Tennis

"Die Japaner sterben lieber, bevor sie ihr Land verlassen"

SID
© privat

Der Kölner redet im Gespräch mit tennisnet.com über seinen Saisonauftakt, die Schulterverletzung im vergangenen Jahr und Cedrik-Marcel Stebe.

Mit 29 Jahren befindet man sich eigentlich im Herbst seiner Tenniskarriere. Dominik Meffert hat aber erst vor fünf Jahren begonnen professionell auf der Tour zu spielen und erlebt derzeit seine beste Phase der Laufbahn. Ein Challenger-Titel in Japan sowie der Finaleinzug in Wolfsburg sorgten dafür, dass der 171. der Weltrangliste nur noch neun Plätze von seinem Career High entfernt ist. Im Gespräch mit tennisnet.com erklärt der Kölner sein neues Erfolgsgeheimnis und verrät, wie dies mit seiner Diplomarbeit zusammenhängt. Zudem erzählt der Rechtshänder, wie er in Kyoto Tennis spielen konnte, während im Norden Japans die schlimmste Naturkatastrophe der Landesgeschichte wütete.

Herr Meffert, ihre letzte Wochen verliefen mit dem Finale von Wolfsburg und dem Turniersieg in Kyoto sehr erfolgreich. War damit zu rechnen?


Eigentlich habe ich mir gar nicht soviel zugetraut. Nach meiner langen Pause im Anschluss an Wimbledon im letzten Jahr war es schon überraschend, aber natürlich auch erfreulich, dass es so gut gelaufen ist. Ich wusste, dass ich ein gutes Niveau habe, aber mit soviel Erfolg habe ich nicht gerechnet.

Können Sie den Erfolg an einzelnen Aspekten festmachen, die Sie verbessert haben?

Es fällt mir schwer, das an irgendwelchen Punkten festzumachen. Ich bin einfach froh, wieder schmerzfrei spielen zu können und habe es genossen, auf dem Platz zu stehen. Wahrscheinlich ist meine Wertschätzung für das Tennis jetzt auch einfach größer, nachdem ich solange pausieren musste. Trotzdem war ich nicht verbissen und konnte stattdessen mit großer Lockerheit spielen.

In Japan standen ja leider nicht nur die sportlichen Ereignisse im Vordergrund. Wie direkt waren Sie von den Auswirkungen der Naturkatastrophe betroffen?

Wir waren Gott sei Dank eine ganze Ecke von der Katastrophe entfernt. Und ehrlich gesagt hätten wir ohne das Internet auch gar nicht von dem extremen Ausmaß erfahren. An der Reaktion der Menschen hier, konnte man es zumindest nicht deuten. Sie haben, für unsere westlichen Maßstäbe, einen sehr eigenen Umgang mit der Angelegenheit und sind entspannt, demütig und gelassen. Die haben sich fast mehr darüber gewundert, dass wir permanent im Internet waren und nach Neuigkeiten geschaut haben.

Hatten Sie Kontakt mit Einheimischen und haben ein Gefühl dafür bekommen können, warum die Japaner so gelassen sind?

Ich habe in Kyoto eine Freundin und mich zudem mit einigen Menschen vor Ort unterhalten. Die Leute haben einfach ein anderes Gemüt und eine andere Mentalität als wir. Die Einheimischen, die in den Atomkraftwerken arbeiten, werden nicht mit Beileid überschüttet, sondern machen ihre Familien und Verwandten stolz. Für die Japaner kommt es auch nicht in Frage ihr Land zu verlassen, sie sterben lieber hier.

Konnten Sie sich bei diesen Umständen überhaupt aufs Tennisspielen konzentrieren?

Dadurch, dass die Einheimischen überhaupt keine Hysterie, sondern vielmehr Ruhe, verbreitet haben, wurde es uns relativ einfach gemacht. Vor und nach dem Spiel war es ein Thema – während der Partie konnten wir das gut ausblenden. Als es dann am Montag weiter nach China ging, waren wir allerdings schon froh. Die Angst, dass der Wind dreht oder die Anlage explodiert, war schon vorhanden.

Haben die Tage vor Ort bei Ihnen eine besondere Betroffenheit ausgelöst? Blicken Sie nun mit besonderem Fokus auf die Nachrichtenlage?

