NHL-Playoff-Check, Conference Finals

Goalies sind wie guter Wein

Von SPOX
Freitag, 13.05.2011 | 17:36 Uhr
Tim Thomas und Martin St. Louis sind die MVPs ihrer Teams - in der Regular Season und den Playoffs
© Getty
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Wer hätte gedacht, dass es die Tampa Bay Lightning bis in die Conference Finals schaffen? Auch SPOX war zunächst überrascht, glaubt gegen die Boston Bruins aber an das nächste Husarenstück. Zwischen den Vancouver Canucks und San Jose Sharks könnte das Auftreten der Sedin-Zwillinge über Wohl oder Wehe entscheiden. Der SPOX-Check zu den Conference Finals.

Boston Bruins (3) - Tampa Bay Lightning (5)

Saisonbilanz: 3-1 (1:3, 8:1, 4:3, 2:1)

Ausgangslage: Boston hat die Dämonen der letzten Saison besiegt, als es ein 3-0 gegen die Philadelphia Flyers verschenkte, sensationell ausschied und für eine Weile zur Lachnummer der Liga wurde. Dieses Jahr ließen die Bruins nichts anbrennen und machten dem Gegner eiskalt und mit totaler Dominanz in vier Spielen den Garaus.

David Krejci ist eine absolute Bank (10 Punkte), Nathan Horton überzeugt bei seinen ersten Playoffs und in der Defense kommt Dennis Seidenberg auf satte 28:35 Minuten Eiszeit pro Spiel. Der Deutsche dankte es Coach Claude Julien bisher mit 6 Scorerpunkten und einem bärenstarken Plus-Minus-Rating (+8).

Nur fünf Spieler sind in den Playoffs besser, darunter drei Teamkollegen (Marchand, Recchi und Chara). Der famose Playoff-Lauf des Original-Six-Teams, der mit zwei Heimpleiten gegen Montreal eigentlich gar nicht gut anfing, wäre aber nicht möglich gewesen, wenn nicht Tim Thomas im Tor gestanden hätte. Der Amerikaner spielt wahnsinnige Playoffs - und seine Karriere ist auf verschiedenen Ebenen mit Tampa Bay verwoben.

Thomas entschied sich in seiner Jugend gegen die University of UMass-Lowell, weil er dort keine Chance gegen Dwayne Roloson sah. Den Mann, der heute das Tor der Lightning hütet. Stattdessen ging der heute 37-Jährige zur University of Vermont - und war dort der Teamkollege von Martin St. Louis. Der ist MVP-Kandidat und Tampa Bays Topspieler. Nachdem Thomas eine Weile in Finnland gespielt hatte, war die Franchise aus Florida die erste der NHL, die ihm einen Vertrag gab - auch wenn er nie ein Spiel für Tampa Bay absolvierte.

Jetzt geht es also für Thomas gegen einige alte Bekannte, aber auch viele neue Gesichter. Besonders oft wird er wohl mit Vincent Lecavalier und Sean Bergenheim zusammentreffen, die neben St. Louis die besten Torschützen der Lightning sind. Von schweren Prüfungen kann Tampa Bay, wie Boston, übrigens ein Lied singen: Der Playoff-Start wurde gründlich verpatzt, als man gegen Pittsburgh schon 1-3 zurück lag.

Doch ab Spiel vier begann die Roloson-Show. Dürfte man sich heute für den Rest der Playoffs einen Goalie aussuchen, die wenigsten würden einen anderen als Thomas oder Roloson wählen. Für beide gilt der alte Spruch: Wie ein guter Wein werden sie mit dem Alter nur noch besser. Der 41-jährige Roloson hat mit 2,01 Gegentoren im Schnitt und einer Save Percentage von 94,1 Prozent sogar die Topwerte unter allen Stammgoalies zu Buche stehen.

