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NFL

Green Bays Problem und Buffalos Debakel

Seit der Verletzung von Aaron Rodgers ging es mit der Packers-Offense rapide bergab

Week 11 hatte einige denkwürdige Auftritte zu bieten: Die Buffalo Bills erleben nach dem Quarterback-Tausch ein komplettes Debakel, während die Minnesota Vikings die gefürchtete Rams-Offense zähmen. In Green Bay muss man die spontane Kritik relativieren, stattdessen drängt sich ein anderes Problem intensiv auf. Außerdem: Die Offense der New Orleans Saints macht viel Spaß - und was sollte Minnesota mit seiner QB-Frage machen? In seiner wöchentlichen Kolumne blickt SPOX-Redakteur Adrian Franke auf die Woche in der NFL zurück.

Das hochverdiente Bills-Debakel

Die Entscheidung unter der Woche, Tyrod Taylor durch Nathan Peterman zu ersetzen, war für mich nie wirklich nachvollziehbar. Buffalos Probleme liegen anderswo - unter anderem in der Run-Defense, dem Receiving-Corps und der Offensive Line - und trotzdem war dieses Team noch mitten drin im Playoff-Rennen. Zu diesem Zeitpunkt eine so gravierende Entscheidung zu treffen wirkte eher nach Sündenbock infolge des Debakels gegen die Saints in der Vorwoche als nach einem ernsthaften Versuch, die Playoff-Chancen zu optimieren.

Sicher, Taylor hat seine Limitierungen. Aber das bedeutet mitnichten, dass man um ihn herum keine Offense aufbauen kann - wenn man denn gewillt ist, das Team gemäß seinen Qualitäten auszurichten. Schon in der Offseason hatte sich angesichts der Transferpolitik des neuen Bills-Coachs Sean McDermott angedeutet, dass der dazu nicht bereit ist. McDermotts Umbauten im Receiving-Corps deuteten stark darauf hin, dass er eine West Coast Offense mit exakten Timing-Pässen aus der Pocket heraus und strengen Strukturen innerhalb des Plays spielen lassen will. Nicht gerade Taylors Stärke.

Peterman, so zumindest die Theorie, sollte das eher leisten können. Sein College-Tape zeigte einen Quarterback der seinerseits deutliche, vor allem physische Limitierungen mitbringt. McDermott war aber offenbar davon überzeugt, dass Peterman innerhalb seiner Strukturen spielen und so die von ihm gewünschte Offense exakter umsetzen würde, als das mit Taylors freierer Interpretation der Fall ist.

Was stattdessen am Sonntag passierte, war die Quittung für eine unverständliche Entscheidung.

Peterman warf bei seinem ersten Drive einen Pick-6, das war Taylor in 38 Starts für die Bills nicht passiert. Peterman hatte bei 14 Passversuchen fünf Interceptions und damit mehr, als Taylor in der kompletten Saison bis dahin (4). Innerhalb der ersten Hälfte brach Peterman den Franchise-Rookie-Interception-Rekord für ein Spiel und hatte laut Pro Football Focus dabei mehr "interceptable" Pässe als Taylor in der kompletten Saison bisher. Mindestens einen weiteren Pick hätte er haben können, zusätzlich zu dem Fumble, der ihm noch unterlief.

Das führt zum Punkt: Taylor wird wohl nie ein Aaron Rodgers, Tom Brady oder Drew Brees werden - also ein Quarterback, der ein Team alleine tragen kann. Und ja, er lässt Plays liegen. Gleichzeitig aber gibt seine Spielweise dem Team eine Chance, Spiele zu gewinnen: kaum Turnover, wenige gravierende Fehler sowie die Möglichkeit, mit seinen Scrambles einen X-Faktor zu bereiten. Oder anders gesagt: Wenn McDermott gewillt ist, um die Qualitäten von Peterman - den er ja täglich im Training sieht - herum eine Offense aufzubauen, sollte er auch dazu bereit sein, eine Offense um Taylors Qualitäten herum zu basteln.

Die Erfolgschance jedenfalls wäre mit Taylor zumindest kurzfristig größer, das sollte der Sonntag jedem klar gemacht haben. Und nochmal zur Klarstellung: Buffalo ging als Playoff-Kandidat in diesen Spieltag, mit der Chance, die inzwischen fast 20-jährige Playoff-Durststrecke zu beenden. Der Quarterback-Tausch hat dieses Vorhaben einem enormen Risiko ausgesetzt - zudem sollte man nicht zulassen, dass er von einem anderen Thema ablenkt: Buffalo erzwang gegen die Chargers in der zweiten Hälfte nach spielübergreifend 113 Minuten und 9 Sekunden zum ersten Mal wieder einen Punt. Jets, Saints und Chargers hatten zuvor 22 Possessions in Folge ohne Punt gegen die Bills hingelegt. Und das ist, nicht nur weil McDermotts Steckenpferd die Defense ist, ein weitaus größeres Problem als Taylors Quarterback-Stil.