Ja, wahrscheinlich intensiver, als ich es gemacht hätte, wenn das Turnier nicht gewesen wäre. Allerdings versuche ich schon, das Ganze mit ein wenig Abstand zu sehen und betrachte vor allem die internationale Presse, die nach meinem Empfinden objektiver ist. Die deutschen Publikationen verbreiten im Vergleich zuviel Panik. Wenn Befürchtungen geäußert werden, dass die Wolke zu uns zieht, kann ich nur schmunzeln.

Dann wollen wir dieses Thema mit Ihrem Schmunzeln beenden und zum Sport zurückkehren. Insgesamt war Ihr Jahresauftakt mit acht Turnieren recht intensiv. Sie haben nach den vielen Spielen ihre China-Tour abgebrochen. Haben Sie sich nach ihrer langen Verletzungspause etwas zuviel zugemutet?

Da ich zwischendurch immer wieder Pausen hatte, war es glaube ich nicht zuviel. Man weiß vorher auch nicht wie die Turniere laufen und muss deshalb erstmal melden. Dadurch, dass ich in Wolfsburg und Kyoto jeweils auch im Doppel bis ins Finale gekommen bin, war das Pensum schon grenzwertig hoch. So war es letztendlich auch eine Vorsichtsmaßnahme, nachdem es am Ende schon an allen Körperenden gezwickt hatte.

Sie haben ihre Verletzungspause auf Grund der Schulteroperation nach der Rasensaison im letzten Jahr angesprochen. Haben Sie noch Probleme?

Nein, ich bin schmerzfrei. Die Schulter fühlt sich manchmal noch müde an, aber mittlerweile kann ich ganz gut auf meinen Körper hören und lege dann, wie jetzt zum Beispiel, lieber eine Pause ein. Mit der Zeit merkt man einfach, dass der Körper das Kapital ist und man zu 100 Prozent darauf angewiesen ist.

Sie mussten vier Monate ohne Tennis auskommen. Wie haben Sie die lange Pause verbracht?

Es war schon sehr ungewohnt, so lange ohne Schläger in der Hand zu sein. Den Großteil des Tages habe ich in der Reha verbracht, parallel konnte ich meine Diplomarbeit voranbringen.

Mit welchem Thema befassen Sie sich?

Ich studiere an der Sporthochschule Köln Sportwissenschaft auf Diplom und schreibe nun über die sportpsychologischen Aspekte im Leistungstennis. Ich hoffe, dass ich im nächsten Sommer fertig werde.

Also die Theorie zur eigenen Praxis?


Ja, dieser Bereich interessiert mich sehr. Während meiner Verletzungspause habe ich mich auch viel mit Mentaltraining beschäftigt und versuche das nun ebenfalls in die Arbeit einzubringen. In den entscheidenden Situationen hilft mir das weiter. Wie verhalte ich mich zum Beispiel, wenn ich in Japan in der ersten Runde gegen eine einheimische Wildcard den ersten Satz mit 3:6 verliere? Komme ich dann ins Grübeln und mache mir Druck? Wenn ich vorher alles schon durchgespielt und mir vorgestellt habe, wie ich aus der Situation herauskomme, finde ich auch besser eine Lösung. Dabei kann man unendlich viele Situationen wie diese durchgehen. Allerdings ist es sicherlich auch Typsache, ob einem so eine Herangehensweise hilft.

Bei Ihnen scheint diese Art derzeit aufzugehen. Trotz der Tatsache, dass Sie nach Wimbledon im Breakdown gar keine Punkte zu verteidigen haben, sind Sie nur neun Plätze von Ihrem Career High 162 entfernt. Haben Sie im Alter von 29 noch mal einen Schritt nach vorne gemacht?

Ich denke nicht, dass meine Schläge nun schneller oder genauer kommen. Es ist einfach die Entspanntheit, die eine große Rolle spielt. Auch wenn ich in den nächsten Wochen noch einige Punkte zu verteidigen habe und kurzzeitig zurückfallen könnte, denke ich, dass ich meine beste Karriereplatzierung knacken werde. Die Anfangsphase im Jahr war eigentlich immer eine Schwäche von mir, nun bin ich mit über 200 Punkten sehr ordentlich gestartet. Es sind im Tennis oft Kleinigkeiten die entscheiden. Bei mir ist derzeit ein Stein ins Rollen gekommen.

