„Die jungen Mädchen lernen das Doppelspiel nicht mehr“

Montag, 11.04.2011 | 09:40 Uhr
© privat/Claudia Kohde-Kilsch

Die Fed-Cup-Siegerin spricht im Interview mit tennisnet.com über die deutschen Chancen gegen die USA, den Stellenwert des Doppels und die schwierige Zeit nach dem Karriere-Ende.

Von Christian Albrecht Barschel

Claudia Kohde-Kilsch (47) ist bis heute die erfolgreichste deutsche Tennisspielerin nach Steffi Graf. In ihrer Karriere gewann sie acht Turniere im Einzel, stand viermal im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers und spielte sich bis auf Platz vier der Weltrangliste vor. Noch besser lief es für sie im Doppel, wo sie 25 Turniersiege feierte und zur absoluten Weltspitze zählte. Im Doppel triumphierte sie gemeinsam mit Helena Sukova bei den US Open 1985 und beim Wimbledonturnier 1987. Unvergessen ist auch der erstmalige Gewinn des Fed Cups für Deutschland gemeinsam mit Steffi Graf im Jahre 1987. Zwei weitere Male stand sie im Finale vom Fed Cup. Mit Graf gewann sie zudem die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Claudia Kohde-Kilsch lebt heute in ihrer Heimatstadt Saarbrücken, wo sie auch geboren wurde.

Frau Kohde-Kilsch, wie geht es Ihnen, was machen Sie derzeit?

Mir geht es super! Ich habe sehr viel zu tun. Vor allem durch meinen Sohn Fynn, der beim 1. FC Saarbrücken Fußball spielt und viel Zeit in Anspruch nimmt. Daneben veranstalte ich meine eigenen Tennis-Events, die im April starten. Das sind Tenniscamps mit Training für Erwachsene und Kinder. Außerdem bin ich im Charity-Bereich sehr engagiert. Ich bin Schirmherrin bei der Aktion "Menschen für Kinder", die sich um krebskranke Kinder kümmert. Zudem bin ich seit einigen Jahren Diplom-Fachjournalistin und schreibe gelegentlich.

Sie sind dem Tennissport also treu geblieben?

Unter anderem auch. So ganz los kommt man davon ja nicht.

Am kommenden Wochenende spielt das deutsche Fed Cup-Team gegen die USA um den Aufstieg in die Weltgruppe? Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Ich traue der Mannschaft sehr viel zu, da auch einige junge Spielerinnen nachkommen. Das deutsche Damentennis hat vor allem durch Petkovic einen Aufschwung erfahren. Es ist erst entschieden, wenn es zu Ende ist. Die USA sind natürlich stark, aber man sollte nicht zu viel Respekt haben. Der Sieg ist auf jeden Fall möglich.

Können Andrea Petkovic, Julia Görges und Sabine Lisicki in Deutschland einen ähnlichen Boom im Damentennis entfachen wie in den späten Achtzigern und Neunzigern?

Einen ganzen Boom zu entfachen, wird wahrscheinlich sehr schwer. Die Erfolge, die wir damals in den Achtzigern und Neunzigern hatten, wo wir teilweise mit fünf Damen in den Top 10 standen, sind natürlich schwer zu wiederholen. Für die Mädels ist das nicht einfach, wenn sie das immer vor ihrer Nase sehen und jeder von ihnen erwartet, diesen Erfolgen nacheifern zu müssen. So eine Spielerin wie Steffi Graf wird es nie wieder geben. Es ist auch sehr schwer, den letzten Schritt zu schaffen in die Top 10. Trotzdem ist es erfreulich, dass es wieder aufwärts geht und ein paar Erfolge da sind.

Welchen Stellenwert hatte damals der Fed Cup bei Ihnen?

Für mich war der Fed Cup sehr wichtig, weil man für Deutschland spielt. Wir haben im Tennis nicht so viele Möglichkeiten für unser Land zu spielen. Da gibt es im Prinzip nur den Fed Cup und die Olympischen Spiele. Deshalb war ich beim Fed Cup immer gerne dabei, um mein Land vertreten zu können.

