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Oh Captain, My Captain!

Sonntag, 25.06.2017 | 15:08 Uhr
Willis Reed war einer der besten Rebounder der NBA-Geschichte
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Willis Reed führte die New York Knicks zu ihren bis heute einzigen NBA-Titeln. Sein Auftritt in Spiel 7 der 1970er Finals ist legendär - dabei wird aber oft vergessen, dass er auch sonst eine durchaus eindrucksvolle Laufbahn hingelegt hat. Heute wird der Hall-of-Famer 75 Jahre alt.

Es gibt eine Handvoll Ereignisse, die sich in das kollektive Gedächtnis der NBA-Gemeinde einbrennen und überleben, selbst wenn sie ewig zurückliegen und es immer weniger Fans gibt, die sie tatsächlich "live" erlebt haben. Es spielt keine Rolle: Die Ereignisse waren ikonisch, ihr Erbe wird fortan beschützt.

"There's a steal by Bird!" ist so ein Moment, oder auch "a spectacular Move!" von Michael Jordan. Mehr und mehr gesellt sich auch Allen Iversons Stepover über Tyronn Lue in diese Reihe, um ein etwas jüngeres Beispiel zu nennen.

Es gibt aber vielleicht kein einziges Ereignis, das mit Willis Reeds Spiel 7 in den Finals 1970 vergleichbar ist; mit einem einzigen Spiel, eigentlich nur mit zwei Jumpern, definierte Reed alles, was den New Yorker Basketball damals ausmachte und wonach sich das Publikum im Madison Square Garden seither verzehrt. Opferbereitschaft, Teamgeist, Inspiration, Mythos.

Für immer unvergessen

"And here comes Willis!" war nicht das einzige Beispiel, bei dem ein verletzter Spieler auf die Zähne biss und trotzdem spielte - im Gegenteil. Es gab aber keine vergleichbare Situation, die unmittelbar das Ende der Saison bestimmte. Game 7, NBA Finals, Madison Square Garden, New York gegen L.A. Kein Wunder, dass über dieses Spiel, dieses Team, diese Typen ein ganzes Regal voller Bücher geschrieben und Filme gedreht wurden.

Reed, der amtierende MVP der Liga, hatte in den ersten vier Spielen der Serie im Duell gegen Wilt Chamberlain 37, 29, 38 und 23 Punkte aufgelegt, 15 Rebounds im Schnitt holte er gegen den viel größeren Chamberlain ebenfalls und verteidigte ihn aufopferungsvoll. Im fünften Spiel jedoch verletzte sich der Center am Oberschenkel - und zwar nicht nur ein bisschen.

Er riss sich einen Muskel. Wer das schon einmal erlebt hat, kann vielleicht nachvollziehen, warum Reed in Spiel 6 nicht antrat und mitansehen musste, wie Chamberlain die Fesseln ablegte und die Lakers mit 45 Punkten und 27 Rebounds zum 3-3-Serienausgleich führte. Was danach passierte, kann wohl wiederum nicht jeder nachvollziehen.

Wie von den Toten auferstanden

Tagelang wurde vor Spiel 7 gerätselt, ob Reed vielleicht doch spielen würde - trotz monströser Schmerzen war das schließlich immer noch Reed, die Definition eines harten Hundes. Beim Warmup wussten selbst seine Mitspieler noch immer nicht endgültig Bescheid, bis Reed, voll mit Schmerzmittelinjektionen, auf den Court humpelte.

Die Fans, die den MSG natürlich schon fast gefüllt hatten, feierten das Erscheinen ihres Captains wie die Auferstehung von Jesus Christus - ganz anders als die Lakers, die ihr Warmup kurzfristig unterbrachen. "Als ich gesehen habe, wie sie Willis anstarrten, dachte ich mir, dass wir sie vielleicht in der Tasche hatten", sagte Walt Frazier.

"Ich wollte nicht eines Tages, in 20 Jahren oder so, in den Spiegel schauen und sagen: 'Ich wünschte, ich hätte es versucht'", erinnerte sich Reed später. Er riskierte eine noch schlimmere Verletzung und biss auf die Zähne - rückblickend wohl eine Entscheidung, die er in 100 von 100 Fällen wieder treffen würde.

