„2011 hatte ich die schönsten und schlimmsten Momente meiner Karriere“

Donnerstag, 08.12.2011 | 09:50 Uhr
© GEPA pictures

Die Kielerin spricht im Interview über ihren großen Erfolg bei den US Open, die Teilnahme beim Fed Cup und über den Druck der Medien.

Von Christian Albrecht Barschel

Das Tennisjahr von Angelique Kerber (23) war eine Achterbahn der Gefühle. Im ersten Halbjahr setzte es für die Kielerin elf Erstrundenniederlagen. Nach einer kurzen sportlichen Auszeit kam Kerber aber wie ausgewechselt auf die Tour zurück. Bei den US Open spielte sie sich sensationell bis ins Halbfinale und wurde damit die erste deutsche Halbfinalistin in New York seit Steffi Graf. Nach dem Halbfinale in Osaka erreichte sie mit Platz 29 ihre beste Karriereplatzierung.

Frau Kerber, haben Sie sich von Ihrem turbulenten Tennisjahr 2011 gut erholt?

Ich habe mich sehr gut erholt und drei Wochen Pause gemacht. Jetzt bin ich mittendrin in der Vorbereitung für das nächste Jahr.

Wie genau sieht Ihre Vorbereitung für die Saison 2012 aus?

Zunächst habe ich ohne Schläger trainiert und mich um Kondition und Ausdauer gekümmert. Seit zwei Wochen bin ich jetzt im Tennistraining. Drei Wochen habe ich noch Zeit, um gut ins neue Jahr zu kommen.

Trainieren Sie weiterhin in der Schüttler-Waske-Akademie oder bleiben Sie daheim in Kiel?

Die Vorbereitung für das nächste Jahr mache ich in der Akademie in Offenbach.

Wie verbringen Sie die Weihnachtstage und den Jahreswechsel?

Weihnachten werde ich wie jedes Jahr mit der ganzen Familie zu meinen Großeltern nach Polen fahren. Zum Jahreswechsel werde ich in Auckland sein. Am 26.12. fliege ich nach Neuseeland. Vor Melbourne werde ich noch zwei Vorbereitungsturniere spielen.

Das erste Halbjahr verlief denkbar schlecht für Sie. Viele knappe Niederlagen und der Absturz in der Weltrangliste aus den Top 100. Beginnt man nach den vielen Rückschlägen damit, an sich selbst zu zweifeln?

Auf jeden Fall. Das ganze Jahr war ein Auf und Ab. Ich hatte die bislang schönsten Momente in meiner Karriere, aber auch die schlimmsten. Am Anfang des Jahres kassierte ich nur Erstrundenniederlagen. Mitten im Jahr habe ich dann angefangen zu zweifeln und mir Fragen gestellt: Was mache ich falsch? Bin ich wirklich so schlecht? Meine Familie und mein ganzes Team standen aber immer hinter mir und haben mir Mut gemacht. Irgendwann habe ich mir dann gesagt, dass ich es noch einmal versuchen will und habe alle Turniere vor New York erst einmal abgesagt. Ich habe mich dann gut vorbereitet, hätte aber nie gedacht, dass ich ins Halbfinale kommen würde.

Dann kamen Ihre zwei sagenhaften Wochen bei den US Open. Als Nummer 92 der Welt ins Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Müssen Sie sich noch manchmal zwicken, damit sie wissen, dass Sie das alles nicht geträumt haben?

Ehrlich gesagt, Ja! Als ich aus New York nach Hause gekommen bin, konnte ich das noch nicht richtig glauben. Es musste erst etwas Zeit vergehen, bis ich es richtig begriffen habe. Ich könnte mich immer noch zwicken, um zu sehen, ob ich träume. So langsam habe ich mich aber an die Situation gewöhnt. Niemand hat mit mir bei den US Open gerechnet. Ich bin dort ohne Erwartungen hingeflogen. Dass es am Ende bis ins Halbfinale geht, hätte ich nie gedacht.

Nach den US Open ging es zwischenzeitlich hoch bis auf Platz 29. Was hat sich für Sie nach ihrem Erfolg in New York geändert?

Aus dem Turnier habe ich sehr viel Positives mitgenommen. Ich weiß auf jeden Fall, dass ich oben mitspielen kann. Ich muss noch härter an mir arbeiten, um mit den Topspielern mitzuhalten. Das Turnier hat es auf jeden Fall gezeigt, dass ich es kann. Ich habe sehr viel Selbstbewusstsein mitgenommen, was mir für 2012 eine große Hilfe sein wird. Vor allem die Erfahrung, dass ich es schon in die zweite Woche eines Grand Slams geschafft habe.

Andrea Petkovic, Sabine Lisicki und Julia Görges haben zuvor schon wieder Feuer im deutschen Damentennis entfacht. Hat das eine Sogwirkung auf Sie gehabt, indem man sich selbst sagt: "Was die können, kann ich schon lange!"?

