doch Muster wehrte alle in seiner typischen Manier ab und verschwand nach dem gewonnenen Aufschlagspiel in den Katakomben. Becker verließ daraufhin auch den Platz und brachte nach der kurzen Auszeit sein Aufschlagspiel sicher durch.

Es ging in den Tiebreak, in dem Becker gleich zu Beginn mit einem krachenden Return-Gewinnschlag ein Minibreak gelang. Mit einem Ass beim zweiten Aufschlag und einem auf die Linie klatschenden Volley baute Becker seine Führung auf 3:0 aus. Muster blieb dran und holte sich bei 2:4-Rückstand mit einem Passierschlag das Minibreak zurück. Doch wie gewonnen, so zerronnen. Mit einem Doppelfehler schenkte Muster Becker ein weiteres Minibreak. Der Deutsche holte sich kurz darauf mit dem Punktgewinn zum 6:4 zwei Matchbälle. Sein erster Sandplatztitel war nur noch einen kurzen Augenblick entfernt, und der Sandplatzfluch schien beendet. Auf der Tribüne saßen seine damalige Frau Barbara und sein Trainer Nick Bollettieri in gespannter Erwartung.

Volles Risiko beim Matchball

Becker ging beim Aufschlag volles Risiko und hämmerte seinen zweiten Aufschlag mit 200 km/h über das Netz. Doch das Risiko wurde nicht belohnt, der Ball von Becker landete im Aus. Ein Matchball bei Aufschlag Muster blieb dem Deutschen noch. Auch dieser brachte nicht die Entscheidung. Becker verschlug eine Vorhand ins Netz. 6:6, alles war wieder offen! Was nun kam, war der Ballwechsel des Matches. Ein Ballwechsel, der einen gewissen Symbolcharakter für den Willen und Einsatz des Österreichers hatte. Muster war in der Offensive und rückte ans Netz vor. Becker gelang ein starker Defensiv-Lob, der auf die Linie klatschte. Mit dem Rücken zum Netz spielte Muster dann einen sehenswerten Passierschlag aus der Drehung an dem verdutzten Becker vorbei. Nun hatte Muster selbst Satzball und nutzte diesen, als Becker einen leichten Volley ins Aus setzte.

Das Finale von Monte Carlo bekam einen entscheidenden fünften Satz. Muster nutzte sein gewonnenes Momentum aus und nahm Becker im fünften Satz sofort den Aufschlag zum 1:0 ab. Becker war nun mental völlig erledigt und konnte die zwei vergebenen Matchbälle nicht ausblenden. Es reihten sich Fehler über Fehler (insgesamt 82 im Spielverlauf) beim Deutschen. Muster, dem nun die Leichtigkeit anzumerken war, hatte leichtes Spiel und war auf dem Weg zu seinem 26. Sandplatztitel nicht mehr zu bremsen. Nach 3:17 Stunden verwandelte Muster seinen ersten Matchball zum 4:6, 5:7, 6:1, 7:6 (6), 6:0 gegen den enttäuschten Becker.

Indirekte Dopingvorwürfe

"Ich weiß nicht, wie ich das Match gewonnen habe. Nachdem was gestern passiert ist, hätte ich nie gedacht, dass ich heute spielen kann. Ich möchte den Ärzten danken, die fantastisch waren. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen, zu gewinnen. Das ist einer der besten Tage in meinem Leben", strahlte Muster nach seinem Comeback-Sieg und konnte es selbst kaum fassen. Becker zeigte sich zunächst als fairer Verlierer und gratulierte dem Österreicher zu seiner Wahnsinns-Leistung. "Ich hatte alle Chancen in der Welt. Aber er hat nicht aufgegeben. Ich fühlte mich selbstbewusst. Ich habe auch vorher bei meinem zweiten Aufschlag riskiert, weil er so einen guten Return hat. In diesem Moment hatte ich das gute Gefühl, einen riskanten zweiten Aufschlag schlagen zu können. Es ist gerade sehr enttäuschend", erklärte Becker hinterher, als er auf seinen Doppelfehler beim Matchball angesprochen wurde.

Auf der anschließenden Pressekonferenz war Becker aber nicht mehr allzu gut auf Muster zu sprechen. Der Deutsche wunderte sich darüber, dass der Österreicher tags zuvor im Halbfinale gegen Gaudenzi auf dem Platz noch "gestorben" war, die Nacht am Tropf verbracht hatte und dann wenige Stunden später auf dem Platz stand, zwei Matchbälle abwehrte und den fünften Satz mit 6:0 gewinnen konnte. Es waren also indirekte Dopingvorwürfe gegen Muster, die Becker da aussprach. Als Muster davon hörte, unterzog er sich sofort einem Dopingtest, der negativ ausfiel.

Muster krönt seine Sandplatzsaison

Becker wurde später von der ATP für seine Aussagen zu einer Geldstrafe von 20.000 US-Dollar verdonnert. Das angespannte Verhältnis zwischen Becker und Muster, die sich in ihrer aktiven Zeit gerne mal Wortgefechte lieferten, wurde durch dieses Finale weiter strapaziert. Erst nach dem Karriereende räumten die beiden Streithähne ihre Differenzen aus. Für Becker gab es im weiteren Karriereverlauf kein Happy End auf dem Sandplatz. 1998 erreichte er in Gstaad sein sechstes und letztes Sandplatzfinale, was ebenfalls verloren ging. Die großartige Karriere von Becker blieb damit ohne Titel auf der roten Asche.

Ganz anders erging es Muster, der seinen Siegeszug auf Sand nach dem Triumph in Monte Carlo weiter fortsetzte. Der Österreicher gewann einen Monat später die French Open und krönte damit seine Sandplatzsaison. Am Ende des Jahres 1995 standen zwölf Turniersiege in der Bilanz des Steirers, elf davon auf Sand. Damit legte er die Grundlage für die Eroberung der Weltranglistenspitze. Am 12. Februar 1996 bestieg er den Tennisthron und hatte diesen für insgesamt sechs Wochen inne. Muster gewann in seiner Karriere insgesamt 40 Sandplatzturniere und liegt damit noch auf Platz zwei in dieser Bestenliste. Rafael Nadal sitzt ihm mit 38 Sandplatztiteln allerdings im Nacken. Für Muster war der French-Open-Sieg 1995 sicherlich der ganz große Höhepunkt in seiner Karriere. Der Titel in Monte Carlo wenige Wochen zuvor wird aber auch einen ganz großen Stellenwert eingenommen haben.

Hier könnt ihr euch das Match in voller Länge anschauen!

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