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NFL: Vorschau: Buffalo Bills - San Francisco 49ers

Kaepernick: So oder so - die Botschaft bleibt

Freitag, 14.10.2016 | 14:34 Uhr
Wie wird die Stimmung auf den Rängen sein, wenn Colin Kaepernick am Sonntag aufläuft?
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Wenn die San Francisco 49ers (1-4) am Sonntag bei den Buffalo Bills (3-2) antreten (ab 19 Uhr in der RedZone auf DAZN), schaut die ganze Football-Welt auf Colin Kaepernick - und nicht nur sie. Der Niners-Quarterback hatte die USA mit seinem Hymnenprotest gespalten und könnte jetzt erstmalig wieder für sportliche Schlagzeilen sorgen. Bei den Bills ist man sich ebenfalls der Probleme im Land bewusst. Running Back LeSean McCoy reagiert jedoch ganz anders.

"Hey Mike, was meinst Du: Jetzt wo Kaepernick dieses Wochenende in Buffalo starten wird, frage ich mich, ob Buffalo bei Ballbesitz San Francisco einfach die Nationalhymne spielen und ihn so zu einem Kneeldown zwingen könnte. Wäre das in Deinen Augen eine gute Strategie für die Defense?"

Dieser Witz macht über die sozialen Medien die Runde, seitdem feststeht, dass Colin Kaepernick am Sonntag gegen die Bills in der Startformation und sein Saisondebüt feiern wird. Kein Wunder, dass er irgendwann auch bei Radio-Host Mike Francesca landete. Der reagierte eher unbeeindruckt: "Ganz toll. Wie lange hat es gedauert, bis dir das eingefallen ist?"

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Man sollte diesen Spruch nicht unbedingt als einen Beweis dafür sehen, dass der Humor der "Bills Mafia", wie sich die Fans in Buffalo nennen, eher zur flacheren Sorte gehört. Vielmehr ist er ein Indiz dafür, dass das ganze Land an diesem Sonntag auf Upstate New York blicken wird. Bei Kaepernick geht es schließlich längst nicht mehr "nur" um Football, sondern um Polizeigewalt, Militär, Nationalstolz, Rassismus, tiefgreifende Konflikte in der amerikanischen Gesellschaft. Seit er in der Preseason erklärte, er werde aus Protest gegen die Benachteiligung von Minderheiten im Land nicht mehr zur Nationalhymne stehen, hat er die Nation wachgerüttelt - und gespalten.

Und nun werden Unterstützer wie Gegner des 28-Jährigen sehen wollen, ob er nicht nur am Mikrofon seinen Mann stehen kann - was er in den letzten Wochen übrigens mit Bravour bewies -, sondern auch auf dem Gridiron. Ob er wirklich nur noch ein Schatten früherer Tage ist, oder ob das Talent noch aufblitzt, das ihn in der Saison 2012 haarscharf am Super-Bowl-Ring vorbeischrammen ließ.

Also ob das irgendetwas an seiner Message und dessen Rechtmäßigkeit ändern würde.

"Nein, ich spüre keinen Duck."

Andererseits muss man auch so ehrlich sein, dass ihm positive Football-Publicity nur helfen würde. Sein Protest war in den letzten Wochen allgegenwärtig, aber in einer derart schnelllebigen Gesellschaft gibt es keine Garantien dafür, dass ein abgewrackter Backup weiter gehört wird. Sollte er dagegen das Mojo früherer Tage wiederentdecken, den Starting Job langfristig an sich reißen und sogar in der nächsten Saison behalten können, ob nun in der Bay Area oder anderswo, bleibt auch seine Botschaft präsent.

Von der ganz profanen Tatsache mal abgesehen, dass Kaepernick nach der Restrukturierung seines Vertrags nun auch um seine Karriere kämpft. Die Niners können ihn bei schwachen Leistungen ohne jede Gefahr cutten, bei einer Verletzung dagegen wäre sein stattliches Gehalt für 2017 bisher garantiert gewesen. Die Leistungen der letzten Jahre sind nicht gerade ein Bewerbungsschreiben.

