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49 Years in the Making

Von Bastian Strobl
Sonntag, 03.02.2013 | 15:50 Uhr
In diesem Jahr treffen sich mit John (l.) und Jim Harbaugh zwei Brüder im Super Bowl
© Getty
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Der Super Bowl wird zu einer Familienangelegenheit (Mo., 0.15 Uhr im LIVE-TICKER). John Harbaugh trifft mit den Baltimore Ravens auf seinen jüngeren Bruder Jim, der für die San Francisco 49ers verantwortlich ist. Es ist das Ende eines Wettstreits zwischen zwei unterschiedlichen Charakteren, der bereits vor langer Zeit seinen Ursprung fand.

Sally Shinn muss derzeit immer nur ein und dieselbe Geschichte erzählen. Über den Tag im Jahr 1969, als sie zusammen mit ihrem damaligen Freund und späteren Ehemann Gregg bei einem College-Football-Coach beim Babysitten war.

"Ich kann mich noch genau an die Worte des Vaters erinnern: ‚Pass auf das kleine Mädchen auf und halte die beiden Jungen davon ab, das Haus zu zerstören'", schmunzelt Shinn. "Das war leichter gesagt als getan. Sie haben aus allem einen Wettbewerb gemacht. Es war ein lustiger, aber auch anstrengender Abend."

Ob sie damals wusste, dass diese kleinen Rabauken später einmal Geschichte schreiben würden? Wohl kaum. Genauso wenig hätte sie wohl erwartet, dass sie mehr als 40 Jahre danach noch einmal darauf angesprochen wird.

Bruder-Duell beim Super Bowl

Sie war jedoch nicht die einzige Person, die in dieser Woche durch ihre - wenn auch lange zurückliegende - Bekanntschaft mit John und Jim Harbaugh von der amerikanischen Presse belagert wurde. Ehemalige Lehrer, Freunde, Trainer oder eben Babysitter - pünktlich zum Super Bowl nimmt die Berichterstattung über das größte Spiel des Jahres traditionell obskure Formen an.

Das liegt einerseits an der schlichten Bedeutung, die diese Begegnung für die Amerikaner hat. Andererseits an den besonderen Umständen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Super Bowls treffen mit John und Jim Harbaugh zwei Brüder als Head Coaches aufeinander.

Der HarBowl dominiert die Schlagzeilen und lässt sogar Ray Lewis' Karriereende oder Colin Kaepernicks Märchen ein wenig in den Hintergrund rücken. Zu viele Anekdoten bringt die gemeinsame Vergangenheit der beiden Trainer mit sich.

Zwei unterschiedliche Charaktere

Dabei könnten John und Jim Harbaugh kaum unterschiedlicher sein. Zugegeben: Als beide am Freitag ihre erste gemeinsame Pressekonferenz vor dem Super Bowl gaben, erkannte man eindeutige Gemeinsamkeiten. Dasselbe Glitzern in den Augen. Dasselbe länglich wirkende Gesicht. Denselben markanten Unterkiefer.

Trotzdem reichte ein Blick, um zu verstehen, dass gerade zwei grundverschiedene Charaktere das Podium betreten hatten. Ein schicker dunkler Anzug, eine gold-violett-gestreifte Krawatte - Ravens-Coach John wäre während der PK auch als Politiker, Anwalt oder Geschäftsmann durchgegangen.

Das Kontrastprogramm lieferte sein 15 Monate jüngerer Bruder. Jim trug dieselbe Khaki-Hosen, dasselbe schwarze Sweatshirt, dieselbe 49ers-Kappe wie zu Saisonbeginn. Das Outfit eines Football-Verrückten, der schon immer ein Ziel vor Augen hatte.

"Er wollte schon seit Kindestagen Trainer werden. Er hat uns immer gesagt. 'Ich werde so lange es geht Football spielen, und danach werde ich genügend über das Spiel wissen, um selber eine Mannschaft zu coachen'", blickte Jack Harbaugh zuletzt zurück.

Ein wichtiger Ratschlag

Es war der Vater, der seine Söhne jeden Tag motiviert hat. Der sie angetrieben hat. Der sie gefördert hat. Besonders ein Ratschlag blieb den Brüdern dabei in Erinnerung: "Schnappt Euch Eure Lunchpakete und geht den Tag mit einer Begeisterung an, wie sie die Menschheit noch nicht gesehen hat. Und übrigens: Glaubt nicht alles, was Ihr seht und hört!"

Dieser Enthusiasmus artete allerdings nicht selten in einen nahezu krankhaften Wettbewerb aus. John vs. Jim. Bruder gegen Bruder. Dass sich beide lange Jahre ein Zimmer teilten, machte die Angelegenheit nicht unbedingt besser.

Es gibt unzählige Geschichten über diese Zeit und das nicht enden wollende Duell. Wie sie ihr Zimmer mit einem Klebeband in der Mitte trennten, damit jeder sein Reich bekam. Wenn man die Grenze dennoch übertrat, sollte man sich auf eine kleine Rauferei gefasst machen.