Ich habe mich über die Erfolge der Mädels sehr gefreut, vor allem weil endlich mal wieder Deutsche vorne mitspielen. Ich kenne die anderen schon von klein auf und habe mit ihnen mein ganzes Leben lang trainiert. Daher wusste ich, wenn die das können, kann ich es auch. Sie haben mir die Motivation gegeben, noch härter zu trainieren, was sich letztendlich auch ausgezahlt hat.

Was sind Ihre Ziele für 2012? Im ersten Halbjahr haben Sie nur ganz wenige Punkte zu verteidigen.

Ich will mir keine großen Ziele setzen. Ich möchte nicht sagen, dass ich mir die Top 10 oder Top 20 vornehme. Ziel ist es, jedes Turnier und jedes Match mein Bestes zu geben, mich weiter zu entwickeln und Erfahrungen zu sammeln. Ich freue mich auf die neue Saison und starte mit der besten Platzierung meiner Karriere. Ich werde die Zeit genießen, versuchen so gut zu spielen, wie es geht und möchte in der Rangliste so hoch kommen, wie es möglich ist.

Wie wichtig ist Ihnen die Teilnahme an den Olympischen Spielen?

Die Teilnahme ist mir sehr wichtig. Jeder Sportler träumt davon, einmal bei den Olympischen Spielen dabei zu sein. Ich werde alles geben, damit ich in London dabei sein kann. Ich hoffe, dass die anderen Mädels das auch schaffen, damit wir gemeinsam nach London fliegen.

Ein Halbfinale bei den US Open weckt auch Hoffnungen und bedeutet nun größeren Erwartungsdruck, vor allem von den Medien. Haben Sie sich auf diese Situation schon eingestellt?

Ich werde auf jeden Fall versuchen, das abzuschalten. Ich weiß, dass der Druck kommen wird. Trotzdem werde ich jedes Match so spielen, wie ich es bisher gespielt habe. Ich werde mir selbst keinen Druck machen und mein Bestes geben. Wenn es klappt, klappt es. Wenn es nicht klappt, passiert es halt. Es wird immer mal ein Tief geben. Das muss man akzeptieren.

Anfang Februar spielt Deutschland im Fed Cup zu Hause gegen Titelverteidiger Tschechien. Sie haben seit 2008 nicht im Fed Cup gespielt und haben bislang alle drei Spiele verloren. Derzeit sind Sie die deutsche Nummer vier. Gehen Sie davon aus in Stuttgart dabei zu sein?

Ich bin auf jeden Fall bereit. Beim letzten Fed-Cup-Spiel habe ich Barbara gesagt, dass ich gerne spielen möchte. Letztendlich hat sie sich gegen mich entschieden. Aber ich bin weiterhin bereit und stehe jederzeit zur Verfügung. Ich hoffe, dass sie sich diesmal für mich entscheiden wird. Wenn sie das macht, bin ich auf jeden Fall dabei.

Die Chancen auf einen deutschen Fed-Cup-Titel in den nächsten Jahren stehen gut. Sehen Sie das genauso?

Wir haben das beste Team, was es seit Jahren gab. Wir verstehen uns alle sehr gut, und der Teamgeist ist wirklich prima. Die Chance ist natürlich da, dass wir den Titel gewinnen. Wir werden alles dafür geben, um das Beste daraus zu machen.

Sabine Lisicki und Caroline Wozniacki haben wie Sie ebenfalls polnische Wurzeln. Dazu kommen noch die Radwanska-Schwestern. Woran liegt es, dass es derzeit so viele gute polnisch stämmige Spielerinnen gibt?

Gute Frage. Es gibt derzeit wirklich viele gute Spielerinnen mit polnischen Wurzeln, die nicht für Polen spielen. Woran das aber liegt, kann ich nicht genau sagen.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, mit Wozniacki, Lisicki und den Radwanskas im Fed Cup zu spielen?

Darüber nachgedacht habe ich nicht. Wir verstehen uns alle sehr gut und reden auch polnisch miteinander. Jeder spielt aber für sein Land. Dass wir polnische Wurzeln haben, heißt nicht, dass wir auch für Polen spielen. Wenn wir in einer Mannschaft spielen würden, würde das natürlich eine gute Mannschaft sein. Aber richtig darüber nachgedacht habe ich nicht.

Sie sind eng mit Wozniacki befreundet. Die Dänin wird immer wieder dafür kritisiert, dass sie als Nummer eins noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. Finden Sie die Diskussion unfair? Wie geht Wozniacki mit dieser Situation um?

Ich finde, dass die Medien ganz schön sticheln, dass sie noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen hat. Aber sie ist noch sehr jung und hat viel Zeit vor sich. Das nächste Grand-Slam-Turnier wird ja nicht ihr letztes sein. Wir werden sehen, was sie in der Zukunft macht. Sie hat auf jeden Fall sehr große Chancen, dass sie demnächst einen Grand-Slam-Titel holt. (Foto: GEPA pictures)

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