Mit seinen Paraden brachte er nicht nur die Pens, sondern anschließend in vier Spielen auch die Washington Capitals - das vermeintliche Topteam im Osten - zur Verzweiflung. Fans von tollem Torwartspiel werden in dieser Serie voll auf ihre Kosten kommen.

Players to watch: Patrice Bergeron vs. Steven Stamkos. Der 25-jährige Bergeron wurde in Spiel vier gegen die Flyers von Claude Giroux hart getroffen, ging zu Boden und durfte nach einer Untersuchung und der ernüchternden Diagnose nicht zurück aufs Eis. Bergeron verpasste die letzten Minuten aufgrund einer Gehirnerschütterung und steht auch gegen Tampa Bay erstmal nicht zur Verfügung.

Weil sich seine Verfassung aber stetig verbessert, sieht es gar nicht schlecht aus mit einem baldigen Comeback. Und wie wichtig das für die Bruins wäre, zeigt ein Blick auf die Statistik: Bergeron ist der punktbeste Boston-Spieler (2 Tore, 10 Assists), hat ein exzellentes Plus-Minus-Rating und die meisten Torschüsse abgefeuert (35).

Von solchen Zahlen kann Stamkos nur träumen. Der Youngster liegt bei -2 im Plus-Minus-Rating und weist mit 4 Toren und 2 Assists sehr gewöhnliche Zahlen auf. Zumal er in der besten Offense der Playoffs mitspielt und über weite Strecken der Regular Season deren Top-Sniper war.

Ist Stamkos mental neben der Spur? Dafür spricht, dass seine Durststrecke schon lange vor den Playoffs anfing. Oder ist er noch zu grün für die Playoffs? Sein Coach Guy Boucher jedenfalls glaubt, dass er sich an das noch körperlichere Spiel erst gewöhnen muss, dabei aber stetige Fortschritte macht. Es wäre schön für Tampa Bay, wenn sich diese Fortschritte auch in Zahlen ausdrücken würden.

Prognose: Die Special Teams könnten den Unterschied machen. Tampa Bay hat die meisten Power-Play-Tore gemacht (12) und das zweitbeste Penalty-Killing (94,4 Prozent), Boston dagegen aus 37 Überzahlsituationen erst zwei Mal getroffen und nur vier Fünftel der Unterzahlsituationen erfolgreich gemeistert. Zieht man dazu Tampa Bays 1-3-1-Aufstellung in Betracht, die den Gegnern auch beim 5-gegen-5 wenig Chancen lässt, spricht vieles für das Team aus Florida. Lightning in 6.

Vancouver Canucks (1) - San Jose Sharks (2)

Saisonbilanz: 3-1 (6:1, 4:3, 1:2 SO, 5:4 SO)

Ausgangslage: Bei den Canucks steht derzeit ein Mann ganz klar im Fokus: Ryan Kesler. Der Center wurde von Roberto Luongo unlängst zum Nummer-Eins-Kandidaten auf die Conn Smythe Trophy des wichtigsten Spielers in den Playoffs ernannt, auch die Fachwelt ist begeistert, wie bärenstark sich der Amerikaner präsentiert.

Kesler ist in der Rückwärtsbewegung der vielleicht beste Forward der Liga, dazu hat er seinem Team mit vielen Toren und Assists überhaupt erst das Erreichen der Conference Finals ermöglicht. Seine Auftritte waren umso wertvoller, weil die Sedin-Zwillinge Henrik und Daniel bislang schwache Playoffs spielen.

Gegen Chicago wurden sie von Dave Bolland und Co. hart bearbeitet, gegen Nashville hatten sie es meist mit Shea Weber und Ryan Suter zu tun. Und die gehören bekanntlich zur Defensiv-Elite der NHL. Nun wartet mit Dan Boyle der nächste All-Star. Insgesamt kann man aber erwarten, dass es für Vancouver offensiv leichter gehen wird.

