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NBA: Die ehemaligen Vancouver Grizzlies - Ein großes Missverständnis

Montag, 27.08.2018 | 08:47 Uhr
Auch Michael Jordan war mit den Bulls in Vancouver zu Gast.
© getty

Die Vancouver Grizzlies überlebten nur sechs Jahre in der Association, bevor sie in Memphis eine neue Heimat fanden. Die Zeit in Kanada war geprägt von schlechten Entscheidungen des Managements in fast allen Belangen. Legendär war vor allem der Fall von Steve Francis, der sich als Rookie weigerte, für die Grizzlies aufzulaufen. Ein Rückblick auf eine fast schon vergessene Franchise.

Heute vor 19 Jahren fand der vom Volumen her größte Trade der NBA-Geschichte statt, gleich elf Spieler wechselten die Teams, es waren die Orlando Magic, die Houston Rockets und die Vancouver Grizzlies involviert. Große Namen wurden nicht gedealt - mit einer Ausnahme. Steve Francis, den die Grizzlies im Draft zwei Monate zuvor an Nummer zwei gezogen hatten, wurde nach Houston verschifft.

Der Grund war simpel - Francis weigerte sich schlicht und einfach, in Vancouver zu spielen. Schon vor dem Draft machte der Point Guard klar, dass er nicht nach Kanada wollte. Francis ging zuvor davon aus, dass die Chicago Bulls ihn wählen würden, stattdessen machten die Bulls Elton Brand zum Top-Pick und die Grizzlies holten tatsächlich den Spieler, der mit Streik drohte.

Francis musste also hoch aufs Podium zu Commissioner David Stern, setzte die Grizzlies-Cap auf und zog ein Gesicht, als ob Stern ihm gerade mitgeteilt hätte, dass er zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Francis wollte näher bei seiner Familie sein, außerdem war nicht klar, wie er mit Mike Bibby koexistieren würde, den die Grizzlies im Jahr zuvor geholt hatten. So unterschrieb er keinen Vertrag und forderte vehement einen Trade, der wenig später tatsächlich durchgeführt wurde.

Vancouver Grizzlies: Das schlechteste Team der Geschichte

Es ist die vielleicht bekannteste Story und einer der Gründe, warum die Vancouver Grizzlies nie in der NBA Fuß fassen konnten. Nach nur sechs Jahren absolvierten die Grizzlies am 14. April 2001 ihr letztes Heimspiel im General Motors Place - ironischerweise gegen Francis und die Rockets. Vancouver verspielte eine 19-Punkte-Führung und verlor mit 95:100, während Francis ein Double-Double (14 Zähler, 13 Assists) auflegte.

In sechs Spielzeiten gewannen die Grizzlies gerade einmal 101 Spiele (359 Niederlagen) und verbuchten mit 28 Prozent die schlechteste Siegquote aller Franchises in der Geschichte. Vancouver erreichte nicht ein einziges Mal die Playoffs und stellte keinen einzigen All-Star. Dass es an der kanadischen Westküste nicht mit der NBA klappte, lag also nicht nur am fehlenden Willen der Spieler, dort aufzulaufen.

1995 herrschte noch Aufbruchstimmung. Zusammen mit den Toronto Raptors waren die Grizzlies von der Liga aufgenommen worden, doch anders als in Toronto wollte in British Columbia keine Aufbruchstimmung entstehen. Während die Raptors aufregende Spieler wie Vince Carter oder Tracy McGrady drafteten, gelang es den Grizzlies nie, einen echten Franchise Player zu holen, der die Massen anziehen konnte.

Vancouver: Draft-Flops und ein schlechtes Management

Die Erstrundenpicks lesen sich wie folgt: Bryant "Big Country" Reeves, Shareef Abdur-Rahim, Roy Rodgers, Antonio Daniels, Mike Bibby, Steve Francis und Stromile Swift. Mit Ausnahme von Rodgers wurde jeder davon unter den ersten Sechs gezogen, die Ausbeute liest sich so recht mager. "Toronto hatte einfach die bessere Strategie", erinnerte sich der damalige Assistant Coach Lionel Hollins später. "Sie horteten viele Picks, drafteten gut und machten einige gute Trades."

Natürlich waren Abdur-Rahim oder Bibby solide Spieler, doch keiner hatte wirkliches Starpotenzial. Gleiches galt für Reeves, den die Grizzlies als Pfeiler der Franchise ausmachten und mit einem Sechsjahresvertrag über 62 Millionen Dollar ausstatteten. Dass Reeves verletzungsanfällig war und stets Probleme mit dem Gewicht hatte, machte es nicht besser. In den sechs Jahren legte Big Country 12 Punkte und 7 Rebounds im Schnitt auf.

So konnten die Erwartungen nie erfüllt werden, in sechs Jahren versuchten sich gleich fünf verschiedene Übungsleiter. Das Resultat blieb gleich, auch weil die Grizzlies nie die richtigen Veteranen finden konnten. "Wir waren kein aufregendes Team", gab auch Bibby zu. "Wir hatten viele Jungs, die eher unter dem Ring spielten. Die Fans haben nicht das bekommen, was sie verdient gehabt hätten."

