Millionen-Turnier ohne richtigen Stellenwert

Dienstag, 07.12.2010 | 14:51 Uhr
© Tennisnet

tennisnet.com blickt auf die unmoralische Veranstaltung mit den horrenden Preisgeldern zurück, die zehn Jahre lang in München ausgetragen wurde.

Von Christian Albrecht Barschel

Tennis war in Deutschland in den Neunzigern auf seinem Höhepunkt angelangt. Neben den USA war Deutschland der wichtigste Markt für den einst "weißen Sport". Mit Boris Becker, Steffi Graf, Michael Stich und Anke Huber hatte Schwarz-Rot-Gold gleich vier Akteure, die sich über Jahre hinweg in der Weltspitze etablieren konnten. Mit Becker, einem der charismatischsten Spieler im Herrentennis seinerzeit, und Graf, der besten Tennisspielerin aller Zeiten, kamen gleich zwei Ikonen des Tennissports aus der Bundesrepublik. Es wurde schon wild darüber diskutiert und spekuliert, ob Deutschland Austragungsort eines zusätzlichen Grand-Slam-Turniers werden sollte.

Tennis als "cash cow" und höchstes Preisgeld aller Zeiten

Tennis war hierzulande eine Massenbewegung, der sich kaum einer entziehen konnte. Das Fernsehen übertrug beinahe täglich die Spiele der deutschen Helden zur besten Sendezeit. Das Spiel mit dem gelben Filzball war eine so genannte "cash cow", die solange gemolken wurde, wie es möglich war. Da passte es ins Bild, dass 1990 ein Turnier ins Leben gerufen wurde, das damals alle Dimensionen sprengte. Die Rede ist vom "Compaq Grand Slam Cup", der zehn Jahre lang in der Olympiahalle in München ausgetragen wurde und den Namen des Hauptsponsors trug. Im Jahre 1989 hatte der spätere Becker-Manager Axel Meyer-Wölden gemeinsam mit Robert Lübenoff die Veranstaltung entwickelt.

Teilnahmeberechtigt waren die besten 16 Spieler im Herrentennis bei den vier Grand-Slam-Turnieren des abgelaufenen Jahres. Über den Stellenwert des Turniers, das Mitte Dezember auf einem schnellen Hallenboden gespielt wurde, gab es viele Diskussionen. Denn außer Geld gab es nichts zu gewinnen, wonach Tennisspieler eigentlich streben. Punkte für die Weltrangliste gab es keine, aber dafür eben "richtig dick Kohle", wie die Spieler selber feststellen. Die Veranstaltung der International Tennis Federation (Ausrichter der vier Grand-Slam-Turniere sowie des Davis Cup und Fed Cup) war in den ersten Jahren mit insgesamt sechs Millionen US-Dollar dotiert und damit das Turnier mit dem höchsten Preisgeld. Für den Sieger des Grand Slam Cups gab es ein Drittel des gesamten Preisgeldes, also zwei Millionen US-Dollar. Falls der Gewinner des Wettbewerbs im selbigen Jahr bei einem Grand-Slam-Turnier siegreich war, kam zusätzlich noch ein Bonus von einer Million US-Dollar obendrauf. Alleine die Teilnahme an der ersten Runde brachte ein stattliches Salär von 100.000 US-Dollar.

Becker-Verzicht und Fast-Prügelei bei Premiere

Bei solch horrenden Summen hätten die Spieler Schlange stehen müssen, um beim letzten Turnier des Jahres dabei zu sein. Doch bei der Premiere 1990 fehlte mit Boris Becker ausgerechnet das Zugpferd für den Grand Slam Cup, auch kein anderer deutscher Spieler war qualifiziert. Becker stellte die Frage, ob die Veranstaltung bei so viel Geld für eine Woche Arbeit nicht unmoralisch wäre und gab die Antwort prompt selbst, indem er nicht antrat. Auch von der ATP gab es Kritik, die das Millionen-Event als Konkurrenz betrachtete. Der Turniermodus des Grand Slam Cups war im Vergleich zur ATP-WM, die im Round-Robin-System gespielt wurde, einfach gehalten. Es wurde im gewohnten K.o.-System gespielt, Achtelfinale und Viertelfinale gingen über zwei Gewinnsätze, ab dem Halbfinale wurde über "best of five" gespielt.

Bei der Premiere war der 19-jährige Pete Sampras im Finale gegen seinen Landsmann Brad Gilbert glatt in drei Sätzen siegreich. Da Sampras im gleichen Jahr auch die US Open gewinnen konnte, verließ er Deutschland mit drei Millionen US-Dollar mehr in seiner Tasche - ein nettes Weihnachtsgeschenk. Die Geschichte des ersten Grand-Slam-Cups boten aber zuvor im Halbfinale Gilbert und David Wheaton (ebenfalls USA), die sich beinahe eine Prügelei lieferten. "Es war wie einer dieser Schuljungenkämpfe, bei denen man mit Schimpfwörtern nur so um sich schmeißt. Den Zuschauern bleibt nicht verborgen, dass wir uns an den Kragen gehen, sie machen noch mehr Lärm, pfeifen und johlen. Wheaton rempelt mich an, und ich rempele zurück. Wir stehen Nase an Nase und brüllen uns ins Gesicht. Es ist wie im Zoo", beschrieb Gilbert die Situation in seinem Buch "Winning Ugly".

Becker tritt an, Terminverschiebung und Grand-Slam-Cup der Damen

Ein Jahr später kam dann auch für Wheaton der große Zahltag. Der US-Amerikaner besiegte im Halbfinale Michael Stich und im Finale seinen Landsmann Michael Chang. Stich, der alle deutschen Turniere in seiner Laufbahn gewinnen konnte, gewann 1992 selbst den Grand Slam Cup und stand ein Jahr später erneut im Finale, das er gegen Petr Korda mit 9:11 im fünften Satz verlor. Bis Becker sich zu einer ersten Teilnahme durchringen konnte, verging einige Zeit. Erst 1993 folgte der Leimener dem Lockruf des Geldes, um gleich bei seinem ersten Auftritt im Achtelfinale auszuscheiden. Die Geschichte führte Becker mit seinem Triumph im Jahre 1996 jedoch noch zu einem Happy End. Es war auch das letzte Jahr, in dem der Grand Slam Cup im Dezember ausgetragen wurde.

Im nachfolgenden Jahr gab es für die Veranstaltung einen neuen Termin. Ende September kurz nach dem letzten Grand-Slam-Turnier, den US Open, wurde nun gespielt. 1998 kam es zu erneuten Änderungen beim Wettbewerb in München. Das Teilnehmerfeld wurde von 16 auf 12 Spieler reduziert. Zudem fand auch parallel zum ersten Mal der Grand Slam Cup der Damen mit acht Teilnehmerinnen statt. Nach sieben Jahren in Folge mit deutscher Beteiligung fehlte aber sowohl bei den Herren als auch bei den Damen ein deutsches Aushängeschild. Die Premiere bei den Damen gewann die damals 18-jährige US-Amerikanerin Venus Williams.

Turnier-Aus zur Jahrtausendwende

Zur Jahrtausendwende wurde der Grand Slam Cup schließlich zum letzten Mal ausgetragen. Mit Tommy Haas schaffte einer der deutschen Helden den Sprung ins Finale. Haas verlor aber das Finale gegen den Briten Greg Rusedski und verpasste als dritter Deutscher den Millionen-Jackpot. Bei den Damen trug sich Serena Williams mit einem Endspielsieg gegen ihre Schwester Venus als zweite und letzte Spielerin in die Siegerliste des Grand Slam Cups ein. Auch die ATP-WM, die in den Neunzigern zehn Jahre in Frankfurt (1990 bis 1996) und Hannover (1997 bis 1999) stattfand, verschwand aus Deutschland. Abgelöst wurden beide Veranstaltungen durch den Masters Cup, der fortan als Saisonfinale gespielt wurde. Die fetten Jahre in Tennisdeutschland waren damit endgültig vorbei!

Die Sieger beim Grand Slam Cup im Überblick

Herren:

1990: Pete Sampras
1991: David Wheaton
1992: Michael Stich
1993: Petr Korda
1994: Magnus Larsson
1995: Goran Ivanisevic
1996: Boris Becker
1997: Pete Sampras
1998: Marcelo Rios
1999: Greg Rusedski

Damen:


1998: Venus Williams
1999: Serena Williams

(Fotos: GEPA pictures / Collage: tennisnet.com)

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