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Dirk Nowitzki sagt Lebewohl

Von Haruka Gruber
Montag, 13.06.2011 | 14:31 Uhr
NBA-Legende Bill Russell überreicht Dirk Nowitzki die MVP-Trophäe
© Getty
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Fast schon peinlich berührt nahm Dirk Nowitzki nach dem Titelgewinn mit den Dallas Mavericks all die Ehrungen hin. Dabei erreichte er die höchste Stufe des Basketballs - und verabschiedete sich endlich aus dem Klub der Unvollendeten um Charles Barkley und Karl Malone. Heat-Kontrahent Dwyane Wade verneigt sich.

Drei Jahre ist es her, als Dirk Nowitzki zuletzt Reißaus nahm und alles hinter sich ließ. Er wollte niemanden sehen. Falsch, er wollte nicht, dass ihn irgendjemand sieht.

Er kennt das Gefühl des nahenden Unheils schon vom Olympia-Ausscheidungsturnier 2008 in Athen, als er nach geglückter Qualifikation die Freudentränen nicht zurückhalten konnte und nach dem Sieg im entscheidenden Spiel gegen Puerto Rico vom Parkett rannte, um in der Abgeschiedenheit der Kabine alleine mit seiner Freude und seinen Tränen zu sein.

Nowitzki: "Tränen waren nicht aufzuhalten"

Genau den gleichen Dammbruch der Emotionen erlebte Nowitzki beim 105:95-Erfolg in Spiel 6 der NBA-Finals bei den Miami Heat und dem damit einhergehenden Gewinn der Meisterschaft. Die erste für die Dallas Mavericks, die erste für Dirk Nowitzki.

"Ich habe gespürt, dass die Tränen nicht mehr aufzuhalten waren", sagte der 32-Jährige, nachdem er sogar eine Abkürzung über einige Zuschauersitze nahm, um es so schnell wie möglich in die Kabine zu schaffen: "Ich habe erstmal eine Minute für mich gebraucht. Ich war ein bisschen emotional. Ich musste mich erst einmal erholen."

Dirk Nowitzki im Interview nach dem Titelgewinn

MVP-Trophäe von Bill Russell

Erst nach einigen Überredungsversuchen kehrte er zurück und hob im Kreise seiner Mitspieler die so ersehnte Championship Trophäe in die Höhe. Nicht mit einer triumphalen Gebärde, sondern zurückhaltend und fast schon peinlich berührt ob der Aufmerksamkeit. Als ihm NBA-Legende Bill Russell daraufhin den Award als Finals MVP überreichte, wirkte er ähnlich verlegen.

Am liebsten hätte er sich wohl zu seinem Mentor Holger Geschwindner gesetzt, der mitten in den Zuschauerreihen sitzen blieb, um so unbemerkt wie möglich die blauweiße Jubel-Szenerie aus der Distanz zu verfolgen. Mit einem seligen Lächeln im Gesicht.

Dirk Werner Nowitzki musste 32 Jahre und 359 Tage alt werden, um seinen Lebenstraum zu erfüllen. Er ist bereits Olympia-Teilnehmer, zehnmaliger NBA-All-Star, Regular-Season-MVP der NBA, MVP und Topscorer der WM, MVP und Topscorer der EM - nur ein Titel mit einer Mannschaft blieb ihm in seiner Karriere verwehrt. Nun das: 4-2 gegen die favorisierten Miami Heat. Mit Nowitzki als MVP der Finals!

Carlisle: "Dirk ist einzigartig"

"Ich habe mit allen Legenden des Sports gespielt. Mit Larry Bird, Bill Walton, Robert Parish, Dennis Johnson. Und Dirk ist inmitten dieser Namen, auf der ganz, ganz oberen Stufe der großartigsten Spieler", sagte Rick Carlisle.

Der Mavs-Coach weiter: "Er ist wohl der einzigartigste Spieler in der Geschichte unseres Sports. Es gab noch nie einen Spieler, der 2,10 Meter oder größer war, der solche Fähigkeiten und Varianten entwickelt hat, um auf so viele Wege zu punkten. Und er wird als Verteidiger sehr unterschätzt."

Genau diese Qualitäten jedoch ließ Nowitzki ausgerechnet in Spiel 6 bei den Heat vermissen. Miami deckte ihn nicht besser als in den Partien zuvor und die Nummer 41 kam zu zahlreichen offenen Würfen - doch erstmals seit einer gefühlten Ewigkeit wollten diese nicht fallen.

Schwacher Beginn in Spiel 6

Und defensiv fehlte ihm die rechte Mischung aus Aggressivität und Achtsamkeit, weswegen der unglücklich agierende Nowitzki schnell zwei Fouls gepfiffen bekam und er entsprechend nicht mehr wusste, wann er seinen Körper dagegenhalten soll und wann nicht.

Immer wieder spielte Miami Pick'N'Roll, um Nowitzki zum Switchen und damit zum Verteidigen eines schnelleren Gegenspielers zu zwingen in der Hoffnung, dass dieser weitere Fouls sammeln würde.

