Freitag, 20.03.2015

Der Unfall von Clint Malarchuk

Horror, Kopfschuss, Depressionen

1989 schlitzt ein Schlittschuh Clint Malarchuks Hals auf. Der Torhüter überlebt knapp, doch der tragische Unfall hinterlässt Spuren. Noch Jahre später kämpft der Kanadier mit Depressionen und Alkoholproblemen, er überlebt einen Selbstmordversuch. Nun möchte er anderen Menschen helfen, am Sonntag jährt sich die Tragödie.

Clint Malarchuk spielte von 1989 bis 1992 bei den Buffalo Sabres
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Clint Malarchuk spielte von 1989 bis 1992 bei den Buffalo Sabres

22. März 1989. Die St. Louis Blues treten in Buffalo gegen die Sabres an. Es ist ein ganz normales Regular Season Spiel in der NHL, zumindest bis zur 15. Minute. Dann passiert einer der schrecklichsten Unfälle der Sportgeschichte.

Die Blues bringen den Puck von der linken Bande zum Tor der Sabres. Vor dem Gehäuse kämpfen Steve Tuttle (St. Louis) und Uwe Krupp (Buffalo), die mit voller Geschwindigkeit Richtung Torhüter Clint Malarchuk stürmen, um die beste Position. Tuttle verliert das Gleichgewicht, sein nach oben ausgestreckter Schlittschuh schneidet mit der Kufe in den Hals von Malarchuk.

Der Kanadier nimmt sofort seine Maske ab, das Eis ist innerhalb von Sekunden mit Blut überströmt. Blitzschnell kommen die Teambetreuer auf das Eis. Einer von ihnen ist Jim Pizzutelli, der mit seinen Händen geistesgegenwärtig mit voller Wucht auf die offene Wunde drückt und versucht, die Blutung irgendwie zu stoppen.

"Ich werde sterben"

Als Malarchuk Jahre später von diesem schrecklichen Unfall erzählt und in die Kamera schauen will, schießen ihm die Tränen in die Augen und er dreht sich weg. Die Erlebnisse kochen wieder in ihm hoch.

"Ich werde seine Hände nie vergessen", erzählt er mit zitternder Stimme: "Dem damaligen Ausrüstungsmanager sagte ich: 'Ich werde sterben. Sag meiner Mutter, dass ich sie liebe'."

Ein harter Kerl und Cowboy

Clint Malarchuk wurde in Grande Prairie, Alberta geboren. Er begann schon als kleiner Junge damit, an seinem Torwartspiel zu feilen. Er wusste früh, dass er nicht zu den talentiertesten Spielern zählt. Seine Stärke war die Unnachgiebigkeit, ein harter Kerl und Cowboy eben. Slides und bestimmte Bewegungsabläufe wurden ständig wiederholt.

Seine unermüdliche Arbeit trug Früchte. 1981 wurde er an 74. Position von den Quebec Nirdiquies gedraftet, in seinem ersten Jahr machte er 51 Spiele in der AHL für die Frederiction Express. Zu Beginn seiner Karriere pendelte er noch zwischen der NHL und der Minor League hin und her.

Der Durchbruch gelang in der Saison 1986/87, als er 54 Spiele für die Nirdiquies in der NHL bestritt. In dieser Saison wurde er für das All-Star-Game nominiert und führte die Liga in Sachen Shutouts an. Insgesamt verlief die Karriere des heute 53-Jährigen, der in der NHL für die Quebec Nordiques, Washington Capitals und Buffalo Sabres spielte, aber wenig spektakulär. Er war ein guter, solider Goalie. Nicht mehr und nicht weniger.

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Mit 300 Stichen genäht

Dann passierte der Unfall, der Malarchuks Leben für immer veränderte. Wie furchtbar es war, lässt folgende Geschichte erahnen: Beim Anblick der grausamen Szene sollen drei Zuschauer einen Herzinfarkt erlitten haben.

Die Nummer 30 der Sabres verlor an diesem 22. März beinahe ein Drittel seines Blutes und musste mit 300 Stichen genäht werden - aber er überlebte. Die Ärzte behandelten ihn schon im Krankenwagen, es folgte eine Operation. Mediziner und Teambetreuer rieten ihm danach, den Rest der Saison auszusetzen, doch Malarchuk stand trotzdem elf Tage später wieder auf dem Eis. Der Goalie wollte es allen beweisen, auch sich selbst.

Bald wurde aber klar: Malarchuk war nicht mehr der Alte. Die Horrorverletzung, die in den Jahren danach zahlreiche Torhüter dazu veranlasst haben, einen Halsschutz zu tragen, hatte ihre Spuren hinterlassen. Sein Schmerz kam aus dem Inneren. Er litt an posttraumatischen Belastungsstörungen, wollte sich aber keine Schwächen oder Probleme eingestehen. Niemand sollte mitbekommen, wie es in dem Cowboy rumorte.

Zwangsstörungen und Depressionen

Dies wirkte sich auch auf seine Leistungen aus, die allmählich nachließen. Der Goalie wurde auf dem Eis immer wieder ausfallend und überdrehte. Was damals keiner wusste: Malarchuk kämpfte schon seit der Kindheit mit Zwangsstörungen, die in Verbindung mit seinem Unfall schlimmer wurden. Starke Depressionen waren die Folge.

