NHL

Es lebe der Heimvorteil!

Von Philipp Dornhegge
Tim Thomas (r.) führte seine Boston Bruins in den Finals zum dritten Heimsieg im dritten Spiel
© Getty

Trotz der Chance, in Spiel 6 nach 18 Jahren den Stanley Cup wieder nach Kanada holen zu können, zeigten die Vancouver Canucks die dritte schwache Leistung im TD Garden und verloren bei den Boston Bruins mit 2:5. Es bleibt dabei, dass die jeweilige Heimmannschaft bislang alle Spiele der Finalserie gewinnen konnte. Nun kommt es zum entscheidenden siebten Spiel, das in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag in Vancouver ausgetragen wird.

Die Canucks kassierten in den ersten zehn Spielminuten vier Treffer und erholten sich nicht mehr von diesem Schock. Es waren die schnellsten vier Gegentore der Finals-Geschichte. Roberto Luongo wurde nach dem dritten Gegentor vom Eis genommen, Ersatzmann Cory Schneider machte seine Sache trotz zweier Gegentreffer sehr ordentlich.

Nimmt man die drei Auswärtsspiele zusammen, hat Luongo in rund 112 Minuten 15 Tore kassiert und Vancouver insgesamt ein Torverhältnis von 3:17 vorzuweisen.

Diese Diskrepanz ist auch Bostons Goalie Tim Thomas zu verdanken, der sich einmal mehr als nahezu unüberwindbar erwies und selbst beste Einschussmöglichkeiten des Gegners zunichte machte.

Sowohl Christian Ehrhoff für Vancouver als auch Dennis Seidenberg für Boston verbuchten im Kampf um den ersten deutschen Stanley-Cup-Sieger seit Uwe Krupp 1996 ihren ersten Assist und damit auch ersten Scorerpunkt der Finals.

Reaktionen:

Mark Recchi (Boston Bruins): "Ich bin stolz auf diese Jungs. Wir standen mit dem Rücken zur Wand, aber wir waren schon das ganze Jahr über zäh. Heute Abend sind wir raus gegangen und haben ein großartiges erstes Drittel gespielt. Wir haben getan, was wir tun mussten. Jetzt kommt alles auf ein Spiel an."

Brad Marchand (Boston Bruins): "Wir wollten bei einer Sache sicher gehen: Wenn wir schon untergehen, dann kämpfend."

Tim Thomas (Boston Bruins): "Nicht viele haben uns zugetraut, dass wir es bis zu diesem Punkt schaffen würden. Das ist ein großartiges Gefühl. Davon träumst du als Kind, wenn du auf der Straße Hockey spielst. Einmal in Spiel 7 stehen."

Roberto Luongo (Vancouver Canucks): "Das schlimmste, was ich jetzt machen könnte, wäre, den Kopf hängen zu lassen und in Selbstmitleid zu versinken. Ich hatte heute eigentlich ein gutes Gefühl. Jetzt muss ich einfach weitermachen. Ich muss an mich glauben, richtig?"

Alain Vigneault (Coach Vancouver Canucks): "Ich muss gar nichts zu Roberto sagen. Er ist ein Profi und seine Vorbereitung ist beispielhaft. Er wird für Spiel 7 bereit sein. Was passiert ist, ist passiert. Wir haben das Spiel schon abgehakt. Jetzt geht es nach Hause."

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Vor dem Spiel: Keine Veränderungen in den Lineups beider Mannschaften. Vancouvers Berufung von Glass und Tanev statt Tambellini und Ballard hatte sich in Spiel 4 und 5 mehr als rentiert, aber auch die Bruins waren mit ihrem Auftritt durchaus nicht so unzufrieden, als dass jetzt alles über den Haufen geworfen werden müsste.

1.: Klasse Start der Canucks. Zwar muss Raymond gleich zu Beginn verletzt vom Eis, aber der erste Sedin-Shift sorgt gleich für einen Pfostentreffer. H. Sedin steht dann links völlig frei, haut aber am Rebound vorbei!

6.: Tor für Boston! 1-0, Marchand (Recchi, Seidenberg)! Das ist wieder der Marchand aus den vorherigen Heimspielen: Mit Speed kommt der Rookie über rechts und haut Luongo einen Wrist-Shot in den kurzen Winkel. Der Goalie ist zu schnell unten und kommt so nicht mehr an den Puck. Boston führt und wir erinnern uns: Wer in dieser Serie das 1:0 macht, hat jeweils das Spiel gewonnen.

