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Die Seahawks nach dem Super Bowl

Lerneffekt auf die harte Tour

Von Adrian Franke
Dienstag, 03.02.2015 | 09:20 Uhr
Pete Carroll (M.) nahm nach der Niederlage die Schuld auf sich
© getty
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Die Seattle Seahawks haben im Super Bowl XLIX gegen die New England Patriots nicht einfach verloren, sie mussten eine unfassbar bittere Pleite einstecken. In einem der dramatischsten Super Bowls der letzten Jahre hatten die Seahawks das Hollywood-Bilderbuch-Comeback auf dem Silbertablett - und warfen es buchstäblich weg. Jetzt beginnt die schmerzhafte "Was wäre wenn..."-Zeit für alle Hawks-Fans, die dabei eine alte Weisheit aber nicht vergessen sollten.

Es war ein Gefühl der Ungläubigkeit, das sich im University of Phoenix Stadium breitmachte, gefolgt von grenzenlosem Jubel auf der einen - und absoluter Leere auf der anderen Seite. Russell Wilson hatte gerade die spielentscheidende Interception geworfen und war nach Kurt Warner und Jim Kelly der dritte Quarterback in der Super-Bowl-Geschichte geworden, dem ein Pick an der gegnerischen 1-Yard-Line unterlaufen war.

Die Frage danach, warum nicht Marshawn Lynch von der 1-Yard-Line drei (!) Versuche bekommen hatte, um sich über die Linie zu kämpfen, machte schnell im Stadion, auf Twitter und in den TV-Studios die Runde. "Ich habe die Entscheidung getroffen. Wir ändern Spielzüge in jeder Woche, manchmal klappt es, manchmal nicht. Heute hat es nicht geklappt", erklärte ein nüchterner, ausgelaugter Hawks-Coach Pete Carroll anschließend.

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"Wir hätten per Run vielleicht gepunktet, das weiß ich. Aber das schien mir in dem Moment nicht der richtige Football-Gedanke zu sein", rechtfertigte er seine Entscheidung, und das sicher nicht zum letzten Mal: "Vielleicht hätten sie uns bei Third und Fourth Down gestoppt, vielleicht wären wir durch gekommen. Ich weiß nicht, was passiert wäre. Aber so ist es jetzt passiert. Das ist eine sehr schwere Lektion und ich hasse es, auf die harte Art und Weise zu lernen. Aber anders können wir da im Moment nicht drauf schauen."

Carroll: Schuld trifft nur mich

Auch wenn in dieser Saison von 108 Pässen von der 1-Yard-Line kein einziger von der Defense abgefangen worden war und die Hawks, was ihnen niemand vorwerfen kann, auf den Überraschungsmoment bauten: Der Call wird Experten, Kommentatoren und Journalisten mindestens über die lange Offseason, vermutlich eher aber noch für viele Jahre beschäftigen. Carroll stellte sich dementsprechend schützend vor sein junges Team: "Die Schuld dafür trifft niemand anderen als mich."

Allerdings lädt die Interception, der ein unfassbar akrobatischer und glücklicher Catch von Jermaine Kearse (Erinnerungen an David Tyree und Mario Manningham kamen bei den Pats wohl unweigerlich hoch) vorausgegangen war, gleichzeitig nur so dazu ein, die 59 Spielminuten davor auszublenden.

Matthews' Hollywood-Geschichte

Da war zum einen die unfassbare Geschichte von Chris Matthews, der beinahe nicht zum Testtraining der Seahawks erschienen wäre, weil er bei Foot Locker arbeiten musste - und der aus dem Nichts in der ersten Halbzeit das Spiel an sich riss, Wilsons ersten Touchdown-Pass nach einer extrem effizienten Hawks-Hälfte fing und erst unauffälliger wurde, als ihn der ebenfalls große, physische Brandon Browner in der zweiten Hälfte verstärkt deckte.

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"Das war eine riesige Sache für mich, einfach das Spiel so bestreiten zu können. Aber ich hatte keine perfekte Partie. Wer weiß, was hätte sein können? Wenn ich nicht ein, zwei Routes vermasselt hätte, würden wir wahrscheinlich über ein ganz anderes Ergebnis reden", gab sich der 25-Jährige, der noch unter seinem Reserve/Future-Contract spielte und vor dem Super Bowl keinen NFL-Pass gefangen hatte, selbstkritisch.

Noch vor Matthews wäre beim Stand von 24:14 für Seattle zudem Michael Bennett ein legitimer MVP-Kandidat gewesen: Der Defensive End war von der O-Line der Patriots überhaupt nicht zu stoppen, hatte mit seinem Druck großen Anteil an Bradys erster Interception und brachte Tom Terrific auch danach noch mehrfach zu Boden, wenngleich der Pass-Rush durch die Verletzung von Cliff Avril empfindlich geschwächt wurde.

