"Wir sollten uns nicht gegenseitig bejagen"

Samstag, 23.06.2012 | 13:06 Uhr
© Jürgen Hasenkopf

Der Ex-Weltranglisten-Vierte spricht im Interview über sein Leben nach dem Tennis, die Nachwuchsförderung, Wimbledon und das verpasste Olympia-Gold.

Von Christian Albrecht Barschel

Nicolas Kiefer spielte von 1995 bis 2010 auf der ATP-Tour. Der Niedersachse gewann sechs Turniere und erreichte 13 weitere Finals. Sein bestes Ergebnis bei einem Grand-Slam-Turnier erzielte Kiefer mit dem Halbfinaleinzug bei den Australian Open 2006. Die beste Weltranglistenplatzierung von Kiefer war Platz vier im Jahre 2000. Mit Rainer Schüttler gewann er 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen die Silbermedaille im Doppel. Ende 2010 beendete Kiefer seine Karriere als Tennisprofi und kümmert sich seitdem um die Nachwuchsförderung.

Herr Kiefer, ihr Rücktritt als Tennisprofi liegt anderthalb Jahre zurück. Wie fühlt sich ihr Leben fernab der ATP-Tour an?

Kiefer: Es ist ein anderes Leben. An vieles musste ich mich erst einmal gewöhnen. Aber es ist alles gut. Ich bin kein Mensch, der lange zurückschaut.

Vermissen Sie manchmal das Reisen und die Kollegen auf der Tour oder sind Sie froh, endlich mehr Zeit für andere Dinge zu haben?

Kiefer: Den einen oder anderen vermisse ich natürlich. Aber ich stehe auch mit vielen noch in Kontakt. Ich bin so lange gereist, dass es echt schön ist, jetzt auch einmal ein wenig Wurzeln zu schlagen.

Sie sind derzeit als Mentor und Berater am Bundesstützpunkt Nord tätig. Welche Aufgaben haben Sie konkret übernommen?

Kiefer: Organisieren, Pläne erarbeiten, Gespräche mit Spielern, Offiziellen, Trainern und Sponsoren: All das, worum ich mich vorher kaum gekümmert habe. Aber es ist höchst interessant und macht Spaß. Vor allem, wenn sich der Erfolg einstellt. Doch das ist ein sehr langer Prozess und hat dann auch Schattenseiten.

Welche?

Kiefer: Wir haben in Deutschland ja ein dezentrales Fördersystem und nicht alle Stützpunkte haben die gleichen wirtschaftlichen Voraussetzungen. Es gibt Landesverbände, die sich eine private Tennisschule an die Seite holen, welche über ganz andere wirtschaftlichen Möglichkeiten verfügt und sich nicht an Verbands-Disziplin halten müssen. Wir legen zum Beispiel auch großen Wert darauf, dass die Talente eine geordnete schulische Ausbildung genießen. Bei anderen geht es nur um den sportlichen Erfolg. Und dann verlassen uns schon mal Talente, weil sie von anderswo gebratene Tauben versprochen bekommen, wo es bei uns nur harte Arbeit zu holen gibt. Das ist lästig und ärgerlich. Wir sollten uns in Deutschland nicht gegenseitig bejagen, sondern harmonisch miteinander arbeiten. Das Konkurrenzdenken kommt später von ganz alleine. Ich bin ein Verfechter der These, dass junge Talente im Umfeld ihres Elternhauses bleiben sollten. Andere denken da rigoroser. Darüber schüttele nicht nur ich den Kopf.

Wäre ein Engagement als Tourtrainer oder als Davis-Cup-Kapitän auch denkbar für Sie?

Kiefer: Das ist mit Sicherheit eine Option. Aber zum einen biedere ich mich nicht an, zum anderen kommt diese Option für mich erst in Frage, wenn die Spieler, mit denen ich noch aktiv war, nicht mehr zur Verfügung stehen. Dann könnte es ein Thema sein.

