„Für mich ist das noch ein weiter Weg“

Mittwoch, 06.02.2013 | 16:38 Uhr
© Jürgen Hasenkopf

Die 22-Jährige spricht im Interview über ihren Turniersieg in Paris, über die Absage im Fed Cup und über ihre große Leidenschaft neben Tennis.

Von Christian Albrecht Barschel

Mona Barthel hat beim WTA-Premier-Turnier in Paris ihren zweiten Titel auf der WTA-Tour gewonnen und steht dadurch erstmalig in den Top 30 der Weltrangliste. Die Neumünsteranerin steht im exklusiven Interview mit tennisnet.com Rede und Antwort und nimmt auch zu ihrer Absage im Fed Cup Stellung.

Frau Barthel, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem zweiten Titel auf der WTA-Tour. Was haben Sie gedacht, als Sie Ihren vierten Matchball verwandelt haben?

Ich war froh und erleichtert, weil es am Ende noch mal sehr eng wurde und ich vorher Matchbälle vergeben hatte. Ich bin froh, dass ich ruhig geblieben bin und mir immer neue Chancen erspielt habe. Als ich dann den Matchball verwandelte habe, konnte ich es am Anfang noch gar nicht richtig glauben.

Können Sie den Unterschied zwischen dem Turniersieg in Paris und Ihrem ersten Titel in Hobart beschreiben?

Hobart war eines der ersten WTA-Turniere, das ich gespielt habe. Dort musste ich mich noch durch die Quali spielen. Die anderen Spielerinnen kannten mich noch nicht so gut. Das hat sich seitdem natürlich verändert. In Paris war es ein größeres Turnier. Ich musste drei Spielerinnen aus den Top 15 schlagen. Es ist schon eine andere Kategorie, wenn man ein Premier-Turnier wie in Paris gewinnt.

Eine Statistik der WTA besagt, dass alle 16 Paris-Siegerinnen vor Ihnen mindestens auf Platz sieben in der Weltrangliste standen. Ist das ein Fingerzeig für den weiteren Verlauf Ihrer Karriere?

Ich hätte natürlich nichts dagegen, wenn es sich so entwickelt. Die Top 7 oder Top 10 sind aber noch ein weiter Weg für mich. Ich stehe jetzt erstmals in den Top 30, was ein schöner Erfolg für mich ist.

Angelique Kerber ist letztes Jahr nach ihrem Turniersieg in Paris in die Top 10 durchgestartet. Glauben Sie, dass das auch für Sie in diesem Jahr realistisch ist?

Angelique hatte letztes Jahr ein unglaubliches Jahr und hat so konstant auf hohem Niveau gespielt und jede Woche ihre Leistung gezeigt. Sie hat es so verdient, in den Top 10 zu stehen. Für mich ist das noch ein weiter Weg. Da muss vieles passen, dass man den Schritt in die Top 10 macht. Ich würde mich freuen, wenn ich mich stetig verbessere in der Weltrangliste. Das Jahr ist aber noch lang. Mal schauen, wie es sich entwickelt.

Im letzten Jahr waren Ihre Leistungen nach starkem Saisonauftakt sehr schwankend. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Da gab es verschiedene Gründe, warum ich im Sommer eine schwächere Phase hatte. Ich hatte mir in Miami eine Fußverletzung zugezogen, die etwas länger bei der Heilung brauchte. Vielleicht wäre es besser gewesen, eine Pause zu machen und abzuwarten, bis es ausgeheilt war. Zum anderen war es auch das erste Jahr auf der WTA-Tour für mich. Die Turniere waren alle neu für mich. Ich war das erste Mal in Australien. Das sind eine Menge Eindrücke, die auf einen zukommen, die man erst verarbeiten muss. Ich glaube, dass mir das auch etwas Energie gekostet hat. Ich merke dieses Jahr schon, dass etwas mehr Routine dabei ist, wenn ich zu den Turnieren komme.

Bei den Grand Slams sind Sie viermal in Folge in der ersten Runde ausgeschieden. Warum läuft es bei den großen Turnieren noch nicht allzu gut?

Die Grand-Slam-Turniere sind unglücklich verlaufen. Es gab verschiedene Gründe, warum ich bei dem jeweiligen Grand-Slam-Turnier nicht gut abgeschnitten habe. Bei den US Open war ich etwas krank. Bei den French Open und in Wimbledon war es die Phase, wo ich nicht mein bestes Tennis gespielt habe. Bei den Australian Open war es auch eine schwierige Auslosung. Ksenia Pervak hat sehr gut gespielt und es mir nicht einfach gemacht. So etwas kann auch immer mal passieren. Die ganzen Damen in den Top 100 spielen alle so gutes Tennis, da kann wirklich fast jeder jeden schlagen. Es gibt da noch viel Verbesserungspotential für mich bei den Grand Slams. Wenn man viermal in der ersten Runde verloren hat, kann es ja eigentlich nur noch besser werden.