Green Bays Problem ist - Brett Hundley

Auch ich gehörte gestern angesichts der desolaten Vorstellung der Packers-Offense zu denjenigen, die Mike McCarthy wieder einmal hinterfragten. McCarthy hat in den vergangenen Jahren extrem von Aaron Rodgers' Brillanz gelebt, sein Play-Calling und seine Game Plans waren mitunter enorm unkreativ, inflexibel und schlicht nicht zeitgemäß. Vereinfach gesagt: Letztlich hing dann viel davon ab, dass Rodgers mit seiner individuellen Klasse aus schlechten Plays gute macht.

Hier aber lohnt es sich, das Tape nochmal genauer anzuschauen. Denn, und das muss man grade bei McCarthy und den Packers hervorheben: Die Route-Kombinationen und Quarterback-freundlichen Play-Designs waren diese Woche definitiv da!

Gemeint ist: Green Bay baute Play Action sinnvoll ein, vor allem aber waren die Route-Kombinationen auffällig häufig aufeinander abgestimmt. Nornalerweise arbeiten die Packers oft mit Isolation-Routes und setzen auf Scrambles des Quarterbacks, um das Play auszudehnen. Diese Art Spielzug, die im Spiel oft so improvisiert und zufällig aussieht, trainiert Green Bay tatsächlich.

Am Sonntag sah das fast schon Packers-untypisch aus: Switch-Routes, bei denen sich die Laufwege kreuzen; Levels-Konzepte, bei denen eine Seite des Feldes gezielt auf mehreren Ebenen attackiert wird; tiefe Routes, die Platz für Underneath-Laufwege schafften, und so weiter. McCarthy gab Hundley Plays, um ein deutlich besseres Spiel abzuliefern, als das, was die Fans in Lambeau am Sonntag zu Gesicht bekamen.

Das Problem am Sonntag war stattdessen Hundley selbst. Der hatte nach extrem konservativen Auftritten gegen Chicago genau zwei Big Plays, und die haben gereicht, um das Spiel zu gewinnen. Was aber gegen Baltimore wieder zu sehen war: Hundley hält den Ball eine gefühlte Ewigkeit, bis die Struktur des Plays dahin ist - daraus kann er selbst dann aber nichts mehr machen, er scheint immer wieder auf die perfekte Lücke zu warten. Er agiert ungenau, die erste Interception ging sehr deutlich auf seine Kappe, als er nur eine einzige Route las.

Natürlich bedeutet das nicht, dass McCarthy einen perfekten Game Plan ausgepackt hat, mit dem Hundley eine noch immer gut besetzte Ravens-Defense hätte schlagen müssen. Nach wie vor würde ich mir, um nur zwei Beispiele zu nennen, mehr Screen-Pässe wünschen, insbesondere wenn die Offensive Line nach und nach einbricht. Oder auch einige Zone-Read-Plays, um Hundleys Athletik zu nutzen und Räume für die Running Backs zu schaffen.

Letztlich stand ein historisches Ereignis im Boxscore: Exakt elf Jahre nach dem letzten Franchise-Shutout erlebte Green Bay dieses Debakel erneut, den letzten Heim-Shutout gegen ein Team mit weniger Siegen als Niederlagen hatte es zuvor am 30. Oktober 1977 gegeben. In dem Fall aber muss man klar festhalten: Die Schuld einfach bei McCarthy zu suchen wäre zumindest diese Woche zu simpel gedacht.

Die Saints machen einfach Spaß

Tolles Spiel in New Orleans am Sonntag, das für mich zwei zentrale Takeaways hatte: Jeder der noch daran zweifelt, dass Kirk Cousins eine wirklich gute Saison spielt, sollte sich dieses Tape anschauen. Regelmäßig wurde Cousins von der Saints-Defense hart getroffen, immer wieder stand er trotzdem in der Pocket und gab seinem Team mit mehreren tollen Pässen eine Chance auf den Sieg.

Oder anders gesagt: Wie schon bei der knappen Niederlage in Kansas City vor ein paar Wochen hätte Washington ein Schwergewicht auswärts geschlagen, hätte das Team um Cousins herum auf seinem Level gespielt.

