Caron Butler im Porträt

"Dick und fest: Das sind die Besten"

Von Philipp Dornhegge
Mittwoch, 10.03.2010 | 13:59 Uhr
Caron Butler hat sich bei den Dallas Mavericks innerhalb weniger Spiele als Führungsspieler etabliert
© Getty
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Bevor der Neu-Maverick zu NBA-Ruhm gelangte, musste er viel durchmachen. Dies ist seine Geschichte. Eine Geschichte von Verhaftungen, Enttäuschungen - und der Sucht nach Strohhalmen.

Caron Butler hat ein Problem. Ein ganz gewaltiges: Er darf keine Strohhalme mehr kauen. Klingt banal, doch wer selbst einen ähnlichen Spleen hat der weiß, wie wichtig so etwas sein kann.

Butler kaut seit seiner Jugend auf Strohhalmen herum. In jedem NBA-Spiel, das der 29-Jährige in seiner Karriere absolviert hat, zermalmte er bislang auf der Ersatzbank sitzend Strohhalme. Bis zu zwölf pro Partie!

"Wenn einer faserig wird, dann brauche ich einen neuen", erklärt Butler. Seine Frau Andrea gibt zu, dass sie ihn bei seiner Strohhalm-Sucht unterstützt und jeden Tag zu McDonald's fährt, um dort um die 60 Strohhalme mitgehen zu lassen.

"McDonald's, Burger King: Das sind die besten", sagt Butler. "Subway-Strohhalme sind auch gut, die sind schön dick und fest. Aber Wendy's? Nein, danke."

"Strohhalme ein Sicherheitsrisiko"

Seit dem Draft 2002, seit acht Jahren also, kennt die Liga Butlers Spleen, zu einem Problem wurde er erst, als zigtausende Fans und die lokalen TV-Kommentatoren im American Airlines Center, der Halle der Dallas Mavericks, einen Strohhalm-Abend veranstalteten und gemeinsam um die Wette kauten.

"Strohhalme sind ein Sicherheitsrisiko", erklärt Vizepräsident Stu Jackson lapidar. Möglich, aber ist es nicht seltsam, dass die Liga jahrelang kein Problem damit hatte? Verständnis dafür, wie wichtig die Strohhalme für Butler sind, zeigt natürlich niemand.

Dabei sind sie für ihn wie eine Aggressionstherapie und ein wesentlicher Grund dafür, dass er es überhaupt in die NBA geschafft hat. Wir müssen bis in seine Kindheit zurückgehen, um seine Geschichte zu verstehen.

15 Verhaftungen in der Jugend

Damals, in Racine, Wisconsin, war Butler ein Problemkind. Ein wütender, aggressiver Jugendlicher. Racine ist zwar nicht gerade South Central L.A., sondern eine beschauliche 80.000-Seelen-Gemeinde direkt am Lake Michigan und in Schlagdistanz zu Milwaukee.

Jazzmusiker Joel Frahm, Bad-Religion-Sänger Greg Graffin oder Paul Harris, Begründer der Rotarier, haben es von dort aus schließlich auch zu skandalfreier Berühmtheit geschafft.

Aber bei Butler lief irgendetwas falsch. Seit er klein war, geriet er immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. In seiner Jugend wurde er sage und schreibe 15 Mal verhaftet - Drogenhandel und Waffenbesitz lauteten seine häufigsten Verfehlungen.

Den Höhepunkt seiner kriminellen Laufbahn erreichte er mit 15, als er für neun Monate in einem Erziehungslager und anschließend weitere sechs Monate in einer Strafanstalt absaß.

"Habe eine Menge Mist gebaut"

Dort, als er sich nach einer Auseinandersetzung mit einem anderen Insassen für zehn Tage in Einzelhaft wieder fand, war Butler am Tiefpunkt angelangt. Er wusste, dass es so nicht weitergehen konnte.

"Ich habe eine Menge Mist gebaut", sagt Butler. "Die Zeit im Knast hat mein Leben geändert." Der Gesichtsausdruck, mit dem ihn seine Mutter anschaute, als er wieder nach Hause kam, brachte den Stein endgültig ins Rollen. Nie wieder wollte er sie enttäuschen.

Seit seiner Kindheit war Basketball seine einzige Zuflucht. Dahin kehrte er nun zurück und etablierte sich in Wisconsin als eines der größten Talente.

Und wenn ihn doch einmal die Wut überkam, schnappte er sich einen Strohhalm und richtete all seine Aggressionen gegen dieses Stück Plastik. Da er nebenbei bei McDonald's schuftete und zum ersten Mal auf ehrliche Weise Geld verdiente, hatte er einen nie versiegenden Vorrat direkt vor der Nase.

Bei UConn reift Butler zum Star

Basketball und die Strohhalme halfen Butler, sein Leben in den Griff zu kriegen, aber dennoch blieb der Weg steinig. Als es darum ging, von der High School ans College zu wechseln, bekam er reihenweise Absagen.

Niemand wollte mit einem ehemaligen Knastbruder zu tun haben. Niemand, bis auf Jim Calhoun. Der Coach der renommierten University of Connecticut sah in Butler keinen Gangster, sondern einen jungen Mann, der für seine Zukunft kämpfte.

