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NBA Free Agency - LeBron James' "Decision" 2010: Alle Macht den Stars

Donnerstag, 28.06.2018 | 11:00 Uhr
LeBron James gründete 2010 mit Chris Bosh und Dwyane Wade die Big Three der Miami Heat.
© getty

Mit seiner "Decision" in der Free Agency 2010 löste LeBron James ein Erdbeben aus, das die Machtverhältnisse innerhalb der Liga verschoben hat - und zwar für immer. Vertragsverhandlungen? Nicht mit den Superstars!

Wo spielt LeBron James in der Saison 2018/19? Diese Frage dominiert die am Sonntag startende Free Agency wie keine andere. In nahezu jeder NBA-Stadt hängen Plakate, die den King anlocken sollen - manche ernst gemeint, andere weniger. Woanders werden Szenarien gesponnen, was Team X tun muss, um Platz für einen Maximal-Vertrag freizuschaufeln, den LeBron - immerhin darin herrscht Einigkeit - einfordern wird. Und: Wie passen eigentlich James, Paul George und Kawhi Leonard in einem Team zusammen? Auch hierzu gibt es Analysen.

Was genauso viel Tradition hat wie diese Spekulationen ist die Tatsache, dass sich James nicht in die Karten schauen lässt. Vielleicht weiß er selbst noch nicht, wozu er tendiert, vielleicht hat er sich schon längst entschieden. Jüngst sagte er jedenfalls, dass er den ganzen "Recruiting"-Zirkus drum herum nicht brauche, alles geschehe zu seiner Zeit.

Wer diese Aussage liest, denkt unweigerlich: "LeBron und Recruiting-Zirkus? Da war doch was" - und landet in seinen Erinnerungen im Jahre 2010, als James eben diesen Zirkus auf die Spitze trieb und in einer national ausgestrahlten TV-Show seine Free-Agency-Entscheidung verkündete. "In this fall I'm going to take my talents..." Der Rest ist bekannt.

Acht Jahre ist dieser Moment mittlerweile her. Und Jahr für Jahr, Free Agency für Free Agency, wird deutlich, wie sehr LeBron die Machtverhältnisse innerhalb der Liga durch "The Decision" verschoben hat - beziehungsweise wie sehr er das Bewusstsein der Spieler dafür geschärft hat, in welch starker Position sie sich eigentlich befinden.

NBA-Superstars haben mehr Macht als die Franchise

In keiner Liga der Welt haben die Spieler so viel Einfluss wie in der NBA - das ist nichts Neues. Das hat schon sportliche Gründe: Mit bloß fünf Spielern stehen im Vergleich zu anderen Teamsportarten wenige Athleten auf dem Court, entsprechend groß ist der individuelle Einfluss des Einzelnen.

Hinzu kommt die immer noch Eins-gegen-Eins-lastige Spielweise vieler Mannschaften, die dafür sorgt, dass die besonders Talentierten Spiele im Alleingang entscheiden können. Und zwar nicht nur an einzelnen Abenden, sondern über Wochen, Monate und Jahre hinweg.

Anders gesagt: Einzelne Spieler bestimmen über den Erfolg einer Franchise, einzelne Stars können aus einem Lottery- ein Playoff-Team machen. Niemand stellte das in der jüngeren Vergangenheit mehr unter Beweis als LeBron bei den Cavs.

2010 befand er sich mit geschmeidigen 26 Jahren vor dem Eintritt in seine Prime (damals ahnte wohl noch niemand, dass er bis heute Jahr für Jahr noch besser wird). Durch die Erfolglosigkeit der Cavs, ihm ein konkurrenzfähiges Team zur Seite zu stellen, schien er als Free Agent tatsächlich verfügbar zu sein, was neben den Heat auch die Knicks, Clippers oder Nets auf den Plan rief.

