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Der Gamechanger

Von Robert Arndt
Samstag, 24.09.2016 | 18:17 Uhr
Kevin Garnett hat nach 21 Jahren seine Karriere beendet
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Mit Kevin Garnett verlässt die nächste Ikone einer ganzen Generation die große Bühne. Während Tim Duncan und Kobe Bryant jede Menge Titel holten, prägte KG die Liga auf eine andere Art und Weise. Seine Spielweise war unvergleichlich und atemberaubend - seine größte Stärke war aber eine andere.

"I'm losin. I'm losin." Wieder und wieder wiederholt Kevin Garnett diese Worte und ringt um Fassung in einem Interview mit College-Trainer-Legende John Thompson im Jahr 2005. Garnett war zum damaligen Zeitpunkt fast zehn Jahre in der Liga.

Sieben Playoff-Schlappen in der ersten Runde liegen hinter ihm. Der größte Erfolg gelang im Sommer zuvor, als erst die Los Angeles Lakers im Conference Finale den Siegeszug der Wolves stoppen konnten. Doch Eitelkeiten und Streit über Verträge brachten Ernüchterung.

Es war wahrscheinlich die schwerste Zeit für Kevin Garnett in Minnesota. Dennoch betonte er im Gespräch mit Thompson mehrfach: "Das ist nicht Tennis oder Golf. Es geht hier nicht um mich, sondern um uns. Um uns."

Es beweist: Garnett war anders als der normale NBA-Profi. Er war ein Unikat.

Bereits bevor seine Karriere überhaupt richtig losgegangen war, dominierte der spindeldürre Big Man die Schlagzeilen. Über 20 Jahre war kein High Schooler direkt in die NBA gewechselt. KG öffnete dabei die Tür für Kobe Bryant oder LeBron James, der explizit Garnett als Vorbild für diesen Weg nannte.

Nickerchen in der Halle

Im Frühling 1995 gab es nicht nur in KGs Wahlheimat Chicago einen Hype um seine Person. Zahlreiche GMs kamen zum Workout des Jungens. Darunter auch Kevin McHale und Flip Saunders von den Minnesota Timberwolves. "Ich dachte, es wäre Zeitverschwendung", gab McHale später zu. Doch er wurde eines Besseren belehrt. Der junge Garnett, bereits damals rund 2,10 Meter lang, zeigte Bewegungen und Dribble-Moves, die eher an einen Guard als an einen Big Man erinnerten. Zudem fiel sein Jumper aus der Mitteldistanz mit traumwandlerischer Sicherheit.

McHale wollte nach dieser beeindruckenden Performance nur das "Kid" haben. Und was machte der? Nachdem alle Funktionäre die Halle verlassen hatten, schloss er ab, legte sich auf das Feld und schlief für ein paar Stunden. Er hatte alles, restlos alles, was er hatte, in dieses Workout gesteckt.

Es sollte sich lohnen. Mit dem fünften Pick im Draft fiel KG den T-Wolves in den Schoß. Durch harte Arbeit und schier grenzenlosen Willen verwirklichte er seinen ersten großen Traum. Bedenken über seinen schmalen Körperbau machte er mit Leidenschaft und Einsatz wett, auch wenn gerade seine erste Saison noch ein wenig holprig verlief.

Mega-Deal und Lockout

Doch Garnett arbeitete und arbeitete weiter an sich. Trotz seiner Jugend wurde er schnell im Team akzeptiert. Sein späterer Coach in Minnesota und damaliger Mentor Sam Mitchell erinnerte sich später: "Wir hatten alle von ihm gelesen. Aber wir wussten nicht, wie hart er zu sich selbst und wie motiviert er war, um ein großer Spieler zu werden."

Über die Jahre etablierte sich KG in der Liga und entwickelte sich zu einem der aufregendsten Spieler der Liga. Das weckte Begehrlichkeiten und musste entsprechend belohnt werden. Mit 21 Jahren unterschrieb Garnett für sechs Jahre und 126 Millionen Dollar, nachdem er zuvor ein Angebot über gut 100 Millionen abgelehnt hatte.

Es kam zum großen Clash zwischen dem Management der NBA und der Spielergewerkschaft. Der erste Lockout der NBA-Historie war perfekt. Wieder hatte Garnett Geschichte geschrieben, diesmal keine erfreuliche. Rookie-Verträge waren ab sofort neu gestaffelt und wurden strenger geregelt, Verträge durften höchstens fünf Jahre lang sein.

Dürre in Minnesota

Die Person Garnett wurde nun kritischer beäugt. Doch er lieferte. Tadellos als Teammate stellte The Big Ticket sich komplett in den Dienst der Mannschaft. 25 Punkte, 15 Rebounds und 6 Assists waren keine Seltenheit, doch in den Playoffs setzte es sieben Jahre in Folge das Aus in Runde eins.

Dem Höhepunkt der Conference Finals 2004 und der MVP-Trophäe folgten schwere Jahre. Das Team in Sota zerfiel und häufig hieß es "Kevin allein zu Haus". Dennoch: Garnett wollte Erfolg - und das in Minnesota. Als einer von wenigen Spielern besaß er ein Mitspracherecht für den Fall eines Trades.

Drei Mal am Stück verpassten die Wolves die Postseason, erst dann zog Garnett die Reißleine. Er war zu stolz zu flüchten. Gleichzeitig war es auch ein Eingeständnis einer persönlichen Niederlage. Ein Freundschaftsdienst von GM McHale an seine Boston Celtics verschob dann 2007 das Kräfteverhältnis der NBA und macht die Kelten im Handumdrehen zum Contender. Die Blaupause eines Superteams der modernen Ära war geboren.

