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NBA - Die Philadelphia 76ers nach der Free Agency: Ein Schritt zurück, zwei nach vorne

Von Philipp Schmidt
Nur Tobias Harris wird in der kommenden Saison noch für die 76ers auflaufen.

Die Philadelphia 76ers haben früh in der Free Agency für klare Verhältnisse gesorgt, indemsie J.J. Redick und Jimmy Butler durch Josh Richardson und Al Horford ersetzt haben. Die Starting Five ist auf dem Papier weiterhin eine der besten der Liga. Doch reicht das für den ganz großen Wurf?

Wer hätte damit gerechnet? Gingen viele Experten zu Beginn der Offseason davon aus, dass die 76ers alles daran setzen werden, ihre Free Agents J.J. Redick, Jimmy Butler und Tobias Harris zu halten, ist wenige Wochen später Harris "The Last Man Standing".

Scharfschütze Redick schloss sich kurz nach dem Start der Free Agency den New Orleans Pelicans an und formt dort mit Zion Williamson, Jrue Holiday sowie mehreren Ex-Lakern ein vielversprechendes Team. Auch Jimmy Buckets strebte einen Tapetenwechsel an. Per Sign-and-Trade landet der 29-Jährige bei den Miami Heat, wo er nun DER Franchise-Spieler ist und in vier Jahren 142 Mio. Dollar verdienen wird.

Für den Umzug zum South Beach opferte Butler einen noch größeren Zahltag. Angeblich habe Philly einen vollständig garantierten Maximalvertrag über fünf Jahre und 190 Mio. Dollar auf den Tisch gelegt. Der Wille, den Flügelspieler zu halten, war also da. Dennoch blieb von den eigenen Free Agents auf einmal nur noch eben jener Harris übrig (fünf Jahre, 180 Mio. Dollar).

Redick und Butler weg - Al Horford und Richardson neu

Die Sixers schafften es allerings recht schnell, die Free-Agency-Bilanz zu korrigieren. In Person von Al Horford wurde ein dicker Fisch aus dem Free-Agency-Teich geangelt, der durchaus überraschend die Boston Celtics gen Süden verließ. Vom 109 Mio. Dollar schweren Vierjahresvertrag sollen 97 Mio. Dollar garantiert sein, die verbleibenden 12 Mio. Dollar entfallen wohl auf das letzte Vertragsjahr. Auch über eine Auszahlung im Falle einer Championship wurde spekuliert.

Zusätzlich sicherte sich Philadelphia im Rahmen des Vier-Team-Trades um Butler, in den auch die Portland Trail Blazers und L.A. Clippers involviert sind, Miamis Josh Richardson. Dieser geht in das zweite Jahr seines knapp 42 Millionen schweren Vierjahreskontrakts. Außerdem bleiben James Ennis und Mike Schott in der Stadt der brüderlichen Liebe und werden wohl jeweils einen neuen Vertrag über zwei Jahre unterschreiben.

Wie bereits in der Vorsaison, als man im dramatischen Spiel 7 der Eastern Conference Semifinals (Kawhi!) am späteren Champion aus Toronto scheiterte, liest sich die voraussichtliche Starting Five beeindruckend: Ben Simmons, Josh Richardson, Tobias Harris, Al Horford und Joel Embiid. Bei Simmons stehen die Zeichen zudem auf Vertragsverlängerung. Wie ESPNs Adrian Wojnarowski am Dienstag vermeldete, herrsche Einigkeit über einen neuen Vertrag zu maximalen Bezügen (fünf Jahre, 170 Millionen Dollar).

Das Gerüst des Teams für die Zukunft steht, für die Saison 2021/22 stehen allein durch die Starting Five deutlich über 100 Millionen in den Büchern - die Verlängerung von Simmons ist dabei noch nicht eingerechnet! Sollte es keine Trades von Stars geben, haben die Verantwortlichen der 76ers nun ihr Team zusammengestellt, mit dem sie in die kurz- und mittelfristige Zukunft gehen wollen und dem sie ihr Vertrauen schenken. Wie ist diese Entscheidung zu bewerten?

Horford und Richardson: Statistiken 2018/19

SpieleMinutenPunkteReboundsAssistsDreierquote
Al Horford682913,66,74,236,0
Josh Richardson7334,816,63,64,135,7

Sixers: Wie wirkt sich der Butler-Abgang aus?

Blickt man auf den jetzigen Kader, stellt sich jedoch in erster Linie die Frage, wie sich der Abgang von Butler schlussendlich auswirken wird. Dass dieser ein streitbarer Charakter ist, der schon bei mehreren Teams nicht förderlich für die Teamchemie war, ist unbestritten. Unbestritten ist aber auch sein sportlicher Wert. In Philly hat man das vor allem in der Postseason gesehen.