NHL: Die Stanley-Cup-Sieger der letzten 20 Jahre
1995: New Jersey Devils. Playoffs-MVP: Claude Lemieux (Forward)
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1996: Colorado Avalanche. Playoffs-MVP: Joe Sakic (Forward)
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1997: Detroit Red Wings. Playoffs-MVP: Mike Vernon (Goalie)
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1998: Detroit Red Wings. Playoffs-MVP: Steve Yzerman (Forward)
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1999: Dallas Stars. Playoffs-MVP: Joe Nieuwendyk (Forward)
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2000: New Jersey Devils. Playoffs-MVP: Scott Stevens (Defenseman)
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2001: Colorado Avalanche. Playoffs-MVP: Patrick Roy (Goalie)
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2002: Detroit Red Wings. Playoffs-MVP: Nicklas Lidström (Defenseman)
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2003: New Jersey Devils. Playoffs-MVP: Jean-Sebastien Giguere (Goalie, Mighty Ducks of Anaheim)
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2004: Tampa Bay Lightning. Playoffs-MVP: Brad Richards (Forward)
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Wegen eines Streiks fiel die NHL-Saison 2005 aus. 2006: Carolina Hurricanes. Playoffs-MVP: Cam Ward (Goalie)
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2007: Anaheim Ducks. Playoffs-MVP: Scott Niedermayer (Defenseman)
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2008: Detroit Red Wings. Playoffs-MVP: Henrik Zetterberg (Forward)
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2009: Pittsburgh Penguins. Playoffs-MVP: Evgeni Malkin (Forward)
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2010: Chicago Blackhawks. Playoffs-MVP: Jonathan Toews (Center)
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2016: Pittsburgh Penguins. Playoffs-MVP: Sidney Crosby (r.)
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Er war nicht mehr gefragt und verabschiedete sich langsam aus der NHL. Drei Jahre nach dem Drama spielte er nur noch in der drittklassigen IHL für die San Diego Gulls und Las Vegas Thunder. Seine Laufbahn trudelte aus.

Flashback 2008

Der Goalie zog sich nach seiner Spielerkarriere mit seiner damaligen Frau Joanie zurück auf eine Range in Fish Spring, Nevada. In die Einsamkeit, weit weg von der NHL. Dort konnte er sich um seine Pferde kümmern, dank diverser Medikamente schien es ihm wieder etwas besser zu gehen - allerdings nur bis 2008.

Damals erlitt Richard Zednik von den Florida Panthers im Spiel gegen die Sabres eine Schnittwunde am Hals und musste sich einer Not-OP unterziehen. Der Unfall war dem von Malarchuk erschreckend ähnlich. Glücklicherweise überlebte auch Zednik, doch bei Malarchuk kamen alte Erinnerungen hoch, eine Art Flashback.

Ein Schuss in den Kopf

Zu seinen mentalen Problemen verfiel er nun auch noch zunehmend dem Alkohol. Er flippte zu Hause aus und geriet immer häufiger außer Kontrolle. In einem Fitnessstudio in Reno soll er sich beispielsweise mit einem Gewichtheber geprügelt haben. Kurzum: Malarchuk wurde immer unausstehlicher. Er konnte sich selbst nicht mehr ertragen und kam zu einem folgenschweren Entschluss.

Eines Tages fand seine Frau ihren Mann hinter der Ranch sitzend. Der Cowboy hielt sich eine geladen Waffe an den Kopf und wollte sich das Leben nehmen. Er könne so nicht mehr weiter machen, erklärte er seiner Frau - und drückte ab. Joanie rief sofort den Krankenwagen, wie durch ein Wunder überlebte Malarchuk auch diesmal. Die Kugel steckt seit dem Selbstmordversuch als Mahnmal in seinem Kopf.

Die Tragödie hatte eine positive Wirkung. Malarchuk erkannte endlich, dass er Hilfe brauchte. 20 Jahre nach dem Horror von Buffalo ließ er sich in eine Klinik einweisen, wo er sechs Monate lang behandelt wurde und ihm zumindest teilweise geholfen werden konnte.

Goalie-Coach und Buch-Autor

Bis vor einiger Zeit arbeitete er sogar noch als Goalie-Coach für die Calgary Flames. Derzeit kümmert er sich wieder um die Pferde auf seiner Ranch und hat seine Geschichte in dem Buch "The Crazy Game" niedergeschrieben. Malarchuk will dabei helfen, das Schweigen über Depressionen zu brechen und den Leuten, die ähnliche Probleme haben, zeigen, dass sie nicht alleine sind.

"Für den Rest meines Lebens werde ich mit meinen Depressionen und Zwangsstörungen leben müssen - ohne den Alkohol anzurühren", sagt er: "Aber so lange ich meine Medikamente regelmäßig nehme und stündlich, täglich an mir arbeite, kann ich es schaffen."

Clint Malarchuk wollte immer der starke Cowboy sein. Nun hat er gelernt, dass es auch eine Stärke ist, seine Schwächen zuzugeben.

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Andreas Dieterle

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