Oder wie Jim seinen Bruder damit aufzog, dass dieser einen Football nicht über einen großen Baum im Vorgarten werfen konnte. "Das hat John wahnsinnig gemacht. Egal was er probiert hat, er hat's einfach nicht geschafft", so Jim, der als jüngerer Bruder dennoch größer und stärker war.

"Wer bekommt das Mädchen?"

"Jeder, der Geschwister in seinem Alter hat, kann das verstehen", versuchte John die besondere Beziehung mit seinem Bruder zu erklären. "Wenn man zusammen aufwächst, zusammen die Pubertät durchlebt, dann es ist ein ständiger Kampf. Wer bekommt das letzte Hot Dog? Wer bekommt das Mädchen? Man streitet sich um alles."

Das änderte sich auch mit den Jahren nicht sonderlich. Bei einem Familienurlaub in Florida kam es erneut zu einem Kräftemessen. 27 Jahre alt war John damals bereits. Doch als sein körperlich überlegener Bruder ihn ins Wasser warf, hinterher hechtete und seinen Kopf unter die Wasseroberfläche drückte, schien die Zeit stehen geblieben zu sein.

"Es wurde aggressiv. Ich dachte, er bringt mich um. Das war der Moment, wo ich wusste, dass ich nie wieder gegen ihn kämpfen sollte", so John. Eine weise Entscheidung, schließlich galt der mittlerweile 50-Jährige schon immer als der besonnenere und freundlichere Bruder.

Ein Gentleman, ein Profi, egal ob beim Handshake mit dem gegnerischen Coach nach einer Begegnung oder gegenüber der Presse. Es heißt, er schenkt selbst jedem Parkwächter und jeder Putzfrau, die bei den Ravens angestellt sind, ein warmes und herzliches Lächeln.

Der Heißsporn

Auf der anderen Seite Jim, ein Heißsporn, der nur an eines denkt. "Ich glaube nicht, dass ich in meinem Leben einen Menschen getroffen habe, der für den Erfolg mehr geben würde als mein Bruder", so John Harbaugh. Das bekam im Laufe der Zeit nicht nur er, sondern vor allem die Medienvertreter zu spüren.

Er weist Fragen nach seinem Lieblingsessen mit einer abfälligen Handbewegung von sich. Er verzieht kaum eine Miene. Als ihn ein Reporter Ende Oktober nach der Diskussion um Alex Smiths Selbstvertrauen fragte, antwortete Harbaugh: "I think it's just a lot of gobble gobble turkey... Just gobble gobble turkey from jive turkey gobblers." Was er den Leuten damit genau mitteilen wollte, blieb sein Geheimnis.

Selbst langjährige Kollegen bei den 49ers wundern sich nicht mehr, wenn Harbaugh ohne Begrüßung einfach an ihnen vorbeiläuft und so tut, als hätte er sie noch nie in seinem Leben gesehen. Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, von seinem Verhalten auf mangelndes Fachwissen zu schließen.

Lob von den eigenen Spielern

Jim Harbaugh gilt bei seinen Spielern als "Players Coach". Als einer von ihnen, der weiß, wie man sich auf dem Feld fühlt. Immerhin spielte der ehemalige Quarterback selbst einmal in der NFL, unter anderem in Chicago und bei den Colts, bevor er erst der Stanford University mit Andrew Luck neues Leben einhauchte und dann als Shooting Star die 49ers übernahm. "Er versteht uns, weil er auch mal in unserer Situation war. Das hilft natürlich", so San Franciscos Safety Donte Whitner.

Johns Weg hingegen war - und wie sollte es auch anders sein - weitaus holpriger. Von den Western Michigan Broncos in 80er Jahre dauerte es mehr als 20 Jahre, bis er in der NFL eine Chance als Head Coach bekam.

"Man schaut ihn an, und hat immer das Gefühl, als würde man auf einen Underdog blicken. Aber wenn man einen Bruder hat, der schon als Spieler so erfolgreich war, kann man dagegen wohl nichts machen. Dabei ist John ein akribischer Arbeiter. Wir verdanken ihm viel", so Baltimores Cornerback Cary Williams.

Ein Familienporträt

Vielleicht ist dies auch der Grund, warum der ältere Bruder die Aufmerksamkeit und das Tohuwabohu rund um den Super Bowl mehr genießt. Es ist das Ergebnis einer jeden Schweißperle, die ihm die Stirn hinuntertropfte, während er in einem dunklen Zimmer die Gegner analysierte oder auf dem Trainingsplatz College-Spieler förderte.

So bleibt vor dem Super Bowl vermutlich genau ein Bild in den Köpfen der Menschen. Am Ende der gemeinsamen Pressekonferenz umarmte John seine Mutter liebevoll und konnte es gar nicht erwarten, zusammen mit seinen Eltern und seinem Großvater von den Fotografen für ein Familienporträt abgelichtet zu werden.

Jim hingegen trottete mehr schlecht als recht hinzu, brachte die Prozedur hinter sich und zog von dannen. Ein Harbaugh bleibt sich nun mal treu, selbst vor einem Super Bowl...

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