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College Football Themenwoche: Bloody Monday und 222:0 - die Football-Geschichte

College Football blickt auf eine reiche Geschichte zurück.
© imago

College Football blickt auf eine lange, reiche Geschichte zurück; voller verrückter Anekdoten, voller Umbruch und Entwicklung, voller gesellschaftlicher Implikationen. Hier ist die Wiege auch des Footballs, wie man ihn heute kennt, zu finden. Zum Start der College Football Themenwoche taucht SPOX ein in diese Geschichte - und erzählt, wie die ersten Schritte des Sports aussahen.

Ein altes Sprichwort besagt, dass Rache noch immer am besten kalt serviert wird. Das kann sich über Jahre hinziehen, und auch mal mehrere Sportarten überschreiten.

So geschehen in Georgia in den 1910er Jahren.

John Heisman - nach dem die heutige Trophäe für den besten College-Spieler des Landes benannt ist - coachte damals das Baseball- sowie gleichzeitig auch das Football-Team der Georgia Tech University und eine der kuriosesten Anekdoten in weit über 100 Jahren College-Football-Geschichte wird noch heute wie folgt erzählt.

Im Frühling 1915 traf Georgia Tech auf das Baseball-Team der Cumberland University, eine kleine Schule etwas außerhalb von Nashville. Eigentlich eine Pflichtaufgabe für Georgia Tech, doch spielte Cumberland unsauber: Der Underdog hatte sich - zunächst ohne, dass es rauskam - mehrere semi-professionelle Spieler aus Nashville eingekauft - und gewann das Spiel prompt mit 22:0. Ein unglaublicher Schock für Georgia Tech.

Es war eine Niederlage, die für nationale Schlagzeilen sorgte und die Heisman schwer zu schaffen machte. Bis er herausfand, dass Cumberland betrogen hatte.

Heisman schwor Rache.

222:0 - eine unglaubliche Geschichte

Und er sollte seine Revanche bekommen, auch wenn er darum kämpfen musste. Der Reihe nach: Ein Jahr nach der Baseball-Schmach stand Cumberland vor finanziellen Problemen und entschied sich, das Football-Programm auf Eis zu legen und die bereits angesetzten Spiele abzusagen. Die Gegner wurden dementsprechend informiert - außer, so die Erzählung, ausgerechnet Georgia Tech.

Eine Chance, die sich Heisman nicht entgehen lassen würde.

Um sicher zu stellen, dass das Spiel auch stattfinden würde, schrieb er einen Brief an Cumberland, bot 500 Dollar sowie alle Spesen für die Reise nach Atlanta an. Nur um dann hinterher zu schieben, dass Georgia Tech eine Entschädigung in Höhe von 3000 Dollar fordern würde, sollte Cumberland das Spiel nachträglich noch absagen. Eine Summe, die für das kleine College sehr gut den Ruin hätte bedeuten können.

So waren Cumberlands Coach - der das Debakel vor seinem Direktor geheimhielt - die Hände gebunden. Ein Team von 13 bis 19 Spielern bestehend aus Verbindungsstudenten und auch Jungs aus der Stadt wurde zusammengestellt. Um bei der Universitätsleitung kein Aufsehen zu erregen, wurden die Trainigseinheiten als Chor-Treffen tituliert. Die Play-Calls wurden für die frisch gebackenen Football-Spieler komplett vereinfacht, jeder Spieler bekam den Namen eines Gemüses zugeteilt - als Code.

Natürlich half all das nichts, genauso wenig wie die Tatsache, dass drei Spieler den Anschlusszug nach Georgia verpasst hatten und so nicht zur Verfügung standen. Vor über 1000 Fans stand es an jenem 7. Oktober 1916 schon zur Halbzeitpause 126:0, als Coach Heisman sein Team für die zweite Halbzeit nochmal in die Pflicht nahm und auf mögliche Trick-Spielzüge des Gegners hinwies.

Mit 222:0 endete jene Partie, die als Inbegriff für die Bezeichnung "ungleiches Duell" herhalten kann. Ein Duell zwischen Neulingen und einem der Top-Teams des Landes - Georgia Tech legte in der damaligen Zeit eine Serie von 33 Siegen in Folge hin und gewann 1917 die National Championship.

Der Bloody Monday und sein Begräbnis

Auch wenn die Cumberland-Spieler von damals mutmaßlich protestieren würden: Der College Football hatte bis zu jenem 222:0 schon eine lange Entwicklung hinter sich, welche einen der Ursprünge - den "Bloody Monday" - vergessen ließen. Diese nicht grundlos so genannte Tradition begann 1827 in Harvard; ursprünglich als Wrestling-Match, daraus entwickelte sich nach und nach eine Art Football-Fußball-Rugby-Mischung.

Die Erstsemester traten gegen die Schüler im zweiten Jahr an, während die älteren Studenten sich das Spektakel anschauen und die Szenerie muss man sich dabei so vorstellen: Auf der einen Seite des Feldes die Erstsemester, auf der anderen die etwas älteren Schüler. Alles ohne Helme oder Pads, versteht sich.

