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Wann schließt sich das Titel-Fenster?

Donnerstag, 13.07.2017 | 14:42 Uhr
Hinter Richard Sherman und den Seattle Seahawks liegt eine ungewöhnlich turbulente Offseason
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Die Seattle Seahawks hatten eine ungewöhnlich turbulente Offseason und gehen mit einigen Fragezeichen in die Saisonvorbereitung. Dem langjährigen Kern des Teams läuft die Zeit davon, das gilt auch für den zuletzt vielseitig heiß diskutierten Richard Sherman. Gleichzeitig gibt es auch 2017 Grund für Optimismus, trotzdem steht die Frage im Raum: Welche Art Team sind die Seahawks 2017?

Rund sechs Wochen ist es jetzt her, da sorgte eine brisante ESPN-Story über die Seahawks für Schlagzeilen. Gefüttert mit zahlreichen Insider-Zitaten - davon viele allerdings anonymer Natur - zeichnete sie ein hochexplosives Bild: Demnach hänge die Interception von der 1-Yard-Line im Super Bowl gegen die Patriots vor zwei Jahren noch immer wie eine dunkle Wolke über dem Team. Ganz besonders Richard Sherman habe den Moment nie überwunden, nach und nach vergifte dieser Umstand das Team.

"Er beobachtet immer genau, was die anderen Leute machen", wurde ein ehemaliger Co-Trainer zitiert, "er hat daraus etwas Persönliches gemacht. Das hat die Leute dünnhäutig werden lassen." Vor allem zwischen Sherman und Quarterback Russell Wilson soll es einen konstant rumorenden Konflikt geben. Es gehe um Eifersucht, vermeintlich mangelnde Wertschätzung und schlicht eine unterschiedliche Verarbeitung der dramatischen Super-Bowl-Niederlage.

Die Seahawks haben es seit 2013 in jedem Jahr mindestens in die Divisional-Runde der Playoffs geschafft. Sie haben eine Defense aus Late-Round-Picks und günstigen Free Agents zusammengebaut, was es ihnen ermöglichte, einen dominanten Kern trotz des Salary Caps über mehrere Jahre zusammen zu halten.

Dieser Kern ist noch immer vorhanden, trotzdem erlebt Seattle eine ungewöhnlich unruhige Offseason und in Kombination mit den sportlichen Problemen aus der vergangenen Saison stellt sich die Frage: In welcher Rolle gehen die Seahawks in die 2017er Saison? Sind sie ein Playoff-Kandidat? Ein Titelanwärter? Oder vielleicht ein Team, dessen Umbruch bald bevorsteht? Anders gefragt: Wann schließt sich das Titel-Fenster für diese so erfolgreiche Seahawks-Generation?

Richard Sherman: "Ein Haufen Unfug"

Seattles Spieler jedenfalls waren mit der ESPN-Story alles andere als einverstanden. Michael Bennett nannte die Geschichte via Twitter "Müll", Sherman betonte bei SiriusXM, dass es sich "nur um einen Haufen Unfug handelt, basierend auf anonymen Quellen. Darauf kann man nie allzu viel geben."

Cliff Avril war in der Vorwoche das jüngste Mitglied der Seahawks-Defense, das die Berichte im No Huddle Podcast dementierte: "Wir sind in der ruhigsten Phase des Jahres und die Leute brauchen etwas, worüber sie sprechen können." Gleichzeitig aber, und dieser Zusatz ließ wiederum aufhorchen, müsse man das ja auch realistisch sehen: "Aktuell haben wir 90 Jungs im Team. Es gibt keine Chance, dass sich 90 Jungs alle untereinander verstehen. Das ist einfach so."

Avril schob schnell hinterher: "Ich denke nicht, dass das [mit Blick auf Russell Wilson und Richard Sherman] oder mit Russ und sonst irgendwem stimmt. Ich hatte noch nie Probleme mit Russ, und das geht denke ich allen so. Wir alle wollen das Beste für Russ, und er will das Beste für uns. Anders werden wir keinen Erfolg haben. Ich weiß nicht, worauf dieser Bericht anspielt. Vielleicht gibt es da etwas, von dem ich nichts weiß."

Die ganz eigene Philosophie der Seattle Seahawks

Um dieses Seahawks-Team verstehen zu können, muss man Pete Carroll verstehen. Seattles Head Coach will und fördert ganz bewusst mündige Spieler, die ihre eigene Meinung auch in der Öffentlichkeit vertreten. Er glaubt daran, dass völlige Offenheit und Ehrlichkeit in der Kommunikation ein Team zusammenschweißt, dafür nimmt er auch gelegentliche Konflikte untereinander in Kauf. Die Seahawks sind kein dysfunktionales Team, am ehesten könnte man sie als über-kommunikativ bezeichnen.

