Tennis

Der deutsche Viertelfinalfluch bei Grand-Slam-Turnieren

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tennisnet.com beleuchtet die unglaubliche Unglücksserie der deutschen Tennisspieler im Viertelfinale bei den Grand-Slam-Turnieren und stellt die Opfer vor.

Von Christian Albrecht Barschel

Das Erreichen eines Viertelfinals bei einem Grand-Slam-Turnier ist schon ein großer Karrieremeilenstein für einen Tennisprofi. Doch wer das Zeug zu mehr hat, der gibt sich damit nicht zufrieden und will noch weiter kommen. In der Runde der letzten Acht trennt sich die Spreu vom Weizen. Vielen deutschen Spielern und Spielerinnen gelang der Sprung in die Runde der letzten Acht. Dort versagten einigen von ihnen aber die Nerven. Klare Führungen wurden verspielt und Matchbälle nicht genutzt. Der Halbfinaleinzug scheint für die Deutschen wie vernagelt zu sein und auf dem Viertelfinale bei den Grand-Slam-Turnieren ein Fluch zu liegen.

Hendrik Dreekmann vergibt sechs Matchbälle

Bestes Beispiel für das Dilemma der Deutschen ist Hendrik Dreekmann. Bei den French Open 1994 spielte sich der damalige 19-Jährige völlig überraschend in das Viertelfinale vor und zeigte auch dort gegen Magnus Larsson aus Schweden Sandplatztennis vom Allerfeinsten. 6:3, 7:6, 5:4 und 40:15 stand es für Hendrik Dreekmann, bis das Unheil seinen Lauf nahm. Sechs Matchbälle vergab "Henner", wie Dreekmann genannt wurde, und verlor auch den anschließenden Tiebreak. Danach lief überhaupt nichts mehr zusammen und Dreekmann wurde in den folgenden Sätzen vom Schweden mit 6:0 und 6:1 verprügelt. Aus und vorbei!

Während Larsson fortan eine ordentliche Karriere hinlegte, versank Dreekmann danach im absoluten Mittelmaß. Der Ostwestfale verschleuderte sein ganzes Talent und trat 1999 aufgrund von Verletzungen schon recht früh zurück und eröffnete eine Pizzeria. 2002 startete Dreekmann sein Comeback und brachte selbst Roger Federer beim Rasenturnier in Halle an den Rand einer Niederlage. Doch viel mehr außer der Heirat mit Weitspringerin Susen Tiedtke war vom talentierten Deutschen nicht mehr zu vernehmen. Dreekmann war der Erste von vielen deutschen Spielern, die trotz guter Aussichten im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers tragisch scheiterten und folglich oft als "Dreekmänner der Nation" bezeichnet werden sollten.

Bernd Karbacher, der große Schlacks mit der Prinz Eisenherz Frisur

Auch Bernd Karbacher fiel dem Viertelfinalfluch zu Opfer. Erst spät startete der große Schlacks mit der Frisur wie Prinz Eisenherz mit seiner Karriere durch. Im Alter von 24 Jahren im Jahre 1992 spielte er sein erstes ATP-Turnier. Bei den US Open 1994 gelang ihm der Einzug in das Viertelfinale nach Siegen unter anderem über Ivan Lendl und Olympiasieger Marc Rosset. In der Runde der letzten Acht scheiterte er dann an Todd Martin.

Bei den French Open 1996 stand er erneut im Viertelfinale und war kurz davor ein rein deutsches Halbfinale gegen Michael Stich zu realisieren. Doch eine 2:0-Satzführung gegen Rosset reichte nicht aus. Nach einem 6:4, 6:4, 3:6, 5:7, 0:6 war Schluss für Karbacher. "Ich war nur zwei Punkte vom Sieg entfernt. Es war das bitterste Match in meinem Leben", erklärte Karbacher seine Pleite.

