„Du musst aufpassen, dass du dich nicht verheizt“

Sonntag, 17.07.2011 | 12:32 Uhr
© tennisnet

Der Lübecker spricht im Interview über sein Heimturnier in Hamburg, die Veränderungen als Newcomer des Jahres, die fehlenden Puzzleteile für die Top 50 und die Ermüdungserscheinungen als Vielspieler.

Von Christian Albrecht Barschel

Herr Kamke, für Sie als Lübecker ist Hamburg so etwas wie Ihr Heimturnier mit Ihrem Mentor Michael Stich als Turnierdirektor. Welche Bedeutung hat das Turnier für Sie?

Die Aufmerksamkeit ist natürlich schon höher verglichen zu ausländischen Turnieren. Wenn du dann gute Ergebnisse erzielst, wird es noch mehr wahrgenommen. Ich habe besondere Erinnerungen an das Turnier. In Hamburg war es das erste Mal, dass ich große Spieler gesehen habe. Ich habe immer davon geträumt, hier selbst mal zu spielen. Wenn du bei deinem Heimturnier gut spielst, ist es noch ein bisschen mehr wert, als wenn du woanders gut spielst. Ein gutes Abschneiden hier gibt dir eine Menge Selbstbewusstsein für den Rest der Saison, vor allem, weil du dich so sehr auf das Turnier gefreut hast.

Sie haben sich im letzten Jahr kometenartig von Platz 254 bis auf Rang 67 vorgespielt und wurden durch die Wahl ihrer Spielerkollegen von der ATP als Newcomer of the Year ausgezeichnet. Was hat sich für Sie seitdem verändert?

Einiges hat sich verändert. Es sind viele neue Erfahrungen, die ich mache. Ich bin jetzt in der Region, dass ich nur noch ATP-Turniere spiele und jede Woche ins Hauptfeld komme. Ich lerne neue Turniere kennen und spiele gegen bessere Spieler. Ich werde auch anders wahrgenommen von Spielern, die zwischen 20 und 60 in der Weltrangliste stehen. Die Spieler interessieren sich mehr für dich, weil sie gemerkt haben, dass jemand von unten dazustößt und sie mich nicht so gut kennen wie andere Spieler. Die Medienpräsenz ist deutlich höher bei den Turnieren, vor allem weil ich letztes Jahr Newcomer des Jahres wurde. Anfang des Jahres musste ich natürlich viele Interviews deswegen geben. Aber das macht auch sehr viel Spaß.

Sie spielen jetzt hauptsächlich bei den größeren ATP-Turnieren und nur noch selten bei den Challengern. Wie schwierig gestaltete sich der Übergang?

Das ist schon schwierig. Es ist ähnlich wie der Übergang von Future-Turnieren zu den Challengern. Nur, dass es noch schwerer ist, weil die Spieler noch besser sind. Du spielst jede Woche gegen Leute, die 60 oder besser stehen. Du musst dabei hundertprozentig fit sein - körperlich und geistig. Sonst verlierst du in der ersten Runde. Dafür sind die Spieler zu gut. Es ist eine neue Herausforderung und war eines meiner Ziele, dass ich konstant ATP-Turniere spielen kann. Es macht Spaß, sich mit den guten Spielern zu messen und zu schauen, was diese noch besser machen als andere.

Sie haben zu Beginn des Jahres stark gespielt, aber trotzdem die engen Spiele gegen David Ferrer, Philipp Kohlschreiber und Radek Stepanek verloren. War das nicht frustrierend für Sie?

Total. Ich habe mich unglaublich gefühlt nach der Vorbereitung, bin nach Australien gereist und habe gedacht, wenn ich gut trainiere, dass ich weit kommen kann. Ich habe in Auckland ein sehr gutes Match gegen Ferrer gespielt mit Chance zum Gewinnen. Ferrer hat das Turnier dann auch gewonnen und war in Melbourne im Halbfinale. Das Kohlschreiber-Match war die Niederlage, mit der ich am meisten zu tun hatte, weil ich eine 2:0-Satzführung hatte und zuvor gegen ihn noch nicht gewonnen habe. Ich war der bessere Spieler und habe es trotzdem nicht gewonnen. Aber da bin ich recht ruhig geblieben, weil es im Vorjahr ähnlich war, als ich Anfang des Jahres bei den Challengern gut gespielt habe, aber über das Viertel- und Halbfinale nicht hinausgekommen bin. Es hat dann einige Zeit gedauert, bis ich Finale gespielt habe oder ein Challenger gewonnen habe.

Im Verlauf der Saison setzte es fünf glatte Erstrunden-Niederlagen in Folge. Wie schwer ist es, so einen Negativ-Lauf zu stoppen?

Ich habe das mit meinem Trainer besprochen. Er meinte auch, dass mein Tennis auf dem richtigen Weg ist und ich sehr gut spiele. Wenn ich mich nicht aus der Ruhe bringen lasse durch ein paar Niederlagen und weiter an mir arbeite, werde ich mich auch da durchspielen.

Sie haben in den kommenden Monaten mit zwei Turniersiegen bei Challengern einige Punkte zu verteidigen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Ich mache mich da nicht verrückt. Auch wenn man mal ein paar erste Runden verliert und in der Rangliste für den Moment 20 Plätze einbüßt. Ich habe jede Woche wieder die Chance, Punkte zu machen. Ich habe mein Ziel klar vor Augen und dafür arbeite ich jeden Tag.

Was sind denn Ihre sportlichen Ziele für die nächsten Monate?

Sportliches Ziel war Anfang des Jahres Top 50. Das ist auch nach wie vor so. Das will ich erstmal erreichen. Dafür gebe ich alles und davon rücke ich nicht ab. Da sehe ich keinen Grund dafür. Ich fühle mich körperlich fit genug, um das zu erreichen. Tennismäßig glaube ich auch daran, dass ich gut genug bin, das zu schaffen. Dafür gebe ich jede Woche alles und hoffe, dass ich das so schnell wie es geht erreichen kann.

In Newport haben Sie Ihr erstes Halbfinale auf der ATP Tour erreicht. Was fehlt in Ihrem Spiel noch im Vergleich zu den Spielern, die unter den Top 50 stehen?

Ich glaube, dass noch die Konstanz fehlt, um das ganze Jahr auf dem Top-50-Level durchzuspielen. Ich habe immer noch ein paar Schwankungen in meinem Spiel, wo ich Leute schlage, die höher in der Rangliste stehen. Und dann Matches bei Challengern verliere gegen Spieler, die so bei Platz 150 stehen. Die Leute, die in diesem Bereich stehen, wo ich hin will, spielen das ganze Jahr dieses Level durch - mit einigen Wochen, wo sie besonders gut spielen. Das braucht vielleicht noch etwas Zeit und ein paar mehr Matches gegen solche Spieler, so dass man sich richtig daran gewöhnt, jede Woche auf diesem Niveau spielen zu müssen. Dazu kommen noch einige Kleinigkeiten, die man in seinem Spiel verbessert. Diese sieht man aber selbst und der Trainer von außen, wenn man gegen diese Spieler spielt. Das sind Kleinigkeiten, an denen man dreht und die dich noch etwas besser machen.

Sie sind ein Vielspieler auf der Tour und haben letzte Saison mehr als 30 Turniere gespielt. Auch in dieser Saison sind Sie fast jede Woche im Einsatz. Haben Sie schon Ermüdungserscheinungen bei diesem ganzen Reisestress?

Ich habe letztes Jahr überlegt, ob ich nicht ein bis zwei Wochen Pause mache und eher zu trainieren. Wenn es dann aber gut läuft, merkt man es nicht ganz so extrem. Anfang dieses Jahres habe ich es schon gemerkt, dass ich keine Pause hatte, weil ich nahtlos vom alten ins neue Jahr übergegangen bin. Ich habe mir für dieses Jahr eigentlich auch vorgenommen, etwas weniger zu spielen. So richtig klappen tut das dann noch nicht. Ich habe bis jetzt aber nie das Gefühl gehabt, dass ich nicht mehr kann und mehrere Wochen ganz raus muss. Du musst aber schon aufpassen, dass du dich nicht verheizt. Ich will, dass gerne noch ein paar Jahre machen. Und nicht in den drei Jahren 38 Turniere spielen und dann mit 28 mit Krücken und zwei Plastikhüften ankommen. Diese ganze Belastungen mit dem Reisestress gehen auch nicht spurlos an dir vorbei. Aber ich kann das recht gut verkraften.

Wie schätzen Sie ihre Chancen ein, in Zukunft zum deutschen Davis-Cup-Team zu gehören?

Ich würde super gerne Davis Cup spielen. Das ist noch ein Ziel, dass ich habe. Dass es mit Flo und Kohli derzeit andere Spieler gibt, die eher dafür in Frage kommen, weiß ich. Da erhebe ich momentan keine Ansprüche im Team zu sein. Da muss ich mich erstmal deutlich verbessern, um dabei zu sein. Aber das liegt natürlich im Bereich des Möglichen, in Zukunft Davis Cup zu spielen. Ich wäre gegen Frankreich gerne dabei gewesen. Aber das Team so wie es war, ist sehr gut gewesen. Nächstes Jahr geht es ja wieder los. Wenn ich bis dahin mich wieder weiter verbessert und entwickelt habe, warum nicht. Das bleibt weiter ein Ziel von mir.

Ihr bester Kumpel auf der Tour ist Julian Reister. Sie mussten in Halle in der ersten Runde gegen ihn spielen. Wie schwer sind Matches gegen gute Freunde zu spielen?

Schön ist das nicht, wenn man gegeneinander spielt. Du willst natürlich gewinnen, bist aber gleichzeitig enttäuscht, dass der andere ausgeschieden ist. Wir kennen uns schon so lange und haben so oft gegeneinander gespielt. Irgendwann ist es auch mal genug. Aber wenn das Los so ist, ist es nun mal so. Dann siehst du es professionell genug und bereitest dich ganz normal vor. Für unseren gemeinsamen Coach Ralph Grambow ist das natürlich entspannend. Der hätte einen freien Tag und könnte sich zurücklegen. (Foto: Jürgen Hasenkopf)

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