Tennis

Die Kronprinzen im Herrentennis

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tennisnet.com stellt in einer Top-Ten-Liste die Spieler vor, die den Sprung auf den Weltranglistenthron nur knapp verpassten.

Von Christian Albrecht Barschel


Am 23. August 1973 begann eine neue Zeitrechnung im Herrentennis. Mit der Einführung der Computerweltrangliste wurde Woche für Woche bestimmt, welcher Spieler denn der Beste im Tenniszirkus ist. Bis zum heutigen Zeitpunkt gelang es 24 Spielern die Spitzenposition zu erobern. Doch es gab auch Spieler, die kurz vor der Besteigung des Tennisthrons scheiterten. tennisnet.com stellt die Kronprinzen im Herrentennis in einer Top-Ten-Liste vor.


10. Tommy Haas


Viele werden sich jetzt verwundert die Augen reiben. Doch es stimmt tatsächlich. Tommy Haas stand zwischenzeitlich auf Platz zwei in der Weltrangliste. Mitbekommen hat es aber irgendwie kaum jemand. Und so forderte der Deutsche auch einen Sonderapplaus von den Zuschauern im Aktuellen Sportstudio, weil er die Anerkennung durch die Medien vermisste. Es war im Jahre 2002, als der Deutsche den Sprung auf Platz zwei schaffte und sein bislang bestes Turnierjahr spielte.


Doch immer wenn der ganz große Durchbruch bevorstand, erlitt Haas eine Verletzung, einen Schicksalsschlag (Motorradunfall der Eltern) oder er stand sich bei seinem Vorhaben der weltbeste Spieler zu werden, letztlich oft selbst im Weg. Bis jetzt stehen zwar zwölf Turniersiege zu Buche, aber die richtig großen Erfolge fehlen in der Vita von Haas. Vier Halbfinalteilnahmen bei Grand-Slam-Turnieren (dreimal Australian Open, einmal Wimbledon) und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen sind die Meilensteine des Deutschen.


Gerade als es schien, dass Haas im Jahr 2009 mit 31 Jahren zu alter Stärke zurückfand und seinen zweiten Frühling erlebte, machte ihm sein Körper wieder einen Strich durch die Rechnung. Kurz nach den Australian Open 2010 musste sich der Deutsche einer schweren Hüft-OP unterziehen und hat seitdem kein Spiel mehr bestritten. Doch Haas denkt nicht an sein Karriereende und glaubt fest an eine Fortsetzung. "Nur eine weitere Hürde in meiner Karriere", nennt er die Zwangspause fast euphemistisch. Ob ihm ein erneutes erfolgreiches Comeback gelingt, ist aber mehr als fraglich.


9. Alex Corretja


Alex Corretja war ein klassischer Sandplatzspezialist, eine Wühlmaus, die sich auf der roten Asche auf der ganzen Welt zu Hause fühlte. Zweimal schaffte der Spanier den Sprung in das Finale der French Open. Doch 1998 war sein Landsmann Carlos Moya und 2001 Gustavo Kuerten zu stark für den Katalanen. Seine herausragenden Ergebnisse unter anderem bei den Sandplatzturnieren katapultierten ihn Anfang 1999 auf Position zwei in der Weltrangliste.


Maßgeblichen Anteil für den Aufstieg von Corretja zum Kronprinzen hatte aber sein größter Erfolg in seiner Karriere, der ihm jedoch nicht bei einem Sandplatzturnier gelang. Bei der ATP-Weltmeisterschaft 1998 in Hannover siegte er sensationell und wurde Weltmeister. Im Finale nahm er Revanche an Moya für die Niederlage bei den French Open und schlug diesen nach einem 0:2-Satzrückstand. 2005 war die Karriere von Corretja vorbei. Eine Augenverletzung ließ kein Wettkamptennis mehr zu.


8. Petr Korda


Mit Scherensprung und Radschlag. So feierte Petr Korda gerne seine Siege. Die Karriere des spindeldürren Tschechen verlief recht ungewöhnlich für einen Tennisspieler. Lange Zeit brauchte Korda, um sich auf der ATP-Tour zurechtzufinden und herausragende Resultate zu erzielen. Im Jahre 1992 folgte dann der große Durchbruch. Bei den French Open spielte er sich in das Finale vor, wo er Jim Courier unterlag. Nach seinem Triumph beim Grand Slam Cup im Jahre 1993 und dem folgenden Absturz in der Weltrangliste, kam Korda 1998 besser zurück denn je.


Bei den Australian Open spielte der Tscheche das Tennis seines Lebens und gewann schließlich mit 30 Jahren als einer der ältesten Spieler ein Grand-Slam-Turnier. Folglich schoss er nach dem Turnier auf Platz zwei in der Weltrangliste. Seine große Chance die Nummer eins zu werden, verpasste er dagegen. Beim Turnier in Monte Carlo hätte Korda im Falle eines Sieges gegen Richard Krajicek den Tennisthron bestiegen. Zwei Punkte trennten ihn von dem Olymp. Doch letztlich verlor er das Spiel und musste sich mit Platz zwei begnügen.


Kurze Zeit später erlebte Korda den nächsten Rückschlag und gleichzeitig den unrühmlichen Höhepunkt seiner Sportlerlaufbahn. Im Viertelfinalmatch von Wimbledon wurde er positiv auf Nandrolon getestet. Der Tscheche beteuerte seine Unschuld und kam erst einmal mit der Aberkennung der Weltranglistenpunkte und des Preisgeldes davon.


Zwar durfte er vorläufig weiterspielen, doch einige seiner Kollegen drohten bei den Australian Open 1999 mit dem Boykott des Turniers. 13 Monate nach der positiven Probe wurde Korda schließlich doch für ein Jahr gesperrt, was gleichzeitig das Ende seiner aktiven Karriere war. Was bleibt, ist ein Schatten über der Laufbahn von Petr Korda, da der positive Doping-Befund ausgerechnet aus dem Jahr stammt, in dem er seinen größten Erfolg feierte.


7. Manuel Orantes


Als am 23. August 1973 die erste Computerweltrangliste veröffentlicht wurde, stand Manuel Orantes als erster Spieler auf Platz zwei. Vor ihm war nur noch der Rumäne Ilie Nastase positioniert. Zum Sprung auf Platz eins reichte es für den Spanier aber nicht ganz, obwohl seine größten Erfolge noch vor ihm liegen sollten. Bei den French Open 1974 hatte er im Finale den großen Björn Borg nach einem 6:2, 7:6 in den ersten beiden Sätzen kurz vor einer Niederlage. Doch in den folgenden Sätzen wurde Orantes mit 6:0, 6:1, 6:1 vom Schweden deklassiert, der durch diesen Triumph seine Ära einleitete.


Bei den US Open 1975 gelang dem Spanier der einzige Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier. Im Halbfinale gegen Guillermo Vilas wehrte er nach 0:2-Satzrückstand fünf Matchbälle ab und gewann schließlich noch die Partie sowie das Finale gegen Jimmy Connors. Gemeinsam mit seinem Namensvetter Manuel Santana war Orantes der Pionier für das spätere spanische Weltklassetennis.


6. Ken Rosewall


Der Australier Ken Rosewall ist einer der größten Tennisspieler aller Zeiten. Doch seine beste Zeit erlebte er, bevor die Weltrangliste eingeführt wurde. "Muscles", wie Rosewall scherzhaft aufgrund seiner kaum vorhandenen Muskeln genannt wurde, gewann fast alles, was es im Tennis zu gewinnen gibt. Acht Siege bei Grand-Slam-Turnieren (viermal Australian Open, jeweils zweimal French Open und US Open) fuhr Rosewall in seiner Karriere ein. Doch der Triumph in Wimbledon blieb ihm ebenso verwehrt wie der Sprung an die Spitze der Weltrangliste.


Bei Einführung der Weltrangliste war Rosewall schon stattliche 38 Jahre alt. Doch trotzdem hinderte ihn diese Tatsache nicht daran, weiter oben mitzuspielen. Im Alter von 40 Jahren stand er auf Weltranglistenposition zwei. Er wird diesen Rekord wohl ewig behalten. Einen weiteren Rekord hält der Linkshänder bei seinem Heimturnier, den Australian Open. Rosewall ist gleichzeitig der jüngste und älteste Sieger in Down Under. Bei seinem ersten Triumph 1953 war er blutjunge 18 Jahre, bei seinem vierten und letzten Titel hingegen schon 37 Jahre alt. Gleichzeitig ist er damit auch der älteste Grand-Slam-Sieger seit Einführung der Open Era. Wiederum wohl ein Rekord für die Ewigkeit.


