Das Geheimnis der Carolina Panthers

Zum Erfolg gezockt

Von Sven Kittelmann
Mittwoch, 27.11.2013 | 10:34 Uhr
Ron Rivera und Cam Newton eilen momentan von Sieg zu Sieg
© getty
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Nach der fünften NFL-Woche lagen die Carolina Panthers bei einer 1-3-Bilanz und die Notizblöcke der Kolumnisten waren voll mit dem Abgesang auf Team, Head Coach Ron Rivera und Quarterback Cam Newton. Nach sieben Siegen in Folge sind die Kolumnen eingestampft und mit Riverboat Ron ist ein neuer Coach geboren.

Ron Riveras unerwartete Wendung vom konservativem Coach zum risikofreudigen Zocker - daher der Name Riverboat, waren diese Spieler doch auf den Raddampfern des Südens Zuhause - kam sogar schon in der dritten Woche, als Rivera über eine am zweiten Spieltag gegen Bills getroffene Entscheidung gegen einen vierten Versuch auf der Fahrt zum 38:0 gegen die New York Giants grübelte.

"Ich habe mich so an dieser Entscheidung festgebissen und so tief darüber gegrübelt, dass ich eine Rote Ampel überfuhr", erzählte Rivera der "USA Today". "Und dann sagte ich mir: Was habe ich nur dabei gedacht? Mir ist klar geworden, dass ich solche Situationen ausspielen muss, um uns Siegeschancen zu geben."

Rivera erfindet sich neu

Aus der blitzartigen Erkenntnis, übrigens ohne bekannte Folgen für den Führerschein, ist eine Philosophie geworden, die die Panthers bislang eindrucksvoll demonstrierten.

Sechs von sieben ausgespielten vierten Versuchen waren mitunter Grundstein des Erfolges in den letzten sieben Partien - denn auf Riveras Erkenntnis und dem ersten Saisonsieg folgte noch ein desaströses 6:22 bei den Arizona Cardinals, ehe sich Riverboat Rons Zockereien auszahlten.

"Coach Rivera war zuerst Football-Spieler und dann Coach. Ein guter Football-Spieler spielt seinen eigenen Stil - egal ob er am Ende siegt, verliert oder unentschieden spielt", veranschaulicht Left Tackle Jordan Gross im "Charlotte Observer" die stilistische Kehrtwende seines Coaches. "Zuerst hat er nach dem Lehrbuch spielen lassen und sich dann erst auf seinen eigenen Stil besonnen."

Sieg gegen Miami

Und der sorgte eben auch für den Sieg am Wochenende gegen Miami. Mit noch 2:33 Minuten zu spielen und beim Stande von 13:16 sahen sich die Panthers einem vierten Versuch an der eigenen 20-Yard-Linie gegenüber. Ein Punt hätte nach statistischen Berechnungen eine 88-prozentige Siegchance der Dolphins bedeutet - ein ausgespielter vierter Versuch 94 Prozent.

Angesichts der hoffnungslosen Aussichten ging Zocker Rivera ein kalkuliertes Risiko ein. Der Touchdown-Pass 43 Sekunden vor dem Ende von Cam Newton auf Greg Olsen gab ihm - wieder einmal - Recht.

Vom Big Play zur Ballkontrolle

Natürlich ist nicht nur Ron Riveras entdeckte Liebe zum Risiko das einzige Geheimnis des Erfolges. Der neue Offensive-Coordinator Mike Shula lässt im Gegensatz zu seinem Vorgänger Rob Chudzinski eine kontrollierte Offensive spielen.

Statistisch fehlen viele Big Plays, dafür zeigt Quarterback Cam Newton mit seiner Akribie und Ballkontrolle noch mehr als in seinem Rookie-Jahr 2011, was in ihm steckt. Ein Beweis dafür neben der leicht zurückgegangenen Zahl an Interceptions ist Newtons Effektivität beim 3rd Down - nur Peyton Manning und Drew Brees weisen bessere Zahlen auf.

Nicht nur Newton und dem Passspiel kommt dabei die gemächlichere Heransgehensweise in der Offensive zugute, auch die Running Backs kommen deutlich öfter zum Zuge als noch im Jahr zuvor. Das Verhältnis zwischen Lauf- und Pass-Spielzügen ist fast ausgeglichen. Besonders drastisch zeigen sich Shulas Veränderungen in Sachen Ballbesitz: Betrug dieser für Carolina im letzten Jahr noch 27:45 Minuten, so sind es 2013 33:48 Minuten.

Um es wieder am Beispiel des letzten Drives gegen Miami zu veranschaulichen: Die neue kontrollierte Spielweise zwang die Dolphins, ihre Timeouts während des Panthers-Angriffs zu verbrauchen. So blieben zwar noch 43 Sekunden auf der Uhr - aber für die eigenen Offensive keine Auszeiten mehr übrig. "Das war richtig gutes Coaching auf unserer Seite", lobte Jordan Cross seine Bosse.

Die jungen Wilden

Insider erstaunt zudem nicht, dass neben allen Geschichten zu Riverboat Ron oder der neu gefundenen Langsamkeit in der Offense auch die Defense die Früchte der in den letzten Drafts gesäten Saat ernten kann.

Das Puzzle scheint zusammengesetzt und gibt auch statistisch das wieder, was man sich in Charlotte akribisch aufbaute: 2011 lag die Defensive noch auf dem 27. Platz was abgegebene Punkte betraf, 2012 kletterte man auf Rang 18 - und gelangte in der Kategorie abgegeben Yards sogar in die Top Ten, und in diesem Jahr liegen die Panthers mit gerade einmal 12,9 abgegeben Punkten pro Partie auf Platz zwei.

Was natürlich mit an der kontrollierenden Offensive liegt, aber eben auch am Personal: Der stetige Aufstieg 2012 trug bereits den Namen Luke Kuechly. Der in der vergangenen Saison gedraftete Linebacker wurde nach nur vier Spielen in die Mitte des Geschehens beordert, fand dort sein Zuhause und dominierte dort Gegner und Ball. Und doch fehlten mitunter die Vorderleute.

Die letzten Puzzleteile der Defense

Mit den Defensive Tackles Star Lotulelei, der Kuechly als Defensive Rookie of the Year beerben könnte, und Kawann Short haben Kuechly und auch Defensive End Charles Johnson die ergänzenden Puzzleteile in diesem Jahr in der Front Seven begrüssen dürfen.

Eine solch dominierende Einheit macht wiederum auch die Secondary stärker, bei der Free Safety Mike Mitchell mit drei Interceptions, zweieinhalb Sacks und zwei Forced Fumbles und als zudem drittbester Tackler des Teams heraussticht.

Dass eine starke Defense auf einer starken Front Seven fußt, diese Erkenntnis dürfte bei Ron Rivera kaum verwundern: Schließlich war Riverboat Ron als Spieler auf der Linebacker-Position zuhause. Seinen Stil in der Defensive dürfte er dabei früher gefunden haben, als seinen neuen Zockerstil. Der Stilmix macht es am Ende möglich, die Früchte von drei Jahren Arbeit in Carolina zu ernten.

Alles zu den Carolina Panthers

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