„Im Moment schlagen noch zwei Herzen in mir“

Freitag, 30.03.2012 | 11:02 Uhr
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Der ehemalige Davis-Cup-Spieler über die Arbeit in seiner Tennis-University, sein neues Amt in Stuttgart und seine Karriereplanung.

Von Christian Albrecht Barschel

Alexander Waske ist seit 2000 Tennisprofi. Der Frankfurter gewann bislang vier ATP-Turniere im Doppel und schaffte es bis auf Platz 16 der Doppelweltrangliste. Im Einzel ist seine beste Platzierung die Nummer 89. Waske lief, wenn es darum ging, Deutschland im Teamwettbewerb zu vertreten, zur Höchstform auf und gewann 17 seiner 19 Spiele. 2010 gründete er mit Rainer Schüttler die Schüttler Waske Tennis-University in Offenbach, in der unter anderen Andrea Petkovic, Angelique Kerber und Cedrik-Marcel Stebe trainieren.

Herr Waske, die Schüttler Waske Tennis-University wurde 2010 gegründet. Hätten Sie gedacht, dass Ihre Akademie bereits so schnell in aller Munde ist?

Wir haben die Sache natürlich gestartet, um damit erfolgreich zu sein. Dass wir so schnell so viel Erfolg haben mit Halbfinalteilnahmen bei den Grand Slams und Spielern in den Top 10, hätte ich aber nicht gedacht.

Wie zufrieden sind Sie mit den Leistungen Ihrer Schützlinge in diesem Jahr?

Ich bin sehr zufrieden mit Angelique Kerber. Sie hat sich spielerisch, körperlich und mental extrem verbessert. Ich denke, dass sie bis Mitte des Jahres unter den Top 10 stehen wird. Andrea Petkovic war leider verletzt und fängt jetzt mit dem Training wieder an. Ich hoffe, dass sie die zweite Saisonhälfte sehr gut abschließen kann. Cedrik-Marcel Stebe macht derzeit sehr viele Erfahrungen. Er hat in Dubai gegen Novak Djokovic gespielt und mit Roger Federer trainiert. Er merkt, dass er sich spielerisch so weit entwickelt hat, dass er die Leute oben in der Weltrangliste ärgern kann und demnächst auch schlagen kann.

Was fehlt bei Stebe noch, um den nächsten großen Schritt zu machen?

Es fehlt ein bisschen an Erfahrung. Er bewegt sich sehr gut, ist sehr athletisch und spielt sehr schnell von der Grundlinie. Momentan arbeiten wir an seinem Aufschlag und an seinem Angriffsspiel, damit er lernt, die gut vorbereiteten Punkte auch am Netz abzuschließen.

Als Angelique Kerber im Sommer 2011 zu Ihnen in die Tennis-University kam, stand sie am Scheideweg ihrer Karriere. Mittlerweile kratzt sie an den Top 10 und ist die beständigste deutsche Spielerin. Welchen Anteil hat die Tennis-University am Erfolg von Kerber?

Angelique ist als Nummer 107 der Weltrangliste zu uns gekommen. Sie war nicht fit und ohne Selbstbewusstsein. Daran haben wir sehr viel gearbeitet. Natürlich haben wir nicht den alleinigen Anteil. Angelique hat sehr viel für den Erfolg gegeben. Sie hat die Vorgaben erfüllt, hart an sich gearbeitet und ist erfolgshungriger geworden. Man kann sagen, dass ihr ganzes Umfeld professioneller geworden ist und dass alles gut zusammengepasst hat. Im mentalen Bereich hat sie sich auch extrem weiter entwickelt und arbeitet mit Holger Fischer zusammen, der mehrere unserer Spieler betreut. Ihr Management (Aljoscha Thron, Global Sports) hat ihr auch viel geholfen, im Vorfeld alle Trainings- und Turnierphasen bestmöglich zu strukturieren. Diese ganzen Komponenten hatten einen Einfluss auf sie, und man kann sagen, dass sich Angelique als Persönlichkeit extrem gut entwickelt hat.

Mit Richard Becker, Jaan-Frederik Brunken, Dominik Schulz, Anna Zaja und Sina Haas trainieren auch einige Spieler aus der zweiten deutschen Reihe bei Ihnen. Wer hat das größte Potential, um nach vorne zu kommen?

Wir haben viele junge und gute Rennpferde in unserem Stall. Richard Becker war unter den ersten 20 in der Junioren-Weltrangliste. Statistisch ist es so, dass er eine 50-prozentige Chance auf die Top 100 hat. Er ist innerhalb eines Jahres von 0 auf 561 gestiegen. Jaan-Frederik Brunken spielt in meinen Augen bereits ein viel höheres Niveau, als er das im Moment bei den Turnieren abruft. Er muss vom Kopf her den nächsten Schritt gehen, um sich auf Challenger-Niveau zu etablieren. Sina Haas hatte etwas mit Verletzungen zu kämpfen. Als deutsche Meisterin hat sie schon bewiesen, dass sie gut Tennis spielen kann. Auch Anna Zaja musste wegen einer Schulterverletzung pausieren. Zu Beginn des Jahres hat sie bereits gut gespielt. Bei Dominik Schulz haben wir probiert, technisch viel umzustellen, was langsam Früchte trägt. Seine Willenskraft, hart an sich zu arbeiten, wird sich auszahlen. Das sind alles Athleten, die uns viel Spaß machen, weil sie alle wollen. Das sind keine Spieler, die gezwungenermaßen zu uns geschickt werden. Dann macht es auch Spaß, mit ihnen zu trainieren.

Top-10-Spieler Janko Tipsarevic trainiert ebenfalls bei Ihnen in der Akademie. Was können sich speziell die deutschen Spieler von ihm abschauen?

Janko hat eine sehr hohe Trainingsintensität. Er ist wahnsinnig fokussiert. Man merkt, dass er keinen Hänger hat. Er spielt auf einem sehr hohen Niveau über einen sehr langen Zeitraum. Wenn andere Spieler mit ihm trainieren, merkt man, dass diese für einige Minuten wegbrechen, unkonzentriert werden und eine Reihe von leichten Fehlern schlagen. Das passiert bei Janko nicht. Das Schöne bei uns ist, dass wir viele Top-Leute haben, die über Wochen bei uns trainieren, wie zum Beispiel Yen-Hsun Lu, Benjamin Becker und Rainer Schüttler. Das hilft den jungen Spielern, die sich an diesen Spielern messen können, unglaublich viel. Für die Top-Leute ist das auch gut, weil sie genügend Trainingspartner haben, um neue Sachen auszuprobieren und von jungen, hungrigen Spielern gefordert werden.

Im Davis-Cup-Halbfinale 2007 in Russland haben Sie das deutsche Doppel mit einem lädierten Ellbogen zum Sieg geführt. Danach mussten Sie sehr lange pausieren. Würden Sie, wenn Sie die Wahl hätten, erneut trotz Verletzung spielen?

Nein, ich würde nicht wieder spielen.

Dieser Davis-Cup Einsatz hat also zumindest Ihre Karriere im Einzel beendet?

Genau, diese Verletzung war verantwortlich für mein Karriereende im Einzel.

Andrea Petkovic ist ein ähnlicher Typ wie Sie und ebenfalls extrem hart zu sich selbst. Wie können Sie mit den Verletzungsproblemen, die sie in Ihrer Karriere hatten, auf Petkovic einwirken?

Das ist schwer. Andrea hat ihren eigenen Kopf und macht ihre eigenen Entscheidungen. Ich kann ihr nur sagen, wie es bei mir war und welche Lehren ich daraus gezogen habe. Trotzdem müssen die Spieler ihre Erfahrungen auch selber machen. Es ist oftmals ein sehr schmaler Grat. Man muss abwägen, ob es eine schwere Verletzung ist oder man sich als harter Hund durchbeißen will, indem man eine Schmerztablette nimmt. Da gilt es, in seinen Körper hineinzuhorchen. Wichtig ist auch, dass man gute Physiotherapeuten und Ärzte hat, denen man vertraut und die auch die richtigen Diagnosen stellen, um einem zu helfen. Ich denke, dass Andrea da gut aufgestellt ist, Sie arbeitet mit Werner Krass zusammen und hat mit ihm einen Top-Mann an ihrer Seite.

Sie haben vor allem im Davis Cup (8:1-Bilanz) und im World Team Cup (9:1-Bilanz) herausragende Leistungen gebracht. War das Spielen für Deutschland immer eine besondere Motivation für Sie?

Definitiv. Das waren die Highlights meiner Karriere. Ich habe auch bei anderen Turnieren gute Ergebnisse erzielt. Aber das Wichtigste für mich waren immer die Mannschaftswettbewerbe. Auch in der Bundesliga habe ich immer sehr gerne gespielt. Für Deutschland zu spielen, ist sowie das Allergrößte. Das hatte eine Wertigkeit, die zehnfach höher war als jedes andere Turnier. Ich war auch immer extra nervös und angespannt. Das hat mich immer unglaublich viel Kraft gekostet, auch wenn es "nur" Doppel war. Ich war beim Davis Cup am Sonntag immer so kaputt, weil ich über meine Grenzen hinausgegangen bin. Das war es aber auch jedes Mal wert.

Wäre ein Amt als Davis-Cup-Kapitän auch reizvoll für Sie?

Ja, prinzipiell schon. Ich habe aber derzeit keine Ambitionen, an der Tür zu klopfen. Momentan spiele ich ja auch noch selber. Danach muss ich mich über mehrere Jahre auf der Tour etablieren und Erfahrungen als Trainer sammeln. In ferner Zukunft, wenn Patrik nicht mehr will, wäre das aber denkbar.

Beim Mercedes Cup in Stuttgart werden Sie dieses Jahr das Organisationsteam um Turnierdirektor Edwin Weindorfer verstärken. Wie ist es zu diesem Engagement gekommen und was wird Ihre Aufgabe sein?

Ich habe das Turnier in Stuttgart viele Jahre gespielt und kenne Edwin Weindorfer sehr gut. Wir sind ins Gespräch gekommen und haben uns über das Turnier unterhalten. Ich hatte ein paar Ideen, was man besser machen könnte. Das hat Edwin ganz gut gefallen. Er hat bei mir angefragt, ob ich dem Turnier in beratender Funktion helfen möchte. Es geht zum einen darum, das Turnier angenehmer für die Spieler zu machen. Zudem will ich meine Erfahrungen einbringen, um das Turnier noch attraktiver zu machen. Wir haben für den Samstag eine ganz tolle Veranstaltung geplant, wozu ich leider noch nichts Näheres sagen kann. Es gibt auch noch Kleinigkeiten, die man verbessern kann, damit es für die Zuschauer noch schöner wird. Das Anwerben von Spielern ist sicherlich auch noch ein Thema.

Neben der Arbeit als Akademieleiter und Turnierorganisator spielen sie auch noch Tennis. Wie bekommt man das alles unter einen Hut?

Das ist schwierig. Mein Privatleben leidet auch extrem darunter. Im Moment schlagen noch zwei Herzen in mir. Das eine ist der Unternehmer, das andere ist der Profi. Solange das passiert, muss ich beiden Herzen noch folgen. Irgendwann wird das Herz des Spielers aufhören zu schlagen, und dann bin ich nur noch Unternehmer.

Wie sieht Ihre weitere Karriereplanung aus? Wie lange wollen Sie noch Doppel spielen?

Das weiß ich noch nicht genau. Ich höre auf, wenn ich das Gefühl habe, dass ich keine Lust mehr habe, zu schlecht bin oder zu alt bin.

Am 31. März werden Sie 37 Jahre alt. Gibt es einen besonderen Wunsch für das neue Lebensjahr?

Ja, den habe ich. Ich wünsche mir vor allem viel Gesundheit. (Foto: GEPA pictures)

Hier geht es zur Webseite der Schüttler Waske Tennis-University.

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