Das betrifft nicht nur die Spieler untereinander, in den Wochen vor dem Draft ging Geschäftsführer John Schneider ganz offen mit den Gerüchten über einen Sherman-Trade um. Erst Ende April erklärte er mit Blick auf einen Trade des Cornerbacks bei SeattlePI.com schließlich: "Im Moment haben wir das hinter uns gelassen." Einzige Ausnahme: "Falls jemand anruft und irgendetwas Verrücktes anbietet, dann werden wir darüber diskutieren."

Seahawks-Fans können inzwischen beruhigt schlafen, dass Sherman jetzt noch abgegeben wird, ist mehr als nur unwahrscheinlich. Sportliche Fragen rücken wieder in den Fokus, und die betreffen ganz besonders die Secondary: Vorjahres-Starter DeShawn Shead fällt infolge seines Kreuzbandrisses aus, Jeremy Lane scheint im internen Wettkampf die Nase vorne zu haben. Rookie Shaquill Griffin winkt die Rolle des Nickel-Cornerbacks, in der heutigen NFL ein Starter-Platz: Auch die Seahawks spielen über 60 Prozent ihrer Snaps in der Nickel-Defense, also mit fünf statt vier Defensive Backs.

Gegner, das wurde in der vergangenen Saison deutlich, trauen sich wieder häufiger, die Legion of Boom zu testen: Shermans Coverage-Snaps pro Target fielen von 9,3 auf 7,7, derweil war sein Gegenüber Shead in insgesamt sieben Spielen der Seahawks-Verteidiger, den die gegnerische Offense am häufigsten attackierte. Sherman, der weite Teile der Saison angeschlagen absolvierte, offenbarte einige Schwächen. Seine 14,9 Coverage Snaps pro zugelassener Reception aber sind noch immer ein Spitzenwert.

Die Seahawks und das Earl-Thomas-Problem

Trotzdem gibt es bei den Cornerbacks mit Lane und mutmaßlich Griffin einen Umbruch, den man nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. Umso wichtiger ist es, dass Sherman wieder sein Potential voll auf den Platz bringt - und dass Earl Thomas nach auskuriertem Beinbruch wieder ganz der Alte ist. Denn die Pass-Defense zeigte in der vergangenen Saison Risse, wie man sie in Seattle schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat: 7,2 Yards pro gegnerischem Pass waren mit Abstand der Seahawks-Höchstwert seit 2013.

Thomas' Verletzung hatte daran fraglos ihren Anteil, wenngleich sie erst spät in der Saison auftrat. Doch die Zahlen sind alarmierend: Bei langen Pässen, also Pässen, bei denen der Ball wenigstens 20 Yards downfield fliegt, erlaubte Seattle mit Thomas ein Passer Rating von 61,6. Ohne ihn eines von 114. Die gegnerische Adjusted Completion Percentage (Drops beispielsweise werden hier aus Quarterback-Sicht als Completion gezählt) bei diesen Pässen kletterte ohne Thomas von 31 Prozent auf 43,2 Prozent.

Thomas' Ausfall war ein Grund dafür, dass Seattle in den Playoffs Atlantas bis an die Zähne bewaffneter Offense letztlich nicht standhalten konnte. Er ist der Spieler, der mit seiner enormen Reichweite dafür sorgt, dass die Cover-3-Defense seit Jahren so dominant funktioniert. Seine Mischung aus Explosivität, Spielverständnis und Antizipation erlaubt es den Cornerbacks, ihre Zonen extrem aggressiv zu spielen. Sie wissen, dass Thomas dahinter mögliche Fehler ausbügelt und diese Sicherheit braucht Seattles Defense wieder. Dringend.

Chancellor, Wagner und Co.: Die dominante Front

All die Fragen in der Secondary rücken die sensationell besetzte und dennoch mitunter nicht ausreichend gewürdigte Defensive Front in den Fokus. Avril kreierte in der vergangenen Saison von allen 4-3-Defensive-Ends die viertmeisten QB-Pressures, Michael Bennett ist Seattles Allzweckwaffe an der Defensive Line und Malik McDowell könnte eine ähnliche Rolle einnehmen: 2016 spielte er im College überall an der Line (186 Edge-Snaps, 238 Interior-Snaps).

