NHL

Die Mutter aller Klatschen

Von Philipp Dornhegge
David Krejci (Nummer 16) bejubelt sein Tor zum zwischenzeitlichen 4:0 für Boston gegen Vancouver
© Getty

Die Boston Bruins haben sich in den Stanley-Cup-Finals eindrucksvoll zurückgemeldet. Mit einem klaren 8:1-Sieg in Spiel 3 verkürzte der Eastern-Conference-Champion in der Best-of-seven-Serie gegen die Vancouver Canucks auf 1-2. Es war der zweithöchste Sieg der Stanley-Cup-Finals-Geschichte. Außerdem kassierten beide Teams in einer intensiven Partie insgesamt 145 Strafminuten, ebenfalls Platz zwei in der NHL-Geschichte.

Insbesondere die Special Teams machten den Unterschied für Boston aus. Die Treffer erzielten Andrew Ference, Mark Recchi (2), Brad Marchand, David Krejci, Daniel Paille, Chris Kelly und Michael Ryder.

Ein Wermutstropfen war allerdings die schwere Verletzung von Nathan Horton, der nach wenigen Minuten einen Check von Aaron Rome einstecken musste und nicht mehr weiterspielen konnte. Wegen einer schweren Gehirnerschütterung wird Horton für die restlichen Finals-Spiele ausfallen. Das einzige Tor für Vancouver ging auf das Konto von Jannik Hansen.

Bostons Tim Thomas gewann das Goalie-Duell gegen Roberto Luongo ebenso deutlich wie der bärenstarke Dennis Seidenberg (24:34 Minuten Eiszeit, +1) das Aufeinandertreffen der deutschen Verteidiger gegen den über weite Strecken indisponierten Christian Ehrhoff (27:53 Minuten Eiszeit, -3). In Spiel 4 in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag wollen die Bruins - erneut im heimischen TD Garden - die Serie ausgleichen.

Reaktionen:

Brad Marchand (Boston) über Nathan Hortons Verletzung: "Es tut immer weh, wenn ein Mitspieler ausfällt. Wir wollten dieses Spiel für ihn gewinnen. Es ist hart, wir sind sehr besorgt um ihn. Auf der anderen Seite hatten uns sein Ausfall zusätzliche Motivation gegeben."

Claude Julien (Trainer Boston) über...

... die Auswirkungen des 8:1 auf die Serie: "Sicher haben wir klar gewonnen, aber es steht immer noch 1-2 gegen uns. Was mir allerdings Mut macht ist die Tatsache, dass wir endlich einen Weg gefunden haben, Luongo ein paar Tore einzuschenken. Wir hatten zuvor viel Mühe mit ihm, insofern sollten die acht Tore unserem Selbstvertrauen gut tun."

... Aaron Romes Check gegen Horton: "Ich meine einen Blindside-Hit gesehen zu haben, genau so eine Aktion, wie wir sie aus der NHL verbannen wollen. So sehe ich das. Die Liga soll sich um alles Weitere kümmern. So etwas hat im Hockey nichts verloren."

Alain Vigneault (Trainer Vancouver) über...

... die Höhe der Niederlage: "In den Playoffs ist eine Niederlage eine Niederlage. Egal, ob man in der Overtime verliert oder so wie wir heute. Mit dem ersten Drittel war ich sehr zufrieden. Aber danach hat sich die Partie komplett gedreht. Die Tatsache, dass unser Power Play nicht existent war, hat ihnen viel Momentum gegeben."

... Romes Check gegen Horton: "Man will keinen Spieler so ausscheiden sehen. Der Check kam vielleicht etwas zu spät und ging mit der Schulter zum Kopf. Horton hat in diesem Moment nur seinem Pass hinterher geschaut. Aber das war keine Aktion von der ganz schlimmen Sorte."

Tim Thomas (Boston): "Als wir ins Rollen gekommen sind und die Tore fielen, haben wir gesagt: 'Lasst uns so weitermachen und noch mehr Treffer erzielen!' Das war der richtige Ansatz. Dass wir die Last auf so viele Schultern verteilen konnten ist sehr gut. Um den Stanley Cup zu gewinnen, müssen auch in den kommenden Spielen alle etwas beitragen."

Manny Malhotra (Vancouver): "Seit Beginn der Playoffs sagen wir, dass uns ein Sieg oder Niederlage nicht von unserem Weg abbringen kann. Wir werden Video schauen, unsere Lehren ziehen und im nächsten Spiel bereit sein. Jeder weiß, dass er besser spielen kann und muss."

Roberto Luongo (Vancouver): "Am Ende des Tages müssen wir uns nur bewusst machen, dass wir mit einem Sieg in Spiel 4 3-1 in Führung gehen und das Ding zu Hause klar machen können."