Die Erstrundenpicks der Vancouver Grizzlies

JahrPickSpieleru.a. verfügbar
19956Bryant ReevesDamon Stoudamire, Michael Finley
19963Shareef Abdur-RahimRay Allen, Kobe Bryant, Steve Nash
19974Antonio DanielsTracy McGrady
19982Mike BibbyVince Carter, Dirk Nowitzki, Paul Pierce
19992Steve FrancisBaron Davis, Lamar Odom, Rip Hamilton
20002Stromile SmithMike Miller, Jamal Crawford

Stern: "Wir haben die Leute enttäuscht"

Die Anfangseuphorie ebbte so schnell ab, Jahr für Jahr ging der Zuschauerschnitt ein wenig zurück. "Wir haben damals die Chance verpasst, dass die Leute leidenschaftliche Grizzlies-Fans geworden sind", bedauerte auch Abdur-Rahim. Beim letzten Heimspiel 2001 waren entsprechend Schilder wie 'Danke für das schlechteste Team aller Zeiten' zu sehen.

Auch Stern musste sich eingestehen, dass die Episode in Vancouver ein absoluter Reinfall war. "Ich wünschte, dass wir mit der Liga niemals dorthin gegangen wären. Es ist eine fantastische Stadt und wir haben die Leute und uns selbst enttäuscht."

Doch nicht nur sportlich war die Franchise in Vancouver ein Fiasko, auch finanziell gab es große Probleme. Laut Dick Versace, dem damaligen Präsidenten der Grizzlies, machte das Team rund 40 Millionen Dollar Verlust pro Saison. Problematisch war auch der schwache kanadische Dollar zu dieser Zeit. Die Gehälter mussten in US-Dollar ausbezahlt werden, während der Gewinn in kanadischer Währung anzugeben war. Für das Team entstanden so Kosten, die alle anderen Teams außer Toronto nicht hatten.

Besitzer-Wechsel der Anfang vom Ende

So verwunderte es nur wenige, dass es die NBA im Februar 2001 dem Besitzer Michael Heisley erlaubte, dass dieser nach neuen Standorten für die Franchise suchen durfte. Heisley hatte das Team ein Jahr zuvor für 160 Millionen gekauft und musste für seine Pläne viel Kritik einstecken, doch bereits der vorherige Besitzer, Bill Laurie, wollte die Grizzlies nach St. Louis umsiedeln.

St. Louis war auch ein Jahr später ein Thema, doch auch Louisville, Anaheim, Buffalo und New Orleans hinterlegten ihr Interesse. Es wurde bekanntlich Memphis, was am 4. Juli 2001 offiziell bekanntgegeben wurde. Die NBA war aus dem Westen von Kanada wieder verschwunden, die Raptors sind seitdem das gallische Dorf der Association mit der einzigen Franchise außerhalb der Vereinigten Staaten.

Doch wird Vancouver für immer ein weißer Fleck auf der Landkarte bleiben? Zumindest sind nun die Vorzeichen anders. Basketball ist globaler geworden, es gibt kanadische Spieler wie Andrew Wiggins oder im kommenden Jahr den möglichen No.1-Pick R.J. Barrett, die in der Liga für Furore sorgen können.

"Sie haben definitiv zu früh aufgegeben", analysierte deswegen Raptors-Kommentator Jack Armstrong am Rande eines Preseason-Spiels in Vancouver. "Es ist schade, dass es hier kein Team gibt. Vancouver ist nun eine ganz andere Stadt und ich glaube, dass die NBA hier eine große Sache sein könnte."

Vancouver hätte Steve Nash haben können

Toronto hat es vorgemacht, eine Kultur zu etablieren und Fans für sich zu begeistern, auch im Schatten des Nationalsports Eishockey, der weiterhin die Schlagzeilen im Land mit dem Ahornblatt dominiert. Dass das Interesse an Basketball da ist, zeigten einige Preseason-Spiele, die fast schon zelebriert wurden.

Auch frühere Animositäten der Spieler gegen ein Leben in Kanada dürften sich inzwischen gelegt haben, wie die Beispiele von Kyle Lowry und DeMar DeRozan in Toronto zeigten. Schon in den 90er Jahren waren die Spieler der Auswärts-Teams gerne in Vancouver zu Gast, die Stadt hat bekanntlich viel zu bieten.

Das Projekt Vancouver kam letztlich ein paar Jahre zu früh, zudem litt die Franchise unter den teils katastrophalen Entscheidungen des Managements. Die Saga um Francis war da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dazu gibt es übrigens noch ein interessantes 'Was wäre, wenn'-Szenario. 2012 verriet Bill Duffy, der Berater von Steve Nash, dass die Grizzlies den kanadischen Spielmacher für Francis hätten haben können.

Ein Trade mit den Dallas Mavericks kam aber nicht zustande. Vielleicht hätte dies den nötigen Hype in British Columbia auslösen können und die Grizzlies wären immer noch in Vancouver. So bleibt lediglich das Warten auf eine weiter Chance auf eine Franchise - sollte sie jemals kommen.

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