LeBron James "zerstörte" die anderen Teams

Sie räumten Cap Space frei, indem sie Spieler entließen oder wegtradeten, sie kamen mit Power Point-Präsentationen bewaffnet zu LeBron, um ihn von der eigenen Franchise zu überzeugen. Gewissermaßen machten sie sich freiwillig zu seiner Geisel, in der Hoffnung, den großen Wurf zu landen.

Je länger James mit seiner Entscheidung wartete, umso verheerender sollte es für die Teams werden, die leer ausgingen - andere Free Agents waren vom Markt, der eigene Kader aber "ausgemistet." Blöd gelaufen. Mit dem Move nach Miami zerstörte James die Planungen gleich mehrerer Franchises.

Die Clippers warten bis heute auf einen ernstzunehmenden Playoff-Run, die Nets versuchten sich etwas später an einem Verzweiflungs-Move, der sie auf Jahre hinaus im Tabellenkeller versenkte und die Knicks haben ohnehin nichts auf die Kette bekommen, außer Carmelo Anthony von den Nuggets zu holen. Die Cavs wurden auf einen Schlag zum Lottery-Team.

Alle Verträge von LeBron James

SaisonTeamGehalt in Millionen Dollar
2003/04Cleveland Cavaliers4,01
2004/05Cleveland Cavaliers4,32
2005/06Cleveland Cavaliers4,62
2006/07Cleveland Cavaliers5,82
2007/08Cleveland Cavaliers13,01
2008/09Cleveland Cavaliers14,4
2009/10Cleveland Cavaliers15,7
2010/11Miami Heat14,5
2011/12Miami Heat16
2012/13Miami Heat17,5
2013/14Miami Heat19
2014/15Cleveland Cavaliers20,6
2015/16Cleveland Cavaliers22,9
2016/17Cleveland Cavaliers30,9
2017/18Cleveland Cavaliers33,2
Gesamtvolumen-237,21

Auf der anderen Seite erstrahlte Miami im neuen Glanz mit drei All-Stars, die ultimative Big Three war geboren. "Nicht drei, nicht vier, nicht fünf" Meisterschaften sollte es geben, eine neue Macht erhob sich.

Solch ein Ereignis hatte es in der Geschichte der NBA zuvor nie gegeben.

Klar, Superstars wurden hin und wieder per Trade abgegeben (auch auf den Wunsch der Spieler). Aber dass ein Superstar in seiner Prime das Team verlässt, das ihn gedraftet hat, um sich mit anderen Stars bei einem anderen Team zusammen zu tun? Das war ein Novum. Man könnte vielleicht die Boston Celtics heranziehen, die im Sommer 2007 Kevin Garnett und Ray Allen an die Seite Paul Pierces stellten. Doch dies war ein Trio jenseits der 30 Jahre, das sich einen letzten Titel-Run ermöglichen wollte.

NBA-Dynastien wurden per Draft aufgebaut

In der Geschichte der NBA sind die meisten Dynastien nicht via Free Agency, sondern über den Draft aufgebaut worden. Die Lakers um Magic Johnson und die Celtics um Larry Bird oder Bill Russell können als Paradebeispiel dienen, die Spurs mit Tim Duncan ohnehin. Im Falle der Heat allerdings war es kein Front Office, das ein Team geformt hat - es war ein Spieler, der alles ermöglichte. Es war LeBron James, der sich für die Heat entschied und nicht die Heat, die sich für LeBron entschieden.

"Es war unglaublich, was das für Auswirkungen auf die Macht der Spieler hatte. Davon profitieren wir Spieler auch heute noch. Wir können auf uns gucken und zur Franchise sagen: 'Hey, ich habe das Gefühl, dass es so mit uns nicht mehr funktioniert. Deshalb wäre es am besten, wenn sich unsere Wege trennen'", sagte jüngst - acht Jahre später - Kyrie Irving.

In der Theorie hatten Free Agents vom Superstar-Format solch eine Macht schon immer - aber jahrelang schien es ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, "seiner" Franchise die Treue zu halten. Die Larry-Bird-Regel sorgte zudem dafür, dass es viele finanzielle Anreize für einen Verbleib gab.

