Saints-Quarterback Drew Brees im Porträt

The Spirit of New Orleans

Von Jan-Hendrik Böhmer
Freitag, 05.02.2010 | 11:49 Uhr
2006 kam Brees als Free Agent von den San Diego Chargers nach New Orleans
© Getty
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Drew Brees führte New Orleans in den Super Bowl. Zum ersten Mal in der Klubgeschichte. Er ist das Herz der Saints. Und die Seele einer ganzen Region. Trotzdem wird er oft unterschätzt und muss gegen ein altes Vorurteil kämpfen.

"The Aints". Die Nichtskönner. Die Niemande. Die, die nichts drauf haben. So nennen die Menschen in New Orleans ihr Football-Team - wenn es verliert. Und das kommt häufig vor.

Oder besser: das kam häufig vor. Früher. In der Vereinsgeschichte. Ein beliebter Sport-Kommentator riet den Fans sogar, sich Papiertüten über den Kopf zu ziehen. Das war 1980. Nach 14 Niederlagen in Folge. Und wurde schnell zur Tradition. Zum Sinnbild.

Einem Sinnbild für die vielen Pleiten der Saints. Bis 2006. Denn dann kam Drew Brees.

"Drew Orleans" liebt "Bresus"

Der heute 31-Jährige verwandelte zusammen mit dem neu verpflichteten Head Coach Sean Payton und guten Draft-Picks (z.B. Reggie Bush und Marques Colston) eines der schlechtesten NFL-Teams in eine der Top-Franchises der letzten Jahre.

Blog User Master_of_Disaster über die Geschichte der Saints

Zusammen schafften sie das, was zuvor keinem Trainer-Spieler-Duo gelungen war: Sie führten die Saints in den Super Bowl. Seit 1967 hatte man in der Südstaaten-Metropole auf diese Chance gewartet. In nur vier Jahren lief Drew Brees damit Peyton Mannings Vater Archie  (1971 bis 1982 bei den Saints) den Rang als beliebtester Franchise-Quarterback ab.

Nicht erst seit dem Endspiel-Einzug feiern die Bewohner von "The Big Easy" ihr Idol mit "Drew Orleans"-Stoßstangen-Aufklebern. Aktuell sind T-Shirts mit der Aufschrift "Bresus" der absolute Verkaufsschlager. Drew Brees als fast Jesus-gleicher Retter?

Das vielleicht nicht. Aber er ist das Herz der Saints. Und die Seele einer ganzen Region.

New Orleans und die Saints - verwüstet

Einer Region, die in Trümmern lag, als sich Brees 2006 dazu entschied, bei den Saints anzuheuern. Hurrikan Katrina hatte nicht einmal sechs Monate zuvor große Teile der Stadt verwüstet, schätzungsweise 80 Prozent der mehr als eine Million Einwohner der Region  mussten vor dem anschließenden Hochwasser fliehen. Der Louisiana Superdome, die Heimat der Saints, wurde zur Notunterkunft für bis zu 60.000 Menschen umfunktioniert.

Die Saints waren ein entwurzeltes Team. Ihre Heimspiele trugen sie entweder im Alamodome von San Antonio, im Tiger Stadium der Louisiana State University in Baton Rouge oder gar in New York aus. Weit weg von New Orleans. Die erschreckende Bilanz am Ende der 2005er-Saison: Drei Siege bei 13 Niederlagen. Kurz: New Orleans war auch sportlich - um im Bild zu bleiben - verwüstet.

Und dennoch entschied sich Brees für die Saints. "Ich wollte unbedingt zu einem Team, das wirklich an mich glaubt", erklärte Brees damals. "Ein Team, das tatsächlich davon überzeugt ist, dass ich zu alter Stärke zurückkommen und einen Titel gewinnen kann."

Elf Operationen? Ein Glücksfall!

Weder sein damaliges Team, die San Diego Chargers, noch die ebenfalls interessierten Miami Dolphins vermittelten ihm diesen Glauben. "Sie haben mir nicht das Gefühl gegeben, dass sie mir vertrauen", so Brees. Der Grund: eine schwere Schulter-Verletzung im letzten Spiel vor den Vertragsverhandlungen. Beim Versuch einen verlorenen Ball zu retten, wurde Brees von Gegenspieler Gerard Warren in den Boden gerammt.

Die Schulter war kaputt. Verdammt kaputt.

Seine Ärzte gaben ihm eine Chance von 25 Prozent, dass er jemals wieder Football spielen könnte. Elfmal wurde er operiert. Und die Zweifel an Brees' NFL-Tauglichkeit kamen auf. Schon wieder. Wie zum Beginn seiner Karriere. Er sei mit 1,83 Metern zu klein, sagten seine Kritiker. Sein Arm sei zu schwach für die beste Liga der Welt.

Die Reaktion der Chargers: Sie drafteten Philip Rivers und schoben den Quarterback ab, der ihr Team zuvor in vier Jahren vom schlechtesten Klub der Liga zum AFC-West-Champion gemacht hatte. Im Nachhinein betrachtet: ein Glücksfall. "Damals dachte ich, dass diese Verletzung das Schlimmste ist, was mir jemals passieren könnte. Heute weiß ich, dass es das Beste war, was mir in meinem ganzen Sportler-Leben widerfahren ist", so Brees.

