Mittwoch, 30.09.2015

NFL-Defenses unter der Lupe

Der Weg des größten Widerstandes

Die heutige NFL scheint fest in der Hand der Offenses: Zahlreiche Regeländerungen über die vergangenen zehn Jahre haben dem Passspiel enorm geholfen und Quarterbacks brechen Jahr für Jahr historische Bestmarken. Und doch hat die alte Binsenweisheit nach wie vor Gewicht - Defense wins Championships! Das aber bringt unweigerlich die Frage mit sich: Wie ist eine NFL-Defense überhaupt aufgebaut, was macht sie aus - und worauf gilt es zu achten? SPOX klärt auf.

Die Seahawks stellen im dritten Jahr in Folge eine der besten NFL-Defenses
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Die Seahawks stellen im dritten Jahr in Folge eine der besten NFL-Defenses

4-3 und 3-4: Alles beginnt ganz vorn

Unzählige Male wurde von NFL-Coaches schon der Satz bemüht: "It all starts up front." Über Sieg oder Niederlage wird "ganz vorn" entschieden - im Kampf zwischen der Offensive und der Defensive Line. Schauen wir uns also die Speerspitze einer Defense an. In deren Planung und Zusammenstellung gilt es als erstes, eine Grundsatzentscheidung zu treffen: Soll mit einer 4-3-, oder mit einer 3-4-Front gespielt werden? Nur: Was muss man sich darunter vorstellen?

Zunächst einmal ist es eine simple nummerische Aufzählung: In einer 4-3-Front spielt die Defense standardmäßig mit vier Defensive Linemen (sie bilden die Defensive Line oder einfach nur "D-Line") und drei Linebackern. Ergänzt wird diese sogenannte "Front Seven" durch vier Defensive Backs in der "Secondary", der zweiten Verteidigungsreihe - sprich: Cornerbacks oder Safeties.

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Die Zuteilungen sind hier vergleichsweise simpel: In einem Standard-Pass-Rush, also ohne Blitz (dazu später mehr) versuchen die vier D-Linemen, Druck auf die vor ihnen wartende Offensive Line und somit den gegnerischen Quarterback auszuüben. Ein Musterbeispiel hierfür sind aktuell die Buffalo Bills, die mit Mario Williams, Marcell Dareus, Kyle Williams und Jerry Hughes eine prototypische 4-3-D-Line aufbieten können.

Der Vorteil: Gelingt das, kann der Coach dahinter sieben Spieler aufbieten, um die maximal fünf gegnerischen Pass-Fänger zu decken - ein einfacher nummerischer Vorteil. Welche Aufgaben die Linebacker hierbei genau haben, wird im dritten Punkt ein Thema sein.

Ein Königreich für einen End

Doch es gibt einen Grund, warum nicht jedes Team eine 4-3 spielt: Zum einen sind vor allem Defensive Ends (im Schaubild mit "E" gekennzeichnet), welche die Anforderungen einer 4-3 erfüllen können, schwer zu finden. Ein solcher Spieler muss ein exzellenter Pass-Rusher sein, gleichzeitig aber auch das gegnerische Running Game stoppen können und für beides die entsprechenden physischen Voraussetzungen mitbringen.

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Neben Buffalos Mario Williams ist aus den vergangenen Jahren hier Jared Allen ein gutes Beispiel, inklusive eines aktuellen Bezugs: Weil die Chicago Bears ihre Defense auf eine 3-4-Front umstellen, war für Allen kein Bedarf mehr. Daher wurde er zum Wochenbeginn an die Carolina Panthers abgegeben, die ihrerseits eine 4-3 aufbieten.

Die 3-4 etabliert sich

Analog zur 4-3 sind in der 3-4-Defense drei Defensive Linemen und vier Linebacker auf dem Feld. (Die Ausnahme von diesem Aufzählungssystem bietet die berühmte 85er Bears-Defense, für viele die beste Defense aller Zeiten. Das ultra-aggressive System war als 46-Defense bekannt, allerdings nicht wegen einer bestimmten Formation, sondern wegen der Rückennummer von Safety Doug Plank.)

Über Jahrzehnte hinweg galt die 4-3-Defense als der Goldstandard der NFL. Gegen die zumeist stark Run-lastigen Offenses wollten die Defensive Coordinator vier Linemen auf dem Platz haben. Gerade die 85er Bears sind ein gutes Beispiel dafür, wie eine aggressive (und mit Stars gespickte) Front dominieren konnte - häufig, indem insgesamt bis zu acht Spieler den fünf Offensive Linemen gegenüber standen.

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Mehr Flexibilität, andere Aufgaben

Doch als die San Francisco 49ers mit ihrer West Coast Offense von Bill Walsh mit ihren vielen kurzen Pässen die Liga in den 80er und 90er Jahren im Sturm eroberten, passten sich Defenses an: In ihrer Basis betrachtet ist die 3-4-Defense per se flexibler als eine 4-3. Der Pass-Rush kann aus unterschiedlichen Richtungen kommen, da die Line nicht die Aufgabe hat, alleine für den Druck zu sorgen.

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Vielmehr gilt es für die D-Linemen in der 3-4, die O-Line zu beschäftigen und Wege frei zu blocken, ohne sich im Running Game aus dem Weg drücken zu lassen. Entsprechend anders sind auch die Anforderungen an die Spieler: Eine 3-4 hat statt zwei Tackles in der Mitte einen massiven Nose Tackle, der meist zwei O-Linemen beschäftigen muss - Vince Wilfork wäre hier ein typisches Beispiel.

Die beiden Ends daneben müssen oftmals Wege frei blocken und verhindern, dass sich Running-Spielzüge nach außen hin entwickeln. J.J. Watt oder Arizonas Calais Campbell sind die prototypischen Spieler hierfür: Große, athletische Spieler mit langen Armen. Während im 4-3 in der Regel die Defensive Ends die Sacks bekommen, ist dieser Job in der 3-4 vom Scheme her eher den Outside Linebackern hinter den Ends vorbehalten.

Festzuhalten ist aber: Beide Basis-Systeme sind nicht in Stein gemeißelt, das gilt insbesondere für die 3-4. Teams müssen sich auf dem Platz flexibel anpassen und auch ihre Front umstellen können. So kann etwa aus einer 3-4-Front für kurze Zeit problemlos eine 4-3-Front werden, indem sich ein entsprechend physischer Inside Linebacker vor dem Snap zwischen dem Nose Tackle und einem der Ends aufstellt.

Seite 1: 4-3 und 3-4: It all starts up Front

Seite 2: Der Blitz - ein (kalkuliertes) Risiko

Seite 3: Die Front: Mike, Will, Jack und Sam

Seite 4: Die Secondary: Seattles Blueprint

Adrian Franke

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Adrian Franke(Redaktion)

Adrian Franke, Jahrgang 1989, ist seit 2013 bei SPOX.com tätig. Nach dem Abitur 2007 in Mannheim sammelte er erste Praxiserfahrungen im Printjournalismus. Anschließend war er 2010 bereits für einige Monate als Praktikant bei SPOX und kehrte 2013 parallel zu seinem Geschichts- und Anglistikstudium in Heidelberg zurück. Seit Herbst 2015 ist sein Kernressort die NFL.

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