San Jose legt sein Augenmerk - ähnlich wie die Canucks - weniger auf das körperliche Spiel, das die Blackhawks und Predators auszeichnet. Beide Teams wollen vor allem spielerisch überzeugen. Die gut geölte Angriffs-Maschinerie der Kalifornier wird der Defensive der Kanadier einiges mehr abverlangen, als es der Preds-Sturm tat.

Die bärenstarken Ryane Clowe (13 Punkte) und Rookie Logan Couture (12) entlasten die Topline um Joe Thornton, auch Devin Setoguchi war gegen die Red Wings enorm wichtig. Einen Vorteil könnte Vancouver ausgerechnet im Tor haben: Nachdem Luongo gegen seinen Angstgegner Chicago noch wacklig wirkte, überzeugte er in Spiel sieben und gegen Nashville.

Gegenüber Antti Niemi war bislang weniger stark. In seinen 13 Playoff-Auftritten kassierte der Finne neun Mal mindestens drei Treffer, sein GAA ist mit 3,01 nicht berauschend, seine Save Percentage mittelmäßig (90,6 Prozent). Immerhin: In Spiel sieben gegen die Wings war er stark.

Auf mentale Aussetzer des Gegners sollten beide Teams übrigens nicht hoffen: Denn beide haben schon bewiesen, dass sie - zumindest in diesem Jahr - psychisch stabil sind, als sie erst eine klare 3-0-Führung verspielten, im siebten und entscheidenden Duell aber jeweils Topleistungen zeigten. Vancouver ging es so gegen Chicago, San Jose zuletzt gegen Detroit.

Players to watch: Sedin-Zwillinge vs. Patrick Marleau. Wie erwähnt spielt das Brüderpaar enttäuschende Playoffs. Vom noch amtierenden MVP und einem der Finalisten für die Auszeichnung in dieser Saison muss man einfach mehr erwarten dürfen. Mit 9 und 10 Punkten sind Henrik und Daniel zwar immer noch die Nummern drei und zwei im teaminternen Vergleich, dennoch hatten die Canucks-Fans auf mehr gehofft.

Die Sedins sind nicht nur offensiv ineffektiv, sondern zudem schwach in der Defense. Das Ergebnis: Für beide steht eine -8 im Plus-Minus-Rating zu Buche - in der Postseason der schlechteste Wert unter allen Spielern! Übrigens: Trotz seiner 9 Scorerpunkte ist Christian Ehrhoff nur unwesentlich besser (-7).

Von einer schwachen Playoff-Leistung kann ein Shark ein Lied singen: Patrick Marleau. Während die Kollegen rechts und links von ihm die Scheibe reihenweise ins Netz knallen, steht Marleau bisher völlig neben sich. In der Regular Season mit 73 Punkten noch erfolgreichster San-Jose-Spieler, hat der 31-Jährige zwar annährend genau so oft aufs Tor geschossen (3,31 Schüsse pro Spiel), seine Trefferquote hat sich angesichts von nur 3 Toren aber halbiert.

Dazu kamen bislang erst 3 Assists. Gegen die Kings in Runde eins war Marleau mit 5 Punkten noch einigermaßen gut drauf, aber gegen Detroit war er lange Zeit völlig unsichtbar. Vielleicht ist jetzt, nachdem ihm in Spiel sieben der Game-Winner gelang, endlich der Knoten geplatzt.

Prognose: Nicht nur Vancouver, auch die Sharks werden defensiv alle Hände voll zu tun haben. Soll Boyle die Sedins checken und versuchen, einen Ausbruch des Schweden-Duos zu verhindern? Aber wer passt dann auf Kesler auf? San Jose wird Probleme bekommen. Auf der anderen Seite kassiert Vancouver zu viele Strafzeiten, als dass San Joses Power Play nicht ein wichtiger Faktor sein wird. Canucks in 7.

NHL: Die Ergebnisse der Playoffs im Überblick

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