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NBA Finals – Stephen A. Smith im Interview: "Wer zur Hölle wäre nicht frustriert?"

Von Daniel Herzog
Stephen A. Smith sprach nach Spiel 1 der NBA Finals mit Daniel Herzog.
© DAZN/SPOX

Die NBA Finals haben mit einem dramatischen Spiel 1 begonnen, das nach kuriosem Ende an die Golden State Warriors ging. SPOX und DAZN baten Star-Journalist Stephen A. Smith (ESPN) um seine Analyse, dem vor allem die Schiedsrichter-Leistung und der Fehler von J.R. Smith sauer aufgestoßen waren.

Smith sprach zudem über die Zukunft von LeBron James - und über Dirk Nowitzki.

SPOX/DAZN: Stephen A., wir müssen damit beginnen: J.R. Smith. Was fällt Ihnen zu dieser Aktion ein?

Stephen A. Smith: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Das war einer der dümmsten Fehler, die man jemals sehen wird. J.R. ist ein großartiger Typ, ein sehr netter Typ - er ist inkonstant als Shooter, aber extrem wetteifernd -, aber ich kann einfach nicht glauben, dass er diesen Fehler gemacht hat. Wenn es nach mir geht, hat er damit nicht nur Spiel 1 und eine sensationelle Vorstellung von LeBron James verschwendet, eine der besten, die wir jemals in den Finals gesehen haben, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach hat er ihnen auch die Chance gekostet, diese Serie zu gewinnen. Es ist traurig zu sehen, dass ein großartiger Spieler wie LeBron wegen so einer Aktion verliert, die überhaupt nichts mit ihm zu tun hatte. Es ist wirklich schwer in Worte zu fassen, wie traurig das ist.

SPOX/DAZN: Sie glauben, dass die Serie schon gelaufen ist?

Smith: Natürlich! Man erholt sich nicht von so einer Geschichte, wenn man zudem auch noch das schwächere Team hat. Wenn den Warriors so etwas passiert wäre, hätten sie immer noch die Möglichkeit, weil sie offensichtlich viel talentierter sind. Aber meiner Meinung nach hätte es diese Serie dramatisch verändert, wenn Cleveland dieses Spiel gewonnen und damit den Heimvorteil bekommen hätte. Nachdem man diese Chance vertan hat, weiß Golden State: Wir haben euch. Und wenn sie das wissen, dann gehen die Lichter aus.

SPOX/DAZN: Was sagen Sie zu dem Call bei der Aktion zwischen Kevin Durant und LeBron James, die erst als Offensiv-Foul und dann als Foul von James gewertet wurde?

Smith: Man macht so einen Call gegen LeBron James nicht. Die Schiedsrichter haben zunächst eine Entscheidung getroffen und diese dann zurückgenommen - gegen ihn. Wenn sie in dem Moment so entschieden hätten, wäre das für mich in Ordnung, es sah für mich auch nach der richtigen Entscheidung aus, ein Offensiv-Foul zu pfeifen. Was ich aber nicht verstehe: Man nimmt sich die Zeit, schaut sich das Video zweieinhalb Minuten lang an und dann hat man den Nerv, diesen Call gegen LeBron zu machen? Denken Sie einen Moment darüber nach: Es war eine Aktion, die sehr schwer zu bewerten war, man kann nicht zu 100 Prozent sagen, welcher Call richtig und welcher Call falsch gewesen wäre. Warum nimmt man die Entscheidung dann zurück, ohne es definitiv wissen zu können? Und dazu: Warum räumt man einem der besten Spieler, die dieser Sport jemals gesehen hat, nicht den berechtigten Zweifel ein? Einem Spieler, der achtmal in Folge in den Finals stand, drei Titel und vier MVPs gewonnen hat, dem Gesicht der NBA? Ich weiß nicht, ob so etwas in irgendeiner anderen Sportart oder Liga passieren würde, aber es ist hier passiert. Und sie sollten diese Regel ändern - nicht erst nächste Saison, sondern schon morgen. So etwas darf nicht noch einmal passieren. Das war unentschuldbar - es war der falsche Call gegen LeBron.

SPOX/DAZN: Am Ende sah James sehr frustriert von seinem Team aus ...