Keiner ist tougher

Die ruhmreichen Celtics, die vor dem Trade graues Mittelmaß dargestellt hatten, waren wieder auf der Landkarte. Die Big Three um Garnett, Pierce und Allen pflügten auf Anhieb durch die Liga. Garnetts Ruf als Verrückter auf dem Court war da schon lange zementiert.

Würfe nach einem Pfiff wurden aus Prinzip geblockt, Rookie und Europäer bekamen die volle Ladung Trash Talk ab. Selbst Dirk Nowitzki macht am Anfang seiner Karriere unangenehme Bekanntschaft mit KG: "In meiner ersten Saison hatte er es auf mich abgesehen. Er redete die ganze Zeit Trash. Noch nie hatte jemand so mit mir geredet."

Auch vor etablierten Spielern wie Chris Webber machte KG keinen Rückzieher, wie dieser bestätigte: "Er und ich einigten uns, dass wir auf dem Feld niemals cool miteinander sind. Er hat das nicht gespielt. Sich so zu verstellen, ist nicht möglich."

Diese Toughness machte die Celtics zu einem verschworenen Haufen. Youngster wie Rajon Rondo oder Kendrick Perkins blickten zu einem Kevin Garnett auf. Er trieb sie zu Höchstleistungen, während er selbst sich nie schonte. Chris Paul brachte es in seinem Statement zum Rücktritt auf den Punkt: "Ich habe es gegen niemanden mehr gehasst zu spielen als gegen Garnett. Gleichzeitig habe ich mir immer gewünscht, einmal mit ihm in einem Team zu sein."

Erlösung und große Emotionen

Den Stempel des Verlierens legte KG in den Finals 2008 endgültig ab. Zwar lag der Fokus im Angriff nicht mehr auf ihm, dafür konnte er sich seinem liebsten Steckenpferd, der Defense widmen.

Die Lakers um Kobe, Gasol und Co. unterlagen dem Rekordmeister. Bei Garnett brachen alle Dämme. Der Druck, der dort von ihm abfiel, muss gigantisch gewesen sein. "Anything is possible", dieser Ausbruch an Emotionen im Siegesinterview ging in die Geschichte der Finals ein. The Big Ticket war nach 13 langen Jahren und vielen Rückschlägen am Ziel.

Man konnte mit diesem von Ehrgeiz zerfressenen Menschen mitempfinden. Trotz allem kam auch die menschliche Komponente während Garnetts langer Karriere nie zu kurz. Das Bild von KG nach dem Tod von Saunders vor dem Parkplatz des verstorbenen Trainers sagte mehr als 1000 Worte. Zu Ehren eines verstorbenen Freundes trug Garnett in Brooklyn das Trikot mit der Nummer zwei.

Marathonmann

Das alles machte ihn zu einem tollen Anführer, der so hart wie keiner zu sich selbst war und gleichzeitig Weggefährten dazu bewegte, es ihm gleichzutun. Kritik am Trainer war ein Tabuthema, außerdem stellte er sich stets wie ein Schutzschild vor das eigene Team. Garnett war ein Superstar, ein hervorstechender Charakter, in einer Liga voller bunter Vögel. Dennoch traf die Definition Musterprofi auf kaum einen Spieler so sehr zu wie auf ihn.

Bereits 2013, er war immerhin schon 37, dachte KG an seinen Rücktritt. Damals stand der Trade mit Paul Pierce nach Brooklyn zu den Nets kurz bevor. "Ich möchte als Celtic meine Karriere beenden", machte Garnett klar. Er änderte seine Meinung, doch der Zahn der Zeit nagte am Schlacks.

Mit 1462 Partien absolvierten nur vier Spieler mehr Partien als er. Mit über 50.000 Minuten standen nur Kareem Abdul-Jabaar und Karl Malone länger auf dem Feld. 15 Mal war KG All Star, vier Nominierungen für das All First Team, bester Verteidiger des Jahres 2008. Es ist nur ein Auszug der Liste an Erfolgen und Meilensteinen des künftigen Hall of Famers.

Das Geheimnis entschlüsselt

2021 wird er dann wohl in Springfield zusammen mit Kobe Bryant und Tim Duncan in eben jenen erlauchten Kreis aufgenommen werden. Garnett mag nur einen Titel gewonnen haben, war aber in der Retrospektive eine ähnlich wichtige Figur dieser Generation, der die Spielregeln einer ganzen Liga änderte.

KG war quasi die Kreuzung aus The Big Fundamental und Black Mamba. Ein Showman, der aber seine eigenen Interessen für den Teamerfolg zurückstellte. Wie er Andrew Wiggins und Karl-Anthony Towns im letzten Jahr für die großen Aufgaben vorbereitete, zeigt das wunderbar. "Ich weiß, was zu tun ist. Ich werde ab jetzt übernehmen", verkündete Towns direkt dem Rücktritt seines Mentors.

Garnett hatte sich dem Spiel verschrieben, doch vor allem hat er das von Bill Simmons viel beschworene Secret of Basketball, die Essenz entschlüsselt. Denn selbst im Moment der Niederlage war sich KG stets bewusst: "Es geht nicht um mich. Es geht um uns."

Kevin Garnett im Steckbrief

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