Alexander Radulescu unsanft aus seinem Märchen gerissen

Für Alexander Radulescu war das Wimbledonturnier 1996 ein Märchen. Es war das erste Grand-Slam-Turnier überhaupt, für das sich der gebürtige Rumäne qualifizieren konnte. Als letzter Spieler rutschte der damalige 21-Jährige in das Hauptfeld. Nach drei Fünfsatzsiegen über Arnaud Boetsch, Stefano Pescosolido und David Wheaton deklassierte Radulescu im Achtelfinale Neville Godwin, gegen den Boris Becker in der Runde zuvor aufgeben musste. Die Viertelfinalteilnahme von Radulescu sicherte ihm auch gleichzeitig den lebenslangen Zutritt zum "Last Eight Club" in Wimbledon. Ein Club, wo nur Spieler Zugang haben, die bei den All England Championships in die Runde der letzten Acht vorgestoßen sind.

Doch im Viertelfinale gegen MaliVai Washington wurde der Deutsche unsanft aus seinem Märchen gerissen. Bei einer 2:1-Satzführung vergab er zwei Matchbälle und bei 4:4 im fünften Satz korrigierte er eine Entscheidung des Linienrichters zu seinen Ungunsten. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Radulescu verlor die Partie mit 7:6, 6:7, 7:5, 6:7, 4:6 und musste die Koffer packen. Was blieb war eine Fair-Play-Medaille als Auszeichnung für seine faire Aktion. Danach ging es rapide bergab für Radulescu, der nur noch mit seiner Teilnahme am Mercedes-Benz-Junior-Team von Boris Becker von sich reden machte.

"Poppeye" lässt in Wimbledon seine Muskeln spielen

Alexander Popp und Wimbledon, das hat einfach zusammengepasst. Vielleicht lag es an seiner englischen Mutter oder schlicht einfach an seiner Größe von 2,01 Metern, dass sein Spiel perfekt zum heiligen Rasen in Wimbledon passte. Jedenfalls stieg Popp beim Wimbledonturnier 2000 wie Phönix aus der Asche empor und hämmerte sich dank seines gewaltigen Aufschlags in das Viertelfinale. Die Kräfte von "Super Poppeye" oder "Top of the Popps", wie der Deutsche in den Medien genannt wurde, bekamen unter anderem die French-Open-Sieger Michael Chang und Gustavo Kuerten zu spüren. Im Viertelfinale ging Popp wohl der Spinat aus. Er musste sich Patrick Rafter beugen.

Nach dem Wimbledonturnier belegte Popp mit Position 74 seine höchste Platzierung. Doch dann kam der Absturz. Verletzungen und eine Erkrankung am Pfeifferschen Drüsenfieber warfen den Schlacks aus der Bahn. Umso erstaunlicher war es, was sich im Jahre 2003 im Wimbledon abspielte. Es war der erst zweite Auftritt von Popp in London. Er erreichte als Nummer 198 in der Weltrangliste erneut die Runde der letzten Acht. Die Zuschauer hätten an ein Déjà-vu glauben können, doch "Poppeye" war tatsächlich zurück. Sein Gegner im Viertelfinale war der Herr der Asse, Mark Philippoussis.

Und auch hier war Popp lange auf der Siegerstraße, führte mit 2:0 in den Sätzen, ehe ihn der Viertelfinalfluch einholte. Im entscheidenden fünften Satz vergab er viele Breakmöglichkeiten und verlor schließlich mit 6:4, 6:4, 3:6, 3:6, 6:8. Die Show war vorüber und die Normalität kehrte wieder ein. Zwei Wimbledonturniere in den beiden nächsten Jahren bestritt Popp noch, bei denen er einmal noch in das Achtelfinale vorstieß. Von seinen spärlichen 45 Siegen in seiner Karriere auf der ATP-Tour gewann er über die Hälfte auf Rasen. Grün war eben einfach die Lieblingsfarbe von "Poppeye", so wie der Spinat.