Auch wenn seine Effizienz in den Playoffs zurückging (nur 26,7 Prozent aus der Distanz), war der 29-Jährige im Angriff zumeist Phillies erste Option - noch vor Embiid - und wurde gegen die Raptors dieser Rolle auch in mehreren Spielen gerecht. Inwieweit dieser Verlust aufgefangen werden kann, ist unklar. Harris ist die naheliegende Alternative, jedoch rein sportlich eine Stufe unter Butler einzuordnen und wohl keine Nummer-Eins-Option über einen längeren Zeitraum.

Bleiben Simmons und Embiid: Dass der Kameruner einer der besten Big Men der Liga und ebenso der beste Spieler der 76ers ist, steht außer Frage. Aber nur in den seltensten Fällen ist ein solcher Spieler, der auf seine Arbeit im Post angewiesen ist und über keinen tödlichen Wurf verfügt, in der Lage, die Offense eines Titel-Kandidaten zu dominieren - vor allem in den Playoffs. Auch Simmons ist dazu (noch) nicht in der Lage, solange er in der Halbfeld-Offensive derart limitiert ist.

Josh Richardson: Ein junger J.J. Redick?

Während Zweifel über die Playoff-Tauglichkeit auf allerhöchster Ebene weiter bestehen, sollen die positiven Aspekte nicht unter den Teppich gekehrt werden: Mit Horford kommt ein vielseitiger, defensivstarker und als absoluter Teamplayer bekannte Big Man nach Philadelphia, der Embiid entlasten und sowohl mit als auch ohne ihn auf dem Feld stehen kann.

Ein solcher Big fehlte in der vergangenen Saison und dürfte Gold wert sein, um dem verletzungsanfälligen Riesen die ein oder andere Pause zu gönnen. Gleiches gilt für sein gutes Händchen aus der Distanz sowie seine Passfähigkeiten (36 Prozent 3FG und 4,2 Assists in der Saison 2018/19) - und dann ist da ja auch noch die Defense.

Die wenigsten Bigs der Association können Giannis Antetokounmpo wohl so gut verteidigen, wie es Horford schon mehrmals gezeigt hat. Will Philly in die Finals einziehen, wird das Team früher oder später an den Bucks vorbei müssen. Und damit auch am Greek Freak. Dass in Horford auch noch ein guter Verteidiger gegen Embiid von der Sorgenliste der Sixers fällt, ist ein gern gesehener Nebeneffekt.

Richardson ersetzt den abgewanderten Redick und ähnelt diesem teilweise auch spielerisch. Über seine vier Jahre bei den Heat traf er 36,8 Prozent seiner Versuche aus der Distanz, musste jedoch auch mehr schwere Würfe nehmen, als dies im Optimalfall in Philly der Fall sein wird. Zudem ist Richardsons Defense deutlich besser und er ist eher dazu in der Lage, sich seinen eigenen Wurf zu kreieren. Inwiefern der 25-Jährige ins Teamgefüge passt und er sich als jüngerer (und sogar etwas billigerer) Redick entpuppt, wird sich zeigen müssen. Die Anlagen sind jedoch vielversprechend.

Philadelphia: Enger Kampf um die Spitze im Osten

Neben der Tatsache, dass die Starting Five Fragezeichen hinsichtlich des Shootings aufweist - dafür aber entgegen des Ligatrends größer spielt und defensiv elitär sein könnte - ,bereitet (wie gewohnt) die Tiefe des Kaders Sorgen. Ein typischer Sixth Man, der von der Bank aus für Entlastung sorgen kann, fehlt gänzlich. Spieler wie Ennis, Scott oder Kyle O'Quinn sind solide, mehr aber auch nicht. Tödliche Schützen sind jedenfalls nicht zu finden und Zhaire Smith wird wohl noch Zeit brauchen.

Ein Blick auf die Konkurrenz im Osten zeigt aber, dass man sich in Philly vor niemandem verstecken muss. In Toronto wartet jeder gebannt auf eine Entscheidung von Kawhi Leonard, wobei die 76ers die Raptors bereits mit ihm am Rande einer Niederlage hatten. Die Celtics müssen die Abgänge von Kyrie Irving und Horford verkraften. Die Bucks verlieren den immens wichtigen Malcolm Brogdon.

Wie auch immer sich die Lage bei den Rivalen letztlich darstellen wird, hat Philadelphia Vorkehrungen getroffen, um auch in der kommenden Saison und darüber hinaus einen tiefen Playoff-Run anstreben zu können. Einige Zweifel bestehen (weiterhin), einige wurden ausgeräumt. Die Sixers haben ihr Team auf wichtigen Positionen umgekrempelt und auch wenn der Trade von Butler nicht angestrebt wurde, könnte gerade dieser Philly ein Stück näher an den Titel gebracht haben.

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