Sie verfügen über einen starken Aufschlag. Allerdings unterliefen Ihnen vor allem im letzten Jahr in einigen Spielen zahlreiche Doppelfehler. Steht und fällt Ihr Spiel mit dem Aufschlag?

Direkt so würde ich das nicht sagen. Der Aufschlag ist natürlich einer der wichtigsten Schläge im Tennis und auch in meinem Spiel. Wenn man einen guten Aufschlag hat, kommt man in eine gute Position für den nächsten Schlag. Das bringt natürlich viele Vorteile, wenn man eine hohe Quote beim ersten Aufschlag und auch noch einen guten zweiten Aufschlag hat.

Was haben Sie unternommen, um Ihren Aufschlag zu stabilisieren?

Ich habe in der Off-Season viel daran gearbeitet, dass ich mehr Konstanz und auch eine höhere Quote im ersten Aufschlag habe und dass ich meinen zweiten Aufschlag weiterentwickle. Das bringt mich auch in meinem Spiel sehr viel weiter, weil der Aufschlag mit der wichtigste Schlag im Tennis ist.

Sie haben keinen festen Trainer, der sie auf Reisen begleitet. Ihre Mutter übernimmt hauptsächlich die Analyse der Spiele und reist mit Ihnen um die Welt. In Paris wurden Sie von Jacek Szygowski, Trainer an einer Kölner Akademie, gecoacht. Werden Sie sich bald einen festen Trainer suchen?

Ich war letztes Jahr schon auf der Suche nach einem Trainer, der mich begleitet. Man muss dabei aber auch ein gutes Gefühl haben, dass dieser Trainer einen voranbringt. Mit Jacek war es eine spontane Entscheidung. Robert Orlik hatte ihn mir vorgeschlagen. Ich hatte Jacek vorher noch nie gesehen. Es hat ja gut funktioniert, besser hätte es nicht laufen können. Mal schauen, wie es sich in den nächsten Wochen entwickelt.

Ihre Absage für das Fed-Cup-Spiel in Frankreich hat hohe Wellen geschlagen. Bislang haben sich nur Teamchefin Barbara Rittner und Ihre Kolleginnen dazu ausführlicher geäußert. Können Sie die Gründe erläutern, warum Sie nicht für den Fed Cup zur Verfügung stehen?

Mir war es natürlich klar, dass meine Entscheidung für viel Unmut in der Öffentlichkeit sorgen würde. Für Außenstehende mag es auch sehr merkwürdig erscheinen, wenn man die Fed-Cup-Teilnahme absagt. Ich habe meine Gründe für die Absage, aber ich möchte diese nicht unbedingt in der Öffentlichkeit preisgeben. Ich möchte das privat halten, weil es auch private Gründe sind. Ich hoffe, dass die Leute das akzeptieren und respektieren.

Wurde nach der verletzungsbedingten Absage von Angelique Kerber noch mal der Versuch unternommen, dass Sie dennoch für die Partie zur Verfügung stehen?

Nein, da wurde kein Versuch unternommen.

Gilt Ihre Entscheidung, keinen Fed Cup zu spielen, nur für das Spiel gegen Frankreich oder auch für das Relegationsspiel im April?

Diese Entscheidung war nur für dieses Spiel. Meine Absage hatte nichts mit dem Fed Cup im Allgemeinen zu tun. Natürlich würde ich mich freuen, Fed Cup spielen zu dürfen und mein Land zu vertreten. Das war derzeit einfach nicht der richtige Zeitpunkt.

Sie wurden im April 2012 für das Relegationsspiel gegen Australien trotz starker Form von Barbara Rittner nicht nominiert. Stattdessen wurden die gerade wiedergenesene Andrea Petkovic und Doppelspezialistin Anna-Lena Grönefeld nominiert. Julia Görges erklärte außerdem, dass sie sich krank gefühlt habe. Deutschland stieg letztendlich aus der Weltgruppe ab. Waren Sie sauer, dass Sie zum Relegationsspiel nicht nominiert wurden?

Sauer war ich deswegen nicht. Ich habe ein paar Tage, bevor es im April losging, den Anruf bekommen, dass ich als fünfte Frau beim Fed Cup dabei sein kann. Ich war froh, dabei gewesen zu sein und dass ich mir die ganzen Abläufe im Fed Cup angucken konnte. Barbara hat die Entscheidung so gefällt. Ich habe das akzeptiert und respektiert. Sie ist die Chefin und trifft die Entscheidungen. Ich kann ihre Entscheidung auch nachvollziehen. Andrea und Julia hatten die Erfahrung, im Fed Cup gespielt zu haben. Das wäre bei mir anders gewesen.