Mayer, Kühnen und Fassbender scheitern ebenfalls

Dreekmann, Karbacher, Radulescu, Popp. Das sind nur einige Spieler, die an der Hürde Viertelfinale bei einem Grand Slam Turnier scheiterten. Florian Mayer stand ebenfalls bei seiner ersten Wimbledonteilnahme 2004 im Viertelfinale, wo er Sebastien Grosjean unterlag. Doch für Mayer war es eher eine Karrierebremse als ein Startschuss. Weitere Beispiele sind Jürgen Fassbender, der in Wimbledon 1973 nach 2:0-Satzführung gegen einen gewissen Sandy Mayer aus den USA ebenso das Halbfinale verpasste wie Patrik Kühnen, der es im Jahre 1988 auch "nur" ins Viertelfinale von Wimbledon schaffte.

Nicolas Kiefer schien indes das größte Opfer des Viertelfinalfluchs zu werden. Als Teenager erreichte "Kiwi" bei seiner ersten Wimbledonteilnahme, wie soll es auch anders sein, das Viertelfinale. Dort unterlag er Todd Woodbridge. Kurze Zeit später stand er bei den Australian Open 1998 wiederum in der Runde der letzten Acht. Dort führte er seinen Gegner Nicolas Escude bis zum Ende des dritten Satzes vor. Bei 4:4 im dritten Satz vergab er einen Breakball und verlor schließlich das Match nach 2:0-Satzführung in fünf Sätzen.

Nicolas Kiefer besiegt seinen Viertelfinalfluch

Zwei Jahre später stand er in Melbourne wieder im Viertelfinale. Wieder vergeigte er leichtfertig den Einzug ins Halbfinale, im Spiel gegen Magnus Norman. Im selben Jahr, bei den US Open 2000, folgte dann seine vierte Teilnahme an einem Viertelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier. Marat Safin war diesmal, der den Traum vom Halbfinale zunichte machte. Erst einige Zeit später und neun Jahre nach seiner ersten Viertelfinalteilnahme besiegte Kiefer schließlich seinen Fluch.

Bei den Australian Open 2006 gewann er nach knapp fünf Stunden sein Spiel gegen Grosjean und zog in sein erstes Halbfinale ein. "Es kann kein besseres Gefühl geben als heute. Ich bin glücklich, denn ich bin so viele Male im Viertelfinale gescheitert", meinte Kiefer nach der Partie. Damit gesellte er sich zu den wenigen Deutschen wie Boris Becker, Steffi Graf, Michael Stich, Anke Huber, Claudia Kohde-Kilsch, Tommy Haas und Rainer Schüttler, die es mindestens in das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers schafften.

Auch die Damen fallen dem deutschen Viertelfinalfluch zum Opfer

Dass der Viertelfinalfluch auch vor den deutschen Damen nicht Halt macht, mussten auch einige Spielerinnen erfahren. Eva Pfaff (Australian Open 1982), Sabine Hack (French Open 1994), Anna-Lena Grönefeld (French Open 2006), Sabine Lisicki (Wimbledon 2009) und zuletzt Andrea Petkovic (Australian Open 2011) kamen trotz guter Aussichten nicht über die Runde der letzten Acht hinaus. Wahrlich haben Sabine Lisicki und Andrea Petkovic noch alle Chancen in ihrer Karriere, mindestens in das Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier vorzustoßen. Es wäre beiden jedenfalls zu wünschen, dass das Viertelfinale nicht ihr bestes Ergebnis bleiben wird.

Ach wie schön wäre es, wenn Roger Federer nur ein paar Kilometer weiter nordöstlich geboren worden wäre, dann würde er jetzt für Deutschland spielen. Aber vielleicht wäre Federer dann auch dem deutschen Viertelfinalfluch zum Opfer gefallen und hätte es nicht in 23 Grand-Slam-Halbfinals in Folge und zu 16 Grand-Slam-Titeln geschafft. Wir werden es nie erfahren! (Fotos: GEPA pictures)

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