5. Arthur Ashe


Arthur Ashe ist eine Legende und hätte wohl auch die Weltranglistenspitze erklommen, wenn diese zu seiner besten Zeit schon Bestand gehabt hätte. Als erster dunkelhäutiger Spieler gewann der US-Amerikaner ein Grand-Slam-Turnier. Seinem Sieg 1968 bei den US Open ließ er den Gewinn der Australian Open 1970 folgen. Doch sein Meisterstück folgte in Wimbledon 1975. Auf dem heiligen Rasen siegte er als bislang einziger farbiger Spieler und wurde dadurch unsterblich. Lohn war einige Zeit später auch der Sprung auf Position zwei in der Weltrangliste.


Tragisch und kämpferisch verlief das Leben von Ashe nach seiner Karriere. Er war ein aktiver Bürgerrechtler, der für die Menschenrechte in Südafrika und Haiti protestierte und deshalb verhaftet wurde. Im Jahre 1988 erkrankte er an HIV, weil er eine mit dem Virus infizierte Blutkonserve anlässlich einer Herzoperation erhalten hatte. Fünf Jahre später verstarb Arthur Ashe, dessen Namen aber weiter lebt. Das weltgrößte Tennisstadion in New York bei den US Open trägt seit 1997 seinen Namen genauso wie die Auszeichnung "Arthur Ashe Humanitarian of the Year, die menschliches Engagement von Tennisspielern ehrt.


4. Michael Stich


"Wenn alle ihr bestes Tennis spielen, ist Michael Stich der Beste", sagten damals Pete Sampras und Jim Courier unisono über den Deutschen. Allein schon diese Aussage belegt das große Talent des heutigen Turnierdirektors von Hamburg. Doch zu selten konnte Stich sein spielerisches Potenzial abrufen. So schaffte er es schließlich nie, die Spitzenposition in der Weltrangliste zu erobern und war auch in Deutschland oft nur die Nummer zwei. Der Schatten von Boris Becker war immer zu groß.

Seinen größten Sieg feierte Stich ausgerechnet gegen seinen ärgsten Widersacher. Im Wimbledonfinale demontierte er Becker und stieg zum neuen deutschen Tennishelden auf. Im Jahr 1993 hatte Stich sein bestes Jahr. Nach seinem Triumph bei der ATP-Weltmeisterschaft im Finale gegen Sampras gelang ihm erstmalig der Sprung auf den zweiten Weltranglistenplatz, den er mit kleinen Unterbrechungen über ein halbes Jahr innehatte. Doch für die Weltranglistenspitze stand sich der Deutsche oft selbst im Weg.

Obwohl Stich mit seinem Talent teilweise sorglos umging, konnte er dennoch fast alles in seiner Karriere erreichen. Neben einem Grand-Slam-Sieg in Wimbledon und zwei weiteren Finalteilnahmen bei den US Open und French Open, wurde er Weltmeister, gewann mit Deutschland den Davis Cup und errang Turniersiege bei allen deutschen Turnieren sowie auf allen möglichen Bodenbelägen. Auch im Doppel glänzte Stich und gehörte zu den Besten. Im Jahre 1992 siegte er zusammen mit John McEnroe in Wimbledon. Kurze Zeit später folgte der Olympiasieg in Barcelona gemeinsam mit seinem Erzrivalen Becker.

3. Goran Ivanisevic


Goran Ivanisevic war der Herr der Asse, an dem über seine gesamte Karriere hinweg der Status des ewigen Zweiten haftete. Als bester Spieler, der kein Grand-Slam-Turnier gewann, wurde der Kroate schon tituliert, bevor er schließlich sensationell das Wimbledonturnier 2001 gewann. Doch bis dahin war es eine Zeit mit vielen Leiden und Pleiten für Ivanisevic.


Dreimal zuvor stand der Kroate im Finale von Wimbledon. Doch trotz seines überragenden Aufschlags, zog er stets den Kürzeren. Bei seinem ersten Wimbledonfinale 1992 nutzen auch 39 Asse gegen Andre Agassi nichts. Zwei Jahre später war Pete Sampras zu stark auf dem heiligen Rasen. Nach dem Turnier stand Ivanisevic erstmalig auf Nummer zwei in der Weltrangliste. Auch im Jahre 1997 grüßte der Kroate kurzzeitig von der zweiten Weltranglistenposition.


