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NBA

Legendenserie - Mahmoud Abdul-Rauf: Mit einer freien Seele sterben

Von Lukas Herold
Mahmoud Abdul-Rauf betete während der Nationalhymne.
© getty

Abdul-Rauf konvertierte zum Islam

Doch nicht nur auf dem Parkett hob sich Rauf von der Masse ab. Nachdem er bereits auf dem College von seinem Coach Dale Brown das Buch "Malcolm X" in die Hand gedrückt bekommen hatte, konvertierte er als NBA-Rookie zum Islam.

"Der Islam hat für mich alles geändert und war das Beste, das mir passiert ist. Weder Geld, Wohlstand, Familie oder Kinder kann man mit dem Geschenk vergleichen, das ich durch Allah bekommen habe, weil er alles in Relation setzt", sagte Chris Jackson - wie Rauf vor seiner Konversion hieß - damals.

Damit verbunden waren allerdings auch Schwierigkeiten, zum Beispiel das Fasten. Als Profisportler den ganzen Tag nichts zu trinken und zu essen, klang für die Verantwortlichen absurd, doch Abdul-Rauf belehrte sie eines Besseren. "Als ich fastete, wurde mir gesagt, dass ich zu viel Gewicht verlieren werde. In diesem Jahr (1992/93) bin ich Most Improved Player geworden. Ich fühle mich deutlich fokussierter, wenn ich faste."

Mit seinen Erfolgen konnte er auch Hall-of-Famer Hakeem Olajuwon davon überzeugen, dass der Ramadan und die NBA vereinbar sind: "Er fastete an Spieltagen nicht. Nach einem Spiel in Denver erklärte ich ihm, dass ich konzentrierter bin, wenn ich faste. Danach hat er es auch probiert - mit Erfolg: CNN hat eine Analyse veröffentlicht, in der herauskam, dass unsere Stats an Ramadan verbessert waren."

Das Fasten führte also nicht zu seinem sportlichen Absturz, dafür sorgte seine Wissbegierde. "Ich bin ohne Bildung aufgewachsen, doch als ich später angefangen habe, viel zu lesen, habe ich viele Sachen herausgefunden, bei denen ich mich hintergangen fühlte", erklärt Abdul-Rauf, der vor allem mit der US-Politik seine Probleme hatte: "Ich habe viel über Amerika gelesen, über die Schandtaten. Eines Tages war die Flagge für mich die Repräsentation von diesen Dingen, für die ich nicht mehr stehen wollte."

Abdul-Rauf: "Lasst mich sitzen"

Bevor er damit anfing, während der Hymne sitzen zu bleiben, versuchte er, seine Abneigung zu kaschieren: "Ich habe fünf Monate so getan, als würde ich mich bei der Hymne stretchen." Einem örtlichen Journalisten fiel das allerdings auf, Abdul-Rauf wurde dazu befragt und entschied sich letztlich 1996 dazu, das Aufstehen bei der Hymne für alle ersichtlich zu verweigern. "Ich kritisiere nicht die, die stehen. Also lasst mich sitzen", sagte Abdul-Rauf damals gegenüber NBC News.

Dafür wurde er vom damaligen Commissioner David Stern abgewatscht: Abdul-Rauf wurde für ein Spiel suspendiert. Des Weiteren war er zukünftig verpflichtet zu stehen, durfte allerdings parallel beten. Das hört sich halb so schlimm an, doch "was passierte, hat mehr oder weniger meine Karriere beendet".

Der Anfang vom Ende begann noch in Denver: Abdul-Rauf führte die Nuggets in Punkten (19,2) und Assists (6,8) an und war 1994 ein wichtiger Bestandteil für die Mega-Überraschung in den Playoffs gegen die Seattle SuperSonics. Denver schaffte als Achter der Setzliste nach einem 0:2-Rückstand den Turnaround in der Best-of-Five-Serie gegen Topfavorit Seattle. Trotzdem wurde er im Jahr darauf - mitten in seiner Prime - für einen Apfel und ein Ei zu den Sacramento Kings getradet.

Von da an ging es bergab. Während sich in seiner ersten Saison seine Minuten verringerten, machte er in seiner zweiten für Sac-Town nur noch 31 Spiele, auch aufgrund von Verletzungen. Nach dem Ende seines Vertrags blieb MAR auf der Strecke. "Mich wollte einfach niemand mehr haben", sagte er im Gespräch mit Hoopshype.

Auch in den folgenden Jahren schaffte er den Anschluss nicht mehr, nach einigen Stationen in Europa ging er ein Engagement bei den Vancouver Grizzlies ein, bei denen er keine wichtige Rolle spielen durfte. Zuvor hatten viele Teams dankend abgesagt. "Mein Agent hatte ein Gespräch mit Bryan Colangelo (damals GM der Suns), der kein Interesse hatte. Er hat erklärt, dass es aber nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun habe."

Mahmoud Abdul-Rauf: Still no regrets

Durch seinen stillen Protest gab er seine Karriere auf - genau wie Kaepernick. "Es ist ein Prozess, der dich aussortieren soll. Ich glaube, das wird ihm auch passieren", sagte Abdul-Rauf der Washington Post.

Er selbst bereut nichts, würde alles noch einmal so machen. "Für mich bedeutet das mehr als Wohlstand oder Berühmtheit. Wenn alles gesagt und getan ist, möchte ich mit einer freien Seele leben und sterben können."

Daran arbeitet er kräftig: Er hält diverse Vorträge und unterstützt Jugendliche in ärmeren Vierteln der USA. Der ehemalige NBA-Spieler Mustafa Shakur fasst Abdul-Raufs Situation im Inteview mit The Undefeated passend zusammen: "Es ist interessant, wie relevant so etwas heutzutage ist und wie er damals falsch verstanden wurde. Meinen Respekt hat er. Schaut seine Highlights - er hätte ein besonderer Spieler werden können. Aber das war ihm egal. Es ging ihm um größere Dinge als Basketball."

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