Smith (unterbricht): Würden Sie das nicht sein?! Wer zur Hölle wäre in dieser Situation nicht frustriert? Wissen Sie - ich war noch nie in Deutschland, ich weiß nicht alles darüber, aber ich weiß, wie Wettbewerb in Europa aussieht. Ich habe mitbekommen, wie Leute für deutlich kleinere Fehler völlig fertiggemacht wurden. Können Sie sich vorstellen, was mit jemandem passieren würde, der in einer europäischen Liga in einem entscheidenden Spiel so einen Fehler machen würde? Wir bräuchten rund um die Uhr Security für diese Person! Ich hätte Angst um ihn. Es ist ja so: Man kann Spiele verlieren, weil das andere Team besser ist, man kann daneben werfen, weil man eben nicht trifft, so etwas passiert. Aber dass man seinem Team das Spiel verliert, weil man den Spielstand nicht kennt ... mein Gott. In solchen Momenten bin ich froh, in den USA zu wohnen, denn in Europa würde die Reaktion ganz anders ausfallen. Ich meine das gar nicht negativ, aber die Leidenschaft, die Sportfans in Europa für ihre Teams haben, ist nochmal eine andere. Ihr macht keine Späße - und ich kann es euch nicht verübeln!

SPOX/DAZN: Glauben Sie, dass LeBron auch kommende Saison noch bei den Cavaliers spielt?

Smith: Nein, ich rechne nicht damit. Ich weiß es nicht sicher, aber ich kann es mir nur schwer vorstellen, dafür gibt es einfach zu gute andere Optionen und ich denke, dass er in Cleveland nicht das bekommt, was er für einen weiteren Titel braucht.

SPOX/DAZN: Welche Teams kommen in Frage?

Smith: Houston, Philadelphia, L.A. oder Boston wären meine Optionen, wobei ich nicht weiß, was bei ihm oben steht. Das hat ja auch damit zu tun, was möglich ist und welche Moves und Trades sonst noch erfolgen. Er selbst kann ja abwarten und in Ruhe abwägen, weil er Free Agent ist und tun kann, was er will. Für mich persönlich wäre es der Sonnenschein von Los Angeles - ich hätte gerne die Herausforderung, der nächste Spieler zu sein, der den Lakers eine Championship bringt. Aber es gibt kurzfristig definitiv bessere Optionen, wenn er direkt Meister werden will, da stehen Boston und Houston sicherlich ganz vorne.

SPOX/DAZN: Eine letzte Frage: Hat es Sie gefreut, als Dirk Nowitzki angekündigt hat, noch eine weitere Saison zu spielen?

Smith: Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass Dirk aufhört. Er ist ein fantastischer Spieler und hatte eine fantastische Karriere. Aber er ist jetzt offensichtlich nicht mehr der Spieler, der er mal war. Das Alter hat ihn eingeholt. Als er in seiner Prime war, war er ein wirklich besonderer Spieler, er ist ein Champion und ein klarer Hall-of-Famer. Die Mavericks waren aber in den letzten Jahren leider nicht in der Lage, ihm einen Winner an die Seite zu stellen, die Hilfe, die er gebraucht und sowas von verdient hätte. Warum weiß ich nicht - ich bin ein Fan, ich bin gut mit Coach Rick Carlisle befreundet und kenne Mark Cuban schon ewig, ich liebe auch die Stadt Dallas. Aber ich kann beim besten Willen nicht verstehen, warum sie nicht in der Lage sind, ihm Hilfe zu holen, seit Jahren schon. Und mittlerweile ist Dirk an einem Punkt, an dem er nicht nur Hilfe braucht, sondern eigentlich jemanden, der ihn trägt - denn das hat er selbst lange genug getan. Ich bewundere ihn schon lange und ich denke, dass er Besseres verdient hätte. Und ich persönlich würde es lieber nicht sehen, dass das Ende seiner Karriere so verläuft, bei einem Team, das nicht in den Playoffs steht und keine Chance auf einen Titel hat. Er hat doch nichts mehr zu beweisen. Wenn man keine Chance mehr hat, warum spielt man dann noch in dem Alter? Wegen Geld?

SPOX/DAZN: Das klingt aber nicht nach ihm.

Smith: Ich kenne ihn nicht so gut, aber ich nehme Sie beim Wort. Selbst wenn er es täte, wäre es ja keine Schande. Was ich nur sagen will: Er war so ein toller Spieler und Winner, so clutch, dass ich ihn einfach nicht gerne in bedeutungslosen Spielen auflaufen sehe, für ein bedeutungsloses Team, zu einer bedeutungslosen Zeit des Jahres. Jemanden wie ihn will ich in der Postseason sehen, als Champion, der in den Sonnenuntergang reitet. So wie er es verdient hätte. Ich würde ihn lieber nicht in dieser Situation sehen.

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