Sie haben gemeinsam mit Steffi Graf 1987 erstmalig den Fed Cup für Deutschland gewonnen? Im entscheidenden Doppel lagen sie gegen die US-Amerikanerinnen Chris Evert und Pam Shriver mit 1:6, 0:4 zurück und haben dennoch gewonnen. Ist der Fed-Cup-Sieg Sieg der größte Erfolg in Ihrer Karriere?

Es ist einer meiner größten Erfolge, den ich in meinem Leben natürlich nie vergessen werde. Für mich selbst zählen auch die Olympiamedaille sowie die Siege im Doppel in Wimbledon und bei den US Open dazu. Mein vierter Platz in der Weltrangliste wird oft vergessen aufgrund meiner Erfolge im Doppel. Das waren alles wichtige Sachen für mich. Dieser Fed-Cup-Sieg, also Mannschaftsweltmeister zu werden, ist aber unvergesslich, vor allem wie dieser zustande kam. Wir haben zum ersten Mal die Trophäe geholt, nachdem Deutschland in den Jahren zuvor schon einige Male im Finale stand.

Sie wurden damals von der Presse als "Saarbrückerin mit der Zitterhand" tituliert, die zu gutmütig für den Tennissport ist. War das ein Grund, warum sie immer knapp am Grand-Slam-Sieg im Einzel scheiterten?

Wenn ich die mit der ständigen Zitterhand gewesen wäre, hätte ich nicht die Nummer vier der Weltrangliste werden können. Ich war eben sehr emotional, auch auf dem Platz. Vielleicht fehlte mir etwas das Glück bei meinen vier Halbfinalteilnahmen bei Grand-Slam-Turnieren. Diese Halbfinals, die ich verloren habe, waren tolle Matches und hatten nichts mit Zittern zu tun. Klar hätte ich gerne auch einen Grand-Slam-Sieg im Einzel geholt, aber das hat eben nicht sollen sein. Ich bin dennoch zufrieden, so wie es war.

Sie waren neben dem Einzel auch eine Weltklasse-Doppelspielerin und haben zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen. Im Fed Cup wird das Doppel im Vergleich zum Davis Cup zum Schluss gespielt, wenn oft schon alles entschieden ist. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Wenn es 2:2 steht, ist es natürlich heikel. Dann muss das Doppel auf jeden Fall gewonnen werden. Da musst du schon nervenstark sein, weil du nicht für dich alleine spielst, sondern für ein Team. Für die Zuschauer kann das zur Hochspannung führen, für die Spieler ist das manchmal nicht so lustig.

Aber häufig ist das Doppel im Fed Cup bedeutungslos.

Das kann natürlich auch passieren. Trotzdem muss das Doppel gespielt werden und möglichst gewonnen werden, weil es einfach dazu gehört. Keiner geht auf den Platz und sagt, dass wir das Doppel abschenken, weil wir eh schon gewonnen oder verloren haben. Das macht kein Profi. Nur die nervliche Belastung ist nicht mehr so hoch, wenn es vorher entschieden ist.

Immer weniger starke Spieler und Spielerinnen im Einzel gehen auch in der Doppelkonkurrenz an den Start. Was muss getan werden, damit der Anreiz Doppel zu spielen größer wird?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass heutzutage die Belastung bei den Topspielern im Einzel teilweise zu groß ist. Wobei ich sagen muss, dass ich früher auch Einzel und Doppel gespielt habe und die Belastung als nicht zu groß angesehen habe. Es muss definitiv mehr Doppel gespielt werden. Die jungen Mädchen lernen das nicht mehr, das ist das Problem. Die lernen keinen Volley mehr und wissen überhaupt nicht, wie man sich vorne am Netz bewegt. Deshalb spielen sie auch nicht gerne Doppel. Ich habe das Doppelspiel geliebt. Zu meiner Zeit haben alle Topspielerinnen Doppel gespielt. Heute gehen die besten Einzelspielerinnen manchmal nur noch bei den Grand Slams im Doppel an den Start z.B. die Williams-Schwestern. Ich empfand es immer als sehr gut, wenn du im Einzel früh ausgeschieden bist und dann noch im Doppel dabei warst. Das hat immer wieder Spielpraxis gegeben. Den Spielerinnen sollte es schmackhaft gemacht werden, dass man durch das Doppel viele Erfahrungen sammelt und es wichtig ist, Doppel zu spielen. Das ist in den letzten Jahren etwas verloren gegangen.

