NFL: Moritz Böhringer im Interview

"Ich war ziemlich unvorbereitet"

Mittwoch, 25.01.2017 | 09:15 Uhr
Moritz Böhringer wurde im vergangenen Draft von den Minnesota Vikings gepickt
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Für Moritz Böhringer war 2016 ein mehr als turbulentes Jahr: Der erste deutsche Wide Receiver in der NFL wurde von den Minnesota Vikings, sein Lieblingsteam, im Draft gewählt - die Regular Season verbrachte er dann auf der Practice Squad der Vikes. Im SPOX-Interview gewährt er Einblicke in sein erstes Jahr in der NFL, verrät, wie sein Plan für die nächsten Wochen aussieht und welche Ziele er in der kommenden Saison hat.

SPOX: Hallo Herr Böhringer! Wie läuft es in Minnesota, wie geht es dem Körper nach dem ersten Jahr mit NFL-Training?

Moritz Böhringer: Mir geht es sehr gut. Der Körper ist in Ordnung, da ist alles okay. Natürlich ist es eine andere Belastung, vor allem war es einfach länger. Gegen Ende habe ich schon gemerkt, dass es eine lange Saison ist - gerade mit den ganzen Dingen davor, wie etwa dem Training Camp.

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SPOX: Stichwort Training Camp und Saisonvorbereitung: In der Preseason haben Sie ja noch ein wenig gespielt, während der Regular Season dann letztlich primär trainiert. Wie war ein normaler Tagesablauf für Sie seit Mitte September?

Böhringer: Nach dem Frühstück stehen direkt die ersten Meetings an, anschließend der Walkthrough für Offense, Defense und Special Teams. Dann gibt es Mittagessen, gefolgt von einem weiterem kurzen Meeting, in dem der Walkthrough angeschaut wurde. Danach stand schließlich das "richtige" Training auf dem Programm, anschließend weitere Meetings - und dann war der Tag zu Ende. Ich würde sagen, das war meist gegen fünf Uhr nachmittags.

SPOX: Waren Sie in dieser Saison dann bei den Meetings der Offense oder den Meetings der Defense dabei? Oder bei beiden?

Böhringer: Ich war bei beiden dabei. Der Ablauf ist immer: Zuerst das Special-Teams-Meetings, danach dann Offense und Defense getrennt.

SPOX: Und bei den Spielen waren Sie immer dabei?

Böhringer: Bei den Heimspielen ja, da war ich immer an der Seitenlinie. Die Auswärtsspiele habe ich meistens zuhause am Fernseher verfolgt.

SPOX: Wie fällt jetzt Ihr Fazit nach einem Jahr NFL aus? Wo haben Sie sich am meisten verbessert?

Böhringer: Das ist schwer zu sagen. Ich denke, ich habe mich überall verbessert, generell als Spieler. Ob Route Running oder etwas anderes - in allen Bereichen.

SPOX: Wo haben Sie, auch im Vergleich zu Ihren Teamkollegen im Training, noch die meiste Luft nach oben?

Böhringer: Da würde ich als aller oberstes die Konstanz nennen. Ich muss konstanter werden.

SPOX: Und das Playbook ist kein Problem mehr? Wie lange haben Sie dafür gelernt? Ist das inzwischen Normalität?

Böhringer: Ja, ist es. Ich habe mehrere Stunden pro Woche gelernt, wie lange genau kann ich gar nicht sagen - da habe ich nicht wirklich drauf geachtet. Allerdings ändert sich das Playbook während der Saison ja auch immer ein wenig, wenn es an die Gegner angepasst wird. Da kommen dann neue Sachen dazu, andere werden raus gestrichen.

SPOX: Im Training haben Sie als Practice-Squad-Spieler natürlich häufig auch den kommenden Gegner nachahmen müssen. Wie war das für Sie? Mussten Sie dafür dann etwas eigenes lernen? Gibt es dafür eine Art Mini-Playbook?

Böhringer: Da schreiben die Coaches dann die jeweiligen Spielzüge auf Zettel, also die musste man nicht wirklich lernen. Dafür gibt es immer zum Wochenbeginn ein Meeting, in dem besprochen wird, was für das Scout-Team ansteht.

SPOX: Wie sieht es abseits des Platzes aus? Haben Sie sich in Minnesota inzwischen eingelebt?

Böhringer: Ja, ich habe so ein Townhouse, ich weiß gar nicht genau, wie das in Deutschland heißt. (lacht) Das ist schon alles in Ordnung, ich fühle mich wohl - und auch der Winter bereitet mir zumindest bisher keine Probleme! (lacht)

SPOX: Wie klappt denn der Austausch mit Ihrer Familie? Hat Sie jemand während der Saison besucht oder wie machen Sie das?