Der Sie noch in welche Rankingregionen bringen wird?

Mein Ziel ist es schon immer gewesen, in die Top 100 zu kommen. Das wäre eine Riesensache für mich und meine Ausgangsposition ist so gut wie nie zuvor. Derzeit ist mein Selbstvertrauen extrem groß, ich sauge die Situation auf dem Platz auf und genieße das Privileg mein Hobby zum Beruf machen zu können wie nie zuvor.

Das gilt es auszunutzen. Wieweit ist die Turnierplanung für die nächsten Monate gemacht? Wollen sie auch vermehrt ATP-Turniere spielen?

Der nächste Turnierblock wird nicht so fortlaufend sein wie der letzte. In drei Wochen spiele ich noch das letzte Hartplatzturnier in Athen, danach die Qualifikation der BMW Open im München. Vor der French-Open-Quali kommt noch ein Challenger in Prag. Insgesamt will ich in diesem Jahr aber, wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, schon noch zu drei Viertel auf Challenger-Niveau spielen. Dazu drei oder vier ATP-Turniere wie zum Beispiel in München und Halle.

Apropos French Open. Sie haben bisher lediglich ein Grand-Slam-Hauptfeld, 2007 in New York, erreicht. Reicht das neue Selbstbewusstsein auch um auf diesem Niveau anzugreifen?

Ich will die drei Grand-Slams in diesem Jahr auf jeden Fall alle spielen und ein oder zwei Hauptfelder erreichen. Die Atmosphäre in New York war einfach genial, das ist ein Riesenfeeling, was man unbedingt wieder erleben will. Gerade in Paris konnte ich bisher noch nie ein Spiel gewinnen, was bei meinen sonst guten Sandplatzergebnissen eigentlich etwas verwunderlich ist.

Allzu lange bleibt für solche Erlebnisse auch nicht mehr Zeit. Sie werden in wenigen Wochen 30 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch auf der Tour spielen?

Meine Situation ist ja schon ein wenig anders. Ich habe mit 20 Jahren nur ein paar Futures gespielt und dann zunächst mein Studium weit vorangebracht. Erst im Alter von 25 Jahren habe ich begonnen professionell zu spielen. So bin ich erst in meinem sechsten Jahr und habe noch nicht das Gefühl körperlich alt zu sein oder langsam zu verfallen. Auch wenn ich nicht mehr ewig lange spielen werde, habe ich sicherlich noch ein paar Jahre vor mir und bin gerade im Kopf noch gar nicht ausgemürbt.

Noch deutlich jünger ist Cedrik-Marcel Stebe.  Sie haben zunächst in Kyoto seine 18 Spiele andauernde Siegesserie beendet um dann eine Woche später den Kürzeren zu ziehen. Welchen Eindruck haben Sie vom derzeitigen Senkrechtstarter bekommen?

Man hat in Kyoto schon gesehen, dass er mit vielen Siegen und großem Selbstbewusstsein aufgelaufen ist. Wenn man Turniere gewinnt, ist es egal ob das auf Future- oder Challengerebene ist. Ich hatte ihn zuvor noch nie gesehen, muss aber sagen, dass ich von seinem Auftreten schon sehr angetan war. Für seine 20 Jahre ist er schon sehr professionell und scheint sich zudem in seinem Umfeld an der Schüttler-Waske-Akademie wohl zu fühlen.

Was kann er in seiner Karriere noch erreichen?


Im Tennis kann immer sehr viel passieren. Ich denke, er hat das Potential und bringt alles mit um die Top 100 noch in diesem Jahr zu schaffen. Seine Situation ist ein wenig mit meiner zu vergleichen. Auch er war im letzten Jahr verletzt und ist jetzt glücklich einfach wieder Tennis spielen zu können. Wenn er verletzungsfrei bleibt kann alles ganz schnell gehen, wie man ja zuletzt auch bei Tobias Kamke gesehen hat.

Das Gespräch führte Nils Lehnebach.

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