"Diese Supersaison war nicht nur Glück"

Donnerstag, 15.12.2011 | 09:30 Uhr
© tennisnet

Die 19-jährige Senkrechtstarterin spricht im Interview über ihre fabelhafte Saison, ihre Leistungsexplosion, ihre Schiene am Arm und über den Kontakt zu den Fans.

Von Christian Albrecht Barschel

Dinah Pfizenmaier (19) stieg 2011 wie Phönix aus der Asche. Die Westfälin begann die Saison erst im Juli, gewann insgesamt vier ITF-Turniere und spielte sich von 0 bis auf Platz 264 vor. Zwischen August und November holte sie dabei 25 Siege am Stück. Ihr tolles Jahr krönte Pfizenmaier schließlich mit dem Titel bei den deutschen Meisterschaften.

Frau Pfizenmaier, herzlichen Glückwunsch zum Titel bei den deutschen Meisterschaften. Ein besseres Weihnachtsgeschenk kann es doch kaum geben.

Das stimmt! Da kann eigentlich nichts Besseres mehr kommen.

Welchen Stellenwert hat der Titel "Deutsche Meisterin" im Vergleich zu ihren bisherigen Turniersiegen?

Der deutsche Meistertitel hat einen sehr hohen Stellenwert im deutschen Tennis und auch einen hohen Wert für mich. Man kann das aber gar nicht so richtig vergleichen, da es für den Titel im Vergleich zu den ITF-Turnieren keine Weltranglistenpunkte gibt. Ich denke, dass beide auf ihre Art wichtig sind.

Sie haben sich innerhalb von nur vier Monaten von 0 auf Platz 264 vorgespielt. Diese Zeit muss Ihnen doch wie im Traum vorgekommen sein.

Es war wirklich eine unglaubliche Saison. Am Anfang habe ich gedacht, dass ich einen Lauf habe. Aber als es dann mehr Siege wurden und ich höher in der Rangliste geklettert bin, wusste ich, dass ich auf einem guten Niveau spielen kann. Inzwischen glaube ich an mich, und diese Supersaison war bestimmt nicht nur Glück.

Von August bis November haben Sie eine 25 Spiele umfassende Siegesserie hingelegt. Wie enttäuscht waren Sie, als diese Serie endete? Oder fiel damit auch gleichzeitig eine Last ab?

Beides ein bisschen. Als ich verloren habe, wusste ich zunächst gar nicht, was ich machen sollte, weil es ungewohnt war, zu verlieren. Andererseits war die Niederlage ganz gut, weil ich in dem Match nicht gut gespielt und verdient verloren habe. Ich habe immer irgendwo gelesen, dass ich bei sehr vielen Siegen war, aber mich hat das nie interessiert. Die Serie war unglaublich. Aber jetzt bin ich wieder bei null, habe ein paar Mal gewonnen und ein paar Mal verloren. Das ist auch gut so.

Sie haben eine 50:7-Bilanz vorzuweisen, obwohl Sie erst im Juli auf die ITF-Tour eingestiegen sind. Nur Andrea Petkovic und Sabine Lisicki haben aus deutscher Sicht mehr Spiele dieses Jahr gewonnen. Denken Sie darüber nach, was möglich gewesen wäre, wenn Sie das Jahr durchgespielt hätten?

Eigentlich nicht. Das Jahr ist gut so, wie es war. Ich konnte zunächst mein Abitur machen, was sehr wichtig für mich war. Ich konnte mich dann nach meiner Verletzung im letzten Jahr im Training wieder richtig aufbauen und habe ein Trainingslager über Ostern absolviert. Dass ich erst so richtig angefangen habe, als der ganze Schulstress vorbei war, war absolut richtig für mich.

Im letzten Jahr hatten Sie nicht ein Match im Hauptfeld gewonnen und mussten wegen einer Schulteroperation ein halbes Jahr pausieren. Wie erklären Sie sich diese Leistungsexplosion?

Da gibt es mehre Komponenten. Einerseits haben wir vor der Verletzung viel an den Schlägen gearbeitet und diese umgestellt. Nach der Verletzung bin ich dann ohne große Erwartungen wieder ins Training und in die ersten Turniere eingestiegen. Ich habe direkt gut gespielt, die Schläge kamen viel besser als vorher. Die Umstellung hat sich sofort bezahlt gemacht. Dann kam noch dazu, dass ich das Abitur in der Tasche hatte und der Schulstress weg war, den ich sonst im Hinterkopf hatte. Von Spiel zu Spiel ist dann mein Selbstvertrauen gestiegen. Ich habe besser gespielt und immer mehr Vertrauen in meine Schläge bekommen, daran mangelte es vorher total. Ich war damals mit dem ersten Weltranglistenpunkt schon zufrieden. Das kann man sich gar nicht vorstellen.

Beim Turnier in Helsinki hatten Sie gegen Kaia Kanepi ihr erstes Spiel gegen eine Top-40-Spielerin. Sie haben trotz guter Chancen knapp verloren. Was müssen Sie in Ihrem Spiel noch verbessern, damit es auch zu solchen Siegen reicht?