Sie haben offen davon gesprochen, dass Sie nach der Tenniskarriere in ein Loch gefallen sind. Wie hat sich das angefühlt und welche Schritte haben Sie unternommen, um wieder in die Spur zu finden?

Das ist schon alles so lange her. Angefühlt hat sich das natürlich nicht so gut. Das Leben war bestimmt vom Hochleistungssport. Man hat jeden Tag wie eine Marionette funktioniert. Morgens früh aufgestanden, danach Training, Turnier oder irgendwo hingefahren. Du hast gespielt, gespielt und gespielt und dir über sonst nichts im Leben Gedanken gemacht. Wenn die Karriere zu Ende ist, fragst du dich dann schon, was ich mit meinem Leben denn jetzt mache. Das ist kein gutes Gefühl, weil du in der Luft hängst. Ich habe aber recht schnell die Kurve bekommen, auch im Bezug auf die Familiengründung. Ich habe meinen Mann kennengelernt und mein Sohn kam auf die Welt. Das Leben war dann schnell wieder ausgefüllt und ging weiter. Aber diesen ersten Moment des Schocks, wenn die Karriere zu Ende ist, musst du erst einmal überwinden. Wir hatten nicht die Zeit uns auf ein anderes berufliches Leben vorzubereiten.

Welchen Rat können Sie Spielerinnen geben im Hinblick auf die Zeit nach dem Karriereende?

Das Beste ist, dass man sich schon während der Karriere überlegt, was man neben den Turnieren und den Reisen gerne macht und lernen kann wie z.B. über ein Fernstudium wie Andrea Petkovic es macht. Das kann nur gut sein. Du kannst dich verletzen und mit einem Schlag ist die Karriere zu Ende. Außerdem lernt man andere Seiten von sich kennen. Mit einer guten Vorbereitung kann man dann nahtlos in ein anderes Leben übergehen. Mit Ende 20 oder Anfang 30 ist die Karriere im Hochleistungssport zu Ende. Wenn man bis dahin weiß, was man noch kann und gerne machen möchte und schon woanders reingeschnuppert hat, ist das immer eine gute Sache. Es gibt ja viele Sportler, die sich über eine Fernuni weiterbilden. Ich habe es bereut, dass ich es damals nicht gemacht habe, aber ich habe von diesen Möglichkeiten nicht gewusst.

Haben Sie noch Kontakt zu ihren alten deutschen Weggefährtinnen Steffi Graf, Anke Huber, Sylvia Hanika und Bettina Bunge?

Mit Bettina habe ich immer noch sehr viel Kontakt, vor allem über Facebook und Skype. Mit Sylvia habe ich dagegen seit etlichen Jahren keinen Kontakt mehr, wobei auch keiner richtig weiß, was sie macht. Zu Steffi besteht derzeit auch kein Kontakt. Mit ca. 40 bis 50 ausländischen Kolleginnen bin ich zudem über Facebook in Verbindung. Wir finden uns dort alle wieder. Das ist sehr schön.

Es kann also Freundschaften im Damentennis geben?

Ja, klar kann es diese geben. Es ist aber natürlich was anderes als Freundschaft unter Männern. Mit Bettina bin ich befreundet, seitdem wir 16 Jahre alt sind. Und das war auch nie anders, auch wenn wir einige Male gegeneinander spielen mussten.

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung