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NBA – Die Celtics und ihre Offensiv-Probleme: Basketball ist Kontaktsport!

Kyrie Irving und die Boston Celtics sind noch lange nicht an ihrem Ziel angekommen.
© getty

Die Boston Celtics sind ernüchternd in die Saison gestartet (9-8). Einige Probleme waren erwartbar, andere jedoch treiben Brad Stevens zu Recht zur Frustration. Damit dieses Team seine Ziele erreichen kann, muss sich vor allem an der offensiven Mentalität einiges ändern.

Vieles wurde von den Boston Celtics erwartet, bevor diese Saison losging. Dass sie eine der besten Defensiven der Liga haben würden, gehörte sicherlich dazu, schließlich war dies auch schon letzte Saison ihr Steckenpferd. Auch waren gewisse Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung und (Re-)Integration einiger Spieler, allen voran Gordon Hayward, sicherlich erwartbar.

Selbst die größten Pessimisten hätten beim erklärten Top-Favoriten der Eastern Conference aber wohl nicht erwartet, dass man Mitte November zu den schlechtesten Offensiv-Teams der Liga gehören würde. Dass besagter Hayward die Partie gegen Charlotte als Bankspieler eröffnete, nachdem er dies zuvor indirekt angeboten hatte. Oder dass Jaylen Brown, einer der Shooting Stars der letzten Saison, laut ESPNs Real Plus-Minus auf Rang 417 von 430 eingesetzten NBA-Spielern in dieser Saison rangieren würde.

Es liegt einiges im Argen bei den Celtics, und die Probleme gehen über die mäßige 9-8-Bilanz und einige erwartbare Abstimmungsschwierigkeiten hinaus. Noch will zwar niemand den Panikknopf betätigen - aber die jüngsten Aussagen aus Boston offenbaren dann doch mehr und mehr eine gewisse Frustration, die durchaus ihre Berechtigung hat.

Celtics-Probleme: Brad Stevens ist genervt

"Wir müssen die Spiele mit einer härteren Mentalität angehen", sagte Brad Stevens am Wochenende nach einer erneut blutleeren Offensiv-Leistung seines Teams gegen Utah. "Wir haben einfach nicht die Mentalität, die wir brauchen."

Im besagten Spiel war Bostons Head Coach Anfang des vierten Viertels gar so genervt von seinen Startern, dass die Celtics ihren letzten Comeback-Versuch mit einem vorher nie gesehenen Lineup aus Irving, Brad Wanamaker, Guerschon Yabusele, Semi Ojeleye und Daniel Theis unternehmen mussten - und scheiterten.

Wenn man nach dem Hauptgrund für Stevens' Frustration sucht, kann man sich dabei einiges aussuchen. Es gibt fast in jedem Spiel Phasen, in denen die Konzentration flöten geht. Es gibt viel zu viele Angriffe, in denen ein Spieler aktiv ist und alle anderen zusehen. Es gibt das simple (und lösbare) Problem, dass Stevens selbst noch nach den Lineups sucht, die am besten zusammenpassen.

Mehr als alles andere ist es jedoch die Stagnation in der Offense, die Sorgen macht, und mit ihr die Wurfauswahl. Die Celtics haben ein großes Arsenal an starken Offensiv-Spielern, mit Irving und Jayson Tatum auch mindestens zwei, die im Eins-gegen-Eins nicht zu halten sind. Gute Passer, Cutter und Schützen im ganzen Kader. Wie können diese Teile so schlecht miteinander funktionieren?

Auch die guten Würfe fallen nicht

Blickt man auf das Wurfprofil der Celtics, ergibt sich ein mehr als altbackenes Bild. Die Celtics penetrieren sehr wenig, kein Team schließt seltener in der Zone ab und nur die Magic ziehen gemessen an den versuchten Würfen noch weniger Freiwürfe. Boston wirft viele Dreier, trifft sie aber nicht gut - aus der linken Ecke allein erreichen die Celtics derzeit 24,2 Prozent. Die Gesamtquote von Downtown (31,2 Prozent) ist die schlechteste der NBA.

Hier darf man aber zumindest teilweise auch auf die kleine Stichprobe hinweisen. Bisher wurden nur sehr mäßige 34,4 Prozent der laut nba.com/stats "weit offenen" Dreier getroffen, von den Boston fast exakt 19 pro Spiel herausspielt. Das sind gute Würfe - diese sollten die Celtics weiterhin nehmen und früher oder später werden die meisten ihrer Shooter sie auch wieder treffen (Marcus Smart nicht, aber das ist ein anderes Thema).

Die Celtics nehmen allerdings auch einen großen Haufen schlechte Würfe. Pullups aus der Mitteldistanz nach einem Haufen Dribblings sind in der Liga von heute zu Recht verpönt - in Boston sind sie ein (viel zu) großer Teil der Offense. Insbesondere Tatum scheint bisweilen zu sehr darauf erpicht zu sein, sein Arsenal an Handles und Würfen zu zeigen, statt einfach die simple, kluge Basketball-Entscheidung zu treffen. Und da ist er nicht der einzige.

Kyrie Irving versteht die Probleme der jungen Spieler

Speziell bei Tatum, Brown und Terry Rozier ist die Erwartungshaltung gewachsen. Man sieht ihnen das häufig an - sie spielen nicht intuitiv, denken zu viel nach. "Sie müssen sich daran gewöhnen, dass sie jetzt den Druck haben, in einem großartigen Team jeden Tag Leistung zu bringen", sagte Irving. "Wenn sie diesen Standard nicht erreichen, dann macht es beim Team nicht ‚Klick'."

Es liegt natürlich nicht nur an den Jungen. Das ganze Team denkt zu viel nach, zu oft degradieren sich die Celtics gegenseitig zu Zuschauern. Hayward hat in einigen Spielen schon angedeutet, wie wichtig er vor allem als zusätzlicher Playmaker werden kann, in den allermeisten Spielen hatte er bisher jedoch keine positive Präsenz. Zumeist geht er Kontakt (verständlicherweise) komplett aus dem Weg und ist damit ein weiterer passiver Shooter statt der physische Penetrator alter Jazz-Tage.

Brown wiederum wirkt häufig komplett verloren, wenn Irving oder Tatum mit ihrer Dueling-Banjos-Routine beginnen. Es ist kein Zufall, dass beinahe nur Marcus Morris und Daniel Theis effizienter scoren als in der letzten Saison - Spieler, die ihre Rollen kennen und nicht viel darüber nachdenken müssen. Abgesehen von Irving trifft das sonst auf fast niemanden zu. Es gibt kaum Spielfluss, Spieler erzwingen Würfe, auch weil in der Offense keine Hierarchie existiert.

Boston Celtics: Noch kein Top-Team

Und dennoch - es ist noch viel zu früh, um die Nerven zu verlieren, auch wenn der Impuls naheliegt. Die Defense ist elitär und verschafft Boston in jedem Spiel eine Siegchance. Die Offense nimmt ihnen diese aktuell noch zu regelmäßig, aber die Celtics haben auch schon gezeigt, dass es anders geht. Das Overtime-Spiel gegen die Raptors war in dieser Hinsicht das wohl beste Beispiel.

Gegen das beste oder zweitbeste Team der Conference (je nachdem, wie man zu Milwaukee steht) zeigten die Celtics endlich doch mal, was in ihnen steckt. Der alles überragende Irving (43 Punkte, 11 Assists) stand dabei natürlich am meisten im Fokus, aber es war nicht nur Uncle Drew - Tatum ging in der zweiten Hälfte und Overtime endlich verstärkt zum Korb, und auch Hayward war in der Crunchtime erstmals der erhoffte Faktor.

Zudem spielten die Celtics als Team aggressiv - eine Eigenschaft, die sie bisher zu oft vermissen ließen. Die Partie zeigte, dass sie gegen die absoluten Top-Teams durchaus mithalten können. Die folgenden Niederlagen zeigten indes, dass sie selbst noch keins dieser Top-Teams sind - dafür fehlen Eingespieltheit, Fokus und allen voran Konstanz.

Die Saison ist noch lang

Die positive Nachricht lautet, dass die Saison noch sehr lang andauert. Viele Probleme der Celtics haben mit Abstimmung und der mathematischen Standardabweichung bei offenen Würfen zu tun - sie werden nicht ewig bestehen, auch wenn die Regression zur Mitte vielleicht zu spät erfolgt, um Milwaukee oder Toronto die Top-Plätze im Osten streitig zu machen, wenn es nicht bald so weit ist.

Die negative Nachricht: Zeit allein wird nicht dafür sorgen, dass dieses so hochkarätig besetzte Team es lernt, all seine Stärken auszunutzen, konstant zu spielen und eine Rollenverteilung zu finden, in der sich alle Spieler zurechtfinden. Oder dass die Spieler, die primär zum Jumpshot tendieren, im Kollektiv öfter den Weg in die Zone suchen und finden.

Diese Impulse müssen in erster Linie vom Team selbst kommen - Stevens kann hier nur anleiten, aber nicht selbst umsetzen. "Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen", merkte der Coach am Montag an, und man konnte ihm nur beipflichten: Dieses Team hat nach wie vor einen weiten Weg vor sich.

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