Plötzlich wird ein Ball ins Feld geworfen und beide Teams stürmen aufeinander los. Sobald sich eine chaotische Menschentraube gebildet hat, wird auf alles eingetreten, das sich bewegt oder auch nicht bewegt. Wenn der Ball da zufällig dabei ist - umso besser! So bewegt sich dieser Haufen dann über das Feld, mit dem Ziel, das Leder irgendwie über die gegnerische Torlinie zu befördern.

Über 30 Jahre ging das so, bis sich die örtliche Polizei und die College-Verantwortlichen einig waren: Der Bloody Monday musste weg. Die Studenten protestierten, doch es war vergebens - mehr als zwölf Jahre lang sollte es in Harvard kein Football mehr geben.

Allerdings nicht, ehe eine Gruppe junger Studenten in feinster Garderobe am 3. September 1860 buchstäblich den Football zu Grabe trugen. In einer ausführlichen Prozession wurde ein Sarg unter Trommeln beim Football-Feld in die Erde gelassen und eine Eulogie gesprochen sowie ein Lied angestimmt:

Ah! Woe betide the luckless time
When manly sports decay,
And football, stigmatized as crime,
Must sadly pass away.

Auf dem Grabstein war zu lesen: "Hier liegt Foot Ball Fightum. Er wurde 60 Jahre alt. Gestorben am 2. Juli 1860. Stehe wieder auf."

Vom Chaos bis zum ersten College-Football-Spiel

Mit organisiertem Football hatte all das natürlich noch nichts zu tun, doch war das auch nicht das Thema dieser Zeit. Wenn eine Schule für weite Teile des 19. Jahrhunderts auf eine andere traf - insbesondere eine Schule aus einem anderen Teil des Landes - wurde auch nach anderen Regeln gespielt; das Heim-Team hatte das Recht, die Regeln festzulegen. Gespielt wurde anfangs zudem noch mit 25 Spielern, erst in den 1870ern ging diese Zahl schrittweise runter, bis man 1880 bei den elf Spielern angekommen war, die wir heute noch kennen.

Diese und viele weitere Regeln wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geformt, so dass gemeinhin erst das Duell zwischen Rutgers und Princeton am 6. November 1869 als erstes College-Football-Spiel zweier unterschiedlicher Schulen betrachtet wird.

In dieser Zeit erlebte das Land erstmals wieder eine Phase der Stabilität. Der Bürgerkrieg endete 1865 und einige Jahre später begann man wieder intensiver damit, sich mit so etwas wie Freizeitgestaltung zu befassen. An einigen Schulen an der Ostküste bedeutete das, mit einer Mischung aus Fußball und Football herum zu experimentieren, wobei der Fußball-Einschlag anfangs noch der klar dominierende war. Das galt auch für den 6:4-Sieg für Rutgers im November 1869, unbestreitbar ist, dass es eine Zeit des Football-Aufbruchs war.

Maßgeblich vorangetrieben von Walter Camp, ein Yale-Halfback in den späten 1870er Jahren sowie anschließend Coach in Yale und Stanford, wurde ein neues, allgemein gültiges Regelwerk aufgestellt. 1873 und 1876 trafen sich Vertreter von Columbia, Rutgers, Princeton und Yale, um die Intercollegiate Football Association zu gründen und sich endlich auf standardisierte Regeln zu einigen.

Football war geboren.

Tote und Schwerverletzte: Der Football vor seinem Untergang

Wer jetzt aber denkt, dass es von hier an ein einziger Siegeszug war, der könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Vielmehr stand der Football rund um die Jahrhundertwende vor seinem Untergang, so groß war der Druck der Gesellschaft - denn die Todesfälle und die schweren Verletzungen häuften sich.

Das traditionelle Duell zwischen Harvard und Yale wurde nach 1894 bis 1897 ausgesetzt, nachdem die 1894er Partie aufgrund schwerster Verletzungen bei vier Spielern als "Hampden Park Blutbad" in die Geschichte eingegangen war. Ähnliches passierte zwischen Army und Navy, dieses Duell wurde von 1894 bis 1898 auf Eis gelegt.

Ein Grund für die vielen schweren Verletzungen und Todesfälle waren die sogenannten "Massen-Formationen", wie etwa der hier abgebildete Flying Wedge. 1905 alleine wurden in den USA 18 Todesfälle vermeldet, die auf dem Football-Feld zustande gekommen waren.

Die Washington Post schrieb am 15. Oktober 1905: "Fast jeder Todesfall geht auf "Unnecessary Roughness"-Vergehen zurück. Wenn Spieler bewusstlos unter der Menschenmenge hervorgebracht wurden, konnte man oft feststellen, dass das Opfer Tritte gegen den Kopf oder in den Magen erhalten hatte, woraus innere Verletzungen entstanden, die zum Tod führten."

Es formten sich Gruppen, die es sich zum Ziel machten, Football abzuschaffen. Die Lage war ernst - so ernst, dass der Präsident der Vereinigten Staaten eingreifen musste.

Seite 1: 222:0, Bloody Monday, Tote - und die ersten Football-Gehversuche

Seite 2: Dringend benötigte Reformen, große Teams und die Identität des Südens

Seite 3: Große Teams und der Machtwechsel innerhalb des Sports

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