Er vertraute ihm, und dieses Vertrauen zahlte Butler zurück. Schon nach seiner Freshman-Saison wurde er ins Team USA berufen und gewann bei der Junioren-WM die Goldmedaille.

In seinem zweiten Jahr wurde er gemeinsam mit Pittsburghs Brandin Knight zum Big East Player of the Year gewählt und führte sein Team beim NCAA Tournament bis ins Viertelfinale. Der Weg für eine erfolgreiche Profikarriere war vorgezeichnet.

Schusswunde? Butler im NBA-Draft verschmäht

Doch erneut musste er einen Rückschlag hinnehmen. Statt wie erwartet einer der ersten fünf Draft Picks zu werden, rutschte Butler auf Platz zehn ab, was angesichts der NBA-Regularien für Rookies gleichbedeutend mit dem Verlust von viel Geld war.

Einige Agenten, deren Angebot für eine Zusammenarbeit Butler abgelehnt hatte, waren offenbar dermaßen gekränkt, dass sie das Gerücht streuten, jemand hätte Butler in dessen Jugend ins Knie geschossen.

Die Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer, etliche Teams verloren schlagartig ihr Interesse. Butler war stinksauer. Und tief enttäuscht, dass sich niemand die Mühe gemacht hatte, die Wahrheit dieser Geschichte zu überprüfen.

An diesem Abend leistete er einen Schwur. Für den Rest seiner Karriere sollte jedes Team, das ihn beim Draft 2002 links liegen ließ, dafür bezahlen.

Von Kollegen wegen seiner Toughness geschätzt

Auch wenn er sein Versprechen bislang nicht einlösen konnte - nur gegen zwei Teams erzielt Butler in seiner Karriere im Schnitt weniger Punkte als gegen die Cavaliers, Rockets oder Clippers -, entwickelte er sich schnell zu einem gefürchteten Gegner und wurde 2007 und 2008 zum All Star gewählt.

Bei den Trainern und Kollegen ist Butler inzwischen bekannt als einer, der den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren ausmachen kann.

Ex-Wizards-Coach Eddie Jordan dachte sich einen Spitznamen für ihn aus: Tough Juice, in Bezug auf seine Einstellung und Hartnäckigkeit. "Für die Toughness, die er in dieser Liga verkörpert, gibt es keinen Ersatz", adelte ihn in diesem Jahr sogar LeBron James.

Nach dem Trade im Februar von den Wizards nach Dallas, dem dritten Wechsel in Butlers Karriere, bekannte Kobe Bryant, dass die Mavs im Westen wieder ernst zu nehmen seien: "Ich hasse es zu sagen, aber: Mische Caron Butler mit einem Titelkandidaten, und die Fans werden ihn lieben."

Butler und Howard: Gleiche Skills, unterschiedlicher Impact

Das war zuletzt bei Josh Howard nicht mehr der Fall. Auch Howard ist Small Forward, war All Star und hat ähnlich gelagerte Fähigkeiten wie Butler. Aber dennoch musste er gehen.

Howard galt als Stinkstiefel, als Egomane und als einer, dem eine Niederlage eben nicht den restlichen Tag versaut. Howard veranstaltet selbst während der Playoffs wilde Partys.

Butler dagegen ist reifer, ein echter Anführer. Einer, der nicht nur auf dem Platz Verantwortung übernimmt. "Ich will etwas hinterlassen, das größer ist als Basketball. Natürlich arbeite ich hart, um ein guter Spieler zu sein, aber ich wünsche mir, dass sich die Leute nach meiner Karriere auch an die Dinge erinnern, die ich abseits des Courts gemacht habe."

Seit einigen Jahren veranstaltet er deshalb "Caron Butler's Annual Bike Brigade". Dort verschenkt er hunderte von Fahrrädern an Kinder und Jugendliche, die dafür sonst niemals das nötige Kleingeld hätten.

Die Sucht nach Mountain Dew besiegt

"Außerdem gehe ich häufig in Jugendzentren und arbeite mit den Kids zusammen. Ich will ihnen zeigen, dass sie alles erreichen können, was sie sich vornehmen. Ich bin das beste Beispiel, dass Disziplin und der unbedingte Wille der Schlüssel sind."

Am 13. März wird Butler 30 Jahre alt, und während er sich langsam auf die Playoffs vorbereitet und damit seine bislang größte Chance, um einen Titel mitzuspielen, kann er seit dieser Saison behaupten, dass er sich von einem großen Laster befreien konnte: der Sucht nach dem Softdrink Mountain Dew.

"Man kann sich gar nicht vorstellen, wie hart es ist, damit aufzuhören", schrieb Butler im vergangenen Herbst in seinem Blog auf der Homepage der NBA. "Als ich noch am College spielte, habe ich jedes Mal zwei Liter davon verputzt. Einen vor dem Spiel, einen in der Halbzeit."

Die Sucht nach einem Softdrink mag witzig klingen, für Butler wurde das Aufhören zu einem echten Problem: "Ich bekam Entzugserscheinungen. Ich hatte Kopfschmerzen, lag schweißnass im Bett und habe sechs Kilo abgenommen. Das waren die härtesten zwei Wochen meines Lebens." Und was half ihm, diese zwei Wochen zu überstehen? Seine Ersatzdroge: Strohhalme.

NBA: Ergebnisse und Tabellen

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