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Mehr Druck geht eigentlich kaum, sollte man meinen. Davon will Kap selbst aber nichts wissen. "Nein, ich spüre keinen Druck. Meine Stimme wird gehört", sagte er am Mittwoch. "Diese Bewegung wird Bestand haben, unabhängig davon wie ich spiele. [...] Wenn ich jetzt ein paar Spiele gewinne und gut spiele und das dazu führt, dass mehr Menschen meiner Botschaft zuhören wollen, ist das großartig. Aber was auch immer auf dem Feld passiert: Nichts kann dieser Bewegung die Legitimation nehmen."

Zwar würden viele Menschen im ganzen Land gegen ihn sein (vor kurzem wurde er zum unbeliebtesten Spieler der NFL gewählt). Aber "es wird auch viele geben, die mir die Daumen drücken, weil ich für diejenigen spreche, die keine Stimme haben und nicht gehört werden." Davon zeugt die Beliebtheit seines Jerseys.

Kelly: "Er ist nicht der Gleiche wie 2013"

Kann Kaepernick so spielen wie vor vier Jahren? "Das werden wir am Sonntag herausfinden", meint er selbst kämpferisch. "Kap hat bewiesen, dass er es kann", betont auch Offensive Coordinator Curtis Modkins. Head Coach Chip Kelly, der nach fünf Spielen den Sprung von Blaine Gabbert zu dessen Vertretung wagt, ist da deutlich pessimistischer. In den letzten Wochen hatte er immer wieder Fragen nach Kaepernick mit dem Verweis auf dessen Physis abgewehrt. Der war in der Offseason an Schulter, Daumen und Knie operiert worden und müsse erst wieder an Muskelmasse zulegen.

"Ich habe es wieder und wieder gesagt: Er ist nicht der Gleiche wie 2013. Schaut euch doch seine körperliche Verfassung an", wiederholte Kelly unter der Woche. "Früher war er ein bisschen kräftiger, ein bisschen schneller, ein bisschen stärker. Das würde er selbst auch zugeben."

Warum also der Wechsel? Kaepernick hat zwar nach Aussage von Kelly unheimlich hart in der Reha geschuftet, bei 100 Prozent ist er aber offenbar noch lange nicht. Der Tausch ist eher den zuletzt schwachen Auftritten von Gabbert beziehungsweise der Offense im Ganzen geschuldet. "Es ist nicht Blaines Schuld", nahm Kelly seinen bisherigen Starter in Schutz, der in den letzten drei Wochen auf nur zwei Touchdown-Pässe kam, bei vier Interceptions. "Wir müssen einfach als Gruppe in vielerlei Hinsicht besser werden."

Alles nur wegen des Vertrags?

Und: Eine nicht unwesentliche Rolle werden auch die Verhandlungen um Kaepernicks Vertrag gespielt haben. Angesichts dessen Entwicklung (ein Passer Rating von 78,5 in neun Einsätzen 2015) und dem stolzen 126-Millionen-Dollar-Vertrag von 2014, der zugegebenermaßen nur zu einem kleinen Teil komplett garantiert war, wäre eine Verletzung die Franchise teuer zu stehen gekommen. Nicht wenige Experten vermuten, dass er ohne die Restrukturierung weiter auf der Bank sitzen würde.

Chip Kelly sieht das natürlich anders. Eine "sportliche Entscheidung" sei es. Er wisse überhaupt nicht, wie es um Kaepernicks Vertrag stehe und werde das auch nicht weiter kommentieren. Das mag man glauben oder auch nicht. So oder so: Die Sicherheitsleine für den neuen Starter ist weg. Und der hätte sich für seinen ersten Auftritt 2016 einen angenehmeren Gegner wünschen können.

