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Elefanten-Arsch statt Wall Street

Von Jan-Hendrik Böhmer
Mittwoch, 04.01.2012 | 23:26 Uhr
Quarterback Ryan Fitzpatrick und seine Buffalo Bills träumten vergeblich vom Playoff-Wunder
© Getty
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Er entschied sich gegen die Wall Street, um jahrelang in der NFL auf der Bank zu sitzen. Mit den Buffalo Bills sollte Ryan Fitzpatrick 2011 endlich der Durchbruch gelingen. Was folgte, war ein kolossaler Einbruch. Der Quarterback über Blechschäden, Mobbing für Intelligenzbestien und den Harvard-Fluch.

Eine Cinderella-Story. Das hätte die Saison des Ryan Fitzpatrick werden sollen. Ein modernes Sport-Märchen, in dem ein chronisch unterschätzter Quarterback ein Verlierer-Team nach mehr als einem Jahrzehnt am unteren Ende der diversen NFL-Rankings wieder aus der Bedeutungslosigkeit führt. Ein großes Comeback.

Und nach fünf Siegen aus den ersten sieben Spielen glaubten die Fans in Buffalo tatsächlich an ein Wunder. Vor der Saison noch von den Experten abgeschrieben, glaubten sie jetzt daran, dass sie zum zweiten Mal in über einem Jahrzehnt mehr Siege als Niederlagen ihrer Bills bewundern und von den Playoffs träumen dürfen.

Doch das war vor zwei Monaten. Seither haben die Bills nahezu alles verloren, was es zu verlieren gab. Neun Spiele, acht Niederlagen, ein geplatzter Traum.

Das Resultat: Zum zwölften Mal in Folge hat Buffalo die Playoffs verpasst - die längste Durststrecke der gesamten Liga. "Dabei hatten wir erwartet, dass wir in diesem Jahr gut sind", sagt Fitzpatrick im Gespräch mit SPOX. "Besser als in den letzten Jahren. Viel besser. Deshalb ist die Enttäuschung jetzt so groß."

Der unbestrittene Anführer

Besonders bei Fitzpatrick selbst. Für den 29-Jährigen war die abgelaufene NFL-Saison die lang ersehnte Chance zum großen Durchbruch. Nach Jahren als Ersatzmann bei den St. Louis Rams und Cincinnati Bengals löste er 2010 in Buffalo nach nur zwei Spielen den enttäuschenden Trent Edwards ab. Und überzeugte.

So sehr, dass die Verantwortlichen bei den Bills im Gegensatz zu vielen Experten-Voraussagen keinen neuen Quarterback drafteten oder einen routinierten Free-Agent verpflichteten. Ganz im Gegenteil: Sie statteten Fitzpatrick im Laufe des Jahres sogar mit einem neuen, auf 59-Millionen-Dollar dotierten, Sechsjahresvertrag aus.

"Das war extrem wichtig für mich", sagt Fitzpatrick. "Es hat gezeigt, dass man mir vertraut. Es hat mir Selbstbewusstsein gegeben. Und noch viel wichtiger: Es hat dem Team gezeigt, dass ich der Anführer bin, der unbestrittene Anführer."

"Fitzgerald, Kilpatrick... unglaublich"

Und das ist für Fitzpatrick enorm wichtig. Denn obwohl er seit 2005 in der NFL unterwegs ist und bei seinen Gelegenheitseinsätzen für die Rams und Bengals immer wieder gute Spiele ablieferte, wird er von vielen Spielern und Experten nicht Ernst genommen. Auch heute noch nicht.

Wenn man Fitzpatrick fragt, wie sich das am deutlichsten bemerkbar macht, dann erzählt er, wie er beim ersten Saisonspiel ins Arrowhead Stadium von Kansas City einlief und gerade noch mit anhören konnte, wie der Stadionsprecher seinen Namen durcheinander brachte. "Fitzgerald, Kilpatrick. Googlen Sie das einfach mal", erinnert sich Fitzpatrick. "Es ist unglaublich."

Wie so etwas passieren kann, ist für den Quarterback schnell geklärt. Der Grund ist seine ehemalige Universität. "Harvard ist nunmal für andere Dinge bekannt als Football", sagt er und zuckt fast entschuldigend mit den Achseln. Für seine Business Programme zum Beispiel. Und nach dem Abschluss eines eben solchen stand Ryan Joseph Fitzpatrick kurz vor einer Karriere an der Wall Street.

Die NFL? Die hatte er lange Zeit nicht auf dem Radar. "Ich wollte zwar schon immer Profi-Football spielen", sagt der laut "Sports Illustrated" fünftklügste Athlet aller Zeiten. "Aber wenn man in Harvard ist, dann denkt man nicht daran, dass das wirklich möglich ist. Erst in dem Moment, in dem ich davon erfuhr, dass ich die Chance auf eine Profi-Karriere habe, war die NFL auf meinem Radar und hat das Wall-Street-Ding ganz schnell überholt", erklärt Fitzpatrick.