LeBron James' Vertrag: Keine Verhandlungen, sondern ein Diktat

Letztere haben heutzutage aber kaum noch Priorität. Spieler wie LeBron James bilden ihr eigenes "Business", haben Geschäftspartner, schauen, was für sie das Beste ist und wo sie die größten Erfolgs-Chancen haben. Wenn es dann nur 25 Millionen Dollar statt 35 Millionen gibt? Geschenkt - denn man kann auch davon ganz gut leben. Zudem gibt es genügend andere Einnahmequellen als das klassische Gehalt.

James' Entscheidung 2010 hat all diese Entwicklungen entfesselt. Die Spieler kennen ihre Macht und nutzen sie - und auch hier ist LeBron James ein Vorbild. In einer ESPN-Story wird einer seiner Berater zitiert, wie die Verhandlungen mit den Cavs 2015 abgelaufen sein sollen, nachdem James aus seinem One-plus-One-Vertrag ausgestiegen und somit erneut Free Agent war. "Wir haben zu ihnen gesagt: Bereitet das Maximal-Gehalt vor, weniger nehmen wir nicht. Für wie lange wir unterschreiben, sagen wir euch dann noch."

Das klingt nicht nach Verhandlungen, sondern nach einem Diktat - und die Cavs schrieben eifrig mit und erfüllten dem King alle Wünsche. Was sollten sie auch machen? Sie hatten keine Wahl, denn die Alternative wäre mal wieder ein Team in der Lottery gewesen.

Franchises nehmen Risiken in Kauf

Deshalb lassen sich Teams auf die Spielchen der Superstars ein. Sie wissen, dass es das Risiko allemal wert ist: Selbst wenn ein Spieler vom Formate LeBrons nur eine Saison bei ihnen spielt, sorgt das für einen enormen Boom, sportlich wie wirtschaftlich. Trikots werden verkauft, die Hallen restlos ausverkauft, Spiele im nationalen TV übertragen.

Superstars sind das Rückgrat der Liga, sie generieren das Interesse, machen die überdimensionalen TV-Verträge möglich, sie kreieren die Rivalitäten, die den Sport so ausmachen. Deshalb wird von den Franchises in Kauf genommen, dass einige wenige Akteure das Geschehen diktieren und die Machtverhältnisse innerhalb der Liga mit ihren Entscheidungen verschieben können, auf Jahre hinaus.

Aktuell ist Kevin Durant jemand, der das wunderbar zeigt. Aller Voraussicht nach wird er in seine dritte Saison mit den Warriors gehen - und aller Voraussicht nach wird er dies erneut nicht mit einem langfristigen Vertrag tun. Zweimal unterschrieb er bis jetzt einen One-plus-One-Vertrag, ohne auf das "plus" zurückzugreifen. Maximale Flexibilität für die Spieler und minimale Planungssicherheit für die Dubs sind die Folge.

LeBron James hat die Warriors erschaffen

Hier folgt KD dem Pfad, den LeBron geebnet hat. Das ist ein wenig die Ironie des Schicksals: Durch seine Vorreiter-Position in Sachen Superstar-Macht hat James das Monster der Warriors, an dem er nun zweimal in Folge deutlich in den Finals scheiterte, erst erschaffen. Denn ohne seine Decision und seinen Geschäftsweg ist es nur schwer vorstellbar, dass Durant diesen Karriereweg genommen hätte.

Damit muss James leben. Oder eben einfach ein anderes Superteam erschaffen, das dem der Warriors gewachsen ist. Wenn er das macht, wird er wieder den Vertrag - wo auch immer - diktieren, Verhandlungen im klassischen Sinne wird es nicht geben.

Ein König tut nun einmal, was ihm gefällt. Kein Ereignis hat das so verdeutlicht wie seine TV-Show vor acht Jahren.

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