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"Cleveland, das ist für dich"

Montag, 20.06.2016 | 12:16 Uhr
Endlich am Ziel seiner Träume: LeBron James und die NBA-Trophäe
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Zwei Jahre nach seiner Rückkehr zu den Cleveland Cavaliers ist LeBron James endlich am Ziel - und bringt die ersehnte Trophäe in die Heimat. Der beste Spieler der Welt hält sein Versprechen, doch nicht nur für ihn ist der Titel nach zwei turbulenten Jahren eine enorme Genugtuung.

"Als ich Cleveland verlassen habe, war ich auf einer Mission. Ich suchte nach Championships und wir haben zwei gewonnen. Aber in Miami kannten sie dieses Gefühl bereits. Unsere Stadt hatte dieses Gefühl schon eine sehr, sehr lange Zeit nicht mehr. Mein Ziel ist es ohne Frage, weiterhin so viele Titel zu gewinnen, wie ich kann. Aber was am wichtigsten für mich ist: Ich möchte eine Trophäe in den Nordosten Ohios bringen."

LeBron James, "I'm Coming Home", Sports Illustrated, 11. Juli 2014

Sich in LeBron James hineinzuversetzen, ist für uns Normalsterbliche eigentlich unmöglich. Ein derartiges Paket aus Kraft, Schnelligkeit, Explosivität, der perfekten Basketball-Hülle kombiniert mit dem perfekten Basketball-Geist, hat es so wohl noch nie gegeben. Der Chasedown-Block gegen Andre Iguodala keine zwei Minuten vor Schluss. Eigentlich unmenschlich.

Der Druck, den er vor gut zwei Jahren auf sich lud, als er nach vier Jahren bei den Miami Heat zurückkehrte zu dem Team, dass ihn vor 2003 als "Auserwählten" gedraftet hatte, dazu bestimmt, die lange Leidenszeit der Stadt Cleveland endlich zu beenden, war noch unmenschlicher. Vier Jahre South Beach, an der Seite von guten Freunden in einem Championship Team. Und dann zurück in den kalten, wirtschaftlich schwachen Norden in eine geschundene Stadt, in der man 2010 noch sein Jersey auf offener Straße verbrannt hatte. Zu einer geschundenen Franchise, die seit Jahrzehnten außer Ping-Pong-Bällen fast nichts richtig machen konnte - und selbst das gelang nicht immer (siehe Bennett, Anthony).

Eine Rückkehr nicht als Verlorener Sohn, zu Kreuze kriechend und um Gnade winselnd. Sondern als Retter. Nicht unbedingt in strahlender Gestalt, aber dafür grimmig entschlossen, die Geister der Vergangenheit ein für alle Mal zu besiegen.

"Ich verspreche keine Championships, denn ich weiß, wie schwer es ist, diese zu erreichen. Wir sind dazu noch nicht bereit. Auf keinen Fall. Natürlich will ich sie im nächsten Jahr gewinnen, aber ich bin Realist. [...] Meine Geduld wird auf die Probe gestellt werden. Das weiß ich."

Zwei Jahre brauchte LeBron, um die Trophy nach Hause zu bringen. Genauso lang wie in Miami. Und doch war der Weg ungleich schwerer. An der Seite von Dwyane Wade und Chris Bosh war der Weg der "Heatles" vorgezeichnet, es war angesichts der Feuerkraft des Teams eigentlich nur eine Frage der Zeit - und hätten sich nicht Dirk Nowitzki und seine Mavericks mit einer legendären Finals-Performance verewigt, wäre schon 2011 der ersehnte Titel herausgesprungen.

In Cleveland war der Titel nicht planbar, selbst mit dem verjüngten, extrem teuren Roster und der überschaubaren Konkurrenz im Osten. Verletzungen von Kevin Love und Kyrie Irving in den Playoffs waren 2015 eine zu schwere Bürde, dazu kam das aufstrebende Superteam aus der Bay Area, mit Steph Curry der Prototyp des modernen NBA-Stars.

Und plötzlich schien das Titelfenster schon fast wieder zu. War LeBron nicht über seinem Zenit? Im Dezember 31 geworden, die eine Verletzung hier, das andere Päuschen da. Dazu ein Kader, der etwas unausgegoren schien im Vergleich zu den Dampfwalzen aus dem Westen. Kyrie ist kein Point Guard. Kevin Love kann nicht verteidigen. J.R. Smith ist J.R. Smith. Reicht das? Gegen ein historisches 73-Win-Team dort drüben im Westen?

Die Saison geriet im Schatten der Warriors und Spurs zu einer Art Daily Soap. Kryptische LeBron-Tweets. Ein Trainingsausflug nach Miami. Trade-Gerüchte. Trades. Und natürlich mit Tyronn Lue ein neuer Coach, nachdem man von den Dubs eine Abreibung kassiert hatte. David Blatt musste seine Koffer packen, ganz sicher nicht gegen den Willen des Königs. Ein neuer Spielstil wurde implementiert: mehr Dreier, mehr Tempo, mehr Warriors-Basketball. Curry und Co. mit ihren eigenen Waffen schlagen? Die Kritiker hatten gute Gründe, weiter skeptisch zu sein.