Der Mathe-Nerd im Locker Room

Also sagte er den sicheren und gut bezahlten Job in Manhattan ab und ließ sich 2005 in der siebten Runde von den Rams draften. Aber nicht, ohne beim vorangegangenen obligatorischen Wonderlic-Intelligenztest für einen neuen Rekord zu sorgen.

In nur neun Minuten gab Fitzpatrick, der sich selbst als Mathe-Nerd bezeichnet und noch vor nicht allzulanger Zeit als Hobby das Ausfüllen von College-Aufnahmetests angab, auf 48 von 50 Fragen die korrekte Antwort. Auf die beiden übrigen Fragen verzichtete er. Freiwillig. Dass ihm deshalb der Ruf als Genie und Außenseiter anhaftet, ist nicht weiter verwunderlich.

Auch und besonders im eigenen Locker Room. Wenn seine Teamkollegen eine Frage haben, auf die niemand eine Antwort weiß, dann kommen sie zu ihm. "Sie sagen dann: 'Fitz, Du warst doch in Harvard. Du musst das wissen'", erzählt Fitzpatrick.

"Und wenn ich dann tatsächlich rüberkomme, dann fragen sie etwas wie: 'Was tut mehr weh: Einen Elefantenhintern ins Gesicht zu bekommen, oder von einem Esel getreten zu werden?' Mittlerweile habe ich mir sogar extra den Bart wachsen lassen, damit sie mal über etwas anderes lästern", scherzt Fitzpatrick. Gebracht hat es nix.

Coaches gegen intelligente Spieler

"Ich habe mir vermutlich den einzigen Job ausgesucht, bei dem mir ein Harvard-Abschluss Steine in den Weg legt", meint Fitzpatrick. "Auch ich weiß, dass man in Harvard nicht gegen die besten College-Spieler antritt und deshalb weniger Erfahrung hat. Das lasse ich als Grund für ein gewisses Maß an Skepsis gelten. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass einige Coaches generell keine intelligenten Spieler mögen."

Der Vorwurf lautet dann immer: Was passiert, wenn er plötzlich die Schnauze voll hat, alles hinschmeißt und an die Wall Street geht? Damit konfrontiert, schüttelt Fitzpatrick nur kurz den Kopf und sagt: "Für mich stand das nie zur Debatte." Und wenn man seine Karriere ein wenig verfolgt hat, dann glaubt man ihm das sofort.

Spott für "Fitz Magic"

Schon im College machte er vor allem dadurch auf sich aufmerksam, dass er, anstatt unter Druck mit dem Ball ins Aus zu sprinten, lieber den Kopf senkte und mit voller Wucht in den heranstürmenden Verteidiger rannte. "In jedem Spiel versuchen sie, mir den Kopf abzureißen, mich an dem zu hindern, was ich am besten kann", sagt Fitzpatrick. "Doch es ist gerade diese Herausforderung, die ich liebe. So muss Football sein. Es geht darum, sich mit anderen zu messen. Zu gewinnen..."

Fitzpatrick stockt... denn auch er weiß, dass die Sache mit dem Gewinnen am Ende nicht mehr geklappt hat. Und, dass einiges davon auf seine Kappe geht. 23 Interceptions, alleine neun davon in den letzten vier Spielen, sind einfach zu viel.

Aus "Fitz Magic" ("Sports Illustrated") ist über Nacht wieder ein Spott-Objekt geworden. Beliebtestes Ziel der Journalisten: die Harvard-Vergangenheit. "Ryan Fitzpatrick braucht keinen Harvard-Abschluss, um sich seine Interception-Rate auszurechnen", schreib die "Los Angeles Times". Fitzpatricks Entscheidungen auf dem Spielfeld deuten eher auf Hauptschule als Harvard hin, unkte die "New York Post". "Das kann einem schon mal auf die Nerven gehen", sagt Fitzpatrick.

Der Blechschaden aus der Jugend

Vielleicht muss er ja auch gerade deshalb genau dann lachen, als ich ihn quasi als Gegenmittel zum Intelligenz-Mythos nach dem Dümmsten frage, was er jemals getan hat. Nach kurzer Bedenkzeit antwortet er: "Das war mit 16. Da hatte ich gerade zwei Wochen den Führerschein und wollte nach dem Einkaufen vor allen Leuten gekonnt ausparken. War ja klar, dass ich dabei das Auto neben mir ramme. Mann, da kam ich mir plötzlich überhaupt nicht mehr so intelligent vor. "

"Aber man lernt schließlich immer dazu", sagt Fitzpatrick - und meint damit nur bedingt den Blechschaden aus seiner Jugend. "Man muss die Fehler, die man gemacht hat, analysieren und dann aus seinen Erfahrungen lernen und sich verbessern."

Für die Bills heißt das: Sich aufrappeln und 2012 erneut angreifen. "Im nächsten Jahr haben wir erneut die Chance, uns zu beweisen. Zu zeigen, dass wir besser sind", so Fitzpatrick. Beim Ausparken habe er ja schließlich auch dazugelernt.

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