Den ersten Satz gegen Kanepi hätte ich gewinnen müssen. Ich hatte einige Chancen, vor allem im Tiebreak. In den entscheidenden Situationen war sie dann einfach abgeklärter. Wenn ich nur ein bisschen nachgelassen habe, war sie sofort da. Das war das erste Spiel gegen eine Spielerin in diesem Bereich. Wenn man fünf oder sechs Spiele in kurzer Zeit gegen Top-Spielerinnen spielen kann, dann bekommt man ein Gefühl für das Niveau. Es ist wohl eine Frage der Anpassung, bis es zu solchen Siegen kommen kann.

Sie spielen mit einer Schiene am linken Arm. Ist das reine Prophylaxe oder mittlerweile auch zu Ihrem Glücksbringer geworden?

Teils, teils! Ich kann nicht ohne Schiene spielen, weil ich eine Verletzung am linken Handgelenk hatte und keiner genau wusste, was es ist. Schmerzfrei kann ich nur mit der Schiene spielen. Am Anfang fiel mir die die Technikumstellung der Rückhand schwer, doch inzwischen komme ich sehr gut damit zurecht. Mittlerweile freue ich mich, wenn ich die Schiene anziehen darf, denn das bedeutet, dass es auf den Platz geht.

Mit der gestiegenen Ranglistenplatzierung wird die Teilnahme an höherklassigen Turnieren jetzt einfacher. Wann sehen wir Sie auf der WTA Tour oder bei den Grand Slams?

Vielleicht fliege ich schon zu den Australian Open. Wir haben nach einer Wildcard für die Qualifikation gefragt. Über die Rangliste komme ich wohl nicht rein. Entweder sehen Sie mich dort oder bei den anderen Qualis der Grand Slams. Ich hoffe, dass ich das schaffe.

Was sind die konkreten Ziele für 2012? Gibt es eine Ranglistenvorgabe?

Über das nächste Jahr habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht. Eine Ranglistenvorgabe gibt es nicht. Das hatte sich dieses Jahr mit den Top 600 auch relativ schnell erledigt. Seitdem sage ich, dass ich einfach nur spielen möchte. Ich mache mir da keinen Kopf. Wenn es nächstes Jahr nicht so phänomenal läuft wie dieses Jahr, ist das überhaupt kein Problem. Ich möchte nur gerne in die Grand-Slam-Qualis reinkommen. Das ist das Ziel, was ich vor Augen habe.

Wie schätzen Sie dann die Chancen ein, dass Sie bei den French Open ihr erstes Grand-Slam-Turnier spielen?

Ich denke, dass es machbar ist und dass ich es schaffe.

Durch Ihre Erfolge sind Sie auch in das Interesse der Medien gerückt. Hatten Sie schon Kontakt zu Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner?

Barbara war bei den deutschen Meisterschaften vor Ort. In Ismaning hatte ich einige Wochen zuvor schon eine Wildcard von ihr bekommen. Dort habe ich mich mit ihr auch unterhalten und sie hat mir Respekt für meine erbrachten Leistungen gezollt. Über den Fed Cup brauchen wir aber nicht zu reden. Das ist derzeit natürlich kein Thema.

Die Konkurrenz im deutschen Damentennis ist derzeit sehr groß. Glauben Sie, dass Sie in den nächsten Jahren eine Rolle im deutschen Fed-Cup-Team spielen können?

Ich denke, dass jede deutsche Tennisspielerin das Ziel hat, im Fed-Cup-Team zu spielen, aber bis dahin ist es ein langer Weg. Außerdem ist das Team zurzeit mit Weltklasse-Spielerinnen gefüllt und vor mir stehen auch noch einige Mädels, die eher dafür in Frage kommen. Natürlich ist es mein Ziel, irgendwann in der Nationalmannschaft zu spielen, aber eins nach dem anderen.

Sie haben bereits eine Facebook-Seite, die Sie regelmäßig pflegen. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu den Fans?

Das ist auf jeden Fall sehr wichtig. Bevor ich die Seite angelegt habe, hatte ich einige private Nachrichten bekommen. Es ging dann sehr durcheinander. Da sich so viele für mich und mein Tennis interessieren, habe ich die Seite errichtet. Ich versuche so viel zu antworten, wie es geht. Ich bekomme immer gutes Feedback, und ich freue mich, wenn mir Leute Glück wünschen oder gratulieren. Das ist toll und macht Spaß.

Wie verbringen Sie die Weihnachtstage und den Jahreswechsel? Haben Sie die Zeit, sich auszuruhen oder geht es nahtlos ins neue Tennisjahr über?

Diese Woche trainiere ich noch ein bisschen. Nächste Woche fahre ich dann nach Hause zu meinen Eltern, wo wir Weihnachten feiern. Kurz vor Silvester steige ich dann wieder ins Training ein.

Im Januar werden Sie 20 Jahre alt und beenden das Teenager-Dasein. Haben Sie Wünsche für den neuen Lebensabschnitt?

Einfach das alles so läuft, wie es momentan ist. Auch wenn Niederlagen kommen, macht mir das nichts aus. Ich bin im Moment so glücklich. Ich will gesund bleiben, gut spielen und Spaß haben. Dann passt das alles.

Zum Schluss: Welche Schlagzeile würden Sie 2012 gerne über sich lesen?

Dinah Pfizenmaier knackt Top 150! (Foto: tennisredaktion.de)

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