Ausgerechnet gegen Buffalo

Besonders viele Befürworter seines Protests wird er auf den Rängen des Ralph Wilson Stadiums nicht finden, es dürfte ein Spießrutenlauf werden. Da wird ihn nach den letzten Wochen jedoch nichts mehr schocken können. Das größere Problem sollten die elf Mann in Bills-Uniformen werden: Buffalo hat nach einem schwachen Saisonstart einen bemerkenswerten Turnaround hingelegt.

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Das betrifft vor allem die Defense. Head Coach Rex Ryan, pikanterweise ein ausgesprochener Supporter von Donald Trump und damit nicht unbedingt auf der Kaepernick-Linie, hat nach dem Tiefpunkt von Week 2 gegen die New York Jets plötzlich wieder ein Team am Start, dass sich vor keinem Gegner fürchten muss. 178 Rushing Yards holte man in den letzten drei Partien im Schnitt - und verbuchte im gleichen Zeitraum sechs Interceptions und zwölf Sacks. Resultat: Die erste Siegesserie von drei Spielen seit 2011.

Bevor die Bills Mafia da schon vom dritten Playoff-Auftritt in diesem Jahrtausend träumt, tritt Ryan aber auf die Bremse: "Wir haben drei Spiele in Folge gewonnen, aber noch keine vier. Wir müssen uns voll auf diesen Gegner konzentrieren." Kaepernick kennt er nur vom Tape, noch nie hat er gegen ihn gecoacht. Dennoch: "Das ist ein gefährliches Team, keine Frage."

Shady ganz friedlich

Ein ganz besonderes Spiel ist es übrigens nicht nur für den Niners-Quarterback. Nicht ganz vorn im Rampenlicht, aber dennoch unter besonderer Beobachtung steht Bills-Running Back LeSean McCoy. Der war im März 2015 bei den Philadelphia Eagles trotz Heldenstatus sang- und klanglos nach Buffalo abgeschoben worden. Phillys Head Coach damals: Chip Kelly. Einen Handshake könne der sich abschminken, grollte Shady noch im Dezember, als die Bills zu den Eagles reisten.

Ein Jahr später ist das Kriegsbeil mehr oder minder begraben. "Das habe ich lange hinter mir gelassen", so McCoy. "Es ist ein normales Spiel. 4-2 wäre für uns eine große Sache." Ein Händedruck sei allerdings dennoch nicht garantiert.

"Viele Cops haben einen schlechten Ruf"

Der Back, der mit bisher 447 Rushing Yards eine starke Saison spielt, konzentriert sich also auf das Sportliche. Wenn auch nicht ganz: McCoys Reaktion auf die Probleme in seinem Heimatland sieht allerdings etwas anders aus als bei Kap. Zum Spiel gegen die 49ers wird er 15-20 Polizisten einladen. Eine Geste der Dankbarkeit sei das, so McCoy, der im Februar in einem Club selbst in Philadelphia in eine Auseinandersetzung mit Cops geraten war: "Sie stehen derzeit so sehr in der Kritik." Niemand sei perfekt, "viele Cops haben einen schlechten Ruf, nur wegen ihrer Kollegen. Dabei sind sie gute Cops."

Eine direkte Reaktion auf den Hymnenprotest und die Socken, die Kaepernick vor ein paar Wochen trug? Das ist McCoy besonders wichtig: nein. "Das hat nichts mit ihm zu tun. In meinen Augen hat er Recht wenn er sagt, dass wir etwas unternehmen müssen, weil es so nicht weitergehen kann. Aber es gibt gute und schlechte Menschen. Und eben auch gute und schlechte Cops."

Für die eigenen Fans hat er auch noch eine Botschaft: "Verhaltet euch respektvoll. Ihr wisst, was sich gehört. Er ist auch ein Mensch, hat Gefühle und eine Familie." Ob das die Bills-Mafia erreicht? Rex Ryan hatte am Mittwoch seine eigene Theorie: "Ihnen ist es völlig wurscht gegen wen wir spielen. Hey, werden sie unseren Gegner ausbuhen? Absolut, und das erwarte ich auch."

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