Der SPOX-Spielfilm:

Vor dem Spiel: Boston freut sich über die Rückkehr von Shawn Thornton, der seit Spiel 2 gegen Tampa Bay nicht mehr auf dem Eis gestanden hatte. Der junge Tyler Seguin muss weichen. Vancouver tritt mit der gleichen Truppe wie in Spiel 2 an. Bedeutet: Manny Malhotra hat sein Comeback nach langwieriger Augenverletzung zwar gut überstanden und ist erneut dabei, dafür fehlt Topverteidiger Dan Hamhuis auch beim ersten Spiel im TD Garden.

6.: Hässliche Szene an Vancouvers Blue Line: Boston auf dem Weg in die gegnerische Zone, Horton spielt auf den linken Flügel und achtet nicht auf Rome, der heranrauscht und den Rightwinger mit einem zu späten Hit am Kinn erwischt. Horton geht zu Boden und schlägt böse mit dem Kopf auf. Die Nummer 18 bleibt liegen und muss lange behandelt werden. Für Horton ist die Partie gelaufen, Rome bekommt eine wohlverdiente Fünf-Minuten-Strafe und eine Disqualifikation.

12.: Boston hat im Power Play viel richtig gemacht, aber Luongo hält alles fest, Hansen riskiert mit einem Block Kopf und Kragen. Ganz starkes Penalty Kill, kurz darauf haben die Canucks selbst die dicke Chance zur Führung, als Thomas einen Bieksa-Schuss nicht festhalten kann. D. Sedin verpasst den Rebound nur ganz knapp.

21.: Tor für Boston! 1-0, Ference (Peverley, Krejci)! Edler bricht beim Outlet-Pass der Schläger, Boston übernimmt den Puck. Ohne Schläger muss Edler zusehen, wie Ference vor Luongo Krejcis Schuss abfälscht.

25.: Tor für Boston! 2-0, Recchi (PP/Ryder, Ference)! Ganz schlechte Phase für die Canucks. Tambellini nimmt ein Hooking-Penalty hin, weil Thornton sonst durch gewesen wäre, im Power Play setzt Kesler den Puck ins eigene Tor. Der Treffer wird Recchi gut geschrieben, die Bruins haben das Momentum jetzt komplett auf ihrer Seite.

32.: Tor für Boston! 3-0, Marchand (SH)! Katastrophaler Spielaufbau von Vancouver. Ehrhoff kann den Puck nicht in der gegnerischen Zone halten, bekommt ihn auch in der Folge nicht richtig in den Griff und bringt D. Sedin in eine schwierige Position. Der Schwede verliert den Puck, Marchand setzt sich gegen Kesler durch und wartet auf eine Aktion von Luongo. Als der Goalie auf dem Eis liegt, nagelt er die Scheibe unter die Latte.

36.: Tor für Boston! 4-0, Krejci (Ryder, Chara)! Jetzt geht es dahin für die Canucks. Der Gast ist langsamer, weicher und mental völlig von der Rolle. Luongo ist nicht erst seit dem Abstauber von Krejci zu bedauern.

51.: Viel Hockey sieht man jetzt nicht mehr. Es geht nur noch darum, möglichst viele Ausrufezeichen im Hinblick auf Spiel vier zu setzen. Lucic und Burrows werden in die Kabine geschickt, Seidenberg und Kesler folgen ihnen nach einer Prügelei.

52.: Tor für Boston! 5-0, Paille (SH/Boychuk)! Tambellini verliert in Überzahl die Scheibe und schaut dann nur zu, wie er von Paille überlaufen wird. Luongo ist dran, dennoch trudelt der Puck ins Tor.

54.: Tor für Vancouver! 5-1, Hansen (Torres, Lapierre)! Gut für die Canucks, dass sie Thomas wenigstens noch den Shutout vermiesen konnten. Torres mit einem prächtigen Querpass auf Hansen, der am langen Pfosten sträflich frei steht und nur noch einschieben muss.

58.: Tor für Boston! 6-1, Recchi (Marchand, Bergeron)!

59.: Tor für Boston! 7-1, Kelly (Paille, Chara)!

60.: Tor für Boston! 8-1, Ryder (PP/Kaberle)! Dreierschlag kurz vor Ende, der die Schmach für Luongo endgültig perfekt macht. Der Goalie kann eigentlich nichts dafür, ist aber trotzdem der Dumme. Vancouver geht kurz vor Schluss noch mal volles Risiko, ist dabei aber hinten vollkommen entblößt und sowieso mental nicht mehr im Spiel. Der TD Garden steht kopf!

Der Star des Spiels: Tim Thomas. Es mag unfair anmuten, nach der starken Performance so vieler Feldspieler - allen voran Recchi, Krejci und Thornton - doch den Goalie zum besten Spieler der Partie zu bestimmen. Aber was soll man machen, wenn Thomas so hält wie in Spiel 3? Man hat das Gefühl, dass Vancouver zunehmend frustriert ist vom Routinier, der sich in jeden Schuss wirft, als ginge es um sein Leben. Etliche Topchancen machte der Goalie zunichte, ehe sich die Ratlosigkeit der Canucks in Aussetzern in der Defensive entlud. Thomas hat in seinen letzten drei Heimspielen nicht nur 98 von 100 Schüssen gehalten. Mit einem herrlichen Bodycheck verhinderte er zudem einen Treffer des einschussbereiten Daniel Sedin und sorgte so für eins der absoluten Highlights im Spiel.