"Ein echter Krieger"

Denn nur so konnte Brees zu einer der besten Free-Agent-Verpflichtungen der NFL-Geschichte werden. Drew Brees brauchte die Saints. Und die Saints brauchten Drew Brees. "Es war meine Berufung", so der in Dallas geborene Hobby-Golfer (3er Handicap). "Die Stadt, die Saints und ich mussten alle wieder auf die Beine kommen - das konnten wir nur gemeinsam schaffen. Das war ein Wendepunkt in meinem Leben."

Und nicht nur in seinem. "Gleich beim ersten Training ließ er uns wissen: 'Ich bin hier, um Euch zum Super Bowl zu führen. Alles andere ist verachtenswert.' Er war angriffslustig, klang wie ein echter Krieger", beschreibt der ehemalige Saints-Receiver Joe Horn in der "New York Times" seine erste Begegnung mit dem neuen Team-Leader.

Bei vielen anderen würde das arrogant klingen. Nicht bei Brees. Schließlich wirft niemand so präzise wie er. 70,6 Prozent seiner Pässe kommen an. NFL-Rekord. Ein TV-Sender verglich ihn deshalb sogar mit einem olympischen Bogenschützen. Seit er für die Saints spielt, warf er 122 Touchdowns. Lediglich Peyton Manning kann da noch mithalten.

"Und er ist der beste Anführer, den ich jemals erlebt habe", sagt Safety Darren Sharper, der immerhin bereits mit Quarterback-Legende Brett Favre zusammen spielte. "Er arbeitet härter als jeder andere. Und er schafft es, dass die Spieler ihm folgen."

"Drew ist unser Anführer. Wenn er mich auffordern würde, von einer Brücke zu springen, um ein Spiel zu gewinnen, würde ich nicht zögern", bestätigt auch Saints-Guard Carl Nicks.

Video: Brees macht seine Saints heiß

Brees wird "vollkommen unterschätzt"

Dennoch hat Brees mit einem Klischee zu kämpfen. Er gilt als zugeknöpfter, typisch weißer Quarterback, der seinen Mangel an Physis mit Intelligenz und harter Arbeitsmoral wettmachen muss. "Jeder denkt, dass er einfach nur schlau ist", so Center Jonathan Goodwin. "Als Athlet wird er vollkommen unterschätzt." Dabei trainierte Brees in seiner Jugend beispielsweise für den olympischen Zehnkampf. "Er ist ein unfassbarer Sportler", sagt auch der ehemalige Buccaneers-Coach und aktuelle TV-Experte Jon Gruden.

Und ein Sieger-Typ. Das war er schon mit zwölf. Damals galt er als bester Tennisspieler in ganz Texas und besiegte selbst Andy Roddick. Gleich drei Mal. Beim Baseball hatte er bereits in der Schule einen 88 Meilen schnellen Fastball. Außerdem ist Brees ein begabter Fußballer und Basketballer. Erfahrungen, von denen er noch heute profitiert.

Denn Elemente aus allen Sportarten fließen in seine heutigen Football-Spielzüge ein. Die Beinarbeit eines Fußball-Spielers, die Auge-Hand-Koordination eines Pitchers und die tausendfach wiederholte Arm-Bewegung eines Tennis-Aufschlags.

Diese Erfahrung verleiht ihm Gelassenheit. Kritik an seiner Statur kontert er mittlerweile mit einem Mark-Twain-Zitat. "It's not the size of the dog in the fight, it's the size of the fight in the dog." Frei übersetzt: Es kommt nicht auf Körpergröße an, sondern auf mentale Stärke. Und die könne man nunmal nicht immer messen. So sei Joe Montana ja auch nicht unbedingt der größte Spieler auf dem Platz gewesen oder hätte den stärksten Arm gehabt, so Brees.

Brownies vor der Haustür

Für die Bewohner von New Orleans ist Brees aber genau das: der Größte. Und das nicht nur wegen seiner Pässe. "Ich möchte nicht nur auf dem Spielfeld ein Anführer sein", so Brees. "Ich möchte auch privat mit gutem Beispiel vorangehen, der Gesellschaft etwas zurückgeben." Und das tut er. Drei Millionen Dollar hat er bisher für den Wiederaufbau der Stadt gespendet, noch heute unterstützt er Schulen und Krankenhäuser mit seiner Stiftung.

"Er ist der Spirit von New Orleans", erklärt ein Jugendlicher, der beim Hurrikan sein Elternhaus verlor. "Er verkörpert den Enthusiasmus, den Kampfgeist unserer Stadt. Als ich Drew Brees und die Saints wieder gewinnen sah, war für mich klar, dass ich so schnell wie möglich in die Stadt zurück muss." Es ist die wohl treffendste Beschreibung für das, was Brees für New Orleans bedeutet.

"Ich wollte der Stadt einfach nur helfen, zurückzukommen. Größer und besser als jemals zuvor", sagt Brees selbst. "Und wir sind hier noch nicht fertig. Ich möchte den Titel gewinnen. Für New Orleans und meine Teamkollegen." Und die Fans gönnen es ihm und seinen Bless You Boys. Sie sind der emotionale Favorit, sagen die Medien.

Schon jetzt finden Brees und seine Frau Brittany immer wieder Brownies oder andere Geschenke vor der Tür ihres in Eigenregie renovierten Hauses im historischen Stadtkern. Was nach einem möglichen Super-Bowl-Erfolg in New Orleans und speziell vor seiner Haustür los sein würde, will sich Brees lieber nicht ausmahlen. Er will es erleben.

Das Manning-Dilemma: Wie eine vergammelte Auster

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