Nach seinem dritten verlorenen Wimbledonfinale 1998 gegen Sampras schien es so, dass es kein Happy End für Ivanisevic geben sollte. Doch als niemand mehr damit rechnete, nahm das Märchen seinen Lauf. Beim Wimbledonturnier 2001 konnte der Kroate als Nummer 125 in der Weltrangliste nur dank einer Wildcard teilnehmen. Was dann kam, ist Sportgeschichte und wirklich "ganz großes Tennis".


Ivanisevic hämmerte sich trotz starker Schulterschmerzen durch das Turnier und erreichte durch Siege unter anderem gegen Andy Roddick, Greg Rusedski, Marat Safin und Tim Henman das Endspiel. Dort besiegte er im emotionalsten Wimbledonfinale aller Zeiten Patrick Rafter in fünf Sätzen und wurde zum kroatischen Volkshelden. "Ich war immer der Zweite. Die Leute haben mich respektiert, aber der zweite Platz ist nicht gut genug. Ich bin jetzt Wimbledonsieger. Was immer ich tue in meinem Leben, ich bleibe Wimbledonsieger." Wie recht Goran Ivanisevic damit doch hat.


2. Michael Chang


Mit dem Namen Michael Chang verbinden die meisten ein ganz besonderes Tennismatch. Es war das Achtelfinale der French Open im Jahre 1989. Der Sohn taiwanesischer Eltern stand dem Weltranglisten-Ersten Ivan Lendl gegenüber. Der US-Amerikaner war gerade einmal 17 Jahre alt und kämpfte bis zum Unfallen. Auch nach einem 0:2-Satzrückstand gab Chang nie auf und spielte sich mit seiner unorthodoxen Spielweise zurück in die Partie.


Im entscheidenden fünften Satz konnte er sich von Krämpfen geplagt kaum noch auf den Beinen halten und brachte Lendl mit Mondbällen und Aufschlägen von unten zur Weißglut. Chang gewann schließlich das historische Match und fand sich einige Tage später im Finale wieder. Dort ging es gegen Stefan Edberg, den der "kleine Riese" ebenfalls niederrang. Somit wurde Chang der bislang jüngste Grand-Slam-Sieger aller Zeiten.


Als Mitglied der goldenen Generation der US-amerikanischen Spieler wie Pete Sampras, Andre Agassi und Jim Courier war es Chang, der überraschenderweise als Erster einen Grand-Slam-Sieg errang. Der Sprung an die Weltranglistenspitze blieb ihm im Vergleich zu seinen Landsmänner aber verwehrt. Mitte der Neunziger hatte Chang seine besten Jahre. Er stand 1995 erneut im French-Open-Finale sowie in den Endspielen der Australian Open 1996 und US Open 1996. Im Finale der US Open hätte er im Falle eines Sieges gegen Sampras jenen als Weltranglistenersten abgelöst. So blieb er aber für ein knappes Jahr nur die Nummer zwei.


1. Guillermo Vilas


Für tennisnet.com ist er ohne Zweifel der verdiente Kronprinz, der den Stempel "ewiger Zweiter" bei seinen Erfolgen eigentlich gar nicht verdient hat. Die Rede ist von Guillermo Vilas. Der "Young Bull of the Pampas", wie der Argentinier liebevoll genannt wurde, gewann zwischen 1973 und 1983 insgesamt 62 Turniere. Darunter waren vier Grand-Slam-Siege, zweimal bei den Australian Open und einmal bei den French Open und US Open. Vier weitere Male erreichte der Linkshänder ein Endspiel bei einem Grand-Slam-Turnier.


Trotz der großen Erfolge blieb Vilas in der Weltrangliste der Sprung an die Weltranglistenspitze stets verwehrt. Björn Borg und Jimmy Connors standen in den Siebzigern dem argentinischen Volkshelden immer im Weg, wenn es um den Tennisthron ging. So reichte es für Vilas, der für seine Fairness auf dem Platz bekannt war und dem die Sensibilität eines Poeten nachgesagt wurde, nur für Platz zwei in der Weltrangliste.


Vilas hält immer noch einige Rekorde auf der ATP-Tour, die nahezu unerreichbar scheinen. Allein in der Saison 1977 gewann er 130 Matches und 16 Turniere. Heute ist der ehemalige Playboy des Tenniszirkus, dem eine Affäre zu Prinzessin Caroline von Monaco angedichtet wurde, als Buchautor für Gedichte und Musiker aktiv. Wahrscheinlich bleibt Guillermo Vilas der erfolgreichste Weltranglistenzweite aller Zeiten. (Fotos: GEPA pictures; Collage: tennisnet.com)

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