Anfälligkeit in der Defense

Seattle spielte offensiv effizient, Wilsons Big Plays funktionierten und Lynch, der unglaubliche 81 Prozent der Offense-Snaps auf dem Platz stand, lief gewohnt hart. Doch es hatte einen Grund, dass die Patriots zurück ins Spiel kamen, denn überraschenderweise schwächelte Seattle das ganze Spiel über immer wieder defensiv und wurde den eigenen hohen Ansprüchen nicht gerecht.

Immer wieder musste ein Linebacker Rob Gronkowski outside, also nicht im Slot, decken und weder auf Shane Vereen, noch auf Julian Edelman hatten die Seahawks eine Antwort. Während Defensive Coordinator Dan Quinn, der am Montag wie erwartet als neuer Head Coach der Atlanta Falcons vorgestellt wurde, im Vorjahr gegen die kurzen Crossing Routes der Broncos einen perfekten Game Plan parat hatte, bereiteten die Receiver aus dem Backfield Seattle in diesem Jahr große Probleme.

Die Konsequenz war, dass Brady, der zudem nach dem Ausfall von Cornerback Jeremy Lane immer wieder Ersatzmann Tharold Simon testen konnte, aufdrehte. Seine Bilanz bei den letzten beiden Pats-Possessions: 13 von 15 Pässe kamen an für insgesamt zwei Touchdowns. Nachdem das Momentum im dritten Viertel komplett in Seattles Richtung ging, verloren die Seahawks so die Kontrolle über das Spiel im entscheidenden Schlussviertel.

"Haben nur nicht gewonnen"

Vor dem Super Bowl hatte Seattle im vierten Viertel und in Overtime in dieser Saison 86 Punkte mehr erzielt als seine Gegner. Die Pats gewannen den letzten Abschnitt am Sonntag mit 14:0. "Sie hatten einige tolle Plays, aber wir hatten trotzdem die Chance auf den Sieg. Gegen solche Teams kommt es immer auf den letzten Spielzug an", betonte Bennett: "Wie gegen Green Bay."

Doch im Unterschied zum NFC-Title-Game war Seattle gegen New England nicht auf der glücklicheren Seite. "Das tut auf jeden Fall weh. Ich hasse das Gefühl, dass ich das Spiel auf gewisse Weise verloren habe", erklärte Wilson, der den Ball schlicht den Bruchteil einer Sekunde zu spät losgelassen und Malcolm Butlers Instinkt unterschätzt hatte, weiter.

Allerdings fügte der 26-Jährige im nächsten Atemzug hinzu: "Aber ich weiß, dass wir alle alles gegeben haben. Wir waren so knapp davor und haben das ganze Spiel über so hart gekämpft. Ich habe viele Super Bowls gesehen. Meiner Meinung nach war das einer der besseren. Wir haben ihn nur nicht gewonnen."

Optimistischer Ausblick

Dennoch gibt es, wenn sich die Ungläubigkeit und das Unverständnis im Seahawks-Lager gelegt haben, jede Menge Gründe, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Carroll und Geschäftsführer John Schneider haben einen Kader zusammengestellt, der noch auf Jahre als Titelanwärter gelten wird. Mit Richard Sherman, Earl Thomas, Avril, Bennett, Kam Chancellor und K.J. Wright sind mehrere Leistungsträger langfristig gebunden.

Wilson wird seinen Mega-Deal im Sommer erhalten und auch Lynch soll neuesten Meldungen vom Wochenende zufolge bald einen neuen, deutlich besser dotierten Vertrag vorgelegt bekommen. Oder, um es mit Carrolls Worten vom Montagmorgen zu sagen: "Die Zukunft sieht sehr, sehr gut für uns aus. Und das wissen wir alle."

Auch Bennett blickte bereits wieder nach vorne: "Es ist scheiße, auf diese Art und Weise zu verlieren. Aber wir werden uns alle zusammensetzen, denn niemand will dieses Gefühl noch einmal erleben, und dann versuchen, zurück zu kommen."

Später ist man immer schlauer

Das Second Down und Goal von der 1-Yard-Line und die quälende "Was wäre wenn...?"- Frage wird Seahawks-Fans noch für einige Monate begleiten. Carrolls Entscheidung kam, soviel sei gesagt, sicher nicht ohne Grund - immerhin hatte Lynch aus fünf Run-Versuchen von der 1-Yard-Line in dieser Saison nur einen einzigen Touchdown erzielt.

Beast Mode selbst betonte, er sei von dem Call nicht überrascht gewesen, "denn Football ist ein Mannschaftssport". Der traurige Bobby Wagner murmelte anschließend dennoch: "Wir haben Marshawn Lynch, einen der besten Running Backs. Unglücklicherweise haben wir ihm nicht den Ball gegeben." Doch hinterher, und das ist keine neue Erkenntnis, ist man bekanntlich immer schlauer.

Der Super Bowl im Überblick

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