"Ich werde ein Veteran sein. Aber es ist für mich ein Ansporn, das Team zusammenzubringen und ihnen dabei zu helfen, etwas zu erreichen, was sie nicht für möglich gehalten haben. Ich sehe mich selbst als Mentor und ich freue mich darauf, diese jungen Talente zu leiten."

Es mutete ein wenig antiklimaktisch an, die Cavs-Spieler in fremder Halle jubeln zu sehen, als Marreese Speights den letzten Verzweiflungsdreier nicht im Netz untergebracht hatte. Ein paar Dutzend Gestalten jubelten völlig außer sich auf dem Court, als Kulisse nur eine gespenstisch stille Halle voller geschockter Warriors-Fans. Zur "City of Champions" beschwor Kommentator Mike Breen Cleveland, nach 52 Jahren. Doch die Fans dieser Stadt feierten mehrere tausend Meilen entfernt.

Vielleicht war es für die Spieler aber gar nicht so schlecht, erst einmal "im kleinen Kreis" zu feiern. Ein Team, das vor wenigen Tagen noch als nicht gut genug für den Titel abgestempelt worden war. LeBron habe schon wieder keine Hilfe, es habe sich nichts geändert, ätzten die Kritiker nach den ersten beiden Finals-Spielen. Der 35-jährige Richard Jefferson als zweitbester Cavs-Akteur? Ein Offenbarungseid.

Kyrie Irving sei einfach kein Teamplayer, zu sehr auf sein Eins-gegen-eins aus. Und defensiv angesichts seines Talents einfach viel zu unkonzentriert. Ob er es je lernen würde? Und dann war es Irving, der in einer verkrampften Schlussphase mit Fehlern und schlechten Würfen den entscheidenden Dreier ins Gesicht von Curry verwandelte.

Kevin Love sei offensiv vollkommen wirkungslos im System der Cavs. Seiner Fähigkeiten beraubt, ja fast schon kastriert hatte ihn seine Rolle als Spot-up-Shooter in der Ecke. Mental würde er bei jeder Begegnung mit LeBron weiter zusammenschrumpeln - und defensiv ein gefundenes Fressen für das Pick-and-Roll des Gegners. Und dann war es Love, der Curry mit einer unglaublichen Energieleistung verteidigte und den Dreier zum Ausgleich verhinderte. Und Love war es auch, der nach der Sirene als Erster in die Arme von LeBron stürzte.

Golden State Warriors vs. Cleveland Cavaliers: Hier geht's zum BOXSCORE

Tristan Thompsons neuer Vertrag nach den letztjährigen Finals? Ein Desaster! Aber Curry konnte dem Rebound-Monster und Ring-Beschützer am Perimeter kaum entkommen. J.R. Smith ultimativ unzuverlässig? Er brachte die Cavs mit 8 schnellen Punkten in Serie nach dem Seitenwechsel wieder heran. Iman Shumpert? Vierpunktspiel mitten zwischen die Augen der Kritiker.

Und natürlich der König höchstpersönlich. Er sei es ja gewesen, der den Kader als Graue Eminenz hinter den Kulissen zusammengestellt und die teuren Verträge ja mehr oder weniger persönlich gegengezeichnet hätte. Ein guter GM werde der nicht mehr.

Wie auch immer man dazu steht: Wessen Schultern breit genug sind, um die Hoffnungen einer ganzen Region zu tragen und dann auch noch die meisten Punkte, Rebounds, Assists, Steals und Blocks beider Teams (!) abzuliefern, der kann über diese Kritik nur müde lächeln.

"In Northeast Ohio bekommst du nichts geschenkt. Du musst dir alles erst verdienen. Du arbeitest für das, was du hast. Ich bin bereit, mich dieser Herausforderung zu stellen. Ich komme nach Hause."

Als ihm der Titel nicht mehr zu nehmen war, als er wieder einmal Geschichte geschrieben hatte - noch kein Team konnte in den Finals einen 1-3-Rückstand drehen - war auf LeBrons Gesicht erst einmal ungläubige Freude zu lesen. Ein fast schon kindliches Staunen: Ist das wirklich wahr? Ist es wirklich vollbracht?

Und dann, nach der innigen Umarmung mit Love, brach es aus ihm heraus. Unter heftigen Schluchzern ging der beste Spieler der Welt zu Boden. Er hatte die sich selbst auferlegte Last bis zum Ende getragen, er musste nicht mehr stark sein. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie gesehen, wie ein Mann einem ganzen Bundesstaat gesagt hat: 'Steigt auf meinen Rücken, ich werde euch tragen'", sollte Richard Jefferson, der seine Karriere beenden wird, später sagen. "Er hat auch uns den ganzen Weg über getragen."

Dann, als er sich endlich gefasst hatte, die Augen immer noch tränenüberströmt, konnte auch LeBron selbst auf diesen Weg zurückblicken. "Ich weiß nicht, warum der Mann da oben mir den schwersten Weg gegeben hat, aber er bringt dich nicht in Situationen, die du nicht meistern kannst", sagte er. "Ich komme nach Hause und habe mein Versprechen gehalten. Ich kann es kaum erwarten, aus dem Flugzeug zu steigen."

"Cleveland, das ist für dich."

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