Statline a la Deron Williams

4 Punkte hatte Reed am Ende auf dem Konto, dazu 3 Rebounds und 1 Assist. Und 4 Fouls. In 27 Minuten Spielzeit. Das klingt nach Deron Williams in den Finals 2017, war tatsächlich aber einer der Hauptgründe dafür, dass die Knicks dieses Spiel vom Start weg dominierten. Von Zeit zu Zeit ist der Kontext wichtiger als die Handlung an sich - die Inspiration wichtiger als die Punkte.

Und es begann mit dem Jump. Reed war 2,06 m groß und verletzt, trotzdem gelang es ihm, höher zu springen als der 2,16 m große Chamberlain. Wenig später erzielte er per Jumpshot die ersten Punkte des Spiels, auch der zweite Korberfolg der Knicks war ein Jumper von Reed. Es waren seine einzigen Punkte, aber sie reichten. Denn seine Mitspieler ließen sich von Reed und vom Publikum mitreißen und spielten in der Folge wie von einer Tarantel gestochen.

In Halbzeit eins führten sie zwischenzeitlich schon mit 29 Punkten, am Ende waren es 14 Punkte Unterschied beim ersten Titel für die Knicks-Franchise. Reed spielte den Großteil seiner Minuten in der ersten Hälfte und hielt Chamberlain bei 2/9 aus dem Feld, offensiv schmiss Frazier mit einer der großen Finals-Leistungen (36 Punkte, 19 Assists), die trotzdem überschattet wurde, die Show.

Jeden Tag im Leben die Erinnerung

Als Finals-MVP wurde dennoch Reed ausgezeichnet, wegen seinen Monsterleistungen in den ersten Spielen, aber vor allem wegen seiner Wirkung in Spiel 7. Reeds Wille und Opferbereitschaft beeindruckten dermaßen, dass die Journalisten ihre Neutralität komplett über Bord warfen: "Du verkörperst das Beste, was der menschliche Geist anzubieten hat", sagte der berühmte New York Times-Reporter Howard Cosell nach dem Spiel im Fernsehen zu Reed.

Cosell war nicht der Einzige, der dies so empfand - Reed ist bis heute einer der liebsten Söhne der Stadt und musste wahrscheinlich seit diesem Juni-Tag 1970 in keinem New Yorker Restaurant mehr die Rechnung bezahlen. Jeder liebt Reed - und immer aus einem Grund: "Es ist seitdem kein Tag in meinem Leben vergangen, an dem ich nicht an dieses Spiel erinnert werde", lachte Reed später.

Man könnte fast annehmen, seine Laufbahn hätte nur aus diesem Ereignis bestanden - das wäre aber weit gefehlt. Reeds beste Zeit dauerte nicht lange, dennoch gehört er ohne Zweifel nicht nur wegen diesem einen Spiel zu den besten Spielern seiner Ära.

Knicks waren schwach ohne Reed

Die Knicks waren eine ziemliche Gurkentruppe, bevor Reed 1964 an 8. Stelle gedraftet wurde. Zunächst auch mit ihm: Zwar war Reed schon als Rookie All-Star (siebenmal in Serie von da an), in seinen ersten beiden Jahren gehörten sie trotzdem zum Bodensatz der jungen NBA. Zwischen 1956 und 1966 stellten die Knicks stolze neunmal die schlechteste Bilanz der Liga.

Nach und nach wurde der Kader jedoch verstärkt, während Reed individuell für Ausrufezeichen sorgte. Mit seinem Spiel, wie als er den Lakers als Rookie 46 Punkte einschenkte, aber auch mit seiner Härte und Furchtlosigkeit, wie als er 1967 abermals gegen die Lakers binnen zehn Sekunden sage und schreibe drei Gegner ausknockte.

In einer Ära, in der Schlägereien noch absolut toleriert wurden und sogar zum guten Ton gehörten, galt Reed als der Typ, mit dem sich keiner anlegen wollte. Dass solche Typen im Big Apple gut ankommen, bewies rund 30 Jahre später Charles Oakley, der sich mit seinem "Körpereinsatz" ebenfalls in die Herzen des Publikums spielte.

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