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NBA

Above the Break: Kawhi Leonards seltsame Isolation von den San Antonio Spurs

Kawhi Leonard bestritt für die San Antonio Spurs in dieser Saison nur 9 Spiele.
© getty

Willkommen bei Above the Break - der SPOX-Meinung zur NBA-Saison! Zweimal im Monat nimmt SPOX-Redakteur Ole Frerks ein Thema aus der Liga ganz genau unter die Lupe. Diesmal: Der kuriose Zwist zwischen Kawhi Leonard und den San Antonio Spurs - und die Fragen der User.

Der seltsame Fall des Kawhi Leonard

Wir haben die lange Saison hinter uns und endlich die beste Zeit des Jahres erreicht - die Playoffs. Es geht endlich wieder ums Ganze und tatsächlich gibt es dieses Jahr sogar schon in Runde eins genug Matchups, die faszinieren und die offen sind.

Schon am ersten Wochenende gab es mit dem dramatischen Spiel zwischen Milwaukee und Boston, dem blamablen Auftritt der Cavaliers und dem entführten Sieg der Pelicans in Portland eine Menge Aufreger. Ganz zu schweigen von den dominanten Leistungen der Sixers und James Harden.

Wenn man bloß nach den Team-Namen geht, sollte wiederum eigentlich die Serie der Warriors gegen die Spurs der Leckerbissen der ersten Runde sein - letztes Jahr immerhin die Paarung der Western Conference Finals. Seit Jahren hoffen NBA-Junkies allerorten auf eine Serie, in denen diese beiden Teams in Bestform gegeneinander antreten.

Der große Unterschied zwischen Kawhi Leonard und Stephen Curry

Davon kann aktuell leider keine Rede sein, ebenso wenig wie letztes Jahr. Stephen Curry fehlt auf der einen, Kawhi Leonard auf der anderen Seite - ein zweifacher MVP und ein Finals-MVP, zwei der (je nach Präferenz) fünf bis sieben besten Spieler der Liga. Die Umstände bei diesen beiden Superstars könnten allerdings unterschiedlicher nicht sein.

Während die Warriors die ersten beiden Spiele relativ mühelos für sich entschieden, saß Curry auf der Bank, feuerte an, jubelte und fieberte mit, als Teil des Teams. Es ist nicht ganz klar, wann er wieder spielen kann, eine Rückkehr in der zweiten Runde erscheint aber wahrscheinlich. Die Warriors sind gut genug, um auch ohne ihn eine Runde zu gewinnen, aber für die Titelverteidigung brauchen sie Curry. Umso beruhigender ist die Gewissheit, dass er bald zurückkehren wird.

Popovich verweist auf "Kawhi und sein Camp"

Bei den Spurs verhält es sich anders. Sie sind nicht gut genug, um auch ersatzgeschwächte Warriors zu schlagen, wenn ihr bester Spieler fehlt. Und sie können auch nicht mit einer Rückkehr rechnen. Die Aussage von Gregg Popovich, dass nur "Kawhi und sein Camp" sagen könnten, wann er bereit wäre, war schon bezeichnend, noch deutlicher wurde der Graben zwischen Team und Superstar aber durch die Tatsache, dass Leonard nicht einmal in der Halle war.

Mehr noch: Pau Gasol zufolge hat sich Leonard seit mehreren Wochen nicht mehr bei seinem Team blicken lassen. Und wenn das stimmt, muss man sich dann doch mal fragen, ob irgendwann der Punkt erreicht ist, von dem es kein Zurück mehr gibt.

Leonard: Medizinische Freigabe ist längst da

Die Situation ist nach wie vor kompliziert und schwer durchschaubar, auch weil Leonard sich gemäß seines Naturells so wenig wie möglich dazu äußert. Was man weiß: Leonard gab im Laufe der Saison ein seiner Meinung nach verfrühtes Comeback und brach dieses nach neun Spielen wieder ab, weil ihm der Quadrizeps immer noch zu schaffen machte.

Eine medizinische Freigabe seitens der Spurs hat er schon vor Monaten erhalten, sich selbst aber nicht bereit gefühlt. Sein eigenes medizinisches Team hat ihm laut ESPN-Reporter Chris Haynes auch keine Freigabe erteilt. Leonard befindet sich seit Wochen in New York unter der Aufsicht seiner eigenen Docs und arbeitet nach eigenem Plan an der Reha.

Daran hat auch ein emotionales Team-Meeting nichts geändert, bei dem Leonard vom Team Berichten zufolge angefleht wurde, doch den Spurs zu vertrauen und wieder zu spielen. Letztendlich ist daraus wohl nur noch mehr Frustration entstanden. Beispielhaft dafür: Tony Parker sagte kürzlich, dass seine eigene Quadrizeps-Verletzung "hundertmal schlimmer" gewesen sei als die von Leonard.

Gregg Popovich wird passiv-aggressiv

Um das klarzustellen: Es ergibt wenig Sinn, Leonard einen Vorwurf dafür zu machen, dass er seinem Körper nicht vertraut. Niemand kennt diesen besser als er, auch nicht die besten Ärzte. Natürlich hätten die Spurs es lieber, dass er auf die Zähne beißt, aber es ist nicht verwerflich, dass er die eigene Gesundheit an erste Stelle stellt. Die Franchise wird auch dann noch Geld drucken, wenn Leonards Karriere lange vorbei ist. Das sollte man nie vergessen, wenn man den Impuls verspürt, über faule Millionäre zu schimpfen.