Der Flop des Spiels: Vancouvers Special Teams. Was vor der Serie als größter Vorteil der Canucks gesehen wurde, entwickelt sich mehr und mehr zur Achillesferse. Schon in Spiel 2 sah man Ansätze, dass Boston in Über- und Unterzahl zunehmend stärker wurde, in Spiel 3 war der Unterschied eklatant. Vancouvers erstes Penalty Kill nach Romes Fünf-Minuten-Strafe war noch stark, danach aber hatten die Bruins alles im Griff, trafen zwei Mal in Überzahl und fügten den Canucks zudem noch das vierte und fünfte Shorthanded-Goal der Playoffs zu. In der gesamten Regular Season hatte der Ligaprimus lediglich zwei Tore dieser Sorte kassiert. In der Offensive kam der Gast ebenfalls überhaupt nicht zum Zug.

Analyse: Waren in Vancouver noch die Canucks das aggressivere Team und die Bruins diejenigen, die anfangs nur reagierten, sah es beim ersten Spiel im TD Garden ganz anders aus. Die Fans peitschten ihre Mannschaft nach vorne und sahen in der Anfangsphase jede Menge Hits. Ein Revanche-Hit des Gegners war aber genau der Grund, warum die Stimmung schon nach wenigen Minuten kippte: Aaron Romes Check an der Blue Line gegen Nathan Horton führte zum Ausfall des Bruins-Stürmers - inzwischen steht fest, dass Horton wie befürchtet in den Finals nicht mehr spielen kann.

Die Fans waren stinksauer und hätten Rome, der inzwischen für vier Spiele gesperrt wurde, scheinbar am liebsten gelyncht, aber sie waren auch geschockt. Beeindruckend war auf der anderen Seite, wie beide Teams mit der Hiobsbotschaft umgingen: Boston spielte nach vorne und suchte die Lücken in Vancouvers Defense, die Canucks wiederum nahmen sich überhaupt nicht zurück und suchten weiter den Körperkontakt. Damit kauften sie dem Gastgeber gegen Ende des ersten Drittels etwas den Schneid ab und kreierten sich zwei erstklassige Torchancen, die Thomas aber in gewohnt spektakulärer Manier zunichte machte.

Der Start in den zweiten Abschnitt war allerdings genau nach dem Geschmack der Bruins-Fans. Andrew Ference und Mark Recchi brachten ihr Team innerhalb von fünf Minuten zu einer 2:0-Führung. Die Treffer waren zwar nicht wunderschön, aber wen juckt das in den Finals schon?

Die Tatsache, dass Boston bereits das zweite Power-Play-Tor der Serie gelang, machte zusätzliche Hoffnung. Als Brad Marchand und David Krejci den Blowout praktisch sicher stellten, bekam man das Gefühl, dass dieses denkwürdige zweite Drittel Langzeitwirkung haben könnte. Boston war endgültig in der Serie angekommen und strotze nur so vor Selbstvertrauen.

Die Canucks spielten auch im dritten Abschnitt ganz schwach: Sie waren immer einen Schritt langsamer, waren körperlich nicht präsent und spielte schon in der eigenen Zone nur unpräzise Pässe. Was man ihnen aber nicht vorwerfen kann ist, dass sie nicht gekämpft hätten. Vancouver weigerte sich auch in der Schlussphase, die zweitdeutlichste Klatsche der Finals-Geschichte - die Penguins hatten 1991 einst 8:0 gegen die North Stars gewonnen - einfach so hinzunehmen.

Eine Demütigung vor Augen rieben sie sich in Eins-Gegen-Eins-Duellen auf, die zu zahlreichen Disqualifikationen führte. Und die Defensive derart entblößte, dass der bedauernswerte Luongo in der Schlussphase zum Bauernopfer wurde. Dass Coach Alain Vigneault seinen Superstar trotzdem nicht vom Eis nahm, war mehr als verwunderlich. Man darf gespannt sein, wie sich die Kanadier von diesem Schock erholen.

Mit insgesamt 145 Strafminuten verbuchten beide Teams in der Finals-Gechichte auch in dieser Hinsicht den zweiten Platz, nur 1986 zwischen Montreal und Calgary gab es ein noch unsaubereres Spiel (176 Strafminuten). Dennis Seidenberg trug mit einer Disqualifikation knapp neun Minuten vor Spielschluss übrigens entscheidend zu dieser Zahl bei.

NHL: Die Playoffs auf einen Blick

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