Böhringer: Zum letzten Preseason-Spiel ist meine ganze Familie gekommen, und meine Schwester hat mich darüber hinaus noch zwei Mal besucht, sie hat in Kalifornien studiert. Außerdem haben mich meine beiden besten Freunde besucht, das war natürlich cool. Den Sommer werde ich jetzt wahrscheinlich auch hier in Minnesota verbringen und trainieren, eventuell komme ich für eine Woche zwischendurch nach Deutschland.

SPOX: Trainieren Sie dabei über die kommenden Wochen alleine, oder gibt es eine Art Team-interne Trainingsgruppe?

Böhringer: Im Moment absolviere ich meine Einheiten so. Die Strength-Coaches sind noch hier und mit denen arbeite ich dann zusammen. Die Coaches haben uns gesagt worauf wir achten und was wir machen sollten. Im Prinzip kann man schon auch ein wenig das machen, was man will, aber ich beachte natürlich auch die Verbesserungsvorschläge der Coaches.

SPOX: Haben die Coaches den Spielern sonst etwas mitgegeben für die Offseason? Häufig hört man ja, dass Teams ein wenig befürchten, dass Spieler sich während der Offseason Fehltritte erlauben. Gibt es da einen Verhaltens-Kodex oder etwas ähnliches?

Böhringer: Nicht dass ich wüsste, nein. Das weiß ich wirklich nicht, allerdings hatte ich selbst mit so etwas auch noch nie Probleme. (lacht)

SPOX: Kurz vor Beginn der Saison gab es einen schlimmen Moment, als sich Quarterback Teddy Bridgewater so schwer verletzte. Wie hat das Team das verarbeitet?

Böhringer: Das ist natürlich immer - ganz einfach gesagt - scheiße, wenn sich der Starting-Quarterback schwer verletzt und Teddy ist ja auch ein cooler Typ, da ist es dann gleich doppelt scheiße. Aber das passiert nun mal im Football, genau wie in anderen Sportarten. Letztlich gilt immer die Next-Man-Up-Philosophie, so ist es eben.

SPOX: Wie geht es Teddy Bridgewater denn inzwischen? Haben Sie etwas von seiner Reha mitbekommen?

Böhringer: Also grundsätzlich haben die verletzten Spieler ihren eigenen Plan, nach dem sie ihre Woche angehen. Daher hatte ich mit ihm jetzt nicht allzu viel Kontakt. Aber wie gesagt, Teddy ist ein wirklich netter Kerl.

SPOX: Trotzdem war der Start in die Saison mit fünf Siegen zum Auftakt vielversprechend - wie war die Stimmung im Training, als die Ergebnisse anschließend zunehmend nicht mehr gepasst haben?

Böhringer: Natürlich ist die Stimmung besser, wenn man gewinnt, das ist ja klar. Aber es war jetzt nicht so, dass das Team komplett auseinander gefallen wäre. Wir hatten auch dann ein starkes Teamgefüge hier, das war schon in Ordnung.

SPOX: Daran hatte sicher auch Mike Zimmer einen starken Anteil. Wie haben Sie ihn in Ihrem ersten Jahr erlebt?

Böhringer: Er weiß definitiv was er will und redet nicht um den heißen Brei herum - das ist eigentlich auch etwas, das ich mag. Dann weiß ich, wo genau ich stehe. Insgesamt kam ich mit meinen Coaches sehr gut klar.

SPOX: Wie haben die Position-Coaches Sie generell aufgenommen? Gerade vor dem Hintergrund, dass es - im Gegensatz zu allen anderen Spielern - von Ihnen keinerlei College-Tape oder ähnliches gibt?

Böhringer: Im Prinzip ging es vom ersten Tag darum, mich zu einem besseren Spieler zu machen und mich langsam aufzubauen.

SPOX: Wie war dabei der grundsätzliche Austausch mit den anderen Receivern? Beispielsweise hatte ja auch Laquon Treadwell, der Erstrunden-Draft-Pick aus dem Frühjahr, große Probleme, Snaps zu bekommen.

Böhringer: Natürlich hat man generell die ganze Zeit viel miteinander zu tun. Das war eine coole Gruppe, ich hoffe, dass wir bald wieder möglichst vollständig zusammen kommen. Es war wirklich eine gute Gruppe.

SPOX: Jetzt geht in gewisser Weise alles wieder von vorne los: Sie haben gesagt, dass Sie in Minnesota bleiben und trainieren wollen, dann beginnt auch irgendwann die Team-Vorbereitung auf die Saison. Wo sehen Sie jetzt ihre Rolle, auch mit Blick auf den finalen Kader?

Böhringer: Mein Ziel ist es auf jeden Fall, den 53-Mann-Kader anzugreifen. Ich denke, dass ich in der kommenden Saison bessere Chancen habe als letztes Jahr. Letztes Jahr war ich ziemlich unvorbereitet, würde ich sagen. Es ist etwas komplett anderes als in Deutschland, ganz klar - allein die Tatsache, dass alles hier professionell ist, ist schon eine große Umstellung. Alles ist intensiver, überall warten die Medien. Das ist schon etwas anderes.

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