Die deutschen Herren stehen momentan im Schatten der Damen. Müssen wir uns auf weitere durchwachsene Jahre bei den Herren einstellen?

Kiefer: Ja, das ist wohl so. Das spricht, um es positiv zu werten, für die Klasse unserer Damen. Aber in der Tat müssen im Herrenbereich neue Wege, neue Konzepte her. So kann es sicherlich nicht weitergehen.

Die Generation Kiefer, Haas und Schüttler neigt sich dem Ende. Wurden ihre gemeinsamen Erfolge und Verdienste für das deutsche Tennis - verglichen mit der aktuellen Generation - überhaupt genügend gewürdigt?

Kiefer: Man hat ja von uns als der "verlorenen Generation" gesprochen. Was bitte ist dann die aktuelle? Ein bisschen was haben wir ja schon erreicht.

Tommy Haas hat ziemlich überraschend das Turnier in Halle gewonnen. Was trauen Sie ihm in Wimbledon zu?

Kiefer: Tommy scheint ein wenig wie eine Wundertüte. Aktuell ist er so etwas wie der deutsche Hoffnungsträger. Das spricht ja auch für sich.

Sie standen 1997 mit 19 Jahren in Wimbledon im Viertelfinale. Danach lief es aber nicht allzu gut für Sie in Wimbledon. Dabei hatte das Spiel auf Rasen doch gut zu Ihnen gepasst. Was lief da schief?

Kiefer: Der Rasen war zu nass, zu hoch, zu grün, der Platz zu groß, das Netz zu hoch... was soll es, da jetzt nach Gründen zu suchen. Ich habe in Wimbledon sicher nicht meine besten Ergebnisse gehabt, was ich sehr bedauere, weil ich gerne dort gespielt habe. Aber das hake ich jetzt nicht mehr nach.

Welche schönen und weniger schönen Erinnerungen haben Sie an ihre Zeit in Wimbledon?

Kiefer: Da gibt es schöne und weniger schöne Momente: 1995 das Juniorenfinale. Ich habe verloren. Aber dann hat mich Steffi Graf getröstet und zu ihrer Siegesfeier eingeladen. Meine Viertelfinal-Teilnahme 1997 war definitiv ein positiver Moment, nämlich der Startschuss in meine lange Karriere.

In wenigen Wochen findet auch das olympische Tennisturnier in Wimbledon statt. Wie oft denken Sie noch an die vier vergebenen Matchbälle im Doppelfinale bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen?

Kiefer: Sehr oft. Die Silbermedaille werte ich ja als den größten Erfolg meiner Karriere und ich schaue sie mir weiterhin regelmäßig an.

War das verlorene Olympiafinale die schlimmste Niederlage in ihrer Karriere oder gab es noch schlimmere Niederlagen?

Kiefer: Natürlich war es die schlimmste Niederlage und dennoch mein größter Erfolg. So scheinbar widersprüchlich kann der Sport sein.

Und was war ihr schönster Moment in ihren 16 Jahren auf der ATP-Tour?

Kiefer: Auf jeden Fall meine Teilnahme an der ATP-Weltmeisterschaft 1999 in meiner Heimatstadt Hannover mit dem Halbfinaleinzug gegen Pete Sampras. Auf der Tribüne saßen meine gesamte Familie, alle Freunde. Ich war da sehr stolz.

Sie sind vor kurzem ihren ersten Marathon gelaufen. Was war härter für Sie? Ein Fünfsatzmatch oder ein Marathon?

Kiefer: Ein Marathon ist schon der Wahnsinn. Da musst du echte Krisen überstehen, mit dir selbst kämpfen, nicht mit einem Gegner. Das ist grausam. Aber, ich habe Blut geleckt...

Sie sind bekennender Fan von Hannover 96. Was passiert zuerst? Hannover wird Deutscher Meister oder Deutschland bekommt den nächsten Grand-Slam-Sieger?

Kiefer: Die Wette gewinnen unsere Tennis-Damen...

Foto: Jürgen Hasenkopf

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