Strong Safety Kam Chancellor derweil hatte im vergangenen Jahr von allen Safeties die drittmeisten Defensive Stops (35), Bobby Wagner die meisten Quarterback-Pressures aller Inside Linebacker (24). Wagner hat bislang in jedem seiner fünf NFL-Jahre die 100-Tackle-Marke geknackt, mit persönlichem Höchstwert 2016 (167/Franchise-Rekord). Seattle hat in jedem Bereich der Defense Spieler, die zur ligaweiten Top-5 auf ihrer Position zählen. Wagner ist inzwischen einer der besten Inside Linebacker in der NFL.

"Der mentale Part ist dabei größer, als der physische", führte er jüngst im MMQB aus. "Manche brauchen sechs Sekunden auf die 40 Yards, sind aber konstant schneller beim Ball, als andere, die 4,2 Sekunden für 40 Yards brauchen. Das liegt daran, dass sie so viel Tape studieren, bis sie irgendwann wissen oder zumindest erahnen, wohin das Play geht." Er selbst habe anhand von Spieler-Tendenzen, Formationen und dergleichen diese Ahnung bei inzwischen etwa sieben von zehn Plays vor dem Snap, "vielleicht sogar noch häufiger".

Die Seahawks-Pass-Defense der vergangenen Jahre:

JahrTouchdowns kassiertInterceptionsYards pro PassCompletion Percentage
201616117,261,6 Prozent
201514146,660,8 Prozent
201417136,361,7 Prozent
201316285,859 Prozent

Steht Seattles Defense ein Umbruch bevor?

Seattles Front ist ein Garant dafür, dass die Seahawks auch in diesem Jahr defensiv ein gewisses Level wahren. Zumindest noch. Denn dem Team steht ein unvermeidlicher Umbruch bevor: Avril, Sherman, Thomas und K.J. Wright stehen nur noch bis einschließlich 2018 unter Vertrag, Chancellor geht 2017 in das letzte Jahr seines Deals. Bennett ist zwar noch bis 2020 gebunden, wird dann aber bereits 34 Jahre alt sein.

Veränderungen stehen zeitnah bevor - 2017 könnte für den erfolgreichen Hawks-Kern tatsächlich die letzte Chance auf einen zweiten Ring sein. Auf dem Platz dürfte es derweil schon in der kommenden Saison auch taktische Anpassungen geben, und das dank eines Offseason-Neuzugangs. In Seattle sind sie begeistert von Bradley McDougald, der vielseitige Safety kann im Notfall sowohl Chancellor, als auch Thomas vertreten. Die Seahawks könnten aber auch versuchen, die drei gemeinsam auf den Platz zu bringen.

Das würde etwa in einer 4-2-5-Defense funktionieren, mit einer Big-Nickel-Aufstellung (also drei Safeties statt drei Cornerbacks). McDougald kann in der Box, aber auch tiefer in der Secondary spielen und würde Seattle in der Nähe der Line of Scrimmage einen zweiten mobilen Hitter neben Chancellor geben. Mehr Explosivität, mehr Physis und so womöglich auch mehr Turnover.

Die Seahawks und die Rückkehr zum Run Game

Ja, Sherman war in den vergangenen Monaten nicht immer zufrieden in Seattle. Vieles davon aber lässt sich durch seinen enormen Ehrgeiz erklären, und der Eindruck manifestiert sich, dass beide Seiten den Blick längst auf die 2017er Saison gerichtet haben. Sherman trainiert und hilft den vielen neuen, jungen Cornerbacks im Team und Carroll erklärte im Juni, dass das Team intern "in großartiger Verfassung" sei.

Und Carroll hat bereits berichtet, dass Seattle wieder stärker auf das Running Game setzen will: "Wir hatten letzte Saison etwa 100 Runs weniger als im Jahr davor. Das war im Prinzip die Story unserer Saison. Deshalb haben sich die Dinge so entwickelt. Die Defense musste mehr spielen, wir mussten mehr werfen und wir hatten mehr Pass-Protection-Snaps. Alles nur, weil wir im Run Game Probleme hatten." Eddie Lacy soll hier dabei helfen, wie zu besten Marshawn-Lynch-Tagen die offensichtlichen Defizite in der Offensive Line zu kaschieren.

Die Seele dieses Teams aber liegt in der Defense, in deren vielen Superstars, die keine Angst davor haben, ihre Meinung zu sagen. Und auch in Sherman mit seinem riesigen Ehrgeiz. Die große Frage wird sein, ob die Seahawks all das nochmals bündeln und in die richtige Bahn lenken können. Dann sind dieser Defense auch 2017 keine Grenzen gesetzt.

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