7.: Tor für Boston! 2-0, Lucic (Ryder, Peverley)! Boston legt sofort nach! Bieksa verliert seinen Schläger und geht ihn suchen, nach einem Turnover Vancouvers in der neutralen Zone fehlt der Verteidiger beim Konter der Bruins. Lucic ist links durch und schiebt Luongo den Puck durch die Hosenträger.

9.: Tor für Boston! 3-0, Ference (PP/Ryder, Recchi)! Was für ein Traumstart für die Bruins. Jegliche Nervosität sollte endgültig verflogen sein, nachdem Ference aus der zweiten Reihe Luongo überwunden hat. Und Canucks-Coach Vigneault hat genug gesehen: Hier kommt Ersatz-Goalie Schneider!

10.: Tor für Boston! 4-0, Ryder (Kaberle)! Wow, hier geht nichts zusammen für Vancouver. Kaberle probiert es einfach mal aus der Distanz, der Puck streift an Ryders Schläger vorbei und wird entscheidend abgefälscht. Keine Chance für Schneider - das Spiel ist praktisch gelaufen.

26.: Vancouver versucht jetzt alles, hat aber einfach kein Glück. Erst H. Sedin mit einem Pfostentreffer im Power Play, Kesler kann den Rebound nicht einlochen. Dann spielen Kesler und Oreskovich einen 2-gegen-1-Konter. Der Amerikaner mit einem herrlichen Deke und Querpass. Aber Oreskovich senst erst am Puck vorbei, im zweiten Versuch schiebt er die Scheibe neben Thomas' Tor.

37.: Wieder eine exzellente Chance für die Sedins, aber Thomas ist sowohl gegen Daniel als auch gegen Henrik zur Stelle. Der Puck will einfach nicht ins Tor.

41.: Tor für Vancouver! 4-1, H. Sedin (PP/D. Sedin, Ehrhoff)! Der Schwede mit seinem ersten Punkt der Serie - unglaublich, aber wahr. Sedin skatet mit viel Geduld vor dem Tor von links nach rechts und wartet, bis Thomas auf dem Eis liegt, dann haut er den Puck mit der Backhand unter die Latte.

44.: Klassischer Fall von zu früh gefreut. Hansen feiert das vermeintliche 4-2, nachdem H. Sedin ihn eingesetzt hatte. Doch die Wiederholung zeigt, dass der Puck lediglich gegen den Pfosten geknallt war. Dennoch: Bei den Bruins ist im Moment die Luft raus.

47.: Tor für Boston! 5-1, Krejci (Recchi, Kaberle)! Torres und Alberts in kurzer Folge mit Penaltys, die zu den dümmeren der NHL-Geschichte gehören dürften, die Bruins über eine Minute im 5-gegen-3. Irgendwann knallt Recchi den Puck in Lichtgeschwindkeit quer von der einen auf die andere Seite, Schneider kommt nicht rechtzeitig nach rechts, um Krejcis Schuss zu stoppen.

58.: Tor für Vancouver! 5-2, Lapierre (D. Sedin, Hansen)! Schöner Abschluss eines miesen Spiels für die Canucks. Thomas fokussiert sich auf den einschussbereiten D. Sedin, der jedoch legt noch mal rüber auf Lapierre. Das Tor ist leer, der Puck im Netz.

Der Star des Spiels: Mark Recchi. Einfach, um sich mal nicht total auf Tim Thomas, der erneut bärenstark war, zu konzentrieren, geht die Auszeichnung diesmal an Recchi. Wenn der 43-Jährige eins hat, dann ist es Erfahrung. Und die kam in Spiel 6 deutlich zum Tragen: Recchi war in einer enormen Drucksituation die Ruhe selbst, spielte ganz abgeklärt seinen Stiefel runter und strahlte damit auch auf seine Kollegen ab. Mit 3 Assists und 4 Torschüssen war Recchi auch statistisch ein absoluter Schlüsselspieler.