Das führt zum zweiten Punkt, denn die finalen Plays der Saints - erst der atemberaubende High-Speed-Drive zum Ausgleich, dann der Game-Winning-Drive in Overtime - zeigen, warum dieses Team so viel Spaß macht.

Von der eigenen 35-Yard-Line brauchte Drew Brees noch exakt drei Spielzüge, bis sein Team in der Endzone stand - und zwei davon waren fast exakte Kopien. Die gleiche Formation, die gleichen Routes, nur der Pass ging jeweils zu einem anderen Receiver. Nummer 3, also der Touchdown, war dann ein tolles Gegenkonstrukt: Statt zwei In-Line (also an der Offensive Line postierten) Receiver wählte New Orleans in der Red Zone eine Spread-Formation und stellte vier Wide Receiver über die Breite des Feldes verteilt auf.

Die waren aber alle nur Ablenkung: Während rechts die Aufmerksamkeit der Secondary durch eine Switch-Route (sich kurz nach dem Release kreuzende Laufwege) auf die beiden Receiver gelenkt wurde, zogen die beiden Receiver links die Coverage nach hinten. Aus dem Backfield lief Alvin Kamara dieses Mal eine Angle Route statt wie bei den ersten beiden Plays eine Flat Route und war so isoliert gegen einen Linebacker. Zugegeben, beim Catch hatte er Glück - aber die Play Designs in New Orleans machen dieses Jahr riesigen Spaß.

Die Geschichte der Overtime ist dann schnell erzählt und von der grundsätzlichen Idee her verblüffend ähnlich: Wieder wählten die Saints zwei Mal nahezu identische Formationen, beide Male war es ein Laufspielzug aus der I-Formation (also mit Fullback und Running Back hinter dem Quarterback postiert) heraus. Nur der Verlauf war anders: Ein Mal der Fullback als simpler Lead-Blocker mit dem Running Back dahinter, beim zweiten Mal aber der Fullback als Ablenkung, der Left Tackle als Pull-Blocker und beide Receiver als Inside-Blocker.

Mark Ingram bedankte sich mit zwei langen Runs, woraufhin New Orleans das Game-Winning-Field-Goal kickte - und so ein historisches Kunststück komplett machte: Die Saints sind das erste Team seit 2011, das mit weniger als drei Minuten auf der Uhr mindestens 15 Punkte zurück lag und das Spiel doch noch gewinnen konnte. Damals gelang dieses Kunststück übrigens selbstverständlich Tim Tebow und den Denver Broncos.

Wie Minnesota die Rams-Offense verteidigte

Manchmal ist es gar nicht so kompliziert: Die Vikings machten gegen die Rams defensiv mehr oder weniger das, was man von ihnen im Vorfeld erwarten konnte. Das allerdings machten sie so gut, dass wir von der bisher großartigen Rams-Offense kein Play mit mehr als 23 Yards Raumgewinn und von Todd Gurley keinen Run von mehr als acht Yards sahen.

Ein paar Mittel, die Minnesota dabei anwandte:

  • Disguise Blitzing. Die Vikings stellten immer wieder die Line of Scrimmage zu und brachten dann aus unterschiedlichsten Richtungen Blitzer. Das konnte ein Safety sein, ein Cornerback oder ein Linebacker - Jared Goff, der gegen den Pressure insgesamt übrigens besser aussah als gedacht, konnte oft nicht wissen, woher der Druck kommen würde.
  • Aggressives Bespielen der Box. Ergänzend dazu bespielten die Vikes den Raum rund um die Offensive Line extrem aggressiv, und das nicht nur mit Blick auf das Blitzing. Oft sah man hier, wie Minnesota die Räume zustellte, was gegen Runs und auch gegen die Screen-Pässe half, welche L.A. so gerne einsetzt. Dabei waren die Zuteilungen zu Gurley unterschiedlich, auch hier schien Mike Zimmer darauf bedacht, kein Muster erkennen zu lassen. Minnesota erkannte die Screens und stoppte sie konsequent.
  • Zone Coverage Underneath. Aus der vollgestellten Box und den Blitzing-Paketen waren die Vikings in ihrer Coverage flexibel, nutzten aber eine Sache immer wieder: Spieler, die sich in eine kurze Zone fallen ließen und diese deckten. Das half dabei, Goff schnelle Completions zu nehmen und zwang ihn so, den Ball zu halten.

Seite 1: Das verdiente Bills-Debakel, Green Bays Problem, die Saints und Notizen

Seite 2: Seahawks, Wildcard-Prediction, Vikings, Cowboys, Rams, Browns - eure Fragen

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