Einen Vorwurf kann man Leonard aber trotzdem machen - und zwar den der mangelnden beziehungsweise fehlerhaften Kommunikation. Dafür sprechen auch die Aussagen von Popovich. Pop ist keiner, der Spieler dazu zwingen will, ihr Comeback zu geben, bei Tim Duncan machte er einst bekanntlich das exakte Gegenteil, um dessen langfristige Karriere nicht zu gefährden.

Es scheint ihn vielmehr zu stören, wie bedeckt sich Leonard hält beziehungsweise wie er andere für sich sprechen lässt. Deswegen auch die Anspielungen auf das "Camp" oder die "Gruppe" von Leonard. Der Ärger ist offensichtlich, das zeigte sich auch nach Spiel 2 erneut, als Pop LaMarcus Aldridge in den höchsten Tönen lobte, weil dieser "Nacht für Nacht" für sein Team da ist und auch dann auf die Zähne beißt, wenn er angeschlagen ist. Dieses passiv-aggressive Verhalten hätte selbst LeBron stolz gemacht.

Die Statistiken von Kawhi Leonard

SaisonEinsätzePunkteReboundsFG%3FG%
11/12647,95,149,337,6
12/135811,9649,437,4
13/146612,86,252,237,9
14/156416,57,247,934,9
15/167221,26,850,644,3
16/177425,55,848,538
17/18916,24,746,831,4

Kawhi Leonard: Unzufrieden mit seinem Status?

Für Außenstehende sah es lange so aus, als wäre Leonard der neue Duncan, der neue perfekte Franchise Player in San Antonio. Vermutlich hat der sich im Ruhestand befindliche Duncan in den letzten Monaten aber an mehr Team-Events und Trainingseinheiten teilgenommen als sein designierter Nachfolger. Mittlerweile ist es nicht einmal mehr ausgeschlossen, dass Leonard sein letztes Spiel für die Spurs schon absolviert hat.

So komisch das klingen mag bei einem solchen Spieler und einer so renommierten Franchise: Wäre es wirklich noch überraschend, wenn die Spurs Leonard im Sommer traden? Ist es vielleicht sogar genau das, was Leonard mit seiner bewussten Isolation provozieren will? Auch in diesem Fall weiß man nicht sicher, ob Kawhi wirklich weg will, aber es gibt zumindest Indizien.

Leonard brach beispielsweise Verhandlungen mit Air Jordan über einen neuen Schuhvertrag ab, weil das Angebot seiner Meinung nach nicht zu seinem Status in der Liga passte. Womöglich bringt er diese fehlende Wertschätzung mit dem kleinen Markt San Antonio in Verbindung - auch wenn seine kategorische Weigerung, so etwas Ähnliches wie eine Persönlichkeit zu demonstrieren, sicherlich eine größere Rolle dabei spielt, dass er kein reizvoller Werbeträger ist.

Es ist schon ironisch - derzeit kann Leonard über seinen vergleichsweise niedrigen Bekanntheitsgrad eigentlich froh sein. Hieße er Curry, Harden oder gar James mit Nachnamen und würde sich so von seinem Team abgrenzen, würde die NBA-Welt seit Wochen kein anderes Thema kennen und lange nicht so zimperlich mit ihm umgehen, wie es aktuell der Fall ist.

Geraten die Spurs unter Zugzwang?

In jedem Fall könnten die Spurs unter Zugzwang geraten. Leonards Vertrag läuft noch bis 2019, danach verfügt er über eine Option, die er aber auch dann nicht ziehen würde, wenn alles paletti wäre - er wird so oder so mehr verdienen als die 21,3 Millionen, die ihm per Option zustehen. Aus diesem Grund wäre die kommende Saison die letzte Möglichkeit für San Antonio, noch einen Gegenwert für ihn zu bekommen.

Das haben diverse andere Teams natürlich auch mitbekommen. Berichten zufolge planen die Clippers bereits ein Trade-Paket, sie werden aber bei weitem nicht die einzigen bleiben, sollte Kawhi wirklich verfügbar werden. Obwohl Leonard seinem Ruf geschadet hat, ist er eben immer noch ein absoluter Superstar - einer der ganz wenigen Spieler, die eine Franchise tatsächlich transformieren können, weil sie individuell so gut sind.

Deswegen ist es auch wahrscheinlich, dass ihm die Spurs im Sommer trotz allem den Supermax-Vertrag anbieten werden, den Harden und Westbrook beispielsweise schon unterschrieben haben. Dieser würde sich auf fünf Jahre und knapp 220 Millionen Dollar belaufen und wäre damit weitaus lukrativer als jeder Deal, den er anderswo erhalten könnte.

Kaum Gewissheiten

Vielleicht unterzeichnet er diese vorzeitige Vertragsverlängerung dann und alles löst sich in Luft auf, so wie Popovich seine Probleme mit Aldridge ja auch in den Griff bekommen hat. Vielleicht lehnt er ab und wird getradet, wohin auch immer. Derzeit wirkt das wahrscheinlicher, aber wie bei so vielen Aspekten in dieser mysteriösen Saga gibt es keine Gewissheit.

Gewiss ist im Endeffekt nur: Es ist schade, wenn die Spurs in den Playoffs gegen den Champion antreten und ihr bester Spieler nicht mitspielt. Und dass er sich währenddessen auf der anderen Seite des Kontinents aufhält und nicht mit dem Team kommuniziert, hinterlässt einen ziemlich faden Beigeschmack.

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