Der Flop des Spiels: Roberto Luongo. Dritter Auftritt in Boston, drittes Alptraum-Spiel für den Goalie der Canucks. Viel mehr muss man gar nicht sagen. Luongo verbuchte ein paar Pflicht-Saves, ließ aber innerhalb weniger Minuten drei Schüsse durch, die nicht unhaltbar schienen, und wurde noch im ersten Drittel vom Eis genommen. Dass Backup Cory Schneider auch zwei Tore kassierte, tut nichts zur Sache: Das war absolut nichts von Luongo.

Analyse: Wer ein physisches Spiel erwartet hatte, der sollte gleich zu Beginn voll auf seine Kosten kommen. Erst wenige Sekunden waren gespielt, als Mason Raymond in nach vorn gebeugter Haltung von Johnny Boychuk an die Bande genagelt und verletzt wurde. Raymond musste vom Eis geholfen werden, der pfeilschnelle Rightwinger konnte nicht weitermachen - und wird eventuell auch in Spiel sieben fehlen.

Eine gute Minute später hätten sich Zdeno Chara und Henrik Sedin fast geprügelt, beide wurden nach ihrer Auseinandersetzung auf die Strafbank geschickt.

Davon abgesehen kontrollierte Vancouver die ersten Minuten. Boston hatte Probleme, den Puck aus der eigenen Zone zu bekommen, ließ ein paar Chancen zu und tauchte kaum einmal vor Roberto Luongo auf.

Gleich mit der ersten Möglichkeit drehte sich das Spiel aber nachhaltig: Marchands Führungstor öffnete die Schleusen zu einem Blowout im ersten Drittel. Innerhalb von vier Minuten legten Lucic, Ference und Ryder nach. Das 4:0 fiel dabei bereits gegen Ersatzgoalie Corey Schneider, nachdem Coach Alain Vigneault seinen Stargoalie Luongo vor den Schmährufen der Bruins-Fans schützen wollte und vom Eis geholt hatte.

Die Canucks standen komplett unter Schock. Es dauerte mehrere Minuten, ehe man das Gefühl hatte, dass sich der Gast wehren will. Und so komisch es klingen mag: Vancouver bekam seine Chancen. Henrik Sedin, Alex Burrows und Jannik Hansen hätten treffen können, wenn nicht müssen. Ohne weiteres hätte es 4:3 stehen können.

Aber da ist ja immer noch ein gewisser Torhüter namens Tim Thomas, der im TD Garden dieser Tage praktisch nicht zu bezwingen ist. Das änderte sich im zweiten Drittel nicht, als Vancouver gleich zu Beginn ein Power Play zugesprochen bekam, erneut aber nicht zum ersten Tor kam. Die Canucks hatten weitere gute Möglichkeiten, aber Thomas' Kasten war wie vernagelt.

Mit dem Start des dritten Drittels klappte es aber doch, als Henrik Sedin eine Überzahlsituation zum Ehrentreffer nutzte. Vancouver schien sich noch mal an einem Comeback versuchen zu wollen, aber als Raffi Torres und Andrew Alberts fast zeitgleich dumme Penaltys nahmen und Boston das 5-gegen-3 zum 5:1 nutzte, war die Sache endgültig gegessen.

Das 5:2 durch Maxim Lapierre war letztlich wertlos, sollte den Canucks aber zumindest ein Minimum an Selbstvertrauen zurückgeben und ihnen als Vorlage dafür dienen, wie man Thomas, der meist sehr weit aus dem Kasten kommt, bezwingen kann: indem man die Scheibe schnell von einer Seite auf die andere bewegt und das leere Tor anvisiert.

Ob ihnen diese Taktik jetzt noch helfen kann, wird sich in Spiel sieben zeigen. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag geht die NHL-Saison definitiv zu Ende.

Wer dann den Stanley Cup in die Höhe recken darf, ist zu diesem Zeitpunkt völlig offen. Denn obwohl die Bruins den Canucks erneut eine ordentliche Abreibung verpassten, gilt in diesen Finals nach wie vor das Gesetz: Wer zu Hause spielt, gewinnt das Spiel.

Der Gastgeber war jeweils auch das Team, das das erste Tor erzielt hat. Sowohl für Boston als auch für Vancouver wird es also enorm wichtig sein, einen guten Start zu erwischen und keinesfalls in Rückstand zu geraten.

NHL: Die Playoffs auf einen Blick

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