Barbara Rittner hat nach ihrer Fed-Cup-Absage gesagt, dass Sie stolz sei, dass die anderen Mädels anders ticken. Julia Görges findet es schade, dass man den Fed Cup, der höchstens dreimal im Jahr ist, nicht mit seinen Plänen in Einklang bringen kann. Fühlen Sie sich als Außenseiterin im deutschen Team?

Nein, auf keinen Fall. Auch andere Mädchen im Team haben mal eine Fed-Cup-Teilnahme abgesagt. Wir verstehen uns alle gut, das hat damit nichts zu tun.

Mit Angelique Kerber, Julia Görges und Ihnen kommen die drei besten deutschen Spielerinnen aus Schleswig-Holstein. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum der hohe Norden derzeit das deutsche Damentennis bestimmt?

Ich glaube, dass es da kein Erfolgsrezept gibt. Bei jeder Spielerin gibt es eigene Gründe, warum sie so weit oben steht. Wir sind alle einen anderen Weg gegangen und haben nicht bei demselben Trainer trainiert. Vielleicht ist es auch Glück, dass die drei Besten derzeit aus Schleswig-Holstein kommen. Mit Tobias Kamke und Julian Reister haben wir auch noch zwei Herrenspieler. Das ist natürlich toll für das Tennis in Schleswig-Holstein. Wir kennen uns alle auch von früher und es ist schön, sich auf den Turnieren zu treffen.

Sie sprechen fließend Englisch und können sich auch in dieser Sprache sehr eloquent ausdrücken. Inwiefern macht es das Leben auf der Tour einfacher, wenn man keine Sprachbarrieren hat?

Es ist sehr wichtig, wenn man gut Englisch sprechen kann. Man ist so viel im Ausland unterwegs. Das hilft einem schon ungemein, wenn man sich gut verständigen kann. Ich würde mir wünschen, dass ich noch viel mehr Sprachen fließend sprechen könnte. Man ist in so vielen Ländern unterwegs. Es wäre daher natürlich perfekt, wenn man in der Sprache sprechen könnte, die im jeweiligen Land gesprochen wird.

Ihre deutschen Kolleginnen und auch Teamchefin Barbara Rittner lieben es, zu twittern. Warum sind Sie weder bei Twitter noch bei Facebook aktiv?

Ich habe mich früh entschieden, eine Webseite zu machen und nicht auf Facebook und Twitter zu gehen. Das habe ich bislang beibehalten. Natürlich ist es viel Arbeit, nach jedem Spiel, sich die Zeit zu nehmen und einen Bericht über das Spiel zu schreiben. Im Moment habe ich nicht das Gefühl, dass ich mich bei Facebook und Twitter anmelden möchte, aber vielleicht ändert sich das noch mal.

Warum haben Sie sich den Kommunikationsweg über eine Webseite ausgesucht?

Ich habe früh angefangen, meine eigene Webseite zu gestalten. Ich hatte Informatik in der Schule und dieses Fach immer sehr gemocht. Dadurch kam mir die Idee eine eigene Webseite zu machen. Ich mache alles alleine. Ich habe das Design entwickelt, ich schreibe die Texte selbst und habe dadurch viel Arbeit, die auf mich zukommt. Es ist eine Webseite über mich selbst, daher finde ich es schön, wenn man das auch selbst gestaltet. So sollte es bei einer Webseite über sich selbst auch sein. Das ist noch mal eine Abwechslung zum Tennis. Ich finde es wichtig, dass man 24 Stunden nicht nur an Tennis denkt, sondern auch ein paar andere Dinge hat, die man gerne tut. Das Gute daran ist, dass ich das mit dem Tennis noch verbinden kann.

Für den Turniersieg im Paris haben Sie 94.355 Euro bekommen. Auf Ihrer Webseite haben Sie geschrieben, dass Sie immer noch den alten Smart Roadster Ihrer Mutter benutzen. Ist nach dem Titel in Paris nun ein neues Auto fällig?

Das ist in nächster Zeit nicht geplant, irgendwann vielleicht. Ich nehme immer das Auto von meiner Mutter. Sie ist aber nicht so froh darüber. Ich bin durch das viele Reisen auch selten zu Hause, so dass ich eigentlich auch kein Auto brauche. Aber irgendwas muss ich mir davon noch kaufen. Der Sieg kam so unerwartet, dass ich noch gar nicht richtig darüber nachdenken konnte. (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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