All das wäre zu verschmerzen gewesen, wenn er vorne wie gewohnt hochprozentig getroffen hätte. Nur: Er warf einen Backstein nach dem nächsten. Nach drei Vierteln lag seine Quote bei 4/19, alleine im zweiten Viertel gingen alle neun Würfe daneben.

"Es war seltsam. Ich hatte so gute Würfe. Ich kann es mir nicht erklären. Ich hatte einige viel versprechende Dreier, einige Sprungwürfe, ich hatte die Fadeaways auf einem Fuß stehend, die ich normal mache", sagte Nowitzki.

Terry mit Galavorstellung

Doch statt zu verzagen, warf er weiter. Nach expliziter Anweisung seiner Mitspieler. Der fast perfekt spielende Jason Terry hielt seinen Freund an, nicht aufzugeben, indem er ihm in der Pause sagte: "'05, '06". Die Saison, als Dallas gegen Miami in den Finals bereits mit 2-0 geführt und die Serie doch noch hergegeben hatte. Auch Jason Kidd sagte ihm in einer Auszeit im vierten Viertel eindringlich, sich nicht hängenzulassen.

Und Nowitzki fand tatsächlich seinen Touch. Er zog zwar weiterhin zu selten zum Korb, um zumindest Freiwürfe zu provozieren, aber dank 5/8 erfolgreicher Versuche erzielte er 10 der 21 Punkte im letzten Viertel. Miamis Superstars Dwyane Wade und LeBron James kamen in der Crunchtime zusammen lediglich auf 11 Zähler.

Nur um Nowitzkis Klasse zu illustrieren: Alle letzten Viertel der 6 Finals-Spiele zusammengerechnet, gelangen Wade und James insgesamt 62 Punkte bei 50 Würfen (23 verwandelt). Nowitzki kommt auf ebenfalls 62 Punkte, benötigte dafür aber nur 35 Würfe (18 Treffer).

Wade: "Ein großartiger Individualspieler"

Nach dem Finals-Triumph der Heat über die Mavs 2006 sagte Wade, dass Nowitzki nicht der Leader gewesen sei, den Dallas benötigt hätte. Jetzt ließ Wade wissen: "Dirk spielte herausragend. Die Niederlage vor fünf Jahren hat ihn noch immer geschmerzt und er hat aus der Erfahrung gelernt. Obwohl er nach der ersten Hälfte 1/12 aus dem Feld war, kam er zurück und traf Big Shots."

Wade weiter: "Es ist keine Frage: Er ist ein großartiger Individualspieler. Und jetzt ist er auch ein Champion."

Nicht mehr unvollendet

Ein Champion, der dank des Erfolgs endlich dem Klub der Unvollendeten Lebewohl sagen konnte. Charles Barkley, Karl Malone, Patrick Ewing, John Stockton, sie alle gelten als Koryphäen des Sports, denen jedoch immer ein großes ABER anhaftet. Dieses ABER ist Nowitzki für immer los.

"Wenn man 13 Jahre in der Liga ist, zahlreiche Schlachten schlägt und am Ende doch immer den Kürzeren zieht, ist das hier extra besonders", sagte Nowitzki, der in der langen Zeit des Wartens sogar etwas Positives erkannte: "Wenn ich schon früh den Titel gewonnen hätte, weiß ich nicht, ob ich über all die Jahre so viel Arbeit investiert hätte wie jetzt."

Es sind keine Worte der Genugtuung, mehr Worte der eigenen Zufriedenheit über das Erreichte. Dabei hätte er genug Anlass gehabt, um im Moment des Siegs etwas Erhabenheit zu zeigen.

Killer-Instinkt wie Kobe Bryant

Dass die Experten unrecht hatten, als sie Dallas im Grunde vom Playoff-Auftakt gegen Portland beginnend in jeder Runde das sofortige Aus prophezeiten. Dass den talentierten Teams aus Oklahoma City und Miami vielleicht die Zukunft, aber noch nicht die Gegenwart gehört. Dass ihm sehr wohl der Killer-Instinkt eines Kobe Bryant zueigen ist.

Und: Dass es eben kein fataler Fehler gewesen war, vor dieser Saison in Dallas für vier weitere Jahre zu verlängern, während sich die anderen Superstars zu Konglomeraten zusammenfanden. "Dirk sollte den Award als Executive des Jahres, als Coach des Jahres und als Mann des Jahres gewinnen. Dank ihm sieht es im Nachhinein so aus, als ob wir bei den Mavs alles richtig gemacht hätten", sagte General Manager Donnie Nelson.

Nowitzki hingegen beließ es bei einem Satz, den er bereits bei seiner Vertragsverlängerung in ähnlicher Form gesagt hatte: "Es würde sich nicht richtig anfühlen, wenn ich den Titel mit einem anderen Klub gewonnen hätte."

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